Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Anspruch und Verkündigung
Das Buch Anspruch und Verkündigung ist eine Sammlung von fünf weiteren Offenbarungstexten Baha'u'llahs, dem Religionsstifter der Bahai.
Inhalt5 Abschnitte
Werk und Grundthemen
Anspruch und Verkündigung versammelt fünf deutsche Übersetzungen weiterer Offenbarungstexte Baha’u’llahs, des Religionsstifters der Bahai: die Sure vom Tempel, die Sure an den Herrscher, die Tafel an den Herrscher, die Tafel von Fu’ád und die Sure an die Könige. Die Texte enthalten Baha’u’llahs Anspruch auf seine göttliche Sendung, Aufforderungen an Herrscher und Geistliche sowie Forderungen nach Gerechtigkeit, Friedfertigkeit und einer verantwortlichen Herrschaft.
Wiederkehrende Gedanken sind die fortschreitende Offenbarung, also die Vorstellung aufeinanderfolgender göttlicher Offenbarungen, die Vergänglichkeit von Macht, Ruhm und Reichtum sowie die Ablehnung von Stolz und Machtmissbrauch. Mehrere Texte verbinden religiöse Mahnungen mit Ankündigungen politischer Folgen für die angesprochenen Herrscher.
Der lebendige Tempel und die Botschaft an die Herrscher
Die Súratu’l-Haykal erklärt die symbolische Bedeutung der vier Buchstaben von Haykal, dem arabischen Wort für Tempel. Der vorhergesagte Tempel wird mit Sacharja 8,9 verbunden und ist kein Haus der Andacht, sondern ein lebendiger Tempel: Baha’u’llah selbst. Weil kein äußerer Adressat genannt wird, erklärte Baha’u’llah auf Nachfrage, die Sure sei an ihn selbst gerichtet.
Sie beginnt mit Gotteslob und Dank für die neue Offenbarung. Baha’u’llah schildert bildhaft den Ruf Gottes, weist Einwände der Babi gegen die neue Offenbarung zurück, fordert sie zur Anerkennung des vom Bab Verheißenen auf und beschreibt den Verrat Subh-i-Azals. Danach kündigt er ein neues Gottesvolk an. Dessen Aufgaben werden als Augen, Ohren, Zunge, Füße, Brust und Herz des Tempels dargestellt. Die künftige Gemeinde wird zugleich vor Stolz, dem Glanz der Führerschaft, falscher Frömmigkeit und der Verleugnung einer künftigen Manifestation gewarnt.
Der Text wurde zunächst in Edirne und erneut nach Baha’u’llahs Ankunft in Akkon am 31. August 1868 offenbart. Die zweite Fassung enthält Botschaften an Papst Pius IX., Napoléon III., Zar Alexander II., Königin Victoria und Nāser ad-Din Schah. Sie wurde als Pentagramm niedergeschrieben; Kopf und vier Extremitäten bilden dabei die Sendschreiben an die Herrscher.
Botschaften an Papst, Kaiser, Zar und Königin
Die 1869 in Akkon auf Arabisch offenbarte Tafel an Papst Pius IX. erklärt Baha’u’llahs Anspruch, die Wiederkunft Christi zu sein. Sie vergleicht die Verfolgung Baha’u’llahs mit der Haltung der Pharisäer gegenüber Jesus, behandelt fortschreitende Offenbarung, den Tag Gottes und den Bund Gottes. Der Papst soll sich dem Reich Gottes zuwenden, selbst vom „Kelch des Lebens“ trinken und ihn empfänglichen Menschen jeder Religion reichen. Ferner soll er Paläste und weltliche Herrschaft aufgeben, Kirchenschmuck verkaufen und Könige zu gerechtem Handeln ermahnen. Die Botschaft richtet sich außerdem an Völker, Geistliche, Mönche, Gelehrte, Bischöfe und Gläubige, besonders Christen. Der Artikel stellt die Aufforderung, sein Reich den Königen zu übergeben, in den Zusammenhang des Kirchenstaats; 1870 endete dieser, und Rom wurde Sitz des Königreiches Italien.
