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Bildung für nachhaltige Entwicklung

Bildung für nachhaltige Entwicklung umfasst alle Aktivitäten, die sich als transformative Bildung am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung orientieren. Sie …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und Grundgedanken
  3. 3. Ökologische und entwicklungspolitische Grundlagen
  4. 4. Ziele und Kompetenzen
  5. 5. Umsetzung in Deutschland, der Schweiz und Österreich
  6. 6. Praxis, Forschung, Kritik und wichtige Meilensteine

Kern und Bedeutung

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist eine weltweite Bildungskampagne der Vereinten Nationen. Sie soll Menschen befähigen, zukunftsfähig zu denken und zu handeln, die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt zu verstehen und verantwortungsvolle, nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Dadurch sollen lokal und global nachhaltige Entwicklungsprozesse entstehen und dauerhaft erhalten bleiben, damit weltweit und langfristig lebenswerte Verhältnisse für alle möglich werden.

Nachhaltige Entwicklung bedeutet, „auf demokratische Weise eine in sozialer und globaler Hinsicht gerechte, wirtschaftlich tragfähige und ökologisch verträgliche gesellschaftliche Entwicklung so zu gestalten, dass alle Menschen – in allen Teilen der Welt, gegenwärtig und in Zukunft – ein gutes Leben führen können“.

BNE orientiert sich an diesem Leitbild und verbindet verschiedene Bildungstraditionen und Handlungsschwerpunkte, darunter Umweltbildung, Globales Lernen und Verbraucherbildung. Sie nutzt Inhalte, Kompetenzen und Methoden aus Natur-, Sozial- und Kulturnaturwissenschaften sowie aus Technik und planerischem Gestalten. Dabei berücksichtigt sie historische und geografische Zusammenhänge.

Entstehung und Grundgedanken

Auf Grundlage des Nachhaltigkeitskonzepts des Brundtland-Berichts von 1987 wurde 1992 auf der Rio-Konferenz „Umwelt und Entwicklung“ die Agenda 21 verabschiedet. Ihr Kapitel 36 behandelt Bildung und Erziehung, öffentliche Bewusstseinsbildung sowie berufliche Ausbildung. Damit wurde nachhaltige Entwicklung erstmals offiziell mit Bildung verknüpft.

Die Agenda 21 begründet diese Verbindung damit, dass politische Steuerung, innovative Produktionsverfahren und naturschonende Maßnahmen allein nicht ausreichen. Zusätzlich seien individuelles und gesellschaftliches Engagement, veränderte Konsum- und Verhaltensmuster, ein anderes Gerechtigkeitsempfinden und ein stärkeres Umweltbewusstsein erforderlich. Ein umfassender mentaler und kultureller Wandel könne ohne eine weltweite Bildungsinitiative nicht erreicht werden.

Seit Mitte der 1990er Jahre wurde diese Zielsetzung konzeptionell als Bildung für nachhaltige Entwicklung beziehungsweise Education for Sustainable Development (ESD) ausgearbeitet. Von 2005 bis 2014 verpflichteten sich die UN-Mitgliedstaaten in der UN-Dekade „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“, Nachhaltigkeitsprinzipien in ihren Bildungssystemen zu verankern. Das Weltaktionsprogramm BNE (2015–2019) sollte anschließend den Schritt „vom Projekt in die Struktur“ fördern, also BNE dauerhaft in Institutionen verankern.

Ökologische und entwicklungspolitische Grundlagen

BNE führt Umwelt- und Entwicklungspolitik in einem gemeinsamen Bildungskonzept zusammen. Seit den 1960er Jahren wurden zunehmende oder prognostizierte Krisen beschrieben: Ressourcenknappheit durch Verschwendung, Umweltschädigungen und -katastrophen mit irreversiblen ökologischen Folgen, ein global zunehmendes Artensterben sowie eine mögliche Verstärkung dieser Probleme durch das Wachstum der Weltbevölkerung. Diese Themen wurden unter anderem von Umwelterziehung und Ökopädagogik aufgenommen.

Die entwicklungspolitische Bildung richtete den Blick dagegen auf die ungleiche Verteilung von Lebenschancen und Reichtum zwischen dem industrialisierten Norden und ärmeren Entwicklungs- und aufstrebenden Schwellenländern der südlichen Halbkugel. Ein Ausgleich zwischen Nord und Süd wird als notwendig betrachtet. Zugleich lässt sich die Wirtschafts- und Lebensweise des Nordens aus ökologischen Gründen nicht einfach weltweit übertragen, weil die Ressourcen dafür nicht ausreichen würden und die Umweltverschmutzung rapide ansteigen könnte.

BNE verfolgt deshalb eine positive Strategie. Natürliche Ressourcen sollen geschont und Lebenschancen gerecht verteilt werden: für alle heute lebenden Menschen (intragenerationelle Gerechtigkeit) und für zukünftige Generationen (intergenerationelle Gerechtigkeit). Dabei soll auf ökonomische Prosperität nicht verzichtet werden, da sie in vielen Ländern als Voraussetzung für gerechtere Verhältnisse gilt. Umweltbildung und Globales Lernen werden in BNE vor diesem normativen Hintergrund zusammen gedacht.

