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Glaube ade? Die schwindende Bedeutung von Religion | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 523 Zeilen
- Es ist schwer für die Kirchen, deutlich zu machen, dass die Menschen weiterhin auf sie hören sollen.
- Die Menschen sagen: "Da gibt's die Kirche." "Aber über meinen Glauben entscheide ich selbst."
- Der Glaube hilft mir, damit fertigzuwerden, dass nicht alles möglich ist.
- Und der Grundgedanke ist der: Da gibt es etwas, was die Welt im Ganzen zusammenhält,
- irgendein Quell einer höheren Weisheit. Und einige wenige haben Zugang dazu,
- indem man Kristalle legt oder bestimmte Bücher liest. Nein. Jetzt sind Sie unfair.
- Mit Untertiteln von SWISS TXT Jesus-Influencer boomen.
- Der US-Präsident betet vor laufender Kamera im Oval Office. Und der Tech-Milliardär Peter Thiel
- hält in Rom Vorträge zum Antichristen. Der Gottesglaube hat scheinbar Konjunktur.
- Weit gefehlt, sagt Detlef Pollack, einer der wichtigsten Religionssoziologen unserer Zeit.
- Der religiöse Glaube sei auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Wie das zusammengeht, diskutieren wir heute.
- Herzlich willkommen, Detlef Pollack. - Vielen Dank für die Einladung. Um einmal ein bisschen poetisch zu beginnen:
- Der Schriftsteller Julian Barnes beginnt ein Buch mit dem schönen Satz:
- "Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn." Können Sie dem etwas abgewinnen?
- Ich glaube, viele Menschen können dem viel abgewinnen. Mit dem Satz ist ja ausgedrückt,
- dass man nicht glauben kann, aber eine Sehnsucht nach Gott hat und sich von Gott etwas erwartet, Gerechtigkeit, eine bessere Welt.
- Ich kann dem Satz nicht so viel abgewinnen. Dem ersten Teil schon.
- Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sich zu Gott bekennen. Aber ich würde sagen, der Satz hat insofern eine gewisse Wahrheit,
- als dass man feststellen kann: Wenn dieser Gottesglaube zurückgeht,
- dann fehlt der Gesellschaft etwas Wichtiges. Darüber wollen wir heute ins Gespräch kommen.
- Und darum habe ich Sie auch eingeladen. Sie sind nicht nur ein renommierter Religionssoziologe,
- sondern mich interessiert auch an Ihrem Werdegang, dass sie nicht gläubig sind, aber Religion erforschen.
- Warum haben Sie Theologie studiert, noch dazu in der DDR, wo das kein Spaziergang war, stelle ich mir vor?
- Ja, das ist eben der Grund. Ich wollte in der DDR eigentlich
- Philosophie studieren oder Literaturwissenschaft. Aber diese Disziplinen waren in meinen Augen ideologisch besetzt.
- Ich habe eine Alternative gesucht und war eigentlich nicht glücklich mit dem Theologiestudium,
- weil ich eben nicht geglaubt habe. Ich wuchs auf in einer nicht-christlichen Familie,
- war aber dann in einem Chor, der stark christlich geprägt war. Das war nicht einfach ein Chor, sondern der Thomanerchor in Leipzig,
- eine 800-jährige Chortradition. Und da sind Sie imprägniert worden
- mit Kirchenmusik und Kirchenbesuchen, denke ich. Ja. Wir haben zwei-, dreimal pro Woche in der Kirche gesungen.
- Und all die Thomaner um mich herum waren christlich geprägt. Das waren viele Pfarrerssöhne, Kantorensöhne.
- Und das war eine Insel in einer atheistischen Gesellschaft. Dort war es schwierig, nicht Christ zu sein.
- Und ich habe tunlichst vermieden, mich dort zu outen. Ich habe im christlichen Unterricht alles mitgemacht.
- Und das hat mich sehr stark geprägt. Die Musik hat mich geprägt, die Bach-Passionen.
- Das hat mich auch sehr stark berührt. Das ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen.
- Aber obwohl ich in dieser Zeit, da war ich 13, 14, viel darüber nachgedacht habe, ob man zum Glauben kommen könnte,
- konnte ich über diesen Graben nicht springen. Jetzt haben wir auch schon alle Themen auf dem Tisch.
- Man kann sich hingezogen fühlen zur Kirche, ohne zu glauben. Man kann gläubig sein und nicht in einer Kirche sein.
- Zwischen Glauben und Religiosität gibt es vielleicht eine Spannung. Aber beginnen wir einmal mit der Religiosität.
