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Worin irren sich Atheisten, Markus Gabriel? | Sternstunde Religion | SRF Kultur

SRF Kultur Sternstunden53:57 339.750 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 498 Zeilen
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  1. Hallo zusammen. Gibt es einen Gott? Oder ist die Frage falsch gestellt?
  2. Sollten wir besser fragen: Was bedeutet Gott für unser Leben? Doch was soll Gott noch bringen, wenn alles im Leben
  3. ohne Gott naturwissenschaftlich Erklärung findet? Markus Gabriel, der renommierte Philosoph und Bestsellerautor
  4. hält diesen Naturwissenschafts- fetischismus für fatal und falsch. Wie lässt sich aber sonst unsere Wirklichkeit erklären?
  5. Mit Untertiteln von SWISS TXT Gibt es einen Moment oder eine Erfahrung in Ihrem Leben,
  6. die Ihre Sicht auf Gott verändert hat? Ich denke, fundamental gibt es verschiedene Punkte in meinem Leben,
  7. von denen ich sagen würde, dass ich den Eindruck gehabt habe, dass die Wirklichkeit mir eine Bedeutung entgegenbringt,
  8. die ich nicht gesetzt habe. Das sind die Geburt meiner Kinder, das Kennenlernen meiner Frau ...
  9. Oder Situationen wie der Tod des eigenen Vaters in meinem Fall, wo man das Gefühl hat -
  10. in Grenzsituationen, wie der Philosoph Karl Jaspers das nannte -, dass man mit etwas zu tun hat, das einen selbst überschreitet.
  11. D.h., Sie würden diese Momente als Gottesmomente bezeichnen? Ich glaube, der Ursprung der religiösen Erfahrung
  12. und der Frage nach Gott, den Göttern oder dem Göttlichen liegt darin, dass Menschen eine bestimmte Erfahrung
  13. mit der Wirklichkeit machen. Dass die Wirklichkeit nicht nur im Allgemeinen unverfügbar ist,
  14. dass wir die Wirklichkeit letztlich nicht verändern, ihr nicht entrinnen können.
  15. Sondern dass die unverfügbare Wirklichkeit, das, worüber wir keine Kontrolle haben,
  16. uns Bedeutung entgegenbringt. Ich glaube, das ist die eigentliche religiöse Erfahrung.
  17. Der Eindruck, als ob die Wirklichkeit selber mit einem spricht, eine tiefere Bedeutung hat
  18. als die Oberfläche des alltäglichen Geschehens. Das möchte ich gerne mit Ihnen in diesem Gespräch entziffern.
  19. Dabei würde ich dieses Thema gern in vier Themenblöcken - wenn es uns gelingt -
  20. differenziert betrachten. Beginnen möchte ich mit dem persönlichen Gott,
  21. dann den philosophischen Gott, wie man ihn nennt. Danach den religiösen Gott und am Ende Gott und die Gegenwart.
  22. Herr Gabriel, in Ihrem aktuellen Buch "Sätze über Sätze", in dem Sie uns durch eine Art ABC des wachen Denkens führen,
  23. fand ich den Eintrag zum Buchstaben G doch etwas überraschend und erklärungsbedürftig.
  24. Sie schreiben nämlich: Wie ist dies zu erklären?
  25. Wenn man durch die gesamte Geschichte des philosophischen und religiösen Nachdenkens
  26. über Gott und die Götter schaut, wird man in den letzten 3'000 bis 4'000 Jahren -
  27. das sagen auch andere Ideenhistoriker - immer wieder Momente finden,
  28. in denen eine bestimme Frage gestellt wurde. Und zwar unter polytheistischen Bedingungen -
  29. Menschen glaubten, es gibt viele Götter. Diese Frage war, ob es einen höchsten Gott gibt.
  30. Schon in Ägypten kam man auf den Gedanken - Echnaton ist der damit verbundene Name -,
  31. dass es einen höchsten Gott gibt. Das war dann oft die Sonne.
  32. Ein Gegenstand in der Wirklichkeit als mächtigste Quelle von Sinn und Bedeutung.
  33. Dann zieht sich die Idee argumentativ durch die Geschichte der Philosophie.
  34. Spinoza ist da vielleicht der grösste Name. Doch man findet das schon in der Antike.
  35. Platon, Aristoteles und andere grosse Denker. Ganz zu schweigen von nicht-westlichen Kontexten,
  36. wo es auch immer wieder auftaucht. Warum?
  37. Stellen wir uns vor, es gäbe viele allerhöchste Mächte. Das ist die einfachste Überlegung.
  38. Viele Quellen des Seins. Dann wäre es so, dass aus jeder dieser Quellen des gesamten Seins
  39. alles gekommen sein muss. Das geht natürlich nicht.
  40. Wenn die Wirklichkeit insgesamt organisiert ist, kann es nicht mehrere gleich gute Organisationen geben.
  41. Es kann letztlich nur eine Art und Weise geben, in der die Dinge insgesamt
  42. unter einer Allmacht optimal organisiert sind. Das war die Idee.
  43. Daher sagen die grossen Philosophen ... Xenophanes hat das in der Antike formuliert,
  44. Platon, Aristoteles, und dann zieht sich das durch die Zeiten.
  45. ... dass es entweder einen Gott gibt oder keinen. D.h., entweder sind die Dinge in einem riesigen Chaos gefangen
  46. und es gibt keine Organisation. Es gibt - wie man modern sagen würde - keinen Sinn des Lebens.
  47. Oder es gibt genau e i n e Quelle der Organisation. "Alles ist auf eines hin angeordnet", sagt Aristoteles.
  48. Das ist die philosophische Uridee des Monotheismus. Die monotheistischen Religionen argumentieren letztlich auch so.
  49. Es ist also völlig undenkbar, dass in der Wüste mehrere Götter auftauchen,
  50. auch wenn Gott im Hebräischen ursprünglich im Plural benannt wurde, als Elohim.
  51. Doch wie sind Sie darauf gekommen, unter dem Buchstaben G ausgerechnet Götter zu subsumieren
  52. und nicht Goofy oder andere Themen, die Sie auch interessieren. Mit anderen Worten:
  53. Was für einen Stellenwert hat der Begriff Gottes für das wache Denken?
  54. Wir sollten nicht unterschätzen, was unsere philosophischen und sonstigen Vorfahren uns gelehrt haben.
  55. Wir reden hier nicht nur über Tausende von Jahren, sondern vielleicht über Hunderttausende von Jahren.
  56. Die Frage nach Gott oder dem Göttlichen ist die wichtigste Frage der Menschheit.
  57. Wir unterschätzen das heute, weil wir glauben, dass sei eine x-beliebige, vertauschbare Frage.
  58. Man könnte über Gott reden oder über Goofy. Oder über Geld vielleicht sogar noch eher.
  59. Warum also Gott? Ich glaube, dass die Frage nach Gott -
  60. ganz einfach formuliert "Gibt es Gott?" - eine der wichtigsten Fragen ist.
