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Beatboxing
Anders als herkömmlicher Gesang erfüllt Beatboxing in der Regel musikalische Funktionen, die mit denen von Rhythmus- oder Effektinstrumenten vergleichbar sind.
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Definition und musikalische Funktion
Beatboxing oder Beatboxen bezeichnet das Erzeugen von Drumcomputerbeats mit Mund, Nase und Rachen. Gelegentlich werden auch Scratches, Schlagzeug- und andere Perkussionsrhythmen sowie seltener weitere Instrumente und Alltagsgeräusche imitiert. Die Kunstform und teilweise auch der ausführende Musiker werden als Human Beatbox bezeichnet.
Im Unterschied zum herkömmlichen Gesang erfüllt Beatboxing meist musikalische Funktionen, die denen von Rhythmus- oder Effektinstrumenten entsprechen. Beatboxing wird häufig mit Vocal Percussion gleichgesetzt. Genau genommen ist es jedoch nur eine besondere, im Hip-Hop entwickelte Form der Vocal Percussion. Vocal Percussion umfasst auch andere Formen, die nicht aus dem Hip-Hop stammen.
Vorläufer und Entstehung im Hip-Hop
Geräuschimitationen und Stimmeffekte gab es schon lange vor der Human Beatbox. In der US-amerikanischen Unterhaltungsmusik wurden sie bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingesetzt, etwa im Scat-Gesang, in Blues, Barbershop und Doo-Wop sowie im „hicksenden“ eephing der Hillbilly-Musik. Durch Radio, Schallplatte und später den Tonfilm erreichten Stimmkünstler ein größeres Publikum. Beispiele waren Cliff „Ukelele Ike“ Edwards, der Trompetensolos und Begleitbands imitierte, sowie Mel Blanc und Spike Jones, die cartoonhafte, tierische oder skurrile rhythmische Stimmeffekte verwendeten.
Auch Rock- und Popmusiker experimentierten in den 1960er und 70er Jahren mit Vocal Percussion, etwa mit rhythmischem Zischen und Zungenschnalzen. Internationale Hits mit solchen Effekten waren Time of the Season der Zombies von 1968, Come Together der Beatles von 1969 und In the Summertime von Mungo Jerry von 1970. Michael Jackson verwendete seit Anfang der 1970er Jahre Stimmeffekte, die die spätere klangliche Ästhetik des Beatboxens vorwegnahmen. Als eigenständige Form wurde Beatboxing jedoch erst in der Hip-Hop-Musik entwickelt.
Beatboxing entstand etwa zu Beginn der 1980er Jahre, als die junge Hip-Hop-Generation zu Breakbeats und bald auch zu elektronisch erzeugten Rhythmen rappte. Beatboxer boten eine kreative und kostengünstige Alternative zu Drumcomputern, Playbacks und Live-Instrumenten. Zu den frühen Vertretern gehörten Doug E. Fresh, Biz Markie, Ready Rock C, Darren „Buffy“ Robinson von The Fat Boys, Leonardo „Wise“ Roman von Stetsasonic und K Love. Als erste Beatboxingaufnahme gilt die 1983 veröffentlichte Maxisingle Reality von Disco 3, die sich kurz darauf in The Fat Boys umbenannten.
Die frühen Beatboxer entwickelten unterschiedliche Spezialitäten: Doug E. Fresh imitierte Electro-Sounds mit Klicklauten und tiefen Bassklängen, Wise Scratches, Darren Robinson Cuíca-Rhythmen und Ready Rock C Videospiel- sowie blubbernde Unterwasserklänge. 1985 wurde Doug E. Freshs reine Beatbox/Rap-Performance mit Slick Rick auf der B-Seite von The Show / La-Di-Da-Di bekannt. Die Single verkaufte sich in den USA über eine halbe Million Mal. 1986 verband Biz Markie auf der EP Make The Music With Your Mouth, Biz Beatboxing, Rap und Gesang. Damit wurde die Human Beatbox zunehmend zu einer eigenständigen künstlerischen Ausdrucksform.
Verbreitung, Medien und Wettbewerbe
Zu Beginn der 1990er Jahre wurde Beatboxing durch neue Impulse im Hip-Hop zunächst als Teil der Old School unpopulärer. Es verbreitete und entwickelte sich jedoch in vielen Musikstilen weiter. Rahzel, Mitglied von The Roots, machte Beatboxing in Hip-Hop-Produktionen bekannt. Michael Jackson zeigte 1993 in einem Fernsehinterview mit Oprah Winfrey seine Beatboxfähigkeiten. Timbaland integrierte seit Mitte der 1990er Jahre Beatboxelemente in Hip-Hop- und R&B-Produktionen.