- Sie erforschen beruflich als Wissenschaftler die Religion am Centrum für Religion und Moderne an der Universität Münster.
- Und u.a. geben Sie dieses Buch immer wieder heraus. Es ist eine neue Auflage erschienen: "Religion in der Moderne".
- Darin tragen Sie Daten aus der ganzen Welt zusammen. Und Sie sagen, diese Daten sprechen eine klare Sprache:
- Religion ist weltweit im Sinkflug. Ja, es ist die dritte Auflage, und das Buch wird immer dicker.
- Das sieht man hier. - Ja, genau. In der ersten Auflage hatte es schon 500 Seiten.
- Und dann haben wir versucht, weitere Daten zu ergänzen. Es ist bekannt, dass in Westeuropa
- die Bedeutung von Religion und Kirche zurückgeht, aber nicht nur in Westeuropa.
- Auch in Staaten, in Gesellschaften, in Kulturen, wo man davon ausgehen könnte, dass Religion zentral sei,
- wie den USA, ist dies der Fall. Die USA gelten oft als Gegenbeispiel für die Säkularisierungstheorien.
- Auch dort gibt es eine dramatische Säkularisierung. Inzwischen sagen ungefähr 30 %,
- sie haben keine Religion, "no religion". Das war vor 20, 30 Jahren ganz anders.
- Da waren das 4, 5, 6 %. Das ist also sehr stark angestiegen.
- Auch der Gottesdienstbesuch hat sich stark abgeschwächt. Man spricht inzwischen von Prozessen der Säkularisierung,
- auch in einem hochreligiösen Land wie den USA. Mhm. Und Sie gehen sogar noch weiter.
- Sie sagen auch, diese Vorstellung, die Säkularisierung sei ein Phänomen des Westens,
- sei weit gefehlt. Sie nennen z.B. Iran oder Polen. - Ja, genau.
- Also religiöse Hochburgen. - Das kann man sagen. Nehmen wir Polen.
- Polen ist eigentlich ein Land, das die eigene nationale Geschichte im Lichte der katholischen Kirche reflektiert
- und sich selber als katholische Nation versteht. Es versteht sich als den gekreuzigten Christus,
- der der Welt den Katholizismus bringen soll. Das war ja auch die Vorstellung von Johannes Paul II.
- Und in diesem Land geht nach dem Kollaps des Kommunismus die Bedeutung der Religion und auch der Gottesdienstbesuch
- nur ganz leicht zurück. Aber in den letzten 15 Jahren haben wir einen Zusammenbruch.
- Wenn man die älteren Pol/-innen mit den jüngeren vergleicht, haben wir dort wie in keinem anderen Land
- eine derartige Diskrepanz in der Bedeutung der Religion. Wenn man 100 Länder vergleicht, ist sie dort am höchsten.
- Die ältere Generation hält zur Kirche und zum Glauben. Und die jüngere Generation bricht auf und sucht was anderes.
- Wir werden auch über die Gründe noch sprechen, weil der erwähnte Iran ja ein sehr aktuelles Beispiel ist.
- Sie sagen, wenn ein Staat religiöse Dogmen mit so einer Härte predigt, die nicht vereinbar sind mit dem Lebensentwürfen der Menschen,
- dann wenden sich die Leute unter Umständen erst recht ab. Ich würde gerne mit Ihnen kurz auf die Zahlen der Schweiz blicken.
- Da haben wir auch eine Grafik vorbereitet. Das deckt sich mit dem, was Sie sagen.
- Wir können das Jahr 2000 mit dem Jahr 2024 vergleichen. Der Anteil reformierter und katholischer Personen nimmt ab,
- andere Christen leicht zu, aber nur leicht. Ein bisschen mehr Muslime gibt es in der Schweiz.
- Aber wir sehen den grossen Balken bei den Konfessionslosen, eine grosse Zunahme an Konfessionslosen.
- Die Schweiz entspricht wohl dem, was Sie in vielen Ländern sehen. Genau. Die Schweiz liegt im Trend. - Wie schön.
- Wir liegen für einmal im Trend. - Ja. Ich weiss nicht, ob das gut ist, aber wir sind immerhin im Trend.
- Man kann es vergleichen mit der Lage in Westdeutschland. Aber nehmen wir einmal Gesamtdeutschland.
- Da haben wir den konfessionslosen Osten, immerhin ein Fünftel der Bevölkerung.
- Da sind die Verhältnisse ganz dramatisch. Aber die Schweiz zeigt den Rückgang bei der Konfessionszugehörigkeit.
