Das Video kommt von YouTube: erst beim Abspielen verbindet sich die Seite mit YouTube (Google).
Worin irren sich Atheisten, Markus Gabriel? | Sternstunde Religion | SRF Kultur
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 498 Zeilen
- Hallo zusammen. Gibt es einen Gott? Oder ist die Frage falsch gestellt?
- Sollten wir besser fragen: Was bedeutet Gott für unser Leben? Doch was soll Gott noch bringen, wenn alles im Leben
- ohne Gott naturwissenschaftlich Erklärung findet? Markus Gabriel, der renommierte Philosoph und Bestsellerautor
- hält diesen Naturwissenschafts- fetischismus für fatal und falsch. Wie lässt sich aber sonst unsere Wirklichkeit erklären?
- Mit Untertiteln von SWISS TXT Gibt es einen Moment oder eine Erfahrung in Ihrem Leben,
- die Ihre Sicht auf Gott verändert hat? Ich denke, fundamental gibt es verschiedene Punkte in meinem Leben,
- von denen ich sagen würde, dass ich den Eindruck gehabt habe, dass die Wirklichkeit mir eine Bedeutung entgegenbringt,
- die ich nicht gesetzt habe. Das sind die Geburt meiner Kinder, das Kennenlernen meiner Frau ...
- Oder Situationen wie der Tod des eigenen Vaters in meinem Fall, wo man das Gefühl hat -
- in Grenzsituationen, wie der Philosoph Karl Jaspers das nannte -, dass man mit etwas zu tun hat, das einen selbst überschreitet.
- D.h., Sie würden diese Momente als Gottesmomente bezeichnen? Ich glaube, der Ursprung der religiösen Erfahrung
- und der Frage nach Gott, den Göttern oder dem Göttlichen liegt darin, dass Menschen eine bestimmte Erfahrung
- mit der Wirklichkeit machen. Dass die Wirklichkeit nicht nur im Allgemeinen unverfügbar ist,
- dass wir die Wirklichkeit letztlich nicht verändern, ihr nicht entrinnen können.
- Sondern dass die unverfügbare Wirklichkeit, das, worüber wir keine Kontrolle haben,
- uns Bedeutung entgegenbringt. Ich glaube, das ist die eigentliche religiöse Erfahrung.
- Der Eindruck, als ob die Wirklichkeit selber mit einem spricht, eine tiefere Bedeutung hat
- als die Oberfläche des alltäglichen Geschehens. Das möchte ich gerne mit Ihnen in diesem Gespräch entziffern.
- Dabei würde ich dieses Thema gern in vier Themenblöcken - wenn es uns gelingt -
- differenziert betrachten. Beginnen möchte ich mit dem persönlichen Gott,
- dann den philosophischen Gott, wie man ihn nennt. Danach den religiösen Gott und am Ende Gott und die Gegenwart.
- Herr Gabriel, in Ihrem aktuellen Buch "Sätze über Sätze", in dem Sie uns durch eine Art ABC des wachen Denkens führen,
- fand ich den Eintrag zum Buchstaben G doch etwas überraschend und erklärungsbedürftig.
- Sie schreiben nämlich: Wie ist dies zu erklären?
- Wenn man durch die gesamte Geschichte des philosophischen und religiösen Nachdenkens
- über Gott und die Götter schaut, wird man in den letzten 3'000 bis 4'000 Jahren -
- das sagen auch andere Ideenhistoriker - immer wieder Momente finden,
- in denen eine bestimme Frage gestellt wurde. Und zwar unter polytheistischen Bedingungen -
- Menschen glaubten, es gibt viele Götter. Diese Frage war, ob es einen höchsten Gott gibt.
- Schon in Ägypten kam man auf den Gedanken - Echnaton ist der damit verbundene Name -,
- dass es einen höchsten Gott gibt. Das war dann oft die Sonne.
- Ein Gegenstand in der Wirklichkeit als mächtigste Quelle von Sinn und Bedeutung.
- Dann zieht sich die Idee argumentativ durch die Geschichte der Philosophie.
- Spinoza ist da vielleicht der grösste Name. Doch man findet das schon in der Antike.
- Platon, Aristoteles und andere grosse Denker. Ganz zu schweigen von nicht-westlichen Kontexten,
- wo es auch immer wieder auftaucht. Warum?
- Stellen wir uns vor, es gäbe viele allerhöchste Mächte. Das ist die einfachste Überlegung.
- Viele Quellen des Seins. Dann wäre es so, dass aus jeder dieser Quellen des gesamten Seins
- alles gekommen sein muss. Das geht natürlich nicht.
- Wenn die Wirklichkeit insgesamt organisiert ist, kann es nicht mehrere gleich gute Organisationen geben.
- Es kann letztlich nur eine Art und Weise geben, in der die Dinge insgesamt
- unter einer Allmacht optimal organisiert sind. Das war die Idee.
- Daher sagen die grossen Philosophen ... Xenophanes hat das in der Antike formuliert,
- Platon, Aristoteles, und dann zieht sich das durch die Zeiten.
- ... dass es entweder einen Gott gibt oder keinen. D.h., entweder sind die Dinge in einem riesigen Chaos gefangen
- und es gibt keine Organisation. Es gibt - wie man modern sagen würde - keinen Sinn des Lebens.
- Oder es gibt genau e i n e Quelle der Organisation. "Alles ist auf eines hin angeordnet", sagt Aristoteles.
- Das ist die philosophische Uridee des Monotheismus. Die monotheistischen Religionen argumentieren letztlich auch so.
- Es ist also völlig undenkbar, dass in der Wüste mehrere Götter auftauchen,
- auch wenn Gott im Hebräischen ursprünglich im Plural benannt wurde, als Elohim.
- Doch wie sind Sie darauf gekommen, unter dem Buchstaben G ausgerechnet Götter zu subsumieren
- und nicht Goofy oder andere Themen, die Sie auch interessieren. Mit anderen Worten:
- Was für einen Stellenwert hat der Begriff Gottes für das wache Denken?
- Wir sollten nicht unterschätzen, was unsere philosophischen und sonstigen Vorfahren uns gelehrt haben.
- Wir reden hier nicht nur über Tausende von Jahren, sondern vielleicht über Hunderttausende von Jahren.
- Die Frage nach Gott oder dem Göttlichen ist die wichtigste Frage der Menschheit.
- Wir unterschätzen das heute, weil wir glauben, dass sei eine x-beliebige, vertauschbare Frage.
- Man könnte über Gott reden oder über Goofy. Oder über Geld vielleicht sogar noch eher.
- Warum also Gott? Ich glaube, dass die Frage nach Gott -
- ganz einfach formuliert "Gibt es Gott?" - eine der wichtigsten Fragen ist.
- Da die Bedeutung der Wirklichkeit, in der wir uns befinden, wesentlich davon abhängt, ob es Gott gibt oder nicht.
- Die Philosophie hat immer gesagt, der würdigste Gegenstand des philosophischen Nachdenkens sei Gott.
- Ich sehe nicht, warum wir an dieser grundlegenden Spielregel etwas ändern sollten.