  61. Da die Bedeutung der Wirklichkeit, in der wir uns befinden, wesentlich davon abhängt, ob es Gott gibt oder nicht.
  62. Die Philosophie hat immer gesagt, der würdigste Gegenstand des philosophischen Nachdenkens sei Gott.
  63. Ich sehe nicht, warum wir an dieser grundlegenden Spielregel etwas ändern sollten.
  64. D.h., Sie würden sagen, dass nicht nur die Religionen Instanzen sind, die den Gedanken Gottes wachhalten,
  65. sondern das ist auch ein Inhalt der Philosophie. Sie bezeichnen ihn auch noch als den grössten Inhalt,
  66. doch nennen wir ihn überhaupt einen Inhalt. Denn in der heutigen Geistesgegenwart
  67. scheint mir die Frage etwas ins Abseits geraten zu sein. In der Tat. Doch das ist eine junge Entwicklung.
  68. Es gibt keine bedeutende Philosophie, an die sich noch jemand erinnert,
  69. die - vorsichtig gesagt - nicht zentrale Überlegungen über Gott angestellt hat.
  70. Das gilt nicht nur für die Philosophie, sondern ursprünglich auch für die Naturwissenschaften.
  71. Isaac Newton beschäftigte sich mehr mit theologischen Studien, also mit der Frage nach Gott, als mit Physik.
  72. Das ist ein bemerkenswerter Befund. D.h., nichts, was philosophisch von Bedeutung ist, kommt aus,
  73. ohne eine Beantwortung der Frage, wie man es mit der Religion hält. Da gibt es auch keine sinnvolle Ausnahme.
  74. Der Umstand, dass wir seit einigen Jahrzehnten - mehr ist das welthistorisch gesehen nicht -
  75. glauben, dass Gott ein optionales Thema der Philosophie sei, sozusagen eine Nische der Religionsphilosophie,
  76. die unterfinanziert ist und für die wenig Interesse besteht, ist eine provinzielle Entwicklung der Menschheitsgeschichte.
  77. Ich glaube nicht, dass das nachhaltig ist. Eigentlich wollte ich mit Ihnen über den persönlichen Gott reden,
  78. doch wir reden schon über den philosophischen Gott. Das ist gut so, wir bleiben dabei
  79. und holen den persönlichen Gott vielleicht später noch ein. Sie haben es direkt und indirekt schon benannt:
  80. Seit der Antike ist die Frage nach Gott und dem Göttlichen eine bleibende Frage der Philosophie.
  81. Dennoch befinden wir uns heute in einer Zeit, die man als eine Zeit der Gotteskrise bezeichnen kann.
  82. Lassen Sie uns zunächst zwei gewichtige Stimme dazu hören. Ich finde, die Religion sollte kritisiert werden,
  83. weil sie als Konkurrenz gegen die wissenschaftlichen Erklärungen für das Leben und das Universum
  84. ins Feld geführt wird. Das ist nicht gut für die Erziehung.
  85. Denn es erweckt den Eindruck, man könne die Verantwortung, Dinge zu verstehen, umgehen.
  86. Und zwar mit einfachen Erklärungen wie: Das hat Gott gemacht.
  87. Wie weiss ich, ob es den Weihnachtsmann nicht gibt? Den Osterhasen?
  88. Das Monster von Loch Ness? Ich weiss es nicht.
  89. Vielleicht gibt es sie tatsächlich. Doch ich bin ziemlich sicher und sage wie Richard Dawkins,
  90. wahrscheinlich gibt es Gott nicht. Und ich meine, sehr wahrscheinlich.
  91. Ich denke, die Existenz Gottes ist so unwahrscheinlich wie die Existenz des Weihnachtsmannes.
  92. Ich gebe gern zu, dass die frühe Religion bei der Bildung von Gruppenidentitäten
  93. eine wichtige Rolle spielte und den sozialen Zusammenhang ermöglichte.
  94. Diese Rolle ist heute weniger notwendig. Ich sehe die Religion als sehr wichtige frühe Stütze.
  95. Als eine Prothese, wenn Sie so wollen, um die Zivilisationen mit Demokratie, Wissenschaft,
  96. freier Presse und all diesen guten Errungenschaften auszustatten. Sie war der Motor dafür.
  97. Doch jetzt können wir die Religion abschaffen? Jetzt kann die Religion verschwinden.
  98. Bevor Sie sich dazu verhalten, noch eine kleine Anmerkung. Bei der Auswahl der Stimmen suchte ich eine weibliche Stimme.
  99. Die Stimme einer Atheistin, die sich prominent genauso artikuliert.
  100. Ich bin aber nicht fündig geworden. Dann dachte ich, ich müsste eigentlich gründlicher recherchieren.
  101. Dann habe ich es gelassen. Und zwar deswegen, weil ich dachte, die Frage gebe ich Herrn Gabriel weiter.
  102. Warum muss ich gründlich suchen, um die Stimme zu finden? Wieso gibt es kaum Frauen, die sich atheistisch artikulieren?
  103. Das ist eine schwierige Frage, zu der man recherchieren müsste. Das Verhältnis von Theologie und Gender
  104. ist ein hochkomplexes, das man erforschen muss. Doch auch da wären sicher
  105. auf beiden Seiten der Gemengelage Stimmen zu finden. Es gibt insbesondere gewichtige Mystikerinnen,
  106. die man vielleicht als Vorstufen einer bestimmten Form der Religion kategorisieren müsste.
  107. Doch wir müssen sehen, dass auch im theologischen Denken ... Ich nenne jetzt nur x-beliebig Hildegard von Bingen als Beispiel.
  108. Oder die Heilige ... - Mechthild von Magdeburg. ... die Heilige Theresa usw.
  109. D.h., man wird immer wieder Figuren auf beiden Seiten des Nachdenkens über Gott finden.
  110. Warum das atheistische Lager, insbesondere die Neoatheisten, die wir gerade gehört haben,
  111. Daniel Dennett, Richard Dawkins oder auch der Physiker Lawrence Krauss, die sozusagen zur selben Gang gehören ...
  112. Warum da der Atheismus eine vielleicht männliche Gestalt annimmt,
  113. wäre eine interessante Frage der Geschlechterforschung. Nun zur eigentlichen Frage.
  114. Die zwei widersprechen Ihnen ja diametral. Wo ist der springende Punkt des Atheismus?
  115. Ich glaube, die Erklärungen, die wir eben von Dennett und Dawkins gehört haben,
  116. sind auf der elementaren religions- philosophischen Ebene falsch. Wir haben Aussagen gehört,
  117. die bei genauerer Betrachtung nachweislich falsch sind. Z.B. die These von Richard Dawkins,
  118. dass Gott angeführt wird, um Phänomene der Natur naturwissenschaftlich mit einer schlechten Erklärung zu erklären:
  119. "Gott hat das gemacht." Warum gibt es zwei Geschlechter im Paradies?
  120. Gott hat das gemacht. Warum gibt es Krankheiten? Gott hat sie gesandt.
  121. Das aber ist nicht in der Religion zu finden. Es ist eine religionsphilosophisch inakzeptable These,
  122. dass der Begriff oder die Idee Gottes in der Menschheitsgeschichte eingeführt wurde,
  123. um Naturerscheinungen zu klären. Ich würde behaupten, das ist
  124. eine der schlechtesten religions- wissenschaftlichen Hypothesen, die man formulieren kann.
  125. D.h., unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten halte ich die Aussage von Dennett für disqualifiziert.