- Und was auch interessant ist: Man verbindet ja die Schweiz mit dem reformierten Glauben.
- In der Tradition von Zwingli, z.B. - Genau, Zwingli und Calvin. Und inzwischen haben wir mehr Katholiken.
- Das liegt ganz stark an der Zuwanderung. Selbst eine zwinglianische Stadt wie Zürich
- hat inzwischen mehr Katholiken als Protestanten. Und das gilt auch eben für die USA, wo man sieht:
- Es gibt einen Zuwachs bei den Katholiken. Aber das hat zu tun mit Zuwanderung aus Lateinamerika.
- Ja. Bei den USA muss man vorsichtig sein. Es kommen viele zur katholischen Kirche dazu.
- Die kommen v.a. aus Lateinamerika. Aber die Austrittsrate aus der katholischen Kirche
- ist in den USA höher als bei den evangelischen Gemeinden. Also sie verlieren sehr viel, aber gewinnen auch viel
- und können den Bestand an katholischen Kirchenmitgliedern einigermassen in der Balance halten.
- Aber er ist auch zurückgegangen von 25 % auf jetzt etwa 20 %. Also 20 % der US-Amerikaner/-innen sind katholisch.
- Bei den evangelischen waren es früher 50 %, jetzt sind es ca. 30 %. Lassen Sie uns auf die USA dann noch zurückkommen.
- Bei all diesen Daten, die Sie im Kopf haben, denke ich: Wie kommen Sie eigentlich dazu,
- dass Sie sich so interessieren für Religionssoziologie, wenn Sie gar nicht gläubig sind?
- Das hat mit meiner Biografie zu tun. Ich bin über das Theologiestudium, das ich nicht gewählt hatte,
- zur Religion gekommen, zur Religionssoziologie. In Leipzig gab es ein Institut für Religionssoziologie.
- Da habe ich meine ersten empirischen Arbeiten gemacht. Und dann bin ich dabei hängengeblieben
- und habe versucht, das mir zu erarbeiten. Ich hätte viel lieber Literatur- oder Musikwissenschaft gemacht.
- Da habe ich einen direkten Bezug. Aber wenn man sich damit jahrelang beschäftigt,
- dann kann man das nur sinnvoll betreiben, wenn man sich in die Gedankenwelt der Gläubigen hineinversetzt.
- Und das versuche ich natürlich. Und ich denke auch, dass ich auch inzwischen einen Zugang dazu habe.
- Jetzt habe ich fast den Eindruck, wir sprechen vorgestrig. Wir haben diese Grafiken gesehen, wir haben über Daten gesprochen.
- Aber wenn man auf TikTok geht, aufs Instagram oder auf YouTube, hat man das Gefühl,
- überall sind sog. Christfluencer oder muslimische Influencerinnen. Da missionieren ganz viele junge Menschen,
- und zwar fleissig und äusserst erfolgreich, gerade auch bei jungen Menschen.
- Wir gucken uns das an. Mega viele wissen nicht, wie gut Gott ist.
- Geht zu Gott, und es wird euch dann besser gehen. Jesus hatte Jünger.
- Sie haben Follower. Auf Instagram, YouTube und TikTok
- teilen sie ihre Glaubensreisen, erklären heilige Schriften und bieten einen Kompass in chaotischen Zeiten.
- Und plötzlich beginnt dein Leben zu leuchten auf allen Seiten. Gott brennt die Dinge weg,
- damit dein echtes Ich nach vorne kommt. Sie verbreiten, v.a. unter der Generation Z,
- den sog. Jesus-Glow, dass man von innen heraus strahlt, wenn man an Jesus glaubt.
- Wer nicht schön wird, glaubt nicht richtig. Ich merke, sobald ich mich von Gott entferne,
- fehlt mir etwas, das mir keiner geben kann. Es braucht mehr Christen, wirklich. * Applaus *
- Statt Party, singen oder predigen sie im Jugendslang Gottes Wort. (Autotune-Rap:) # All I need is him.
- # Ask about my pronouns, I point up and tell you he is him. # I'm going to be in heaven because I trust and I believe in him.
- Das, was ihr tut, ist Blasphemie. Gott ist nicht queer. Hip, jung, attraktiv.
- Dabei verraten sie ihren Follower ihr Rezept für Glück: Jesus. Und sie liefern dazu auch gleich
- ultrakonservative Handlungsanweisungen: keusch sein, fromm sein
- und bei Unsicherheit die Bibel konsultieren. (Frau) Du hast einen Job als Frau.
- Das ist, dir den Mann auszusuchen, der deiner Unterordnung würdig ist. Auch muslimische Influencerinnen mischen mit.