- D.h., Sie würden sagen, dass nicht nur die Religionen Instanzen sind, die den Gedanken Gottes wachhalten,
- sondern das ist auch ein Inhalt der Philosophie. Sie bezeichnen ihn auch noch als den grössten Inhalt,
- doch nennen wir ihn überhaupt einen Inhalt. Denn in der heutigen Geistesgegenwart
- scheint mir die Frage etwas ins Abseits geraten zu sein. In der Tat. Doch das ist eine junge Entwicklung.
- Es gibt keine bedeutende Philosophie, an die sich noch jemand erinnert,
- die - vorsichtig gesagt - nicht zentrale Überlegungen über Gott angestellt hat.
- Das gilt nicht nur für die Philosophie, sondern ursprünglich auch für die Naturwissenschaften.
- Isaac Newton beschäftigte sich mehr mit theologischen Studien, also mit der Frage nach Gott, als mit Physik.
- Das ist ein bemerkenswerter Befund. D.h., nichts, was philosophisch von Bedeutung ist, kommt aus,
- ohne eine Beantwortung der Frage, wie man es mit der Religion hält. Da gibt es auch keine sinnvolle Ausnahme.
- Der Umstand, dass wir seit einigen Jahrzehnten - mehr ist das welthistorisch gesehen nicht -
- glauben, dass Gott ein optionales Thema der Philosophie sei, sozusagen eine Nische der Religionsphilosophie,
- die unterfinanziert ist und für die wenig Interesse besteht, ist eine provinzielle Entwicklung der Menschheitsgeschichte.
- Ich glaube nicht, dass das nachhaltig ist. Eigentlich wollte ich mit Ihnen über den persönlichen Gott reden,
- doch wir reden schon über den philosophischen Gott. Das ist gut so, wir bleiben dabei
- und holen den persönlichen Gott vielleicht später noch ein. Sie haben es direkt und indirekt schon benannt:
- Seit der Antike ist die Frage nach Gott und dem Göttlichen eine bleibende Frage der Philosophie.
- Dennoch befinden wir uns heute in einer Zeit, die man als eine Zeit der Gotteskrise bezeichnen kann.
- Lassen Sie uns zunächst zwei gewichtige Stimme dazu hören. Ich finde, die Religion sollte kritisiert werden,
- weil sie als Konkurrenz gegen die wissenschaftlichen Erklärungen für das Leben und das Universum
- ins Feld geführt wird. Das ist nicht gut für die Erziehung.
- Denn es erweckt den Eindruck, man könne die Verantwortung, Dinge zu verstehen, umgehen.
- Und zwar mit einfachen Erklärungen wie: Das hat Gott gemacht.
- Wie weiss ich, ob es den Weihnachtsmann nicht gibt? Den Osterhasen?
- Das Monster von Loch Ness? Ich weiss es nicht.
- Vielleicht gibt es sie tatsächlich. Doch ich bin ziemlich sicher und sage wie Richard Dawkins,
- wahrscheinlich gibt es Gott nicht. Und ich meine, sehr wahrscheinlich.
- Ich denke, die Existenz Gottes ist so unwahrscheinlich wie die Existenz des Weihnachtsmannes.
- Ich gebe gern zu, dass die frühe Religion bei der Bildung von Gruppenidentitäten
- eine wichtige Rolle spielte und den sozialen Zusammenhang ermöglichte.
- Diese Rolle ist heute weniger notwendig. Ich sehe die Religion als sehr wichtige frühe Stütze.
- Als eine Prothese, wenn Sie so wollen, um die Zivilisationen mit Demokratie, Wissenschaft,
- freier Presse und all diesen guten Errungenschaften auszustatten. Sie war der Motor dafür.
- Doch jetzt können wir die Religion abschaffen? Jetzt kann die Religion verschwinden.
- Bevor Sie sich dazu verhalten, noch eine kleine Anmerkung. Bei der Auswahl der Stimmen suchte ich eine weibliche Stimme.
- Die Stimme einer Atheistin, die sich prominent genauso artikuliert.
- Ich bin aber nicht fündig geworden. Dann dachte ich, ich müsste eigentlich gründlicher recherchieren.
- Dann habe ich es gelassen. Und zwar deswegen, weil ich dachte, die Frage gebe ich Herrn Gabriel weiter.
- Warum muss ich gründlich suchen, um die Stimme zu finden? Wieso gibt es kaum Frauen, die sich atheistisch artikulieren?
- Das ist eine schwierige Frage, zu der man recherchieren müsste. Das Verhältnis von Theologie und Gender
- ist ein hochkomplexes, das man erforschen muss. Doch auch da wären sicher
- auf beiden Seiten der Gemengelage Stimmen zu finden. Es gibt insbesondere gewichtige Mystikerinnen,
- die man vielleicht als Vorstufen einer bestimmten Form der Religion kategorisieren müsste.
- Doch wir müssen sehen, dass auch im theologischen Denken ... Ich nenne jetzt nur x-beliebig Hildegard von Bingen als Beispiel.
- Oder die Heilige ... - Mechthild von Magdeburg. ... die Heilige Theresa usw.
- D.h., man wird immer wieder Figuren auf beiden Seiten des Nachdenkens über Gott finden.
- Warum das atheistische Lager, insbesondere die Neoatheisten, die wir gerade gehört haben,
- Daniel Dennett, Richard Dawkins oder auch der Physiker Lawrence Krauss, die sozusagen zur selben Gang gehören ...
- Warum da der Atheismus eine vielleicht männliche Gestalt annimmt,
- wäre eine interessante Frage der Geschlechterforschung. Nun zur eigentlichen Frage.
- Die zwei widersprechen Ihnen ja diametral. Wo ist der springende Punkt des Atheismus?
- Ich glaube, die Erklärungen, die wir eben von Dennett und Dawkins gehört haben,
- sind auf der elementaren religions- philosophischen Ebene falsch. Wir haben Aussagen gehört,
- die bei genauerer Betrachtung nachweislich falsch sind. Z.B. die These von Richard Dawkins,
- dass Gott angeführt wird, um Phänomene der Natur naturwissenschaftlich mit einer schlechten Erklärung zu erklären:
- "Gott hat das gemacht." Warum gibt es zwei Geschlechter im Paradies?
- Gott hat das gemacht. Warum gibt es Krankheiten? Gott hat sie gesandt.
- Das aber ist nicht in der Religion zu finden. Es ist eine religionsphilosophisch inakzeptable These,
- dass der Begriff oder die Idee Gottes in der Menschheitsgeschichte eingeführt wurde,
- um Naturerscheinungen zu klären. Ich würde behaupten, das ist
- eine der schlechtesten religions- wissenschaftlichen Hypothesen, die man formulieren kann.
- D.h., unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten halte ich die Aussage von Dennett für disqualifiziert.
- Dito für ... Von Dawkins, Entschuldigung. Dito für die Aussage Dennetts, dass die Funktion der Religion Gottes
- darin besteht, soziale Kohäsion zu stiften. Und dass überdies Gott für diese Funktion
- heute nicht mehr gebraucht wird in demokratischen Staaten. Das widerspricht der Tatsache,
- dass auch in liberalen, demokratischen Rechtsstaaten sehr viele Menschen an Gott glauben,
- und dass es organisierte Kirchen mit Kirchensteuer gibt. Z.B. in der Schweiz oder in Deutschland.