  126. Dito für ... Von Dawkins, Entschuldigung. Dito für die Aussage Dennetts, dass die Funktion der Religion Gottes
  127. darin besteht, soziale Kohäsion zu stiften. Und dass überdies Gott für diese Funktion
  128. heute nicht mehr gebraucht wird in demokratischen Staaten. Das widerspricht der Tatsache,
  129. dass auch in liberalen, demokratischen Rechtsstaaten sehr viele Menschen an Gott glauben,
  130. und dass es organisierte Kirchen mit Kirchensteuer gibt. Z.B. in der Schweiz oder in Deutschland.
  131. Auch das widerspricht insgesamt den Tatsachen. Und es stimmt gar nicht, dass menschliche Gemeinschaften
  132. durch den Glauben an Gott immer zusammengehalten wurden und jetzt können wir das z.B. durch Naturwissenschaften ersetzten.
  133. Die Erklärungen, die wir hier gehört haben, über den Ursprung und die Funktion der Religion,
  134. sind unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten - und das beanspruchen Dennett und Dawkins - nicht seriös.
  135. Darin sehe ich das erste Problem. Doch nun kann es ja sein,
  136. dass alle anderen irren. Die Kirchen können irren.
  137. Das alte Argument von Feuerbach, dass wir aus einer tiefgreifenden Sehnsucht nach dem,
  138. was wir nicht sind und was wir gern haben und sein wollten, all das projizieren.
  139. Nämlich es gäbe Gott, um die Schwäche der Menschheit zu füllen.
  140. D.h., Sie würden sagen, Marxisten, Neoatheisten, Naturalisten, sie alle irren?
  141. Richtig, das würde ich sogar ganz bestimmt so behaupten. Da wir es hier noch nicht mit einer religiösen Frage zu tun haben.
  142. Wir befinden uns auf dem Feld vor Beantwortung der Frage, ob es Gott gibt.
  143. Jetzt stellen wir die Frage: Wie kommen Menschen auf die Idee Gottes
  144. und welche soziologische oder explanatorische Funktion hat die Idee Gottes im menschlichen Leben?
  145. Auf diese Frage gibt es wissenschaftliche Antworten. Diese wissenschaftlichen - religionswissenschaftlichen,
  146. theologischen, religionsphilosophischen - Antworten, die wir aus dem Lager Feuerbach usw. hören,
  147. sind alles Thesen, die nachweislich nicht tragfähig sind. Das stimmt alles so nicht, was wir da hören.
  148. Es gibt viel bessere Alternativen. In den letzten 200 Jahren wurde dazu gearbeitet.
  149. Es ist interessant, dass diese gesamte Diskussionslage, die wir aus den relevanten Disziplinen haben ...
  150. Sei es die Ägyptologie, die sich mit der Frage des Ursprungs des Monotheismus in Ägypten beschäftigt,
  151. oder die Judaistik oder die Islamwissenschaft. Um nur mal Gebiete aufzurufen,
  152. an die man bei Religion manchmal nicht denkt. Dort kriegen wir Antworten auf die Frage,
  153. die - im Wettbewerb mit dem, was wir gehört haben - aus meiner Sicht besser sind.
  154. Da geht es schon los. Lassen Sie uns in den zweiten Themenkomplex eindringen,
  155. den religiösen Gott Zuvor vielleicht die Frage, die auch dazu gehört:
  156. Wie würden Sie dann den Andrang auf diese Sicht erklären? Worin besteht die Anziehungskraft von Naturalismus
  157. und v.a. von Atheismus? Wir leben in den letzten 200 Jahren in einem Zeitalter,
  158. das sich auf dem Weg zu dem befindet, was ich den modernen Nihilismus nennen möchte.
  159. Der moderne Nihilismus ist die vielen von uns einleuchtende Idee, dass das Leben nach dem Tod
  160. genauso sein wird wie das Leben vor dem Tod, also gar nicht. Und dass unser individuelles Leben darin besteht,
  161. dass wir in einem kurzen Zeitfenster - mit etwas Glück in 80 gesunden Jahren -
  162. nach dem Augenblicksglück streben. Und dass es mehr Sinn im Leben oder gar Sinn des Lebens nicht gibt.
  163. Es gibt dieses ganz kurze Zeitfenster. Was ausserhalb dieses individuellen Zeitfensters passiert,
  164. erklärt die Naturwissenschaft. Wie die Dinge waren, bevor es mich gab,
  165. kann die Physik erforschen. Da galten bereits die Naturgesetze,
  166. Energieerhaltungssätze, Strukturbildung, Evolution usw. Was nach mir kommt, ist im Wesentlichen so wie jetzt,
  167. nur ohne mich. Der moderne Nihilismus leuchtet uns ein,
  168. er scheint geradezu selbstverständlich. In diesem Bild kann Gott keine relevante Rolle spielen.
  169. Da würde man sagen: "Was soll Gott denn in dem Bild?" Das wäre tatsächlich eine unnötige Zusatzhypothese,
  170. wie Laplace gesagt hat. Als Napoleon ihn fragte: "Wie sieht das in Ihrer Physik mit Gott aus?",
  171. sagte Laplace bekanntlich: "Ich habe kein Bedürfnis für eine solche Hypothese."
  172. D.h., wenn man glaubt, dass die Wirklichkeit ungefähr so ist,
  173. wie wir glauben, dass die Physik sie beschreibt ... 14 Mrd. Lichtjahre,
  174. Entfaltung von Materie und Energiestrukturen in der Raumzeit, und mehr gibt es nicht zu sagen.
  175. Wenn wir das glauben, verschwindet Gott und der Sinn unseres Lebens wird reduziert
  176. auf eine mehr oder weniger egoistische Bedürfnisbefriedigung. Das ist der moderne Nihilismus.
  177. Ist das nur egoistisch? Warum ist es schlecht, so zu leben?
  178. Wer braucht denn heute noch Gott? Die Frage ist ja, ob die Weltanschauung,
  179. die ich gerade skizziert habe, richtig ist. Ich kann in dieser Weltanschauung leben -
  180. Um den Preis, den wir heute erleben: einer Gefahr der Selbstausrottung der Menschheit.
  181. Ein Teil ... - Das würden Sie zurückführen auf ein atheistisches, nihilistisches Weltbild?
  182. Ja, eindeutig. Ich behaupte, dass die Kombination des modernen Kapitalismus -
  183. mit all seinen Vorzügen, die ich nicht infrage stelle - mit dem Positivismus, dem Glauben, dass die Naturwissenschaften allein
  184. erklären, wie es um den Menschen und seine Gesellschaft steht ... Dass diese Kombination,
  185. die im 19. Jh. die grosse Weltbildformation wird ... Ein solches Weltbild haben wir im Grunde heute geerbt.
  186. Diese Kombination ist die Quelle der derzeitigen ökologischen Krise. Das würde ich tatsächlich behaupten.
  187. Damit sehen wir, wohin es - jedenfalls derzeit - führt. Eine ethische Reform, auch für ein solches Weltbild,
  188. ist ohnehin notwendig. D.h., Sie würden sagen,
  189. dass die Welt mehr ist als die Summe der Puzzleteilchen der Materie? Fraglos.
  190. Wir wissen, wenn wir die Idee hätten, dass die Wirklichkeit insgesamt nichts anderes ist
  191. als Verschiebungen materiell energetischer Systeme ... Also Materialismus mit moderner Physik erklärt.