- Hier wird nicht nur gepredigt, hier wird inspiriert, debattiert eine Community aufgebaut.
- Ob stylische Beauty- oder Hidschab-Tutorials, Halal-Rezept für den Fastenmonat, Gebetschallenges oder Ramadan-Blogs:
- Die Glaubensbotschafterinnen sind der beste Beweis: Der Mensch will Sinn und Gemeinschaft,
- gerne auch mal mit traditionellen Rollenbildern mit Pastellfilter.
- Zeigen diese Videos nicht ein Stück weit, dass die These des Sinkfluges der Religionen
- vielleicht wieder umgedreht wird dank oder wegen solcher Videos? Als Religionssoziologe, der seit Jahrzehnten tätig ist,
- höre ich ständig diese Thesen: "Religion kommt wieder." "Wir haben eine Renaissance der Religion, der Spiritualität."
- Das ist eine Gegentendenz zur Säkularisierung, die man ernst nehmen muss.
- Aber man sollte sie nicht in ihrer Bedeutung überschätzen. Was mir v.a. auffällt ist diese Mischung:
- Auf der einen Seite gibt es einen ziemlich fundamentalistischen und rückwärtsgewandten Glauben.
- Auf der anderen Seite macht man sich schön, singt, macht Sport, inszeniert sich.
- Es ist eine Vermischung von den Anmutungen der Moderne, dieser Lifestyle-Inszenierung auf der einen Seite
- und auf der anderen Seite: "Ich möchte mich unterwerfen, möchte den Richtigen finden."
- Und der Glaube wird eingebaut in diese Konstruktion als etwas, das Sicherheit geben kann, wo ich mich selber finden kann,
- wo ich mich schätzen lerne, wo ich mich schön fühle. "Ihr sollt auch schön sein, ihr sollt auch glühen wie ich."
- Lassen Sie mich da kurz verweilen. Sie ein neues Buch geschrieben: "Große Versprechen:
- Die westliche Moderne in Zeiten der globalen Krise." Da geht es auch um die Frage: Worin besteht die Moderne?
- Sie haben gesagt, es ist ein Stück weit auch ein Abarbeiten an der Schwere der Moderne, an den Aufgaben der Moderne.
- Und eine Influencerin, die in einem Video zu sehen war, nämlich Jana Highholder, sagt in einem Video:
- Ja, ich finde, diese Influencer ... Es sind ja meistens Influencerinnen. Die rühren mich irgendwo auch an, weil es da um ganz viel geht.
- Es geht darum, in dieser modernen Welt, wo so vieles möglich ist, wo sie viele Gelegenheiten haben,
- sich selbst zu finden und zu sagen: "Wer bin ich eigentlich."
- Und das immer Vergleich zu den anderen, die auch auf Social Media sind und sich präsentieren.
- Und dann sagt man: "Der Glaube gibt mir diesen Halt." Oder man sagt: "Der Glaube hilft mir,
- damit fertigzuwerden, dass nicht alles möglich ist." "Ich diszipliniere mich, ich faste."
- Die Versprechen der Moderne zielen darauf ab, Freiheit zu ermöglichen, Gleichheit zu ermöglichen,
- aber auch Empathie zu ermöglichen. Das ist eine enorme Herausforderung für die jungen Menschen.
- Die müssen damit fertigwerden, dass sie diese Möglichkeiten haben. Und der Glaube hilft ihnen,
- eine Anspruchsverminderung vorzunehmen. Und das ist eine Form,
- mit den Herausforderungen umzugehen und seinen eigenen Stand zu finden. Sie erklären, warum das attraktiv ist.
- Und gleichwohl sagen Sie, es wird nicht so sein, dass Religiosität zunimmt.
- Warum nicht? - Man kann damit unterschiedlich umgehen. Man kann dem Freiheitsversprechen auch folgen und es ausleben.
- Das machen ja auch ganz viele. Und das ist eben eine Form.
- Und diese Form setzt aber etwas voraus: dass man Erfahrungen mit Gott macht, dass man in der Bibel liest,
- dass man still wird, dass man betet. Das ist nicht für jedermann etwas.
- Und dann sagen die Influencer: "Aber probier's mal!" "Erst drei Minuten, dann fünf, dann zehn."
- "Du wirst sehen, du wirst ein anderer Mensch." Und darum geht es.
- Es geht darum, nicht mehr so traurig zu sein, nicht mehr so trostlos zu sein, sich nicht mehr so hässlich zu finden,
- nicht mehr so unsicher zu sein. Es geht darum, selbstbewusst zu sein,
- zu strahlen und mit diesem Strahlen auch andere zu beeindrucken. Und da kann man ja sagen, das hat durchaus sein Gutes.
