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Bhaktivinoda Thakura

September 1838; † 1914) war ein Gelehrter und Heiliger des Hinduismus vishnuitischer Prägung, der die Religion von Krishna verbreitete, und zwar in der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Leben und religiöse Entwicklung
  3. 3. Konflikt mit Christentum und Moderne
  4. 4. Lehren Chaitanyas und Schriftgrundlage
  5. 5. Schriften und philosophische Begriffe
  6. 6. Häusliches Leben und weltweite Wirkung

Grundidee und Bedeutung

Bhaktivinoda Thakura, geboren am 2. September 1838 als Kedarnath Datta und gestorben 1914, war ein Gelehrter und Heiliger des vishnuitisch geprägten Hinduismus. Er verbreitete die Religion Krishnas in der Tradition des Gaudiya Vaishnava, also in der Richtung, die sich auf den Mystiker Chaitanya und auf das Bhagavatam beziehungsweise die Bhagavata Purana stützt.

Seine Bedeutung liegt vor allem darin, dass er die Lehren Chaitanyas im 19. Jahrhundert neu darstellte, verteidigte und missionarisch verbreitete. Er reagierte dabei auf eine Zeit, in der Indien unter britischer Herrschaft stand und Hinduismus, Christentum, europäische Philosophie und moderne Bildung stark aufeinandertrafen. Bhaktivinoda wollte die Krishna-Frömmigkeit gegen indische und ausländische Kritik aufwerten und wieder als ernstzunehmende religiöse und philosophische Tradition darstellen.

Leben und religiöse Entwicklung

Bhaktivinoda wurde im bengalischen Dorf Ula geboren. 1852 zog er zu seinem Onkel Kashiprasad Ghosh nach Kalkutta, um eine höhere Schulbildung zu erhalten. Kashiprasad galt als Vertreter westlicher Moderne und Kultur. Bis 1858 lebte Bhaktivinoda bei ihm und kam in Kontakt mit der Gesellschaft Kalkuttas, besonders mit den bhadralok, der neuen bengalischen Verwaltungselite unter den Briten.

1856 schrieb er sich in die Hindu School ein, eine der besten Schulen Kalkuttas. Zu seinen Klassenkameraden gehörten unter anderem die Tagore-Brüder und Keshub Chandra Sen. Er beschäftigte sich mit dem Brahmo Samaj, lehnte ihn aber schließlich ab. Gleichzeitig traf er fast täglich Reverend Charles Dall, mit dem er die Bibel studierte.

1866 trat Bhaktivinoda in den Staatsdienst ein. Dort war er britischem Einfluss und Modernisierungsdruck ausgesetzt, fand aber auch Zeit und Selbstvertrauen, sich intensiver mit der religiösen Praxis seiner eigenen Kultur zu beschäftigen. 1868 kam er erstmals durch Schriften mit der Lehre Chaitanyas in Berührung. Besonders prägend war seine Zeit in Puri von 1870 bis 1874: Dort vertiefte er sein Studium vishnuitischer Texte, trat als Lehrer auf und sammelte erste Schüler um sich.

1879 erschien sein wichtiges Werk „Krishna-samhita“, ein historischer und philosophischer Essay über Krishna. Es war eine Antwort auf Kritik am Krishna-Bild durch den Brahmo Samaj und christliche Missionare. Viele gebildete bhadralok empfanden Krishnas Moral und Handeln in der Bhagavatapurana als problematisch; Bhaktivinoda forderte eine Neubewertung der Krishnatradition.

1887 hatte Bhaktivinoda auf einer Dienstreise nach Tarakeshwar eine Vision Chaitanyas, die ihn nach Nabadwip verwies. 1888 zeigte Chaitanya ihm nach einer weiteren Offenbarung seine Geburtsstätte. Bhaktivinoda sah sich dadurch als Reformator des Gaudiya Vaishnava bestätigt. Er kaufte Land neben der Geburtsstätte, verließ den Dienst und begann mit seinen Schülern, den Ort als heilige Stätte auszubauen.

Konflikt mit Christentum und Moderne

Bhaktivinodas Wirken steht im Zusammenhang mit einem „Zusammenprall der Kulturen“ im 19. Jahrhundert. Die Briten herrschten über Indien, und viele Einheimische wurden von protestantischen Kolonialherren als „Heiden“ abgewertet. Auf beiden Seiten gab es Feindseligkeit und Intoleranz. Europäer hielten indische Religion oft für „Aberglauben“, während viele Inder selbst ihre verbreitete Vishnu-Frömmigkeit nur noch als leere Form wahrnahmen.

Wer als gebildet gelten wollte, beschäftigte sich eher mit europäischer Philosophie als mit traditionellen Schriften wie dem Bhagavatam. Auch Bhaktivinoda beschäftigte sich zunächst intensiv mit Christentum und westlicher Philosophie und verachtete das Bhagavatam. Erst durch Lektüre über Chaitanya fand er einen neuen Zugang zu seiner eigenen Religion und Philosophie.

Er stand in der spirituellen Tradition Chaitanyas und seiner Schüler, besonders der „sechs Gosvamis“. Wegen seiner Verdienste wird Bhaktivinoda manchmal als „siebenter Gosvami“ bezeichnet. Zugleich war seine Darstellung der Krishna-Religion vom Christentum mitbeeinflusst: Er nannte Krishna den „himmlischen Vater“ und beschrieb Chaitanya mit der Rolle eines „Messias“.