- Auch das widerspricht insgesamt den Tatsachen. Und es stimmt gar nicht, dass menschliche Gemeinschaften
- durch den Glauben an Gott immer zusammengehalten wurden und jetzt können wir das z.B. durch Naturwissenschaften ersetzten.
- Die Erklärungen, die wir hier gehört haben, über den Ursprung und die Funktion der Religion,
- sind unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten - und das beanspruchen Dennett und Dawkins - nicht seriös.
- Darin sehe ich das erste Problem. Doch nun kann es ja sein,
- dass alle anderen irren. Die Kirchen können irren.
- Das alte Argument von Feuerbach, dass wir aus einer tiefgreifenden Sehnsucht nach dem,
- was wir nicht sind und was wir gern haben und sein wollten, all das projizieren.
- Nämlich es gäbe Gott, um die Schwäche der Menschheit zu füllen.
- D.h., Sie würden sagen, Marxisten, Neoatheisten, Naturalisten, sie alle irren?
- Richtig, das würde ich sogar ganz bestimmt so behaupten. Da wir es hier noch nicht mit einer religiösen Frage zu tun haben.
- Wir befinden uns auf dem Feld vor Beantwortung der Frage, ob es Gott gibt.
- Jetzt stellen wir die Frage: Wie kommen Menschen auf die Idee Gottes
- und welche soziologische oder explanatorische Funktion hat die Idee Gottes im menschlichen Leben?
- Auf diese Frage gibt es wissenschaftliche Antworten. Diese wissenschaftlichen - religionswissenschaftlichen,
- theologischen, religionsphilosophischen - Antworten, die wir aus dem Lager Feuerbach usw. hören,
- sind alles Thesen, die nachweislich nicht tragfähig sind. Das stimmt alles so nicht, was wir da hören.
- Es gibt viel bessere Alternativen. In den letzten 200 Jahren wurde dazu gearbeitet.
- Es ist interessant, dass diese gesamte Diskussionslage, die wir aus den relevanten Disziplinen haben ...
- Sei es die Ägyptologie, die sich mit der Frage des Ursprungs des Monotheismus in Ägypten beschäftigt,
- oder die Judaistik oder die Islamwissenschaft. Um nur mal Gebiete aufzurufen,
- an die man bei Religion manchmal nicht denkt. Dort kriegen wir Antworten auf die Frage,
- die - im Wettbewerb mit dem, was wir gehört haben - aus meiner Sicht besser sind.
- Da geht es schon los. Lassen Sie uns in den zweiten Themenkomplex eindringen,
- den religiösen Gott Zuvor vielleicht die Frage, die auch dazu gehört:
- Wie würden Sie dann den Andrang auf diese Sicht erklären? Worin besteht die Anziehungskraft von Naturalismus
- und v.a. von Atheismus? Wir leben in den letzten 200 Jahren in einem Zeitalter,
- das sich auf dem Weg zu dem befindet, was ich den modernen Nihilismus nennen möchte.
- Der moderne Nihilismus ist die vielen von uns einleuchtende Idee, dass das Leben nach dem Tod
- genauso sein wird wie das Leben vor dem Tod, also gar nicht. Und dass unser individuelles Leben darin besteht,
- dass wir in einem kurzen Zeitfenster - mit etwas Glück in 80 gesunden Jahren -
- nach dem Augenblicksglück streben. Und dass es mehr Sinn im Leben oder gar Sinn des Lebens nicht gibt.
- Es gibt dieses ganz kurze Zeitfenster. Was ausserhalb dieses individuellen Zeitfensters passiert,
- erklärt die Naturwissenschaft. Wie die Dinge waren, bevor es mich gab,
- kann die Physik erforschen. Da galten bereits die Naturgesetze,
- Energieerhaltungssätze, Strukturbildung, Evolution usw. Was nach mir kommt, ist im Wesentlichen so wie jetzt,
- nur ohne mich. Der moderne Nihilismus leuchtet uns ein,
- er scheint geradezu selbstverständlich. In diesem Bild kann Gott keine relevante Rolle spielen.
- Da würde man sagen: "Was soll Gott denn in dem Bild?" Das wäre tatsächlich eine unnötige Zusatzhypothese,
- wie Laplace gesagt hat. Als Napoleon ihn fragte: "Wie sieht das in Ihrer Physik mit Gott aus?",
- sagte Laplace bekanntlich: "Ich habe kein Bedürfnis für eine solche Hypothese."
- D.h., wenn man glaubt, dass die Wirklichkeit ungefähr so ist,
- wie wir glauben, dass die Physik sie beschreibt ... 14 Mrd. Lichtjahre,
- Entfaltung von Materie und Energiestrukturen in der Raumzeit, und mehr gibt es nicht zu sagen.
- Wenn wir das glauben, verschwindet Gott und der Sinn unseres Lebens wird reduziert
- auf eine mehr oder weniger egoistische Bedürfnisbefriedigung. Das ist der moderne Nihilismus.
- Ist das nur egoistisch? Warum ist es schlecht, so zu leben?
- Wer braucht denn heute noch Gott? Die Frage ist ja, ob die Weltanschauung,
- die ich gerade skizziert habe, richtig ist. Ich kann in dieser Weltanschauung leben -
- Um den Preis, den wir heute erleben: einer Gefahr der Selbstausrottung der Menschheit.
- Ein Teil ... - Das würden Sie zurückführen auf ein atheistisches, nihilistisches Weltbild?
- Ja, eindeutig. Ich behaupte, dass die Kombination des modernen Kapitalismus -
- mit all seinen Vorzügen, die ich nicht infrage stelle - mit dem Positivismus, dem Glauben, dass die Naturwissenschaften allein
- erklären, wie es um den Menschen und seine Gesellschaft steht ... Dass diese Kombination,
- die im 19. Jh. die grosse Weltbildformation wird ... Ein solches Weltbild haben wir im Grunde heute geerbt.
- Diese Kombination ist die Quelle der derzeitigen ökologischen Krise. Das würde ich tatsächlich behaupten.
- Damit sehen wir, wohin es - jedenfalls derzeit - führt. Eine ethische Reform, auch für ein solches Weltbild,
- ist ohnehin notwendig. D.h., Sie würden sagen,
- dass die Welt mehr ist als die Summe der Puzzleteilchen der Materie? Fraglos.
- Wir wissen, wenn wir die Idee hätten, dass die Wirklichkeit insgesamt nichts anderes ist
- als Verschiebungen materiell energetischer Systeme ... Also Materialismus mit moderner Physik erklärt.