Ziele und Kompetenzen

Das zentrale Ziel der BNE ist, dass Menschen Kompetenzen erwerben, um die Zukunft aktiv und eigenverantwortlich im Sinne nachhaltiger Entwicklung zu gestalten. Dazu gehören rationale, emotionale und handlungsbezogene Fähigkeiten sowie Urteilsfähigkeit.

Seit 2015 stehen die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs) im Mittelpunkt der internationalen BNE. Besonders wichtig ist SDG 4, Unterziel 4.7: „Bis 2030 sicherstellen, dass alle Lernenden die für nachhaltige Entwicklung notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben…“. BNE gilt außerdem als notwendig für die Erfüllung aller SDGs. Seit 2020 verfolgt die UNESCO mit „Education for Sustainable Development: Towards achieving the SDGs“ (ESD for 2030, deutsch: BNE 2030) ein entsprechendes Programm.

International häufig zitiert wird die UNESCO-Zielvorstellung einer Welt, in der alle Menschen Bildungschancen erhalten und Wissen, Werte, Verhaltensweisen und Lebensstile für eine nachhaltige Zukunft und positive gesellschaftliche Veränderung erwerben können. In Deutschland wurde dies als Ziel formuliert, allen Menschen Bildungschancen zu eröffnen, die Wissen und Werte sowie nachhaltige Verhaltensweisen und Lebensstile ermöglichen.

In Deutschland wurde besonders das Konzept der Gestaltungskompetenz von Gerhard de Haan entwickelt. Es bezeichnet die Fähigkeit, Wissen über nachhaltige Entwicklung anzuwenden, nicht nachhaltige Entwicklungen zu erkennen, aus Gegenwartsanalysen und Zukunftsstudien Schlussfolgerungen über ökologische, ökonomische, soziale, politisch-demokratische und kulturelle Entwicklungen zu ziehen sowie entsprechende Entscheidungen individuell, gemeinschaftlich und politisch umzusetzen. Die 12 Teilkompetenzen sind:

  • Empathie für andere zeigen sowie gemeinsam mit anderen planen und handeln können.
  • Interdisziplinär Erkenntnisse gewinnen und handeln sowie an kollektiven Entscheidungsprozessen teilhaben können.
  • Eigene Leitbilder und die Leitbilder anderer reflektieren sowie sich und andere motivieren können.
  • Risiken, Gefahren und Unsicherheiten erkennen und abwägen sowie selbstständig planen und handeln können.
  • Entwicklungen vorausschauend analysieren und beurteilen sowie Vorstellungen von Gerechtigkeit als Entscheidungs- und Handlungsgrundlage nutzen können.
  • Weltoffen und neue Perspektiven integrierend Wissen aufbauen sowie Zielkonflikte bei Handlungsstrategien berücksichtigen können.

Eine alternative Bestimmung von Rost, Lauströer und Raack nennt drei Teilkompetenzen: Systemkompetenz, Gestaltungskompetenz und Bewertungskompetenz. Systemkompetenz umfasst das Erkennen von Phänomenen als Bestandteilen größerer Systeme, das Verstehen ihrer Funktionsweise und das Vorhersagen ihrer Entwicklung. Bewertungskompetenz bedeutet, in Entscheidungssituationen unterschiedliche Werte zu erkennen, abzuwägen und einzubeziehen. Die in Deutschland dominierende Gestaltungskompetenz findet international wenig Resonanz; dort überwiegt die UNESCO-Formulierung. Die Übersetzung übergeordneter Ziele in messbare Kompetenzen gilt für Wirkungsnachweise und begründete Empfehlungen als notwendig, die bisherigen Kompetenzformulierungen erfüllen dieses Messbarkeitskriterium jedoch noch nicht vollständig.

Umsetzung in Deutschland, der Schweiz und Österreich

In Deutschland wurde Nachhaltigkeit 1994 als Staatsziel in Artikel 20a des Grundgesetzes verankert, ohne Bildung ausdrücklich zu erwähnen. Konzeptionelle Arbeiten der 1990er Jahre gingen zunächst vor allem aus der Umweltbildung hervor. Der Orientierungsrahmen „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ und das Gutachten zum BLK-Programm 21 gaben der BNE im Schulbereich einen wichtigen Impuls. Ein Bundestagsbeschluss von 2000 forderte, die Gesamtpolitik am Leitbild nachhaltiger Entwicklung auszurichten und dies durch Bildungsmaßnahmen umzusetzen.

2007 einigten sich Kultusministerkonferenz (KMK) und Bundesregierung auf den „Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung“. Eine am folgenden Tag verabschiedete Empfehlung der KMK und der Deutschen UNESCO-Kommission zur BNE in der Schule wurde darin aufgenommen. Die aktualisierte und erweiterte Fassung nach der Agenda 2030 unterstützt die fächerübergreifende Integration von BNE. Nachhaltigkeit soll nicht nur in Politik oder Biologie, sondern auch in Geschichte, Mathematik und Kunst behandelt werden. Der Rahmen formuliert fünf Leitideen, die Kompetenzbereiche Erkennen, Bewerten und Handeln sowie elf Kernkompetenzen. Erdkunde beziehungsweise Geographie besitzt als verbindendes Fach zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften besondere Potenziale.

