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Altägyptische Kunst

Altägyptische Kunst ist die Sammelbezeichnung für die Werke der bildenden Kunst aus den verschiedenen Perioden des pharaonischen Ägypten.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Kennzeichen
  2. 2. Naturalismus und verbindliche Bildregeln
  3. 3. Fläche, Aspektive, Schrift und Vollständigkeit
  4. 4. Zeitlicher und räumlicher Rahmen
  5. 5. Künstler, Wiederentdeckung und Sammlungen

Gegenstand und Kennzeichen

Altägyptische Kunst bezeichnet die Werke der bildenden Kunst aus den verschiedenen Perioden des pharaonischen Ägypten; Literatur und Musik zählen in der Regel nicht dazu. Zu ihr gehören vor allem Malerei, Reliefkunst, Plastik und Architektur sowie Werke des gehobenen Kunsthandwerks. Ostraka, kleine Kalkstein-Scherben mit Entwurfszeichnungen, geben Einblick in die Arbeitsweise von Künstlern.

Die Kunst lässt sich räumlich, zeitlich und stilistisch vergleichsweise genau eingrenzen. Ihre eigenständige Formensprache ist leicht wiederzuerkennen. Das Verbreitungsgebiet war geografisch geschlossen; daher nahm die Kunst nur wenige äußere Einflüsse auf und übte auch wenig Einfluss auf andere Kulturen aus. In Europa war sie über Jahrhunderte weitgehend vergessen, wurde in der Frühen Neuzeit wiederentdeckt und ist heute in der westlichen Welt sehr populär.

Naturalismus und verbindliche Bildregeln

Altägyptische Kunst verbindet strenge Formalisierung und Kanonisierung mit Naturalismus, also einer naturgetreuen und detailreichen Darstellung. Pflanzen, Tiere sowie praktische Tätigkeiten wie Schifffahrt, Jagd und Fischfang werden besonders wirklichkeitsnah gezeigt. Tierarten sind meist zoologisch eindeutig identifizierbar; die Gänse von Meidum und Darstellungen von Tieren in den Marschen im Grab des Menna (TT69) sind Beispiele.

Menschenbilder folgen dagegen, sofern sie gesellschaftliche Repräsentation oder Herrschaft ausdrücken sollen, einem strengen und je nach Dynastie veränderlichen Kanon. Wichtig ist die Bedeutungsperspektive: Personen werden entsprechend ihrer Bedeutung unterschiedlich groß dargestellt, etwa der Grabherr im Grab des Nacht (TT52) größer als seine Diener. Tracht, Kopfbedeckung und Gegenstände in den Händen sind weitere kennzeichnende Attribute. Ob sie tatsächliches zeremonielles Auftreten abbilden, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren.

Nicht bei praktischen Tätigkeiten dargestellte Menschen erscheinen steif und aufrecht. Stehende Männer stehen mit dem linken Fuß vorn und geballten Fäusten; Frauen haben die Füße auf gleicher Höhe und offene Hände. Männer sind rotbraun, Frauen deutlich heller in Ockergelb wiedergegeben. Szenen aus Götterwelt, Jenseits und kosmischen Vorgängen sind besonders abstrakt oder allegorisch. Ihre konkreten Bildelemente erhalten durch ihre Kombination neue Bedeutungen, die oft erst durch Beischriften verständlich werden. Typisch sind etwa Menschengestalten mit Tierköpfen als Götterdarstellungen.

Fläche, Aspektive, Schrift und Vollständigkeit

Malerei und Relief wirken meist flächig: Personen und Gegenstände sollen einander nicht überdecken, und ein ausgearbeiteter Hintergrund fehlt gewöhnlich. Verschiedene Ansichten können in einem Bild zusammenkommen: Menschen an einer Wasserfläche erscheinen seitlich, die Wasserfläche dagegen von oben; Ähnliches gilt für Tischoberflächen, Spielbretter und Gebäudemauern.

Die menschliche Figur im Flachbild zeigt Kopf, Hüfte und Beine von der Seite, aber ein Auge, Schultern und Brust von vorn. Dieses Prinzip sollte den Menschen möglichst vollständig sichtbar machen und heißt „Aspektive“ nach Emma Brunner-Traut beziehungsweise „Geradvorstelligkeit“ nach Heinrich Schäfer. Räumliche Tiefe wird meist nicht dargestellt. Gleichartige Gruppen, etwa Diener, Kriegsgefangene, Herden oder Pferdegespanne, können jedoch präzise nach hinten gestaffelt und überlappend erscheinen. Farbflächen haben oft schwarze Umrisslinien, leuchtende Farben, aber keine Schattierungen, Spitzlichter, Farbverläufe oder Schlagschatten.

Hieroglyphenschrift ist eng in Bilder integriert. Schriftzeichen und Darstellungen können einander so ähnlich sein, dass sie schwer zu unterscheiden sind. Bei Göttern und Königen dienen Hieroglyphen als Attribute, etwa ein Namenszeichen auf dem Kopf oder das Zeichen für „Leben“, Anch, in der Hand.