Die zweite Tafel an Napoléon III. wurde auf Arabisch offenbart, 1869 durch Louis Catafago übersetzt und dem Kaiser übermittelt. Baha’u’llah beschreibt seine Leiden und seinen Auftrag, kritisiert den Kaiser wegen Stolz und wegen der Zurückweisung der ersten Tafel und fordert ihn auf, die Sache Gottes zu unterstützen und zu lehren. Er kündigt an, Reich und Herrschaft würden in Verwirrung geraten und das Volk von Aufruhr erfasst, falls der Kaiser nicht handelt. Zudem werden Kaiser und christliche Geistliche vor einem Fehler wie dem der Pharisäer gewarnt; Mönche und Priester sollen Kirchen und Klöster verlassen, Familien gründen und Askese sowie überkommene Speiseverbote aufgeben. Erwähnt werden die neunzehntägige Fastenzeit, das Ridvan-Fest und die Geburtstage des Bab und Baha’u’llahs. Nach dem Artikel wurde Napoléon bei Sedan am 2. September 1870 gefangen genommen und zwei Tage später mit der Ausrufung der Dritten Republik abgesetzt.
In der auf Arabisch offenbarten Tafel an Zar Alexander II. wird dessen besonderer Rang damit begründet, dass einer seiner Gesandten Baha’u’llah im Teheraner Kerker Hilfe angeboten habe. Der Zar wird gewarnt, diesen Rang nicht zu verlieren und sich weder durch Herrschaft noch Begierden von Gott abzuwenden. Baha’u’llah bezeichnet sich als den himmlischen Vater und als den, dessen Namen Tora und Evangelium schmücken, und fordert den Zaren auf, seine Botschaft zu verkünden und die Völker zu Gott zu rufen. Ein stilles Gebet des Zaren sei erhört worden; dessen Inhalt wird nicht genannt.
Die Tafel an Königin Victoria verbindet die Aufforderung, sich Baha’u’llahs Sache zuzuwenden, mit Lob für das Verbot des Sklavenhandels und für die Beteiligung von Volksvertretern. Parlamentarier sollen nicht Einzel- oder nationale Interessen vertreten, sondern sich als Vertreter aller Menschen auf Erden verstehen und gerecht urteilen. Die Welt wird als voneinander abhängiger Gesamtorganismus beschrieben. Als wirksamste Arznei nennt der Text „die Vereinigung aller Völker in einer allumfassenden Sache, in einem gemeinsamen Glauben“. Da der „Größte Frieden“ zurückgewiesen worden sei, sollen die Könige den „Geringeren Frieden“ festhalten: prinzipielle Aussöhnung der Staaten, allgemeine Abrüstung, auf Verteidigung beschränkte Streitkräfte und ein kollektives Sicherheitssystem. Gefordert werden außerdem keine unerträglichen Lasten für Untertanen und Asyl für Zufluchtsuchende.
Schah und osmanischer Großwesir
Die Tafel an Schah Nasreddin wurde vor Baha’u’llahs Abreise aus Adrianopel am 12. August 1868 offenbart und ist je etwa zur Hälfte arabisch und persisch. Der siebzehnjährige Áqá Buzurg-i-Níshápúrí, genannt Badi’ („wundervoll“), brachte sie von Akkon zu Fuß nach Teheran und übergab sie dem Schah nach vier Monaten persönlich. Die von diesem beauftragten Mujtahids beantworteten sie nicht, sondern empfahlen die Tötung des Überbringers; Badi’ starb im Juli 1869.
Mit über 43 Druckseiten ist sie das umfangreichste Sendschreiben an einen Monarchen. Baha’u’llah schildert seinen göttlichen Ruf sowie Leiden seiner selbst und seiner Anhänger, weist Vorwürfe zurück und verlangt Gerechtigkeit. Ein einzelnes Vergehen dürfe nicht zur Bestrafung einer ganzen Gruppe führen. Der Schah solle Fragen persönlich und unvoreingenommen prüfen und Aussagen von Frevlern gemäß Vers 6 der 49. Sure überprüfen. Baha’u’llah verweist auf eine Hadith, die Hasan al-Askari zugeschrieben wird, auf die Leiden Jesu und Muhammads unter Geistlichen und auf vier erneut offenbarte Verborgene Worte. Er schlägt eine Versammlung mit Geistlichen vor, in der vor dem Schah Beweise vorgelegt werden sollten; sie fand nie statt. Der Heilige Krieg wird ausführlich verworfen: Gewalt und Streit für Gott werden kategorisch abgelehnt.