  192. Das ist natürlich schwierig. Die Quantenphysik ist nicht so materialistisch
  193. wie die Korpuskeltheorien der Frühen Neuzeit. Dennoch hätte man dann eine Idee des Humeschen Mosaiks,
  194. wie das der Philosoph David Lewis nannte. Die Wirklichkeit ist ein Puzzleteil und dann noch eins,
  195. und wenn man fertig ist, hat man sie. Was man dabei aber von vornherein übersieht, ist,
  196. dass unsere naturwissenschaftlichen, erfolgreichen, beeindruckenden Erklärungen
  197. eben dieser Puzzlestruktur, selber Dinge in Anspruch nehmen, die naturwissenschaftlich nicht erklärbar sind.
  198. Z.B.: Warum ist die Natur mathematisch beschreibbar? Der grosse Physiker und Nobelpreisträger Eugene Wigner
  199. schrieb einen tollen Aufsatz zu dem Thema: "The Unreasonable Effectiveness of Mathematics",
  200. also "Die unvernünftige Effizienz der Mathematik". Bis heute ungeklärt ist die Frage, wie es sein kann,
  201. dass unsere mathematischen, geistigen, nicht materialistischen Erklärungen ...
  202. Eine Differentialgleichung, die man braucht, um Physik zu schreiben,
  203. ist selber nicht Teil der materiell energetischen Wirklichkeit. Daran sehen wir von vornherein,
  204. dass die logischen, rationalen, mathematischen Ressourcen, dank derer wir das Universum physikalisch erst entziffern können,
  205. Indikator eines Höheren sind. Deshalb geht es selbst bei Einstein noch um Gott.
  206. Wenn Einstein gegen die Quantenphysik das berühmte Diktum "Gott würfelt nicht" ausspricht,
  207. sehen wir das sogar im Herzen der modernen Physik. D.h., dass Gott bei Einstein, und sei es als Chiffre,
  208. eine Rolle spielt. Wie würden Sie sich zur Existenz oder Nichtexistenz Gottes verhalten,
  209. wenn wir über den religiösen Gott sprechen, indem Sie mir erklären, was das mit Heidi
  210. und Einhörnern zu tun hat? Heidi, Einhörner und den Weihnachtsmann -
  211. da möchte ich Dennett dringend widersprechen - gibt es natürlich wirklich.
  212. Mindestens als Fiktionen. Die Dinge, die über Heidi wahr sind, dass ihr Grossvater der Alpöhi ist,
  213. der, wenn ich mich richtig erinnere, in Neapel im Militär gedient hat.
  214. Dass sie ein Waisenmädchen ist, dass sie in Graubünden lebt usw. Das sind alles Wahrheiten über Heidi.
  215. Genauso gibt es Wahrheiten über Einhörner. Dass sie ein Horn haben,
  216. dass im Film "Das letzte Einhorn" am Ende viele Einhörner vorkommen. Es gibt viele Wahrheiten über diese fiktionalen Dinge.
  217. Daraus folgt, dass es diese fiktionalen Dinge gibt, und sei es in Akten unserer Einbildungskraft.
  218. D.h., den Weihnachtsmann gibt es mindestens in Praktiken des Glaubens an ihn.
  219. Dennett unterschätzt, dass es viele Dinge nur deswegen gibt, weil wir an sie glauben.
  220. D.h. aber nicht, dass es sie deswegen nicht gibt. Dinge, die es nur gibt, weil wir an sie glauben,
  221. Geld, Demokratie, freie Presse, Liebe, alle Beispiele, die Dennett selber gebracht hat,
  222. gibt es nur, weil sie abhängig davon sind, wie wir uns zu ihnen verhalten.
  223. Selbst wenn Gott im Reich der Einhörner und Heidis existiert, und ich glaube, darauf werden wir Gott nicht reduzieren können,
  224. selbst dann wäre Gott immer noch die mächtigste Fiktion. Dann wäre seine Macht die, die die Bibel als Werk hat:
  225. Bestseller aller Zeiten zu sein. Das wäre dennoch eine Macht, die von dieser Fiktion ausgeht.
  226. Genau diese Erklärung, eines Gottes als die mächtigste Fiktion, scheint mir für das religiöse Selbstverständnis
  227. noch nicht genügsam zu sein. Das genügt noch nicht.
  228. Denn Religionen scheinen zu behaupten, dass Gott mehr ist als die mächtigste Fiktion.
  229. Mir scheint, das ist gerade das Problem, vor dem wir stehen. Inwiefern kann man aus einer Fiktion,
  230. auch wenn sie die mächtigste ist, Bedeutung und Sinn schaffen?
  231. Da kommt in der Tat die Schnittstelle des religiösen und des philosophischen Gottes ins Spiel.
  232. Grosse Denker wie René Descartes, der physikalisch nicht gerade ungebildet war ...
  233. Wir alle kennen kartesische Koordinatensysteme. Wir hätten keine moderne Physik und Mathematik ohne Descartes,
  234. der bezüglich des Universums materialistisch argumentiert hat. Doch Descartes hat einen berühmten Gottesbeweis geführt,
  235. der im 20. Jh. von Emmanuel Levinas verfeinert wurde. Da war der Gedanke, dass die Idee Gottes,
  236. und sei sie eine Fiktion, so argumentierten sie ... Das glaube ich nicht, aber ich will darauf hinweisen,
  237. dass das der springende Punkt ist. Sie argumentierten so, dass sie sagten,
  238. diese Idee kann niemandem eingefallen sein. Man kann verstehen, dass jemandem Heidi oder Einhörner einfallen,
  239. aber das ist eine Idee, die so mächtig ist, so viel Inhalt hat, nämlich den Inhalt der Unendlichkeit selbst,
  240. dass sie niemandem eingefallen sein kann. Die Idee hat einen Inhalt, der über alles hinausgeht,
  241. was wir uns vorstellen können. Das ist übrigens auch wenig bekannt:
  242. Der wahre Sinn des berühmten ontologischen Gottesbeweises von Anselm von Canterbury geht nicht so, wie man gern hört,
  243. dass er sagt: "Stell dir vor, es gäbe ein allermächtigstes Wesen." "Dieses allermächtigste Wesen muss existieren,
  244. sonst gäbe es ein noch mächtigeres Wesen, nämlich das mächtigste Wesen, das existiert."
  245. Das ist die vereinfachte Version. Anselm geht aber weiter, genauso wie Descartes und Levinas,
  246. indem sie sagen, Gott ist mächtiger als alles, grösser noch als alles, was wir denken können.
  247. Dieser Überschuss, der Gedanke von etwas, das wir denken können,
  248. das aber grösser ist als alles, was wir denken können, das ist die Schnittstelle,
  249. an der sich das reine philosophische Nachdenken über Gott und der Gott der Religion,
  250. der Gott Abrahams, Isaacs und Jakobs berühren. Hm.
  251. Und doch kann man vor einem philosophischen Gott weder musizieren noch tanzen.
  252. Lassen Sie uns einige Eindrücke hierzu anschauen, die die besondere Hingabe und Sehnsucht
  253. menschlicher Existenz dokumentieren, die nach Gott und Göttlichem hungert. * Trommeln *
  254. * Wasserrauschen * * Donner *
  255. * Trommeln * * Ethnischer Gesang *
  256. * Sphärische Klänge * * Schnelle Laute *
  257. * Trommeln * Herr Gabriel, fehlt Ihnen diese letzte Berührung,
  258. die die Philosophie nicht bieten kann? Ich würde sagen, auf gewisse Weise schon.