- Also vielleicht suchen junge Menschen lieber dort Halt, als sich risikoreichen Trinkfesten hinzugeben.
- Nur gibt es ein grosses Aber. Sie vertreten äusserst konservative Positionen,
- homophobe Positionen. Viele wettern gegen Abtreibung, gegen Gleichstellung.
- Es geht darum, dass die Frau sich dem Mann unterzuordnen hat. Und das ist etwas, das mich interessiert:
- diese Verflechtung von Politik und Religion. Das wird sehr viel diskutiert,
- eben mit Blick auf die USA, wo man weiss: Die Evangelikalen mit ihren Voten gegen Abtreibung
- haben immer wieder Donald Trump Wähler zugespielt. Wie ordnen Sie das bei uns ein?
- Inwiefern haben diese Christfluencer politischen Einfluss? Ich würde das gerne etwas verallgemeinern.
- Was diese Influencer machen, ist, dass sie Religion verbinden mit anderen Bereichen des Lebens.
- Politik ist eines. Und darauf komme ich gleich. Das andere ist aber Schönheit.
- Oder dass man eine Ausstrahlung hat. Oder dass man sportlich ist.
- Oder dass man im Studium gute Noten hat. Und der Glaube hat eine Funktion in diesem ganzen Geflecht:
- "Wenn du nur richtig glaubst, dann wird dir das alles gelingen." Und das ist die Gefahr.
- Der Glaube ist gewissermassen das Heilmittel für alles, und so eben auch in der Politik.
- Schauen wir jetzt auf die USA, da heisst es: "Wenn wir nur zu Gott zurückkehren, wird Amerika wieder gross sein."
- Das versprechen Trump und die Evangelikalen. Und da ist sozusagen die gemeinsame Schnittmenge.
- Und der religiöse Fundamentalismus sieht eben davon ab, und das machen ja viele andere auch,
- dass unsere moderne Welt, auch die Politik, komplex ist. Wir können nicht von einem Gesichtspunkt her,
- also vom Glaubensgesichtspunkt her, alle Probleme des Lebens lösen und schon gar nicht die komplexen Probleme der Politik.
- Ich habe es am Anfang schon erwähnt. Es gibt Bilder von Donald Trump, wie er betet im Oval Office.
- Und wir sehen in einer Inszenierung fast wie in einem Abendmahl. Man ist an dieses Bild erinnert, wenn man sich das anschaut.
- Was soll das, ehrlich gesagt? Das ist meine erste Frage, und meine zweite Frage wäre:
- Kann man das auch so zusammenfassen, dass man sagt: Zwar ist Religion im Sinkflug, auch in den USA,
- aber die politische Bedeutung der Religion nimmt doch zu. Beides gehört zusammen.
- Bei Trump sind das die Evangelikalen. Die Evangelikalen sind stark in den USA.
- Die machen ungefähr 20 % der Gesamtbevölkerung aus. Das sind mit die treuesten Trump-Fans.
- Über 80 % der Evangelikalen wählten Trump, sowohl bei der ersten Wahl als auch bei der zweiten.
- Also sie stehen zu Trump. Und diese enge Verbindung zwischen Evangelikalen und Politik
- führt dazu, dass sich die Religion in die Politik einmischt. Das stört aber auch sehr viele Menschen.
- Gerade bei jenen, die mit Religion nicht diese enge Verbindung haben, gerade bei denjenigen, die etwas distanzierter sind,
- stösst diese politische Religiosität auf Ablehnung. Somit haben wir in den USA eine starke Polarisierung
- zwischen dem Camp der Evangelikalen, die Trump unterstützen, und mehr liberal eingestellten Christen.
- Letzteren geht diese Art von Religiosität auf die Nerven. Und sie wenden sich nicht nur von der Politik Trumps ab,
- sondern auch vom Glauben, von der Religion, weil sie sagen: "I am not like them."
- Und ist das ein Nullsummenspiel? - Das kann man nicht sagen. Das Trump-Lager ist ja erstaunlich resilient.
- Die Anhängerschaft geht kaum zurück. Aber man kann sagen, über eine längere Zeit betrachtet,
- dass liberalere Haltungen in den USA zunehmen werden. Es ist kein Nullsummenspiel,
- sondern rechnet man das gegeneinander auf, muss man sagen: Die Bedeutung von säkularen, liberalen Einstellungen
- steigt im Laufe der Zeit. Man darf also nicht sagen, wir sehen, Religion kommt wieder.