- Das ist natürlich schwierig. Die Quantenphysik ist nicht so materialistisch
- wie die Korpuskeltheorien der Frühen Neuzeit. Dennoch hätte man dann eine Idee des Humeschen Mosaiks,
- wie das der Philosoph David Lewis nannte. Die Wirklichkeit ist ein Puzzleteil und dann noch eins,
- und wenn man fertig ist, hat man sie. Was man dabei aber von vornherein übersieht, ist,
- dass unsere naturwissenschaftlichen, erfolgreichen, beeindruckenden Erklärungen
- eben dieser Puzzlestruktur, selber Dinge in Anspruch nehmen, die naturwissenschaftlich nicht erklärbar sind.
- Z.B.: Warum ist die Natur mathematisch beschreibbar? Der grosse Physiker und Nobelpreisträger Eugene Wigner
- schrieb einen tollen Aufsatz zu dem Thema: "The Unreasonable Effectiveness of Mathematics",
- also "Die unvernünftige Effizienz der Mathematik". Bis heute ungeklärt ist die Frage, wie es sein kann,
- dass unsere mathematischen, geistigen, nicht materialistischen Erklärungen ...
- Eine Differentialgleichung, die man braucht, um Physik zu schreiben,
- ist selber nicht Teil der materiell energetischen Wirklichkeit. Daran sehen wir von vornherein,
- dass die logischen, rationalen, mathematischen Ressourcen, dank derer wir das Universum physikalisch erst entziffern können,
- Indikator eines Höheren sind. Deshalb geht es selbst bei Einstein noch um Gott.
- Wenn Einstein gegen die Quantenphysik das berühmte Diktum "Gott würfelt nicht" ausspricht,
- sehen wir das sogar im Herzen der modernen Physik. D.h., dass Gott bei Einstein, und sei es als Chiffre,
- eine Rolle spielt. Wie würden Sie sich zur Existenz oder Nichtexistenz Gottes verhalten,
- wenn wir über den religiösen Gott sprechen, indem Sie mir erklären, was das mit Heidi
- und Einhörnern zu tun hat? Heidi, Einhörner und den Weihnachtsmann -
- da möchte ich Dennett dringend widersprechen - gibt es natürlich wirklich.
- Mindestens als Fiktionen. Die Dinge, die über Heidi wahr sind, dass ihr Grossvater der Alpöhi ist,
- der, wenn ich mich richtig erinnere, in Neapel im Militär gedient hat.
- Dass sie ein Waisenmädchen ist, dass sie in Graubünden lebt usw. Das sind alles Wahrheiten über Heidi.
- Genauso gibt es Wahrheiten über Einhörner. Dass sie ein Horn haben,
- dass im Film "Das letzte Einhorn" am Ende viele Einhörner vorkommen. Es gibt viele Wahrheiten über diese fiktionalen Dinge.
- Daraus folgt, dass es diese fiktionalen Dinge gibt, und sei es in Akten unserer Einbildungskraft.
- D.h., den Weihnachtsmann gibt es mindestens in Praktiken des Glaubens an ihn.
- Dennett unterschätzt, dass es viele Dinge nur deswegen gibt, weil wir an sie glauben.
- D.h. aber nicht, dass es sie deswegen nicht gibt. Dinge, die es nur gibt, weil wir an sie glauben,
- Geld, Demokratie, freie Presse, Liebe, alle Beispiele, die Dennett selber gebracht hat,
- gibt es nur, weil sie abhängig davon sind, wie wir uns zu ihnen verhalten.
- Selbst wenn Gott im Reich der Einhörner und Heidis existiert, und ich glaube, darauf werden wir Gott nicht reduzieren können,
- selbst dann wäre Gott immer noch die mächtigste Fiktion. Dann wäre seine Macht die, die die Bibel als Werk hat:
- Bestseller aller Zeiten zu sein. Das wäre dennoch eine Macht, die von dieser Fiktion ausgeht.
- Genau diese Erklärung, eines Gottes als die mächtigste Fiktion, scheint mir für das religiöse Selbstverständnis
- noch nicht genügsam zu sein. Das genügt noch nicht.
- Denn Religionen scheinen zu behaupten, dass Gott mehr ist als die mächtigste Fiktion.
- Mir scheint, das ist gerade das Problem, vor dem wir stehen. Inwiefern kann man aus einer Fiktion,
- auch wenn sie die mächtigste ist, Bedeutung und Sinn schaffen?
- Da kommt in der Tat die Schnittstelle des religiösen und des philosophischen Gottes ins Spiel.
- Grosse Denker wie René Descartes, der physikalisch nicht gerade ungebildet war ...
- Wir alle kennen kartesische Koordinatensysteme. Wir hätten keine moderne Physik und Mathematik ohne Descartes,
- der bezüglich des Universums materialistisch argumentiert hat. Doch Descartes hat einen berühmten Gottesbeweis geführt,
- der im 20. Jh. von Emmanuel Levinas verfeinert wurde. Da war der Gedanke, dass die Idee Gottes,
- und sei sie eine Fiktion, so argumentierten sie ... Das glaube ich nicht, aber ich will darauf hinweisen,
- dass das der springende Punkt ist. Sie argumentierten so, dass sie sagten,
- diese Idee kann niemandem eingefallen sein. Man kann verstehen, dass jemandem Heidi oder Einhörner einfallen,
- aber das ist eine Idee, die so mächtig ist, so viel Inhalt hat, nämlich den Inhalt der Unendlichkeit selbst,
- dass sie niemandem eingefallen sein kann. Die Idee hat einen Inhalt, der über alles hinausgeht,
- was wir uns vorstellen können. Das ist übrigens auch wenig bekannt:
- Der wahre Sinn des berühmten ontologischen Gottesbeweises von Anselm von Canterbury geht nicht so, wie man gern hört,
- dass er sagt: "Stell dir vor, es gäbe ein allermächtigstes Wesen." "Dieses allermächtigste Wesen muss existieren,
- sonst gäbe es ein noch mächtigeres Wesen, nämlich das mächtigste Wesen, das existiert."
- Das ist die vereinfachte Version. Anselm geht aber weiter, genauso wie Descartes und Levinas,
- indem sie sagen, Gott ist mächtiger als alles, grösser noch als alles, was wir denken können.
- Dieser Überschuss, der Gedanke von etwas, das wir denken können,
- das aber grösser ist als alles, was wir denken können, das ist die Schnittstelle,
- an der sich das reine philosophische Nachdenken über Gott und der Gott der Religion,
- der Gott Abrahams, Isaacs und Jakobs berühren. Hm.
- Und doch kann man vor einem philosophischen Gott weder musizieren noch tanzen.
- Lassen Sie uns einige Eindrücke hierzu anschauen, die die besondere Hingabe und Sehnsucht
- menschlicher Existenz dokumentieren, die nach Gott und Göttlichem hungert. * Trommeln *
- * Wasserrauschen * * Donner *
- * Trommeln * * Ethnischer Gesang *
- * Sphärische Klänge * * Schnelle Laute *
- * Trommeln * Herr Gabriel, fehlt Ihnen diese letzte Berührung,
- die die Philosophie nicht bieten kann? Ich würde sagen, auf gewisse Weise schon.
- Philosophie ist ja die Disziplin, die damit arbeiten muss, dass es Dinge gibt,
- die wir nicht wissen, nicht erfassen und nicht erkennen können. Ich verstehe die Philosophie als die Wissenschaft der Grenzen.