  259. Philosophie ist ja die Disziplin, die damit arbeiten muss, dass es Dinge gibt,
  260. die wir nicht wissen, nicht erfassen und nicht erkennen können. Ich verstehe die Philosophie als die Wissenschaft der Grenzen.
  261. Der Grenzen des Sagbaren, des Denkbaren und auch der Grenzen unseres Wissens.
  262. Was jenseits der Grenzen ist, die wir philosophisch durch ordentliche Arbeit gerade noch ziehen können,
  263. ist etwas, wo die Philosophie nicht weiterkommt. Daher auch das atheistische Bedürfnis in der Philosophie,
  264. endlich einen Schlussstrich unter die philosophische Arbeit zu machen und Dogmatiker zu werden.
  265. Also zu glauben, dass man doch Bescheid weiss. Die Dinge sind so, wie Physik oder Neurowissenschaft sagen.
  266. Das wäre eine endgültige Erklärung. Dann haben wir zwar die Details noch nicht,
  267. wissen aber ungefähr wie es aussieht. Dazu hat Immanuel Kant zu Recht gesagt:
  268. "Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen." Er sagt das, darauf folgt direkt eine Kritik
  269. am "Dogmatismus der Metaphysik", den er für eine Quelle des Unglaubens hält.
  270. Was er damit meint ist: Glaube in der Philosophie beginnt damit, dass wir verstehen:
  271. Hier ist eine Grenze, diese Grenze verschiebt sich. Wir wissen oft nicht genau, wo die Grenzen liegen.
  272. Die Grenzen des Denkbaren stehen nicht fest. Sie sind beweglich, da die Menschheit sich
  273. durch wissenschaftlichen Fortschritt bewegt. Doch jenseits der Grenze des Wissbaren,
  274. wo auch immer sie genau liegt, dort liegt - wenn überhaupt - der Gott der Religion.
  275. Das ist deshalb ein anderer Gott als der, der philosophisch angepeilt werden kann.
  276. Wenn es den Gott der Religion gibt ... Dazu habe ich mich heute hier noch gar nicht verhalten.
  277. Ich habe nur gesagt, was es heissen würde, darüber nachzudenken. ... dann wäre Gott ein persönlicher Gott.
  278. Ein Gott, der von der anderen Seite einer von uns gerade noch beschreibbaren Grenze her,
  279. antwortet, uns entgegenkommt. Das wäre der persönliche Gott und auch der Gott,
  280. um den es in der Religion geht. Das ist eben kein Gott des Aberglaubens,
  281. wie die Neoatheisten meinen. Das ist der Gott, vor dem man niederkniet.
  282. Das ist der Gott, zu dem Menschen beten. Das ist der Gott der Freude,
  283. der Quelle des Tanzes, der Ängste usw. Das ist eine Erfahrung und kein Spaghetti-Monster,
  284. das Menschen einführen, weil sie schlecht in Physik sind. D.h., Sie würden das Verhältnis zwischen Philosophie und Religion
  285. als ein Verhältnis zwischen Grenze und Grenzüberschreitung beschreiben? Wo steht Markus Gabriel innerhalb dieser Beschreibung?
  286. Ich versuche in meiner philosophischen Arbeit immer wieder, die Hand sozusagen über die Grenze zu strecken.
  287. Ich bin mit dem Kopf auch nicht durch die Grenze gekommen, sonst wäre ich auch schon kein Philosoph mehr.
  288. Aber vielleicht ist es so, dass ich bereit bin, wie viele Philosoph/-innen der Tradition auch -
  289. z.B. Edith Stein, die grosse Denkerin aus Freiburg, die sich mit den Themen des 20. Jh. beschäftigt hat.
  290. Sie war eine berühmte Schülerin Husserls. Sie versucht, sozusagen mit dem Kopf über die Grenze hinwegzukommen.
  291. Ich habe jedenfalls meine Hände in Richtung Transzendenz ausgestreckt. Ich weiss nicht, ob sie jemand entgegengenommen hat.
  292. Wenn ich das schon wüsste und nicht nur die Markierung einer Grenze hätte,
  293. dann wäre ich als Philosoph religiös und dann in dieser Funktion nicht mehr Philosoph.
  294. Philosophen sind - wenn ich so theologisch reden darf - allenfalls wie Johannes der Täufer.
  295. Jemand anderes muss antworten, das kann die Philosophie selbst nicht mehr tun.
  296. Und ich bin froh und zufrieden mit der Rolle des Philosophen. Unbefriedigend ist, dass man nicht in die Transzendenz blicken kann.
  297. Man kann sie aber schützen vor denjenigen, die behaupten, es gäbe sie nicht.
  298. Und das sehe ich als eine Funktion der Philosophie. Ist das mit ein Grund, warum in allen Ihren Büchern
  299. mindestens ein Kapitel über Religion oder Gott existiert? Vielleicht war das auch ein Grund, weshalb ich Sie als Philosophen
  300. in die "Sternstunde Religion" geholt habe, um zu fragen, welches Bedürfnis dahinter steckt.
  301. Ist das die ausgestreckte Hand, die Sie erwähnten? Ja, man könnte vielleicht sagen - um noch mal zum Beginn
  302. unseres Gesprächs zurückzukehren und den Kreis zu schliessen: Ich glaube, dass es von uns unabhängige Bedeutung gibt.
  303. Nicht nur sprachliche Bedeutung, die es uns erlaubt, miteinander zu kommunizieren,
  304. oder strukturelle Bedeutung, die wir in der Form eleganter physikalischer Gleichungen erfassen können,
  305. sondern menschliche, existenzielle Bedeutung. Wir wissen alle, dass unsere Freunde, unsere Liebsten
  306. oder die wichtigsten Dinge, die uns passieren, die wir für verändernd halten,
  307. also unsere relevanten Erfahrungen - die gegenwärtige Philosophie spricht von "transformativen Erfahrungen",
  308. wie die Geburt eines Kindes oder das sich Verlieben - dass wir da auf Bedeutung treffen, die schon da ist,
  309. auf eine Art des Schicksals. Wie würden Sie dann den Unterschied
  310. zwischen religiös und areligiös definieren? Konkret würde ich sagen, jemand ist wirklich Atheist, wenn er glaubt,
  311. dass er die eigene Frau auch nicht hätte heiraten können. Die atheistische Einstellung wäre: Mein Kind bedeutet mir nur mehr
  312. als andere Kinder, weil das evolutionär nützlich ist. Weil ich ein Primat bin, muss ich
  313. aus irgendwelchen Endorphin- Ausschüttungsgründen usw. - also hormonal scheint mir dieses kleine Tier wichtiger
  314. als jenes kleine Tier. Das wäre eine atheistische Ein- stellung zu seinen eigenen Kindern
  315. oder zur eigenen Frau - man hätte auch eine andere haben können. Und die religiöse Einstellung ist, zu sagen:
  316. Die bedeutenden Dinge in meinem Leben - Freundschaften, mein Beruf, das Gelingen, das Schöne,
  317. Seen und Berge, um Schweizer Beispiele für etwas aus meiner Sicht objektiv Schönes aufzurufen ...
  318. Wenn man glaubt, der Zürichsee oder der Genfersee - um beiden Seiten der Schweiz ihr Recht zu geben -,
  319. seien objektiv schön, dann ist man eigentlich schon religiös. Wenn man glaubt, das sieht nur schön aus für Tiere wie wir,
  320. dann ist man nicht religiös. Das ist die Wasserscheide, wo man steht.