- Sondern das ist ein Kampf um Bestände, die verlorenzugehen drohen.
- So empfinden das auch die Menschen. Die weissen Evangelikalen sagen - dazu gibt es Befragungen:
- "Unsere Gruppe ist die am meisten verfolgte Gruppe in den USA." Also mehr als Schwarze und Muslime.
- "Wir als Verfolgte müssen uns dagegen wehren, dass uns das Land weggenommen wird."
- Man könnte eine Sendung machen alleine über Religion in den USA. Bei den Demokraten gibt es ja auch einen Hoffnungsträger,
- James Talarico, der ja seinerseits mit Religion oder Glaube operiert, allerdings mit einer anderen Form der Frömmigkeit, der Nächstenliebe.
- Das ist vereinbar mit Völkerrecht und Menschenrechten, was man im Lager von Trump nicht wirklich sieht.
- Aber ich will das hier nicht vertiefen. Einen Satz möchte ich sagen. - Ja.
- In den USA kommt man politisch wahrscheinlich dann weiter, wenn man Religion nicht einfach abschreibt.
- Es sind, nicht wie früher 95 %, aber 80 % in den USA, die sich zum Glauben an Gott bekennen.
- Also ein Präsidentschaftskandidat, der sich da als Atheist oder agnostisch präsentiert,
- hat wahrscheinlich Schwierigkeiten. Jetzt muss man das ja nicht zwingend bewerten.
- Gleichwohl muss ich schon sagen, mich gruselt's, auf Deutsch gesagt. Es ist ja eine Errungenschaft der Moderne,
- dass wir Religion und Staat zu trennen begonnen haben, Stichwort: Laizismus.
- Und wenn man z.B. nach Russland blickt, sieht man ja, dass Putin seinen Nationalismus bis hin zu seinem Krieg
- auch mit religiösen Inhalten unterfüttert. Ich habe vorhin gesagt, Peter Thiel hält Vorträge zum Antichristen
- in der Nähe des Vatikans. Und da sagt er: "Der Antichrist ist die UNO, die EU."
- "Das sind furchtbare Institutionen, die wir fürchten sollten." Da kann man doch klarerweise sagen, es wäre schon gut,
- die Säkularisierung würde da wieder zunehmen oder zumindest der Laizismus, Trennung von Kirche und Staat.
- Genau. Das ist ja die Errungenschaft der westlichen Moderne. Und das wurde hart errungen.
- Mit vielen Kosten ist es so weit gekommen, dass man Kirche und Staat trennt.
- Der Grund dafür waren v.a. die Religionskriege im 16. und 17. Jh., wo sich die einzelnen Konfessionen nicht einigen konnten.
- Deswegen hat dann der Staat gesagt, das Recht gesagt: "Wir müssen uns von der Abhängigkeit von den Religionen lösen,
- damit die Menschen friedlich miteinander zusammenleben können." Und das ist ganz anders, wenn man nach Russland schaut.
- Da ist ja Putin auf der einen Seite derjenige, der als ehemaliger KGB-Agent sich jetzt zum Glauben bekennt
- und sich immer mit dem Patriarchen zusammen zeigt. Aber auf der anderen Seite ist es auch die Russisch-Orthodoxe Kirche,
- die sich dem russischen Präsidenten andient und behauptet, dass dieser Krieg sogar religiös gerechtfertigt ist.
- Der Patriarch Kyrill I. sagt: "Es handelt sich bei diesem Krieg
- um einen Konflikt von göttlichen und dämonischen Mächten, das Gute gegen das Böse."
- "Es ist ein metaphysischer Kampf, den wir führen müssen im Interesse der Religion und der Wahrheit."
- Genau, da wird Religion herangezogen als Mittel zur Begründung. Ich habe schon mehrere Male gesagt,
- wir müssen trennscharf unterschieden zwischen Religion und Glaube. Es geht um die Frage:
- Wenn wir über Religion sprechen, sprechen wir über eine Trennung von Kirche und Staat,
- oder geht es darum, dass es wieder vermischt wird? Lassen Sie uns darüber sprechen,
- was den Bedeutungsverlust von Religion befeuert. Sie belegen ja mit Daten, dass der stattfindet.
- Sie sagen in Ihrem Buch, bei den christlichen Kirchen kommt man schnell auf die Idee,
- die Missbrauchsskandale haben zu Austritten geführt. Ein anderer Grund ist vielleicht die Kirchensteuer,
- dass Menschen denken: "Wieso soll ich zahlen für keine Leistung?" "Ich gehe nicht mehr zur Kirche, lasse meine Kinder nicht taufen,
- lasse bei der Beerdigung am Grab einen säkularen Menschen sprechen." Das könnten Gründe sein.