- Der Grenzen des Sagbaren, des Denkbaren und auch der Grenzen unseres Wissens.
- Was jenseits der Grenzen ist, die wir philosophisch durch ordentliche Arbeit gerade noch ziehen können,
- ist etwas, wo die Philosophie nicht weiterkommt. Daher auch das atheistische Bedürfnis in der Philosophie,
- endlich einen Schlussstrich unter die philosophische Arbeit zu machen und Dogmatiker zu werden.
- Also zu glauben, dass man doch Bescheid weiss. Die Dinge sind so, wie Physik oder Neurowissenschaft sagen.
- Das wäre eine endgültige Erklärung. Dann haben wir zwar die Details noch nicht,
- wissen aber ungefähr wie es aussieht. Dazu hat Immanuel Kant zu Recht gesagt:
- "Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen." Er sagt das, darauf folgt direkt eine Kritik
- am "Dogmatismus der Metaphysik", den er für eine Quelle des Unglaubens hält.
- Was er damit meint ist: Glaube in der Philosophie beginnt damit, dass wir verstehen:
- Hier ist eine Grenze, diese Grenze verschiebt sich. Wir wissen oft nicht genau, wo die Grenzen liegen.
- Die Grenzen des Denkbaren stehen nicht fest. Sie sind beweglich, da die Menschheit sich
- durch wissenschaftlichen Fortschritt bewegt. Doch jenseits der Grenze des Wissbaren,
- wo auch immer sie genau liegt, dort liegt - wenn überhaupt - der Gott der Religion.
- Das ist deshalb ein anderer Gott als der, der philosophisch angepeilt werden kann.
- Wenn es den Gott der Religion gibt ... Dazu habe ich mich heute hier noch gar nicht verhalten.
- Ich habe nur gesagt, was es heissen würde, darüber nachzudenken. ... dann wäre Gott ein persönlicher Gott.
- Ein Gott, der von der anderen Seite einer von uns gerade noch beschreibbaren Grenze her,
- antwortet, uns entgegenkommt. Das wäre der persönliche Gott und auch der Gott,
- um den es in der Religion geht. Das ist eben kein Gott des Aberglaubens,
- wie die Neoatheisten meinen. Das ist der Gott, vor dem man niederkniet.
- Das ist der Gott, zu dem Menschen beten. Das ist der Gott der Freude,
- der Quelle des Tanzes, der Ängste usw. Das ist eine Erfahrung und kein Spaghetti-Monster,
- das Menschen einführen, weil sie schlecht in Physik sind. D.h., Sie würden das Verhältnis zwischen Philosophie und Religion
- als ein Verhältnis zwischen Grenze und Grenzüberschreitung beschreiben? Wo steht Markus Gabriel innerhalb dieser Beschreibung?
- Ich versuche in meiner philosophischen Arbeit immer wieder, die Hand sozusagen über die Grenze zu strecken.
- Ich bin mit dem Kopf auch nicht durch die Grenze gekommen, sonst wäre ich auch schon kein Philosoph mehr.
- Aber vielleicht ist es so, dass ich bereit bin, wie viele Philosoph/-innen der Tradition auch -
- z.B. Edith Stein, die grosse Denkerin aus Freiburg, die sich mit den Themen des 20. Jh. beschäftigt hat.
- Sie war eine berühmte Schülerin Husserls. Sie versucht, sozusagen mit dem Kopf über die Grenze hinwegzukommen.
- Ich habe jedenfalls meine Hände in Richtung Transzendenz ausgestreckt. Ich weiss nicht, ob sie jemand entgegengenommen hat.
- Wenn ich das schon wüsste und nicht nur die Markierung einer Grenze hätte,
- dann wäre ich als Philosoph religiös und dann in dieser Funktion nicht mehr Philosoph.
- Philosophen sind - wenn ich so theologisch reden darf - allenfalls wie Johannes der Täufer.
- Jemand anderes muss antworten, das kann die Philosophie selbst nicht mehr tun.
- Und ich bin froh und zufrieden mit der Rolle des Philosophen. Unbefriedigend ist, dass man nicht in die Transzendenz blicken kann.
- Man kann sie aber schützen vor denjenigen, die behaupten, es gäbe sie nicht.
- Und das sehe ich als eine Funktion der Philosophie. Ist das mit ein Grund, warum in allen Ihren Büchern
- mindestens ein Kapitel über Religion oder Gott existiert? Vielleicht war das auch ein Grund, weshalb ich Sie als Philosophen
- in die "Sternstunde Religion" geholt habe, um zu fragen, welches Bedürfnis dahinter steckt.
- Ist das die ausgestreckte Hand, die Sie erwähnten? Ja, man könnte vielleicht sagen - um noch mal zum Beginn
- unseres Gesprächs zurückzukehren und den Kreis zu schliessen: Ich glaube, dass es von uns unabhängige Bedeutung gibt.
- Nicht nur sprachliche Bedeutung, die es uns erlaubt, miteinander zu kommunizieren,
- oder strukturelle Bedeutung, die wir in der Form eleganter physikalischer Gleichungen erfassen können,
- sondern menschliche, existenzielle Bedeutung. Wir wissen alle, dass unsere Freunde, unsere Liebsten
- oder die wichtigsten Dinge, die uns passieren, die wir für verändernd halten,
- also unsere relevanten Erfahrungen - die gegenwärtige Philosophie spricht von "transformativen Erfahrungen",
- wie die Geburt eines Kindes oder das sich Verlieben - dass wir da auf Bedeutung treffen, die schon da ist,
- auf eine Art des Schicksals. Wie würden Sie dann den Unterschied
- zwischen religiös und areligiös definieren? Konkret würde ich sagen, jemand ist wirklich Atheist, wenn er glaubt,
- dass er die eigene Frau auch nicht hätte heiraten können. Die atheistische Einstellung wäre: Mein Kind bedeutet mir nur mehr
- als andere Kinder, weil das evolutionär nützlich ist. Weil ich ein Primat bin, muss ich
- aus irgendwelchen Endorphin- Ausschüttungsgründen usw. - also hormonal scheint mir dieses kleine Tier wichtiger
- als jenes kleine Tier. Das wäre eine atheistische Ein- stellung zu seinen eigenen Kindern
- oder zur eigenen Frau - man hätte auch eine andere haben können. Und die religiöse Einstellung ist, zu sagen:
- Die bedeutenden Dinge in meinem Leben - Freundschaften, mein Beruf, das Gelingen, das Schöne,
- Seen und Berge, um Schweizer Beispiele für etwas aus meiner Sicht objektiv Schönes aufzurufen ...
- Wenn man glaubt, der Zürichsee oder der Genfersee - um beiden Seiten der Schweiz ihr Recht zu geben -,
- seien objektiv schön, dann ist man eigentlich schon religiös. Wenn man glaubt, das sieht nur schön aus für Tiere wie wir,
- dann ist man nicht religiös. Das ist die Wasserscheide, wo man steht.
- Das würde heissen, dass ein Atheist nicht romantisch sein kann? Richtig. Neoatheisten müssen ja versuchen,
- alles im menschlichen Leben auf das zu reduzieren, was sich naturwissenschaftlich mehr oder weniger einfach erklären lässt.