Die Súratu’r-Ra’ís richtet sich zunächst auf Arabisch an den osmanischen Großwesir Mehmed Emin Ali Pascha. Sie kritisiert seinen Machtmissbrauch, fordert ihn zur Beachtung der Stimme Gottes auf und kündigt an, Edirne werde ihm entgleiten und Blut werde fließen. Die Offenbarung begann nach Baha’u’llahs Ausreise aus Edirne am 12. August 1868 in Káshánih und endete in Gyáwur-Kyuy auf dem Weg nach Gallipoli. Der Artikel verbindet die Ankündigung mit dem Verlust von Thron und Leben Abdülaziz’ 1876 sowie der Besetzung Edirnes im Russisch-Osmanischen Krieg. Der zweite Teil ehrt Hāddschi Muhammad Siyyid Ismá’íl-i-Kasháni, genannt Dhabíh oder Anís, und beschreibt Martyrium als besonders verdienstvoll; Heimsuchungen wirkten wie Öl für die Lampe der Sache Gottes. Auf Dhabíhs Frage wird das Wesen der vernunftbegabten Seele erläutert.
Die persische Lawh-i-Ra’ís wurde kurz nach dem 31. August 1868 in Akkon ebenfalls an Ali Pascha gerichtet. Sie schildert die Leiden Baha’u’llahs, seiner Gefährten sowie der Frauen und Kinder auf dem Weg von Edirne nach Akkon und im Gefängnis. Baha’u’llah verlangt wegen des Zustands der Kinder und der vielen Frauen eine zehnminütige Unterredung mit dem Sultan. Er warnt vor Folgen der Seufzer und Schreie der Unterdrückten, weist auf Feuersbrunst in Istanbul und Pest hin und veranschaulicht mit einem Puppenspiel die Täuschung weltlichen Glanzes.
Tafel von Fu’ád und Sure an die Könige
Die nur fünf Druckseiten umfassende Lawh Fu’ád ist an den persischen Bahai Scheich Kazim-i-Samandar (1844–1918) gerichtet und nach Mehmed Fuad Pascha benannt, den Baha’u’llah als Anstifter seiner Verbannung nach Akkon bezeichnet. Sie wurde kurz nach dessen Tod im Februar 1869 in Nizza auf Arabisch offenbart. Mit den Bildern von Gericht und Hölle stellt sie die Vergeblichkeit von irdischer Macht und Reichtum, Verzweiflung über eigene Taten sowie den Wunsch nach Umkehr und Wiedergutmachung dar. Außerdem sagt sie den Sturz Mehmed Emin Ali Paschas und Sultan Abdülaziz’ voraus und schildert das Schicksal Mirza Mihdiy-i-Rashtis.
Die Súratu’l-Mulúk wurde in Adrianopel auf Arabisch offenbart und richtet sich hauptsächlich an alle Könige. Shoghi Effendi datiert sie fast unmittelbar nach Baha’u’llahs Rückzug ins Haus von Ridá Big am 10. März 1866; andere Quellen nennen 1867. Sie enthält Grundsätze einer Herrschaftsethik: Die Könige werden gerügt, weil sie die Botschaft des Bab missachtet hätten, und sollen Gerechtigkeit üben, abrüsten und die finanziellen Lasten ihrer Untertanen verringern. Sie werden vor Selbstüberschätzung sowie vor der Überbewertung von Besitz und Macht gewarnt. Christliche Könige werden besonders getadelt, weil sie Jesu Aussage über seine Rückkehr nicht beachtet hätten.
Sultan Abdülaziz wird individuell dafür gerügt, seine Angelegenheiten nicht vertrauenswürdigen und gottesfürchtigen Ministern überlassen zu haben; zugleich werden Baha’u’llahs Demütigungen auf dem Weg nach Edirne und dort geschildert. Minister, Bewohner Istanbuls, sunnitische Geistliche, Gelehrte und Philosophen werden ebenfalls angesprochen. Die Bewohner sollen keine Zwietracht säen und niemandem eine Last auferlegen, die sie selbst nicht tragen würden. Die Geistlichen werden beschuldigt, Baha’u’llahs Sache nicht untersucht zu haben. Weisheit bedeutet nach dem Text, Gott zu fürchten, ihn zu erkennen und seine Manifestation anzuerkennen.
Die Sure tadelt außerdem den persischen Gesandten Hāddschi Mírza Husayn Khán Mushíru`d-Dawlih und den Generalkonsul Mirzá Buzurg Khán-i-Qazvíní wegen ihres Anteils an Verfolgungen und Verbannungen. Dem französischen Botschafter in Konstantinopel wird vorgeworfen, das Johannesevangelium nicht beachtet und sich ohne Untersuchung gegen Baha’u’llah verschworen zu haben. Dem persischen Volk wird versichert, dass Gott selbst dann einen anderen erwecken werde, falls Baha’u’llah getötet würde.