  321. Das würde heissen, dass ein Atheist nicht romantisch sein kann? Richtig. Neoatheisten müssen ja versuchen,
  322. alles im menschlichen Leben auf das zu reduzieren, was sich naturwissenschaftlich mehr oder weniger einfach erklären lässt.
  323. D.h., Liebe muss dann eine Funktion der Fortpflanzung sein. Oder die Erfahrung des Schönen muss eine Erfahrung der Sicherheit sein.
  324. "Hier fühle ich mich gut, hier bin ich sicher, und deswegen erscheint mir der Bergsee schön."
  325. Dieses Mehr, das Sie sozusagen anführen, warum ist das kein Wunschdenken?
  326. Dass Ihre Frau die einzige alternativlose Person ist, die Sie lieben, oder Ihren Kindern wirklich diese Bedeutung zukommt?
  327. Was ist, wenn das nicht der Fall ist? Wir wissen das ja nicht.
  328. Deswegen sind wir frei. Eine Antwort auf die Frage, wie sich Gott, wenn es ihn denn gibt,
  329. zum Menschen verhält, ist zu sagen - was die Theologien auch sehr eindeutig sagen -,
  330. dass Gott den Menschen als frei geschaffen hat. Wir wären nicht frei, wenn wir die Frage,
  331. ob wir es hier mit einer Projektion zu tun haben oder mit der Erfassung dessen, wie die Dinge sind,
  332. objektiv beantworten könnten. Deswegen sagt Kant ja:
  333. "Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen." Das ist keine Ausrede, sondern das Bewusstsein dafür,
  334. dass sich diese Frage nur beantworten lässt, indem man den Sprung in den Glauben wagt.
  335. Im Übrigen ist es nicht so, als hätte der Atheismus hier den Vorzug weniger naiv zu sein als die religiöse Einstellung,
  336. denn der Atheismus ist auch ein Sprung in den Glauben. Nämlich in den Glauben, dass wir alles naturwissenschaftlich
  337. erklären können, obwohl das faktisch nicht so ist. Es ist nicht möglich, naturwissenschaftlich zu erklären -
  338. auch nicht mit Supercomputern -, wie genau die Moleküle dieses Tisches so zusammenhängen,
  339. dass wir von der quantenmechanischen Kleinstebene bis zu dieser Mesoskala kommen.
  340. Das ist physikalisch nicht gelöst, weil es da viel zu viele Freiheitsgrade gibt.
  341. Sie würden also sagen, dass man genau genommen gar nicht atheistisch sein kann.
  342. Richtig. Der Atheismus ist selber eine Form des Glaubens. Nur eben ein Glaube ohne Gott.
  343. Der Atheismus ist der Glaube an die Bedeutungslosigkeit des eigenen Lebens.
  344. Das ist der Glaube. Und die Frage ist, auch mal aus psychotherapeutischer Perspektive:
  345. Warum möchte man dann lieber glauben und hält es für weniger naiv, dass das eigene Leben und das der anderen
  346. eigentlich objektiv bedeutungslos ist? Warum möchte man das lieber glauben als zu glauben,
  347. dass die Dinge, die uns bedeutungs- voll erscheinen, es auch sind? Warum ist das naiv und nicht das andere?
  348. Diese Antwort, aus existenzieller Perspektive, habe ich von den Atheisten bisher noch nicht erhalten.
  349. Wir sprachen über das Persönliche, das Individuelle, auch über das philosophisch-religiöse Verschränktsein.
  350. Wie steht es um die Gesellschaft, die Gemeinschaft? Welche Bedeutung hätte dann die Religion
  351. für eine säkulare Gesellschaft? In einer säkularen Gesellschaft, in deren Grundform
  352. der liberale demokratische Rechtsstaat ist, darf jeder nach seiner Façon selig werden.
  353. D.h., ganz entscheidend müssen wir sehen, dass die metaphysischen, theologischen, religiösen
  354. und auf eine bestimmte Weise sogar die philosophischen Grundlagen unserer Gesellschaft unseren liberalen Entscheidungsspielraum
  355. nicht übermässig strukturieren. Das ist der Sinn des säkularen Staates.
  356. Und das ist eine vernünftige Idee, weil sie auf der liberalen Erkenntnis aufbaut
  357. dass wir Dinge nicht wissen. Der heute moderne Imperativ - "Folge der Wissenschaft!",
  358. "Baue wissenschaftliche Grundlagen für den Staat!" - ist ein wesentlich antiliberaler Imperativ
  359. und auch nicht mehr der säkulare Rechtsstaat, weil wir eine bestimmte Form der versteckten Religiosität verwenden,
  360. um andere Religionen auszuschliessen. Der wahre liberale, demokratische Rechtsstaat
  361. erträgt nicht nur, sondern fördert die Pluralität der religiösen Erfahrungen der Wirklichkeit.
  362. Und was hat die säkulare Gesellschaft von der Religion? Welchen Mehrwert hat sie davon?
  363. Die Anerkennung des Umstandes, dass sehr viele Menschen in vielen Staaten dieser Welt,
  364. auch in Demokratien wie Indien z.B., dass die absolute Mehrheit der Menschen religiös ist -
  365. die überwältigende Mehrheit im Falle von Indien. Wir können keinen liberalen, demokratischen Rechtsstaat haben,
  366. der das wesentliche Bedürfnis der Menschen in seiner Pluralität, das schliesst den Atheismus selbstverständlich mit ein,
  367. dass ein solcher Staat einige Menschen und teilweise sogar Mehrheiten
  368. nicht in ihren fundamentalen Haltungen anerkennt. Das wäre ja so, als könnte der Staat wissen,
  369. dass es Gott nicht gibt und die Naturwissenschaften das Universum vollständig erklären.
  370. Das wäre für mich überraschend, wenn Olaf Scholz diese relevante Erkenntnis hätte.
  371. D.h., der Bundeskanzler im Fall von Deutschland oder die Bundesratsstruktur in der Schweiz
  372. können doch nicht darauf aufbauen, dass man die relevanten weltanschaulichen Fragen zunächst einmal klärt.
  373. Sondern der liberale demokratische Rechtsstaat ist weltanschaulich maximal offen und baut deswegen seine Gesetze so -
  374. Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit usw. -, dass sie Raum geben für Religion,
  375. ohne diesen Raum zu entleeren oder selbst zu füllen. D.h., der säkulare Rechtsstaat ist religionsfreundlich.
  376. Die Frage ist nur, weil ... Religionen haben ja mehrere Seiten.
  377. Die sind ja nicht nur positiv besetzt. Sie generieren nicht nur Bedeutung in einer säkularen Gesellschaft
  378. und unterstützen diese, sie haben auch extreme Formen. Es gibt genügend Missstände.
  379. Ob es nun mit Kirchen oder anderen Formen der Religiosität zu tun hat, Extremismus, Fundamentalismus -
  380. das sind Fragen und Krisen unserer Zeit. Sie sind es denn auch, die die Neigung erzeugen,
  381. dass man die Religion überhaupt infrage stellt. Gibt es etwas Religiöses, das Ihnen zuwider ist?