- D.h., Liebe muss dann eine Funktion der Fortpflanzung sein. Oder die Erfahrung des Schönen muss eine Erfahrung der Sicherheit sein.
- "Hier fühle ich mich gut, hier bin ich sicher, und deswegen erscheint mir der Bergsee schön."
- Dieses Mehr, das Sie sozusagen anführen, warum ist das kein Wunschdenken?
- Dass Ihre Frau die einzige alternativlose Person ist, die Sie lieben, oder Ihren Kindern wirklich diese Bedeutung zukommt?
- Was ist, wenn das nicht der Fall ist? Wir wissen das ja nicht.
- Deswegen sind wir frei. Eine Antwort auf die Frage, wie sich Gott, wenn es ihn denn gibt,
- zum Menschen verhält, ist zu sagen - was die Theologien auch sehr eindeutig sagen -,
- dass Gott den Menschen als frei geschaffen hat. Wir wären nicht frei, wenn wir die Frage,
- ob wir es hier mit einer Projektion zu tun haben oder mit der Erfassung dessen, wie die Dinge sind,
- objektiv beantworten könnten. Deswegen sagt Kant ja:
- "Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen." Das ist keine Ausrede, sondern das Bewusstsein dafür,
- dass sich diese Frage nur beantworten lässt, indem man den Sprung in den Glauben wagt.
- Im Übrigen ist es nicht so, als hätte der Atheismus hier den Vorzug weniger naiv zu sein als die religiöse Einstellung,
- denn der Atheismus ist auch ein Sprung in den Glauben. Nämlich in den Glauben, dass wir alles naturwissenschaftlich
- erklären können, obwohl das faktisch nicht so ist. Es ist nicht möglich, naturwissenschaftlich zu erklären -
- auch nicht mit Supercomputern -, wie genau die Moleküle dieses Tisches so zusammenhängen,
- dass wir von der quantenmechanischen Kleinstebene bis zu dieser Mesoskala kommen.
- Das ist physikalisch nicht gelöst, weil es da viel zu viele Freiheitsgrade gibt.
- Sie würden also sagen, dass man genau genommen gar nicht atheistisch sein kann.
- Richtig. Der Atheismus ist selber eine Form des Glaubens. Nur eben ein Glaube ohne Gott.
- Der Atheismus ist der Glaube an die Bedeutungslosigkeit des eigenen Lebens.
- Das ist der Glaube. Und die Frage ist, auch mal aus psychotherapeutischer Perspektive:
- Warum möchte man dann lieber glauben und hält es für weniger naiv, dass das eigene Leben und das der anderen
- eigentlich objektiv bedeutungslos ist? Warum möchte man das lieber glauben als zu glauben,
- dass die Dinge, die uns bedeutungs- voll erscheinen, es auch sind? Warum ist das naiv und nicht das andere?
- Diese Antwort, aus existenzieller Perspektive, habe ich von den Atheisten bisher noch nicht erhalten.
- Wir sprachen über das Persönliche, das Individuelle, auch über das philosophisch-religiöse Verschränktsein.
- Wie steht es um die Gesellschaft, die Gemeinschaft? Welche Bedeutung hätte dann die Religion
- für eine säkulare Gesellschaft? In einer säkularen Gesellschaft, in deren Grundform
- der liberale demokratische Rechtsstaat ist, darf jeder nach seiner Façon selig werden.
- D.h., ganz entscheidend müssen wir sehen, dass die metaphysischen, theologischen, religiösen
- und auf eine bestimmte Weise sogar die philosophischen Grundlagen unserer Gesellschaft unseren liberalen Entscheidungsspielraum
- nicht übermässig strukturieren. Das ist der Sinn des säkularen Staates.
- Und das ist eine vernünftige Idee, weil sie auf der liberalen Erkenntnis aufbaut
- dass wir Dinge nicht wissen. Der heute moderne Imperativ - "Folge der Wissenschaft!",
- "Baue wissenschaftliche Grundlagen für den Staat!" - ist ein wesentlich antiliberaler Imperativ
- und auch nicht mehr der säkulare Rechtsstaat, weil wir eine bestimmte Form der versteckten Religiosität verwenden,
- um andere Religionen auszuschliessen. Der wahre liberale, demokratische Rechtsstaat
- erträgt nicht nur, sondern fördert die Pluralität der religiösen Erfahrungen der Wirklichkeit.
- Und was hat die säkulare Gesellschaft von der Religion? Welchen Mehrwert hat sie davon?
- Die Anerkennung des Umstandes, dass sehr viele Menschen in vielen Staaten dieser Welt,
- auch in Demokratien wie Indien z.B., dass die absolute Mehrheit der Menschen religiös ist -
- die überwältigende Mehrheit im Falle von Indien. Wir können keinen liberalen, demokratischen Rechtsstaat haben,
- der das wesentliche Bedürfnis der Menschen in seiner Pluralität, das schliesst den Atheismus selbstverständlich mit ein,
- dass ein solcher Staat einige Menschen und teilweise sogar Mehrheiten
- nicht in ihren fundamentalen Haltungen anerkennt. Das wäre ja so, als könnte der Staat wissen,
- dass es Gott nicht gibt und die Naturwissenschaften das Universum vollständig erklären.
- Das wäre für mich überraschend, wenn Olaf Scholz diese relevante Erkenntnis hätte.
- D.h., der Bundeskanzler im Fall von Deutschland oder die Bundesratsstruktur in der Schweiz
- können doch nicht darauf aufbauen, dass man die relevanten weltanschaulichen Fragen zunächst einmal klärt.
- Sondern der liberale demokratische Rechtsstaat ist weltanschaulich maximal offen und baut deswegen seine Gesetze so -
- Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit usw. -, dass sie Raum geben für Religion,
- ohne diesen Raum zu entleeren oder selbst zu füllen. D.h., der säkulare Rechtsstaat ist religionsfreundlich.
- Die Frage ist nur, weil ... Religionen haben ja mehrere Seiten.
- Die sind ja nicht nur positiv besetzt. Sie generieren nicht nur Bedeutung in einer säkularen Gesellschaft
- und unterstützen diese, sie haben auch extreme Formen. Es gibt genügend Missstände.
- Ob es nun mit Kirchen oder anderen Formen der Religiosität zu tun hat, Extremismus, Fundamentalismus -
- das sind Fragen und Krisen unserer Zeit. Sie sind es denn auch, die die Neigung erzeugen,
- dass man die Religion überhaupt infrage stellt. Gibt es etwas Religiöses, das Ihnen zuwider ist?
- Der Dogmatismus. D.h. der Glaube, dass man Bescheid weiss.
- Eine Schwachstelle jeder organisierten Religion ist, dass sie Fundamentalismus generieren kann.
- D.h., Glauben wird dann plötzlich doch durch Wissen ersetzt. Aus Wissen werden sogar konkrete Handlungsanweisungen abgeleitet,
- die für alle Menschen gelten sollten. Das gibt es nicht nur in der Form des islamistischen Terrorismus,
- der uns insbesondere zu Beginn dieses Jahrhunderts beschäftigte, sondern auch in der Form des christlichen Fundamentalismus.