Im deutschsprachigen Raum legten Beatbox Eliot, Zlep und Christian „Bina“ Birawsky in der ersten Hälfte der 1990er Jahre auf lokalen Jams wichtige Grundlagen für die Szene. 1996 entstand in Österreich die Beatboxband Bauchklang. Als Wendepunkt für das Revival seit etwa der Jahrtausendwende gilt häufig Rahzels Debütalbum Make The Music 2000 von 1999. Der darauf enthaltene Track The Four Elements, in dem Rahzel viele Beatboxsounds den „Elementen“ Erde, Wind, Feuer und Wasser zuordnet, gilt in der Szene als Referenz für Beatboxtechniken.
Beatboxing wurde in Popmusik, Jazz, Weltmusik und Avantgarde verwendet. Es kann in Bands die Rhythmusgruppe ergänzen oder vollständig ersetzen, als Soloprogramm auftreten oder in reinen Beatboxensembles eingesetzt werden. In der A-cappella-Musik reicht die Anwendung von dezenter Begleitung im Stil von Barbershop und Doo-Wop bis zur virtuosen Einlage. Beispiele sind die Beiträge von Rahzel und Shlomo auf Björks Album Medúlla von 2004, dessen Musik nahezu ausschließlich mit der menschlichen Stimme erzeugt wurde. Wegen seiner Bedeutung für den Hip-Hop wird Beatboxing manchmal als „fünfte Säule“ oder „fünftes Element“ neben DJing, MCing, Breaking und Writing bezeichnet; die Verbindung zum Hip-Hop ist heute jedoch nicht mehr auf alle Einsatzbereiche beschränkt.
Seit etwa der Jahrtausendwende verbreitet das Internet Beatboxing weltweit. Webseiten, Videoportale, Audiodateien und Webforen ermöglichen Tutorials, eigene Aufnahmen und den Austausch in einer internationalen Community. Conventions, Jams und Battles werden häufig online organisiert. Am 26. Juni 2017 organisierte die Hong Kong Federation of Youth Groups in Hong Kong mit 6430 Teilnehmern das größte Beatboxensemble der Welt.
Auch Fernsehen, Werbung und Film trugen zur Bekanntheit bei. Beatboxer traten in Castingshows wie Deutschland sucht den Superstar, Das Supertalent und America’s Got Talent auf. Beatboxing erschien außerdem in Werbespots unter anderem von Redbull, Kentucky Fried Chicken, McDonald’s, Wal-Mart, Vodafone und Suzuki. Im Film reicht die Verwendung von Doug E. Freshs Auftritt in Beat Street von 1984 bis zu Beatboxeinlagen in 8 Mile von 2002, Police Academy und Men in Black II.
Bei Battles oder Championships treten Beatboxer öffentlich gegeneinander an. Das Publikum oder eine Jury bewertet die Auftritte; die Darbietungen sind meist zeitlich begrenzt. Kriterien können Technik, Stil und musikalische Originalität sein. Es gibt Einzelauftritte sowie direkte Konfrontationen mehrerer abwechselnd oder gleichzeitig improvisierender Musiker. Anders als im Battle-Rap gehört das Dissen nicht zur Musik, weshalb Beatbox-Battles einen friedfertigeren Charakter haben. Lokale, nationale und internationale Wettbewerbe finden weltweit statt; Bee Low veranstaltet seit 2002 jährlich die Beatbox Battle World Championship.
Klänge, Rhythmus und Atmung
Technisch werden beim Beatboxing mit dem Vokaltrakt perkussive Rhythmen erzeugt. Während herkömmlicher Gesang vor allem stimmhafte Laute wie Vokale nutzt, konzentriert sich Beatboxing stärker auf stimmlose Laute wie Konsonanten. Ausgehend von Drumcomputersounds dienen beispielsweise [pʰ], [p͡f], [p͡s], [t͡ʃ] und [k͡ʃ] der Imitation einer Snare Drum, [b], [b͡ʍ], [b͡m] und [ŋ] der Bass Drum sowie [t͡s], [t] und [k̟] der Hi-Hat.
Dieses Grundrepertoire lässt sich durch Sprach- und Gesangsfragmente, Zungenschnalzen, Pfeifen, Summen, kontrolliertes Atmen, Schnarchen, Husten, Schlucken und Lippenvibrationen erweitern. Die Klänge können Becken, Tomtoms, Cowbells, Congas, Trommelwirbel, Rhythmus-, Melodie- und Bassinstrumente, Synthesizersounds, Vocals, Samples, Scratches, Cuts, Audioeffekte oder Alltagsgeräusche nachahmen. Sie können auch als eigenständige Klanggesten ohne konkretes Vorbild eingesetzt werden.
Die einzelnen Laute werden zu Rhythmen arrangiert. Anders als bei der Koartikulation in der gesprochenen Sprache ist beim Beatboxen meist die staccatohafte und präzise Artikulation jedes Lautes wichtig, damit sein Klang erkennbar bleibt. Durch die Bewegung und Anspannung von Zunge, Wangen-, Kiefer- und Halsmuskulatur sowie durch genaue Stimm- und Atemkontrolle und exaktes Timing können mehrere Instrumente gleichzeitig simuliert werden. Psychoakustische Phänomene können dabei die Illusion erzeugen, mehrere Klänge gleichzeitig zu hören.