  382. Der Dogmatismus. D.h. der Glaube, dass man Bescheid weiss.
  383. Eine Schwachstelle jeder organisierten Religion ist, dass sie Fundamentalismus generieren kann.
  384. D.h., Glauben wird dann plötzlich doch durch Wissen ersetzt. Aus Wissen werden sogar konkrete Handlungsanweisungen abgeleitet,
  385. die für alle Menschen gelten sollten. Das gibt es nicht nur in der Form des islamistischen Terrorismus,
  386. der uns insbesondere zu Beginn dieses Jahrhunderts beschäftigte, sondern auch in der Form des christlichen Fundamentalismus.
  387. Etwa die evangelikalen Formen radikalen Christentums in den USA, die dafür sorgen werden, dass der Verbrennermotor so schnell
  388. nicht verschwindet und die viele andere Missstände generieren. Das sind auch alles Formen
  389. eines aus meiner Sicht religiösen Aberglaubens. Warum Aberglaube? Weil aus der Erfahrung Gottes sicherlich nicht konkret
  390. abgeleitet werden kann, wie alle Menschen zu leben haben. Das ist die Pointe.
  391. In den heiligen Schriften bleibt vieles offen. Die Dinge sind nicht eindeutig.
  392. D.h., die Gefahr der Religion ist, dass sie umschlägt, nicht mehr in ein persönliches Erleben von Bedeutsamkeit,
  393. sondern in eine Anmassung von Wissen dort, wo wir keines haben. Das ist genau die Dialektik.
  394. Aber ist das nicht d a s Religiöse? Also ist das Problem der Religion dann nicht die Religion selbst,
  395. die sich irgendwann doch organisiert und Machtstrukturen schafft? Vielleicht der Durst der Menschen nach Erklärungen,
  396. dass sie wissen wollen, was richtig und was falsch ist? Woher unsere Bedeutung kommt? Warum wir leben und wo wir hingehen?
  397. Dass Religion all das in gewisser Weise klärt oder zumindest eine Lesart vorschlägt.
  398. Ja, und da müssen wir uns hüten, und zwar deswegen, weil Religion das nicht leisten kann.
  399. Wenn Religion das versucht - und das ist vielleicht die Art von organisierter Religion,
  400. die Dennett und Dawkins aus poli- tischen Gründen angreifen wollen, überschreitet sie ihre eigene Grenze.
  401. D.h., von Menschen organisierte Religion kann nicht mehr sein als das, was Menschen wissen.
  402. Und dann ist es nicht möglich, dass wir auf der Basis heiliger Schriften
  403. oder ihrer Interpretation unter gegenwärtigen Bedingungen konkrete ethische Handlungsanweisungen ableiten.
  404. Das ist nicht machbar. Was sagt uns das Neue Testament über die Ethik Künstlicher Intelligenz?
  405. Nichts. Weil keine Rede sein kann von der Ethik der Künstlichen Intelligenz
  406. im Jahre 0, es war kein relevantes Thema. Und so ist es mit jedem anderen Thema auch.
  407. Ein modernes Phänomen - ein sehr schwieriges - wie die medizinisch vertretbare Form der Abtreibung -,
  408. dazu können die heiligen Texte nichts Sinnvolles sagen, weil sie sich dazu noch nicht verhalten konnten.
  409. Deswegen müssen wir in der Gegenwart bestenfalls dafür sorgen, dass der Raum der Transzendenz geöffnet bleibt.
  410. Aber in diesen Raum einzudringen mit Wissensansprüchen, verletzt eigentlich die Spielregeln der Religion.
  411. Sie plädieren also für ein dialogisches System, in dem sich Religion, Philosophie, Kulturwissenschaften und Künste
  412. gemeinsam an der Wirklichkeit abarbeiten? Ist es das, was Sie unter einer neuen Aufklärung fordern?
  413. Um zum vierten Themenkomplex zu kommen, der Frage nach Gott und der Gegenwart.
  414. Meine Idee einer neuen Aufklärung besteht darin, dass wir unsere ethischen Fragen -
  415. was schulden wir einander lediglich insofern wir Menschen sind? Was sollen wir tun, jeder von uns?
  416. Diese Fragen können wir nur dadurch beantworten, dass wir alle Sektoren der Gesellschaft
  417. in ein neuartiges Gespräch miteinander bringen. Und das schliesst selbstverständlich mit ein,
  418. dass wir die Religionen, im Plural, mit ihren verschiedenen Ansprüchen nicht nur in einen Dialog miteinander versetzen,
  419. sondern auf die Frage losjagen, wie die Wirklichkeit beschaffen ist. Es war ja einmal so, früher wurden Kriege für die Frage geführt:
  420. Trinität - ja oder nein? Und faktisch werden auch heute noch Religionskriege geführt.
  421. Und wir wollen keine Religionskriege führen, sondern die religiösen Fragen, auch die theologischen,
  422. miteinander seriös bearbeiten. Natürlich muss die Theologie mit am Tisch sitzen,
  423. was in den Ethikkommissionen auch häufig so ist. Aber es darf dann im liberalen, demokratischen Rechtsstaat
  424. nicht nur die christliche Theologie sein, auch in mehrheitlich christlich geprägten religiösen Kontexten.
  425. Unsere hinduistischen oder muslimischen Mitbürgerinnen müssen mit am Tisch sitzen, wenn wir religiöse Fragen erörtern.
  426. Das wäre sozusagen die neue Aufklärung. Das ist keine anti-religiöse Haltung, sondern genau das,
  427. was wir von "Nathan der Weise" gelernt haben: Die Religion hat den ethischen Anspruch,
  428. den jede Ethik haben muss, nämlich einen universalen. Und dort, wo religiöse Erfahrung den universalen Anspruch einlösen kann,
  429. gehört sie eben auch mit an den Tisch. Wo das nicht so ist,
  430. ist sie für gesellschaftliche Fragen unerheblich. D.h., unser Leben hat einen Sinn, den wir ihm selbst nicht geben?
  431. Davon würde ich fest ausgehen. Argumentieren wir mal anders rum:
  432. Wenn das Leben nur den Sinn hätte, den wir ihm gäben, dann wäre dieses, das sich selbst Setzen des Sinns,
  433. selber etwas, das schon da ist. Wir setzen das ja nicht noch mal. Wer glaubt, dass das Leben nur den Sinn hat, den man ihm gibt,
  434. glaubt ja an seine eigene absolute Schöpferkraft. D.h., die Idee Gottes ist dort anwesend,
  435. aber man hat sie von aussen nach innen verlegt. "Die Sonne, sie war nicht, ehe ich sie schuf",
  436. heisst es einmal ironisch bei Goethe. Da wird auch eine Figur vorgeführt,
  437. die genau so eine Auffassung hat, in "Faust II". Das ist der moderne Nihilismus, der letztlich glaubt,
  438. dass er selber an die Stelle Gottes getreten ist. Insofern ist er nicht ansatzweise so atheistisch, wie er gerne vorgibt.