Kunst sollte das Dargestellte vollständig wiedergeben; Teilansichten, Gesichtsporträts und Bildausschnitte widersprechen dieser Auffassung. Dem Bild wurde eine magische Funktion und eine enge Beziehung zum Dargestellten zugeschrieben. Unvollständige Stücke in heutigen Sammlungen sind daher oft Übungsstücke oder Vorlagen, beispielsweise Ostraka und die Büste der Nofretete, oder Teile eines umfassenden Werks, etwa Totenmasken einer vollständig gedachten Mumie. Statuen und Reliefs hatten religiöse Bedeutung und wurden in Ritualen wiederbelebt. Beschädigungen konnten ihre Funktion aufheben: Ohne Nase konnte der Geist nicht atmen, ohne Ohren keine Gebete hören, ohne linken Arm keine Opfer darbringen und ohne rechten Arm kein Opfer entgegennehmen. Deshalb muss bei beschädigten Statuen und Reliefs auch Vandalismus in Betracht gezogen werden.

Zeitlicher und räumlicher Rahmen

Die altägyptische Kunst entstand parallel zur Bildung des pharaonischen Staates um 3000 vor Christus. Ihre typischen Stilelemente blieben fast drei Jahrtausende erstaunlich konstant. Selbst in Zeiten der Fremdherrschaft der Spätzeit blieben äußere Einflüsse gering. Erst unter den Ptolemäern gelangten Elemente griechischer Kunst nach Ägypten; der altägyptische Stil und die hellenistische Kunst der griechischen Städte, etwa Alexandria, blieben zunächst klar getrennt. Unter römischer Besatzung vermischten sich beide besonders in der funerären Kunst, während Tempel ägyptischer Gottheiten weiterhin rein ägyptisch gestaltet wurden. Mit dem Christentum wurde Ägypten Teil des spätantiken Mittelmeerraums und des byzantinischen Reiches; einzelne altägyptische Elemente lebten weiter.

Das Kerngebiet umfasst Niltal, Nildelta und umliegende Oasen. Die Ausstrahlung nach Süden hing von der ägyptischen Herrschaft über Nubien und das Reich von Kusch ab; die Kunst des Reichs von Kusch war stark von ägyptischer Formensprache geprägt. In Palästina und Syrien gibt es trotz längerer ägyptischer Herrschaft wenige Kunstwerke und Baudenkmäler. Ägyptische Einflüsse zeigen sich dort vor allem in der Kleinkunst: Im zweiten vorchristlichen Jahrtausend trugen syrische Siegel ägyptische Motive, später vor allem Elfenbeineinlagen.

Künstler, Wiederentdeckung und Sammlungen

Im Alten Ägypten wurde nicht zwischen Handwerk und Kunst unterschieden. Künstler und Handwerker hatten dieselbe gesellschaftliche Stellung und arbeiteten für Staat, König und Tempel. Bei großen Bau- und Grabprojekten arbeiteten spezialisierte Personen arbeitsteilig, weshalb einzelne Künstler selten durch eigene Leistung bekannt wurden. Im Neuen Reich sind jedoch Künstler und Handwerker der Königsgräber im Tal der Könige namentlich überliefert. Sie lebten in Deir el-Medina; erhaltene Ruinen und Alltagsaufzeichnungen ermöglichen genaue Kenntnisse dieses Gemeinwesens. Künstlerisch hochwertige Familiengräber wie TT1 gehören zu ihren Hinterlassenschaften. Thutmosis war Oberbildhauer des Königs Echnaton in Amarna. Ludwig Borchardt fand 1912 in seiner Werkstatt die Büste der Königin Nofretete.

In griechischer und römischer Antike wurde ägyptische Kunst geschätzt; Obelisken wurden nach Rom gebracht, und ägyptisierende Motive waren in der römischen Kaiserzeit besonders in Wandmalerei beliebt. Nach dem Mittelalter verbesserte sich Europas Kenntnis durch Napoleons Ägyptische Expedition ab 1798 und die Veröffentlichung der Description de l’Égypte. Der Stein von Rosette wurde am 15. Juli 1799 gefunden und ermöglichte letztlich Jean-François Champollion die Entzifferung der Hieroglyphen. Dies löste Ägyptomanie aus; ägyptisierende Motive finden sich weiterhin in Kunsthandwerk und Architektur, etwa beim 1993 eröffneten Luxor Hotel in Las Vegas.

Im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Werke nach Europa ausgeführt. Später wurde die Ausfuhr grundsätzlich verboten; archäologische Funde müssen nach wissenschaftlicher Bearbeitung der ägyptischen Altertümerverwaltung zur Aufbewahrung im Ägyptischen Museum in Kairo übergeben werden. Die größte Sammlung befand sich über Jahrzehnte im Ägyptischen Museum am Tahrir-Platz in Kairo, das ab 2025 durch einen Neubau ersetzt wurde, das Grand Egyptian Museum. Bedeutende Sammlungen außerhalb Ägyptens befinden sich unter anderem im British Museum in London, im Louvre in Paris, im Ägyptischen Museum in Berlin, im Metropolitan Museum of Art in New York, im Museo Egizio in Turin und im Wiener Kunsthistorischen Museum.

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