- Etwa die evangelikalen Formen radikalen Christentums in den USA, die dafür sorgen werden, dass der Verbrennermotor so schnell
- nicht verschwindet und die viele andere Missstände generieren. Das sind auch alles Formen
- eines aus meiner Sicht religiösen Aberglaubens. Warum Aberglaube? Weil aus der Erfahrung Gottes sicherlich nicht konkret
- abgeleitet werden kann, wie alle Menschen zu leben haben. Das ist die Pointe.
- In den heiligen Schriften bleibt vieles offen. Die Dinge sind nicht eindeutig.
- D.h., die Gefahr der Religion ist, dass sie umschlägt, nicht mehr in ein persönliches Erleben von Bedeutsamkeit,
- sondern in eine Anmassung von Wissen dort, wo wir keines haben. Das ist genau die Dialektik.
- Aber ist das nicht d a s Religiöse? Also ist das Problem der Religion dann nicht die Religion selbst,
- die sich irgendwann doch organisiert und Machtstrukturen schafft? Vielleicht der Durst der Menschen nach Erklärungen,
- dass sie wissen wollen, was richtig und was falsch ist? Woher unsere Bedeutung kommt? Warum wir leben und wo wir hingehen?
- Dass Religion all das in gewisser Weise klärt oder zumindest eine Lesart vorschlägt.
- Ja, und da müssen wir uns hüten, und zwar deswegen, weil Religion das nicht leisten kann.
- Wenn Religion das versucht - und das ist vielleicht die Art von organisierter Religion,
- die Dennett und Dawkins aus poli- tischen Gründen angreifen wollen, überschreitet sie ihre eigene Grenze.
- D.h., von Menschen organisierte Religion kann nicht mehr sein als das, was Menschen wissen.
- Und dann ist es nicht möglich, dass wir auf der Basis heiliger Schriften
- oder ihrer Interpretation unter gegenwärtigen Bedingungen konkrete ethische Handlungsanweisungen ableiten.
- Das ist nicht machbar. Was sagt uns das Neue Testament über die Ethik Künstlicher Intelligenz?
- Nichts. Weil keine Rede sein kann von der Ethik der Künstlichen Intelligenz
- im Jahre 0, es war kein relevantes Thema. Und so ist es mit jedem anderen Thema auch.
- Ein modernes Phänomen - ein sehr schwieriges - wie die medizinisch vertretbare Form der Abtreibung -,
- dazu können die heiligen Texte nichts Sinnvolles sagen, weil sie sich dazu noch nicht verhalten konnten.
- Deswegen müssen wir in der Gegenwart bestenfalls dafür sorgen, dass der Raum der Transzendenz geöffnet bleibt.
- Aber in diesen Raum einzudringen mit Wissensansprüchen, verletzt eigentlich die Spielregeln der Religion.
- Sie plädieren also für ein dialogisches System, in dem sich Religion, Philosophie, Kulturwissenschaften und Künste
- gemeinsam an der Wirklichkeit abarbeiten? Ist es das, was Sie unter einer neuen Aufklärung fordern?
- Um zum vierten Themenkomplex zu kommen, der Frage nach Gott und der Gegenwart.
- Meine Idee einer neuen Aufklärung besteht darin, dass wir unsere ethischen Fragen -
- was schulden wir einander lediglich insofern wir Menschen sind? Was sollen wir tun, jeder von uns?
- Diese Fragen können wir nur dadurch beantworten, dass wir alle Sektoren der Gesellschaft
- in ein neuartiges Gespräch miteinander bringen. Und das schliesst selbstverständlich mit ein,
- dass wir die Religionen, im Plural, mit ihren verschiedenen Ansprüchen nicht nur in einen Dialog miteinander versetzen,
- sondern auf die Frage losjagen, wie die Wirklichkeit beschaffen ist. Es war ja einmal so, früher wurden Kriege für die Frage geführt:
- Trinität - ja oder nein? Und faktisch werden auch heute noch Religionskriege geführt.
- Und wir wollen keine Religionskriege führen, sondern die religiösen Fragen, auch die theologischen,
- miteinander seriös bearbeiten. Natürlich muss die Theologie mit am Tisch sitzen,
- was in den Ethikkommissionen auch häufig so ist. Aber es darf dann im liberalen, demokratischen Rechtsstaat
- nicht nur die christliche Theologie sein, auch in mehrheitlich christlich geprägten religiösen Kontexten.
- Unsere hinduistischen oder muslimischen Mitbürgerinnen müssen mit am Tisch sitzen, wenn wir religiöse Fragen erörtern.
- Das wäre sozusagen die neue Aufklärung. Das ist keine anti-religiöse Haltung, sondern genau das,
- was wir von "Nathan der Weise" gelernt haben: Die Religion hat den ethischen Anspruch,
- den jede Ethik haben muss, nämlich einen universalen. Und dort, wo religiöse Erfahrung den universalen Anspruch einlösen kann,
- gehört sie eben auch mit an den Tisch. Wo das nicht so ist,
- ist sie für gesellschaftliche Fragen unerheblich. D.h., unser Leben hat einen Sinn, den wir ihm selbst nicht geben?
- Davon würde ich fest ausgehen. Argumentieren wir mal anders rum:
- Wenn das Leben nur den Sinn hätte, den wir ihm gäben, dann wäre dieses, das sich selbst Setzen des Sinns,
- selber etwas, das schon da ist. Wir setzen das ja nicht noch mal. Wer glaubt, dass das Leben nur den Sinn hat, den man ihm gibt,
- glaubt ja an seine eigene absolute Schöpferkraft. D.h., die Idee Gottes ist dort anwesend,
- aber man hat sie von aussen nach innen verlegt. "Die Sonne, sie war nicht, ehe ich sie schuf",
- heisst es einmal ironisch bei Goethe. Da wird auch eine Figur vorgeführt,
- die genau so eine Auffassung hat, in "Faust II". Das ist der moderne Nihilismus, der letztlich glaubt,
- dass er selber an die Stelle Gottes getreten ist. Insofern ist er nicht ansatzweise so atheistisch, wie er gerne vorgibt.
- Demnach würde dann der Zauber Gottes daher kommen, weil er abwesend ist. Richtig. Ein jüdischer Freund von mir sagte jüngst -
- das war mir nie so klar und fasst vieles zusammen, was ich für eine echte religiöse Wahrheit halte:
- "Man kann Gott um vieles bitten." "Das heisst aber lange noch nicht, dass er zuhört."
- D.h., Gott ist nicht Teil eines Algorithmus. Wer glaubt, dass er durch ein Gebet etwas erreichen kann,
- sozusagen eine Wunschliste an Gott, der wird immer wieder scheitern. Das heisst aber nicht, dass es keinen Gott gibt,
- sondern es bedeutet nur, dass der Abstand zwischen Mensch und Gott darin besteht, dass das, was wir gerade für unseren Wunsch halten,
- aus der angenommenen Perspektive Gottes noch lange nicht relevant ist.