  439. Demnach würde dann der Zauber Gottes daher kommen, weil er abwesend ist. Richtig. Ein jüdischer Freund von mir sagte jüngst -
  440. das war mir nie so klar und fasst vieles zusammen, was ich für eine echte religiöse Wahrheit halte:
  441. "Man kann Gott um vieles bitten." "Das heisst aber lange noch nicht, dass er zuhört."
  442. D.h., Gott ist nicht Teil eines Algorithmus. Wer glaubt, dass er durch ein Gebet etwas erreichen kann,
  443. sozusagen eine Wunschliste an Gott, der wird immer wieder scheitern. Das heisst aber nicht, dass es keinen Gott gibt,
  444. sondern es bedeutet nur, dass der Abstand zwischen Mensch und Gott darin besteht, dass das, was wir gerade für unseren Wunsch halten,
  445. aus der angenommenen Perspektive Gottes noch lange nicht relevant ist.
  446. Das heisst ... ... wenn es keinen Gott gäbe, würden Sie einen Gott erfinden?
  447. Wenn es keinen Gott gäbe, würden Menschen ihn erfinden. Und darin bin ich mir ja mit den Atheisten einig.
  448. Entweder es gibt einen Gott, unabhängig von unseren Projektionen, oder Gott ist mindestens unsere Projektion.
  449. Das war die Erkenntnis Georg Friedrich Wilhelm Hegels, der teilweise auf diese Debatte schon antwortet.
  450. Die Links-Hegelianer Feuerbach und Marx haben Hegel eine Projektionsthese entnommen.
  451. Hegel sagt aber genau genommen, dass es für Gott unerheblich ist, ob er unabhängig von unserer Setzung existiert,
  452. weil diese Setzung schon so mächtig ist, dass man sagen kann: Vielleicht ist Gott der Umstand, dass wir hier etwas setzen,
  453. das wir nicht selbst gemacht haben können. Gott wäre dann die Idee von etwas, auf das wir nur stossen können,
  454. wenn wir es nicht selbst gemacht haben. Deswegen sagen die Traditionen ja:
  455. Gott und die Wirklichkeit sind letztlich dasselbe. Daraus ergibt sich das Problem, dass das, was wir Gott nennen,
  456. nicht eindeutig ist. Wenn wir nochmals auf Heidi zurückkommen:
  457. Ich denke, dass Ihr Verständnis und Ihr Sinn für Heidi doch ein anderer sein dürfte als jener vieler anderer.
  458. Dadurch gäbe es sozusagen unterschiedliche Heidis - Elfen und Einhörner und alles, was es in irgendeiner Weise gibt,
  459. in irgendeinem Sinnfeld. Wie würde sich darin dann Gott einfinden?
  460. Gäbe es dann doch mehrere Götter? Wenn Gott bloss ein fiktionaler Gegenstand wäre wie Heidi,
  461. dann gäbe es dadurch natürlich viele Götter. Genau das haben Sie ja behauptet, Gott sei eine Fiktion.
  462. Nein, ich habe gesagt, Gott ist mindestens die mächtigste Fiktion. Jetzt ist die Frage,
  463. ob wir die mächtigste Fiktion so denken können, dass eine Vielheit noch möglich ist.
  464. D.h., wenn wir Gott durchdenken, ist es dann noch möglich, dass sich jeder ein anderes Gottesbild macht?
  465. In der Projektionsthese ist die Antwort Ja. Deswegen sagt die Projektionsthese, die in der Antike entwickelt wurde,
  466. dass die Götter, wenn man sie zeichnet, immer so aussehen wie die Menschen- gruppe, die sie erfunden hat.
  467. "Der Gott der Äthiopier sieht aus wie ein Äthiopier", sagt Xenophanes. Das war die Kritik daran.
  468. Und die römischen Götter sehen aus wie Römer. Aber der wahre Gott, wenn es ihn denn gibt,
  469. sieht gar nicht mehr irgendwie aus. Das ist ja die Pointe des Bilderverbotes.
  470. D.h.: Gott, wenn er mehr ist als bloss die mächtigste Fiktion, unterscheidet sich von Heidi in der Tat wesentlich dadurch,
  471. dass es letztlich nicht einmal möglich wäre, sich ihn verschieden vorzustellen.
  472. Deswegen muss Gott immer eine Seite der Transzendenz haben, wenn es ihn denn wirklich gibt.
  473. D.h., wenn Gott die mächtigste Fiktion ist, dann ist er als diese mächtigste Fiktion eben alles,
  474. aber keine Fiktion. - Richtig. Wenn Gott die mächtigste Fiktion ist und als solcher dann auch existiert,
  475. und der Inhalt dieser Fiktion Gott ist und nicht Heidi - ein Waisenmädchen, das in Graubünden lebt usw. -,
  476. dann muss Gott in dieser Stelle im Reich der Fiktionen eine andere Seite haben, die wir nicht sehen.
  477. Das berichten ja die interessanten Begegnungen Moses mit Gott. Einige der Höhepunkte für mich in den monotheistischen Schriften
  478. sind diese Begegnungen. Moses sieht ja nur einen Teil Gottes und erblindet schon.
  479. Und die relevante Frage im Exodus 3:14 ist ja, wo Gott sich vorstellt ...
  480. Moses fragt: "Wer bist du eigentlich?" Er sieht nur den brennenden Dornenbusch,
  481. der immer weiter brennt und sich nicht verzerrt. Irgendwann fragt er: "Wer bist du eigentlich?
  482. Dann sagt er den berühmten Satz, gibt den Gottesnamen an: "Ehjeh Ascher Ehjeh."
  483. Ich würde das mit Futur übersetzen - darüber wird viel gestritten: "Ich werde sein, der ich sein werde."
  484. Auch gerne übersetzt als: "Ich bin, der ich bin." "Ich bin, der ich sein werde." "Ich will sein, der ich sein will."
  485. Oder kurzum: "Warte mal ab, du wirst schon sehen." So würde ich Exodus 3:14 übersetzen.
  486. D.h., die Pointe ist, dass wenn es Gott gibt und er uns nur einen Teil seiner Selbst zeigt
  487. und der Rest entzogen bleibt, damit es eben diesen Unterschied gibt
  488. zwischen Gott als der mächtigsten Fiktion, die ja mindestens als Fiktion in der Bibel existiert ...
  489. Keine Lesart der Bibel sagt etwas anderes. D.h., Gott existiert mindestens als die mächtigste Fiktion.
  490. Die Frage ist, ob Gott darüber hinaus existiert. Und diese Frage lässt sich genauso beantworten,
  491. dass wenn Gott wirklich existiert, er anders als Heidi nicht im Plural legitimer Interpretationen existiert.
  492. Herr Gabriel, meine letzte Frage: Was müsste geschehen, damit der Philosoph Markus Gabriel
  493. einst doch gesteht: "Es gibt den einen Gott." Muss ein Prophet kommen oder was brauchen Sie noch?
  494. Nein, ich denke, ich muss nur 85 werden. Wenn wir uns dann wiedersehen sollten,
  495. dann sage ich Ihnen, ob ich etwas gesehen habe. Darauf freue ich mich.
  496. Vielen Dank für das Gespräch. - Danke, Herr Karimi. Was denkt ihr? Sollen wir an Gott glauben?
  497. Oder hat er, sie oder es jede Glaubwürdigkeit verloren? Schreibt es unten in die Kommentare.
  498. Und weitere Gedankenanstösse findet ihr in diesen Sendungen.

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