In der Schweiz ist Nachhaltigkeit in Artikel 73 der Bundesverfassung als Staatsziel verankert; Bildung wird dort nicht ausdrücklich genannt. Die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) koordiniert Projekte. Gemeinsam mit Bundesämtern und der Stiftung éducation21 unterstützt sie konkrete Vorhaben. éducation21 ist seit September 2012 das nationale Kompetenzzentrum BNE und entstand durch die Fusion der Stiftungen Bildung und Entwicklung und Umweltbildung Schweiz. An Hochschulen wurden BNE-Forderungen zunächst unter „Allgemeine Ökologie“ entwickelt; 2016 legte die Universität Bern einen Leitfaden zur Integration nachhaltiger Entwicklung in die Lehre aller Studiengänge vor.

Österreich beschloss am 12. November 2008 eine nationale Strategie zur BNE. Beteiligt waren mehrere damalige Bundesministerien. Von Beginn an hatte die Beteiligung aller Akteure hohe Priorität. Zur Koordination wurde ein Dekadenbüro eingerichtet.

Praxis, Forschung, Kritik und wichtige Meilensteine

Praktische BNE umfasst formale, nicht-formale und zunehmend informelle Lernformen. Das BLK-Programm 21 und Transfer 21 förderten interdisziplinäres Lernen, Partizipation im lokalen Umfeld und innovative Schulstrukturen. Typische Themen reichen von Bräuchen anderer Länder über ein Biotop in der eigenen Gemeinde bis zu einem Schulkiosk mit biologisch erzeugten und fair gehandelten Snacks. Verwendet werden unter anderem fächerübergreifende Projektwochen, Schülerfirmen, Kooperationen mit Unternehmen, Elternpartizipation und Planspiele wie simulierte Stadtratssitzungen.

Außerschulisch bearbeitet die Arbeitsgemeinschaft Natur und Umweltbildung Deutschland e. V. (ANU) seit 1999 Nachhaltigkeitsthemen, insbesondere in Umweltbildungseinrichtungen. Wichtige Themen sind Bauen und Wohnen, Energie und Klimaschutz, Wirtschaft und ökonomische Bildung, Mobilität, Wasser, Naturschutz, Landwirtschaft, Ernährung und Gesundheit, Konsum sowie Partizipation. Zielgruppen sollen nach Lebenswelt, Wertorientierungen und Einstellungen angesprochen werden. Partizipative Methoden sind etwa Open Space, Zukunftswerkstatt und Philosophieren mit Kindern. Informelles Lernen geschieht eher beiläufig, beispielsweise bei Wettbewerben oder einem Familienbesuch im Zoo.

Die Kommission „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft besteht seit 2003. Ihr Forschungsprogramm von 2004 unterscheidet Survey-, Innovations-, Qualitäts- sowie Lehr-Lernforschung. Empirische BNE-Forschung untersucht Handlungen und ihre Wirkungen mit qualitativen und quantitativen Methoden. Ihre Teilaufgaben sind Deskription, Kausalanalyse, Prognose sowie die Entwicklung bewährter Verfahren, Mittel, Methoden und Regeln.

Kritik gibt es seit den 1990er Jahren. Genannt werden unter anderem thematische und normative Überladung, ein grenzenloser Geltungsanspruch, Wirkungs- und Machbarkeitsoptimismus, die Instrumentalisierung und Funktionalisierung von Bildung, die Fokussierung auf individuelle Kompetenzen, die Unterdrückung von Debatten sowie Macht- und Wissensregime in Institutionalisierung und Praxis. Kritisiert wird außerdem, dass Kultur und Kulturelle Bildung nicht ausreichend als eigenständige Nachhaltigkeitsbereiche berücksichtigt, sondern für ökologische, ökonomische, politische und gesellschaftliche Zwecke funktionalisiert würden.

Wichtige Entwicklungsschritte waren 1972 die Gründung des UN-Umweltprogramms UNEP, 1987 der Brundtland-Bericht, 1992 die Agenda 21, 2002 die Ausrufung der UN-Dekade 2005–2014, 2015 die Agenda 2030 und das Weltaktionsprogramm 2015–2019 sowie 2019 die Beschlussfassung von BNE 2030. 2017 verabschiedete die deutsche Nationale Plattform einen Nationalen Aktionsplan mit 130 Zielen und 349 Handlungsempfehlungen. 2021 fand in Berlin die UNESCO-Weltkonferenz zu BNE 2030 statt; die dort verabschiedete Berliner Erklärung forderte die strukturelle Verankerung transformativen Lernens in allen Bildungsbereichen.

Lernvideos zu Bildung für nachhaltige Entwicklung

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