- Das heisst ... ... wenn es keinen Gott gäbe, würden Sie einen Gott erfinden?
- Wenn es keinen Gott gäbe, würden Menschen ihn erfinden. Und darin bin ich mir ja mit den Atheisten einig.
- Entweder es gibt einen Gott, unabhängig von unseren Projektionen, oder Gott ist mindestens unsere Projektion.
- Das war die Erkenntnis Georg Friedrich Wilhelm Hegels, der teilweise auf diese Debatte schon antwortet.
- Die Links-Hegelianer Feuerbach und Marx haben Hegel eine Projektionsthese entnommen.
- Hegel sagt aber genau genommen, dass es für Gott unerheblich ist, ob er unabhängig von unserer Setzung existiert,
- weil diese Setzung schon so mächtig ist, dass man sagen kann: Vielleicht ist Gott der Umstand, dass wir hier etwas setzen,
- das wir nicht selbst gemacht haben können. Gott wäre dann die Idee von etwas, auf das wir nur stossen können,
- wenn wir es nicht selbst gemacht haben. Deswegen sagen die Traditionen ja:
- Gott und die Wirklichkeit sind letztlich dasselbe. Daraus ergibt sich das Problem, dass das, was wir Gott nennen,
- nicht eindeutig ist. Wenn wir nochmals auf Heidi zurückkommen:
- Ich denke, dass Ihr Verständnis und Ihr Sinn für Heidi doch ein anderer sein dürfte als jener vieler anderer.
- Dadurch gäbe es sozusagen unterschiedliche Heidis - Elfen und Einhörner und alles, was es in irgendeiner Weise gibt,
- in irgendeinem Sinnfeld. Wie würde sich darin dann Gott einfinden?
- Gäbe es dann doch mehrere Götter? Wenn Gott bloss ein fiktionaler Gegenstand wäre wie Heidi,
- dann gäbe es dadurch natürlich viele Götter. Genau das haben Sie ja behauptet, Gott sei eine Fiktion.
- Nein, ich habe gesagt, Gott ist mindestens die mächtigste Fiktion. Jetzt ist die Frage,
- ob wir die mächtigste Fiktion so denken können, dass eine Vielheit noch möglich ist.
- D.h., wenn wir Gott durchdenken, ist es dann noch möglich, dass sich jeder ein anderes Gottesbild macht?
- In der Projektionsthese ist die Antwort Ja. Deswegen sagt die Projektionsthese, die in der Antike entwickelt wurde,
- dass die Götter, wenn man sie zeichnet, immer so aussehen wie die Menschen- gruppe, die sie erfunden hat.
- "Der Gott der Äthiopier sieht aus wie ein Äthiopier", sagt Xenophanes. Das war die Kritik daran.
- Und die römischen Götter sehen aus wie Römer. Aber der wahre Gott, wenn es ihn denn gibt,
- sieht gar nicht mehr irgendwie aus. Das ist ja die Pointe des Bilderverbotes.
- D.h.: Gott, wenn er mehr ist als bloss die mächtigste Fiktion, unterscheidet sich von Heidi in der Tat wesentlich dadurch,
- dass es letztlich nicht einmal möglich wäre, sich ihn verschieden vorzustellen.
- Deswegen muss Gott immer eine Seite der Transzendenz haben, wenn es ihn denn wirklich gibt.
- D.h., wenn Gott die mächtigste Fiktion ist, dann ist er als diese mächtigste Fiktion eben alles,
- aber keine Fiktion. - Richtig. Wenn Gott die mächtigste Fiktion ist und als solcher dann auch existiert,
- und der Inhalt dieser Fiktion Gott ist und nicht Heidi - ein Waisenmädchen, das in Graubünden lebt usw. -,
- dann muss Gott in dieser Stelle im Reich der Fiktionen eine andere Seite haben, die wir nicht sehen.
- Das berichten ja die interessanten Begegnungen Moses mit Gott. Einige der Höhepunkte für mich in den monotheistischen Schriften
- sind diese Begegnungen. Moses sieht ja nur einen Teil Gottes und erblindet schon.
- Und die relevante Frage im Exodus 3:14 ist ja, wo Gott sich vorstellt ...
- Moses fragt: "Wer bist du eigentlich?" Er sieht nur den brennenden Dornenbusch,
- der immer weiter brennt und sich nicht verzerrt. Irgendwann fragt er: "Wer bist du eigentlich?
- Dann sagt er den berühmten Satz, gibt den Gottesnamen an: "Ehjeh Ascher Ehjeh."
- Ich würde das mit Futur übersetzen - darüber wird viel gestritten: "Ich werde sein, der ich sein werde."
- Auch gerne übersetzt als: "Ich bin, der ich bin." "Ich bin, der ich sein werde." "Ich will sein, der ich sein will."
- Oder kurzum: "Warte mal ab, du wirst schon sehen." So würde ich Exodus 3:14 übersetzen.
- D.h., die Pointe ist, dass wenn es Gott gibt und er uns nur einen Teil seiner Selbst zeigt
- und der Rest entzogen bleibt, damit es eben diesen Unterschied gibt
- zwischen Gott als der mächtigsten Fiktion, die ja mindestens als Fiktion in der Bibel existiert ...
- Keine Lesart der Bibel sagt etwas anderes. D.h., Gott existiert mindestens als die mächtigste Fiktion.
- Die Frage ist, ob Gott darüber hinaus existiert. Und diese Frage lässt sich genauso beantworten,
- dass wenn Gott wirklich existiert, er anders als Heidi nicht im Plural legitimer Interpretationen existiert.
- Herr Gabriel, meine letzte Frage: Was müsste geschehen, damit der Philosoph Markus Gabriel
- einst doch gesteht: "Es gibt den einen Gott." Muss ein Prophet kommen oder was brauchen Sie noch?
- Nein, ich denke, ich muss nur 85 werden. Wenn wir uns dann wiedersehen sollten,
- dann sage ich Ihnen, ob ich etwas gesehen habe. Darauf freue ich mich.
- Vielen Dank für das Gespräch. - Danke, Herr Karimi. Was denkt ihr? Sollen wir an Gott glauben?
- Oder hat er, sie oder es jede Glaubwürdigkeit verloren? Schreibt es unten in die Kommentare.
- Und weitere Gedankenanstösse findet ihr in diesen Sendungen.
Zum Nachlesen
ReligionsphilosophieIn der psychoanalytischen Theorie von Sigmund Freud ist die Religion ein Produkt unbewusster psychologischer Mechanismen, die aufgrund des zwischen …
ReligionskritikKarl Popper, der Begründer des Kritischen Rationalismus, betrachtete die Wirkung der christlichen Religion prinzipiell positiv: Der Mensch verdanke „zahlreiche …
ReligionGeschichte konkreter Religionen · Afrikanische Religionen · Bahaitum · Buddhismus · Christentum · Daoismus · Hinduismus · Islam · Jainismus …
Geschichte der ReligionsphilosophieUnter Geschichte der Religionsphilosophie werden hier die philosophischen Grundpositionen auf dem Feld der Religionsphilosophie in historischer Perspektive …