- Aber Sie sagen, was ich interessant finde, das seien nur Oberflächen-Phänomene.
- Eigentlich gehe es im Kern um einen Kulturbruch, der bis in die 1960er-Jahre zurückreicht.
- Ja, der entscheidende Bruch liegt in den 1960er-/1970er-Jahren. Und da sehen wir,
- wie mit dem ökonomischen Aufstieg der westlichen Länder sich ganz neue Wertorientierungen herausbilden.
- Werte wie Fleiss, Disziplin Gehorsam und Autorität verlieren an Bedeutung.
- Stattdessen gewinnen andere Werte an Bedeutung, z.B. politische Partizipation, Selbstbestimmung, Freiheit.
- Auch ein Verständnis für Minoritäten ist wichtig, Gleichberechtigung von Mann und Frau.
- Und in diesen Wertewandel sind die Religionsgemeinschaften auch miteinbezogen.
- Und es ist schwer für die Kirchen, deutlich zu machen, dass die Menschen weiterhin auf sie hören sollen.
- Die Menschen sagen: "Da gibt's die Kirche." "Aber über meinen Glauben entscheide ich selbst."
- Hinzu kommt, dass man in der Moderne Mühe bekundet mit Hierarchien, mit Bevormundungstendenzen.
- Man kann aber sagen, Kirchen reagieren darauf. Nicht mehr viele Pfarrer predigen von der Kanzel herunter.
- Gleichzeitig gibt es die Diskussion: "Die Kirche verkommt zu einem Jekami."
- Und dann gibt es wieder Fundamentalisten, die sagen: "Ich will, dass klar gesagt wird, was Sache ist."
- Ja. Das ist eine Gemengelage, wo die Kirchen nicht gewinnen können. Es ist genau, wie Sie es gesagt haben.
- Einerseits versuchen die Kirchen, sich anzupassen. Sie müssen das aus guten Gründen machen.
- Sie müssen aus der Bibel heraus begründen, warum sie sich den Menschen zuwenden und sagen:
- "Auch Jesus hat sich ganz nah an die Menschen gehalten." "Er hat versucht, sie zu heilen, ihnen zuzuhören."
- "Er war nah an den Menschen, und das machen wir auch." "Wir sind eine dialogische Kirche, keine autoritäre."
- Man wendet sich von dem mittelalterlichen Bild ab. Andererseits gibt es Leute, die sagen:
- "Die Kirche ist nicht für alles da." "Sie soll nicht überall mitspringen
- und sich mit spirituellem Wandern begnügen." "Wir müssen zurückkehren zu unseren Wurzeln."
- Und das ist der Streit innerhalb der Kirche, auch ein notwendiger Streit, ein unvermeidbarer Streit.
- Sollte man stärker das Profil der Kirche stärken, oder sich mehr auf die Bedürfnisse der Menschen einlassen?
- Es ist ganz klar: Man muss beides machen. Genau. Man kann ja sagen, das ist in jedem Verein so.
- Es gibt progressive und konservativere Kräfte. Aber der andere Punkt ist, dass Sie gesagt haben,
- in der Moderne entstehen ganz viele Angebote. Man soll partizipieren.
- Es gibt auch diese Erfindung der Freizeitindustrie, überhaupt ein Angebot an Möglichkeiten.
- Da haben wir vorhin gesehen, für Junge kann das schwierig sein, übrigens auch für mittelalte oder alte Menschen.
- Man weiss nicht: Worauf soll man fokussieren? Aber Sie legen das schön in Ihrem Buch über die Moderne dar:
- Glaube wird zur Option. Man muss sich halt entscheiden:
- Mache ich mehr Fitness oder besuche ich Gottesdienste? Ja. Das ist der entscheidende Punkt, wenn wir von Säkularisierung reden.
- Es ist nicht so, dass die Kirchen vertrieben werden oder dass Missbrauchsfälle die Bindung an die Kirche beenden.
- Das spielt alles auch eine Rolle. Aber der entscheidende Punkt, der wichtigste Faktor ist,
- dass die Moderne so viele Verwirklichungsmöglichkeiten bietet, dass es schwerfällt, sich nur auf den Glauben zu konzentrieren.
- Warum sollte man das machen, wenn man zur gleichen Zeit einen Familienausflug machen kann,
- die Zeitung lesen kann oder an Events teilnehmen kann? Ich würde sagen, der entscheidende Punkt ist:
- Die Menschen werden in ihrem Fokus von vielen Alternativen abgezogen, die für viele Menschen attraktiver sind.