Beim Sprechen und Singen wird normalerweise während des Ausatmens artikuliert. Beatboxer erzeugen dagegen verschiedene Klänge auch beim Einatmen. Dadurch können sie Atempausen vermeiden und einen kontinuierlichen Rhythmus halten. Einige Techniken, etwa [t] für eine geschlossene Hi-Hat, sind ein- und ausatmend möglich. Andere entstehen nur durch inhalierte Luftströme, beispielsweise die inward clap snare mit einem einatmend im Rachen artikulierten [k͡l] oder inward click rolls, bei denen die Zunge durch eingeatmete Luftströme in Schwingung versetzt wird.
Mikrofon, Mischformen und Produktion
Bei Auftritten verwenden Beatboxer meist Mikrofone. Sie halten das Mikrofon nicht nur vor den Mund, sondern je nach gewünschtem Effekt auch an Nase, Hals oder Brustkorb. Durch teilweises Abdecken des Mikrofonkopfes, mehrere Mikrofone und die gezielte Nutzung von Luftströmungen lassen sich Lautstärke und Klangfarbe verändern. Luftstöße erzeugen normalerweise unerwünschte Störgeräusche; ein Pop- oder Windschutz schützt davor. Manche Beatboxer beziehen solche Geräusche jedoch bewusst in ihre Performance ein.
Beatboxing kann mit Gesang, Rap und anderen Vokalkünsten verbunden werden. Ein Musiker kann den eigenen Gesang oder Rap rhythmisch begleiten und beide Elemente gleichzeitig ausführen. Bekannt wurde diese Technik unter anderem durch Rahzels Interpretation von Aaliyahs If Your Girl Only Knew, die er zu If Your Mother Only Knew umdeutete. In anderen Mischformen werden Beatboxtechniken mit Scat und avantgardistischen Stimmexperimenten verbunden. Dann dienen sie nicht unbedingt als kontinuierlicher Rhythmus, sondern zur Akzentuierung und klanglichen Erweiterung der Stimme. Solche Formen bewegen sich zwischen Tonalität und Atonalität und weisen Bezüge sowohl zur Neuen Musik als auch zum Jazzgesang auf.
Bei der Bodypercussion wird der gesamte Körper als Perkussionsinstrument genutzt. Beatboxen kann mit Klatschen, Fingerschnippen oder Aufstampfen kombiniert werden. Außerdem können Klopfen am Hals oder Brustkorb, die Veränderung des Mundresonanzraums, eine veränderte Mundöffnung oder Druck auf die Lippen die Stimme und Beatboxklänge direkt beeinflussen.
Beim Spielen von Zupf-, Streich-, Schlag- oder Tasteninstrumenten kann Beatboxing den Vortrag begleiten. Bei Blasinstrumenten wie Didgeridoo, Mundharmonika, Tuba oder Querflöte wird Beatboxing selbst zu einer Spieltechnik. Die „Beatboxflöte“ wird beispielsweise von Dirko Juchem, Greg Pattillo und Nathan „Flutebox“ Lee verwendet.
Beim Live-Looping werden einzelne Passagen in Echtzeit aufgenommen und wiederholt, sodass durch Overdubbing Mehrstimmigkeit entsteht. Zusammen mit Gesang oder Rap kann dadurch der Eindruck eines Vokalensembles oder einer vollständigen Band entstehen. Sampler, Effektgeräte und Musiksoftware ermöglichen zusätzlich das Schneiden, Arrangieren und Verfremden live erzeugter Klänge. In der Tonstudioarbeit können Beatboxklänge als Samples isoliert und mit Sequenzern zu Rhythmen zusammengesetzt werden. Dabei fehlt der unmittelbare Vortrag weitgehend; trotz ähnlicher Ergebnisse handelt es sich primär um eine Produktionstechnik.
Abgrenzung und Dokumentarfilme
Beatboxing hat sich von seinen Hip-Hop-Wurzeln gelöst und wird deshalb oft allgemein als Vocal Percussion bezeichnet. Eine vollständige Gleichsetzung ist dennoch ungenau: Beatboxing ist historisch eine bestimmte Spielart der Vocal Percussion. Andere Formen sind beispielsweise das südindische Konnakol und Elemente des im gälischen Sprachraum beheimateten Puirt a beul. Je nach musikalischem Hintergrund und Selbstverständnis kann eine Performance auch als multivocalism bezeichnet werden. Der Begriff setzt sich aus multi („mehrfach“) und vocal („mündlich“ oder „stimmlich“) zusammen. Die Grenzen zwischen diesen Formen lassen sich nicht immer eindeutig ziehen.
Dokumentarfilme behandelten die Entwicklung der Kunstform: Breath Control: The History of the Human Beat Box erschien 2002 und gibt einen Überblick über Ursprung und Geschichte. Love, Peace & Beatbox von 2008 konzentriert sich auf die jüngeren Entwicklungen der deutschen Beatboxszene. Beatboxing – The Fifth Element of Hip Hop erschien 2011.