Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
ANS-Synthesizer
Der ANS-Synthesizer ist ein photoelektronisches Musikinstrument, welches von dem russischen Ingenieur Jewgeni Alexandrowitsch Mursin zwischen 1937 und 1957 …
Inhalt4 Abschnitte
Instrument und Grundprinzip
Der ANS-Synthesizer ist ein photoelektronisches Musikinstrument. Der russische Ingenieur Jewgeni Alexandrowitsch Mursin entwickelte ihn zwischen 1937 und 1957. Sein Name bezieht sich auf den Komponisten Alexander Nikolajewitsch Skrjabin.
Das Instrument wandelt eine gezeichnete Darstellung eines Schallspektrums direkt in Klang um. Seine Grundlage ist die grafische Tonaufzeichnung aus der Kinematographie: Sie kann Schallwellen sichtbar machen und umgekehrt Klang aus einem künstlich gezeichneten Schallspektrogramm synthetisieren.
Klangerzeugung und Bedienung
Die zu erzeugenden Sinuswellen, also reine Schwingungen mit einer einzelnen Frequenz, sind auf fünf Glasscheiben aufgedruckt. Jede Scheibe enthält 144 einzelne Spuren. Zusammen ergeben sich 720 Mikrotöne mit festen Tonhöhen über 10 Oktaven. Die Auflösung beträgt 1/72 Oktaven beziehungsweise 16,67 Cent.
Die Scheiben beziehungsweise Räder sind vertikal angeordnet: Tiefe Frequenzen liegen unten, hohe oben. Ihr bewegtes, moduliertes Licht wird auf die Rückseite des Synthesizers projiziert. Als Zeichenfläche dient eine Glasplatte mit einem nicht trocknenden, undurchsichtigen mastixähnlichen Material. Kratzt die spielende Person dieses Material weg, kann an den entsprechenden Stellen Licht hindurchtreten.
Vor der Glasplatte stehen zwanzig Fotozellen in einer vertikalen Reihe. Sie leiten ihre Signale an zwanzig Verstärker und Bandpassfilter weiter; jeder besitzt einen eigenen Lautstärkeregler. Dies ähnelt einem Zehn-Oktaven-Equalizer mit zwei Reglern je Oktave. Trifft Licht auf eine Fotozelle, wird die zugehörige Tonfrequenz aktiviert.
Der ANS ist vollständig polyphon: Er kann alle 720 Tonhöhen gleichzeitig erzeugen. Ein senkrechter Kratzer über die gesamte Höhe der Glasplatte würde dies auslösen. Zum Abspielen wird die Platte nach links oder rechts an der Fotozellenbank vorbeibewegt, ähnlich einer Notenrolle. Ein Getriebemotor kann dies unterstützen, die Bewegung ist aber auch von Hand möglich. Die Geschwindigkeit ist bis auf Null regelbar und verändert nur Tondauer und Wiedergabetempo, nicht die Tonhöhe.
Bezug zu Skrjabin und Verbleib
Mursin benannte die Erfindung nach Alexander Nikolajewitsch Skrjabin (1872–1915). Skrjabin war Okkultist, Theosoph, Synästhet und ein früher Vertreter von Farbklangtheorien in der Musik; Mursin war von seinen Ideen und Denkansätzen stark beeinflusst.
Zunächst stand der Synthesizer im Studio für elektronische Musik über dem Skrjabin-Museum nahe dem Arbat im Zentrum Moskaus. Später zog er in den Keller der Zentraluniversität an der Ecke Bolschaja Nikizkaja um. Stanislaw Kreichi bewahrte ihn vor der Verschrottung, indem er die Universität zur Betreuung des Studios überredete. Nach einigen Jahren im Theremin Center befindet sich das Instrument im Glinka State Central Museum of Musical Culture in Moskau. Laut Artikel gibt es nur dieses eine Exemplar; das Original wurde zerstört, und das erhaltene Instrument ist die verbesserte Version.
Der ANS wurde unter anderem von Stanislav Kreichi, Alfred Schnittke, Edison Denisov und Sofia Gubaidulina verwendet. Edward Artemiev nutzte ihn für viele Werke zu Filmen von Andrei Tarkovsky. In der Partitur zu Tarkovskys Film Solaris von 1972 erzeugte der ANS einen Science-Fiction-Effekt, der ambient Music ähnelt.
Aufnahmen und virtuelle Nachbildung
Das Album „Musical Offering“ mit Werken der genannten Komponisten erschien 1990 bei Melodiya unter der Nummer C60 30721 000; die Aufnahmen stammen aus den 1960er und 1970er Jahren. Stanislav Kreichis „Ansiana“ und „Voices and Movement“ sowie frühere Werke auf „Electroshock Presents: Electroacoustic Music“ sind bei Electroshock Records erhältlich. Der gemeinsam mit Edward Artimiev entstandene Soundtrack zu Into Space (1961) blieb unveröffentlicht.
Die britische Experimentalmusik-Gruppe T.A.G.C. nutzte ANS-Klänge für zwei Kompositionen auf dem 1996 veröffentlichten Deepnet-Kompilationsalbum. BBC Radio 4 sendete 2002 in der Reihe Soundhunter einen Beitrag von Isobel Clouter über den ANS. Coil veröffentlichte 2004 mit Coil ANS ein vollständig auf dem ANS gespieltes Album. Zweizz veröffentlichte 2007 eine Kassette, deren B-Seite vollständig aus ANS-Aufnahmen besteht.
Alexander Zolotov entwickelte außerdem ein virtuelles Gerät, das die Funktion des ANS auf dem iPhone nachbildet.