Lehren Chaitanyas und Schriftgrundlage

Nach Chaitanyas Lehre sind menschliche Beziehungen und Gefühle verzerrte Widerspiegelungen spiritueller Gefühle in einer geistigen Welt. Das Lebewesen strebt von Natur aus nach Beziehung und Gefühl und möchte in die spirituelle Welt, das Reich Krishnas, zurückkehren. Dort kann es mit Krishna eine von fünf Beziehungen leben: wohlwollend-neutral, unterwürfig, freundschaftlich, elterlich-fürsorglich oder in spiritueller Leidenschaft.

Menschen, die zu oft wiedergeboren wurden, haben durch ihre starke Identifikation mit der materiellen Welt ihre spirituelle Bindung zu Krishna „vergessen“. Deshalb müsse ihr „Krishna-Bewusstsein“ wiedererweckt werden, besonders durch Missionare und durch das Singen des Hare-Krishna-Mantras. Bhaktivinoda griff diese Lehren wieder auf und machte sie vor allem einem englischsprachigen Publikum zugänglich.

Die wichtigste Schriftgrundlage für Bhaktivinodas Verständnis des Vishnuismus ist die Bhagavata Purana. In seiner englisch überlieferten Rede „The Bhagavata, Ethics. Ist Philosophy, Ist Ethics, and Ist Theology“ erklärte er, die Bhagavata bestehe aus den besten Teilen der Veden und des Vedantas. Wer diese Schrift gelesen habe, wolle nichts anderes mehr lesen. Dadurch wollte er der Bhagavata einen Status nahe bei den als geoffenbart geltenden Veden zusprechen und sie gegenüber Kritik legitimieren.

Aus seiner Rede ergibt sich auch sein Gottesbild. Er beschreibt in der Bhagavata eine persönliche, allintelligente, aktive, absolut freie, heilige, gute, allmächtige, allgegenwärtige, gerechte, barmherzige und höchst spirituelle Gottheit ohne eine zweite, die alles im Universum schafft und bewahrt. Die Abgrenzung zu Rammohan Roy wird im Artikel kritisch markiert: Bhaktivinoda würdigte Roy zwar als Reformer, kritisierte aber dessen Orientierung an westlichen Ideen; diese Einschätzung müsse äußerst kritisch hinterfragt werden.

Schriften und philosophische Begriffe

Bhaktivinoda war ein produktiver Autor und Dichter, der auf Bengalisch und Englisch schrieb. So wollte er seine Lehren einem breiteren Publikum zugänglich machen. Besonders bekannt ist „Harinama Cintamani“, ein Werk über die Bedeutung des Chantens, also des wiederholten Singens oder Sprechens heiliger Namen. Im Kapitel 8 behandelt er das Vergehen des Arthavada, der imaginären Interpretation des heiligen Namens. Er betont, dass die Herrlichkeiten des heiligen Namens keine Übertreibungen, sondern ewige Wahrheiten seien.

Ein wichtiger Begriff bei Bhaktivinoda ist „Yukta-Vairagya“. Damit ist gemeint, materielle Dinge nicht einfach abzulehnen, sondern sie im Dienst Gottes zu verwenden. Damit verbunden ist sein Gedanke, dass auch häusliches Leben spirituell werden kann, wenn es in Hingabe an Krishna geführt wird.

Ein weiterer zentraler Begriff ist „Achintya-Bheda-Abheda“. Er bezeichnet die gleichzeitige Einheit und Verschiedenheit zwischen Krishna und seinen Schöpfungen. „Achintya“ bedeutet dabei, dass dieses Verhältnis letztlich unvorstellbar oder mit gewöhnlichem Denken nicht vollständig erfassbar ist.

Bhaktivinoda wurde später auch zu einem Vorbild für ISKCON-Mitglieder. Trotz weltlicher Pflichten praktizierte er intensive spirituelle Disziplinen. Als „Saragrahi Vaisnava“, also als Essenzsucher, galt er als Beispiel dafür, wie man über konventionelle Positionen hinausgehen und moderne Theologie sowie vergleichende Wissenschaft einbeziehen kann.

Häusliches Leben und weltweite Wirkung

Bhaktivinoda lehrte, dass das häusliche Leben, im Gaudiya-Vaishnava-Kontext „Grihastha“ genannt, nicht im Gegensatz zu spiritueller Praxis stehen müsse. Ehemann und Ehefrau könnten auch in dieser materiellen Welt in Vaikuṇṭha leben, wenn sie die Gottheit des Herrn in ihrem Zuhause installieren und nach den Anweisungen der Śāstras dienen. Śāstras sind religiöse Schriften oder Lehrtexte.

Wenn ein Haushälter den Höchsten Herrn in seinem Heim verherrlicht, würden seine Tätigkeiten laut Bhaktivinoda in spirituelle Aktivitäten von Goloka Vṛndāvana umgewandelt, also in Aktivitäten, die auf dem spirituellen Planeten Goloka Vṛndāvana von Krishna stattfinden. Dadurch wird das Zuhause zu einem Ort spiritueller Entwicklung und Befreiung.

Wichtig war für Bhaktivinoda auch der Dienst an Vaiṣṇavas, also an Anhängern Vishnus. Er lehrte, dass Menschen unabhängig von sozialer Position oder Beruf durch das Chanten des Hare-Krishna-Mantras und das Befolgen der Anweisungen des spirituellen Meisters reine Vaiṣṇavas werden können.

Für die weltweite Verbreitung des Krishna-Bewusstseins war Bhaktivinoda ebenfalls bedeutend. Er war überzeugt, dass Krishna-Bewusstsein weltweit verbreitet werden würde, und sandte als erster seine Schriften in den Westen. Damit legte er nach Darstellung des Artikels einen Grundstein für die spätere missionarische Aktivität von ISKCON, besonders für den Buchvertrieb.

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