- Und die Frage ist dann am Sonntagvormittag: "Soll ich in den Gottesdienst gehen?"
- "Ich kenne den Ablauf, die Rituale, den Pastor, die Choräle." "Oder soll ich nicht die Zeit nutzen,
- um einfach mal irgendwo hinzufahren?" In dieser Abwägung kommt die Religion oft nicht so gut weg.
- Und es kommt eine weitere Sache hinzu: Es fällt den Menschen schwer, sich überhaupt zu entscheiden.
- Sie haben gesagt, Glaube ist eine Option. Das sagen auch Peter L. Berger und Charles Taylor.
- Glaube ist eine Option unter vielen, aber eben eine Option, wo man nicht unbedingt sagen kann:
- "Indem ich darüber nachdenke, komme ich zu einem klaren Entschluss." Man denkt eher: "Ja, das könnte schon gut sein."
- "Aber im Augenblick ist etwas anderes wichtiger." "Und es hat ja Zeit,
- man kann immer noch auf den Glauben zurückkommen." Insofern wird die Entscheidung zum Glauben oft gar nicht getroffen.
- Sie wird auch nicht verschlossen. Sie hat sozusagen keine handlungsanleitende Konsequenz.
- Sie haben jetzt gesagt, es gibt diese vielen Optionen. Man überlegt: "Soll ich am Sonntag in die Kirche gehen?"
- Oder zum Freitagsgebet, z.B. "Oder soll ich etwas anderes tun?"
- Es gibt auch das Phänomen der Sogwirkung. Wenn da keiner mehr ist meiner Freund/-innen
- oder wenn man denkt: "Was mache ich unter all den Über-80-Jährigen?", dann bleiben natürlich immer mehr Menschen fern.
- D.h., man kann sagen, je weniger Menschen religiös motiviert sind, umso seltener werden andere motiviert werden.
- Dieser Effekt verstärkt sich selbst. - Mhm. Und das geht noch einen Schritt weiter.
- Auf der einen Seite ist ja der Glaube hoch unanschaulich. Das ist gar nicht so klar,
- dass es da jemanden gibt, der für mich sorgt. Es ist ja immer infrage gestellt.
- Aber kommt man zusammen mit anderen, die das auch sagen, dann fühlt man sich darin bestärkt.
- Das ist eine Plausibilität durch Gemeinschaft. Wird die Gemeinschaft kleiner, wird die Plausibilität kleiner.
- Und dann ist eben auch wichtig: Wir handeln ja nicht nur so, weil eine Sache gut für uns wäre.
- Das mag sogar sein, dass man sagt: "Ja, der Glaube ist gut." Aber man trifft Entscheidungen
- nicht nur aufgrund von Kosten-Nutzen-Erwägungen, sondern aufgrund bestimmter normativer Rahmen.
- Und vor 40 Jahren war es noch selbstverständlich zu sagen: "Die Kirche ist doch wichtig
- für den Zusammenhalt der Gesellschaft." "Die gehört zu unserem Leben."
- "Alle unsere Vorfahren waren auch kirchlich geprägt." Dann machen wir es auch. - Genau.
- Sie sagten kürzlich in einem Interview, Christ zu sein, gerät unter Rechtfertigungsdruck.
- Und da sind wir bei der These von Tobias Haberl im Buch "Unter Heiden".
- Er ist ein Katholik, der sagt: "Wenn ich mich in meinem Freundeskreis bewege,
- habe ich das Gefühl, ich bin dauernd unter Rechtfertigungsdruck." Er war auch bei uns zu Gast, und wir hören ihm kurz zu.
- Früher, als ich ein Junge war, wurde über die getuschelt, die nicht in der Messe waren.
- Inzwischen werde ich komisch angeguckt, wenn ich sage, ich komme am Sonntag später,
- weil ich den Gottesdienst gehe. Das wird von vielen nicht verstanden,
- v.a. in meinem Umfeld, einem links-liberalen Umfeld, eher glaubensfern, sehr kirchenkritisch.
- Progressiv, wie man sagen würde. - Progressiv. In meiner Nachbarschaft, dem Glockenbachviertel in München,
- sind auch nicht viele katholisch und gehen in die Messe. Ich habe mich gefühlt wie ein Eisbär auf schrumpfender Scholle,
- unzeitgemäss, obwohl ich nur mache, was ich immer schon gemacht habe. Der Eisbär auf der Scholle - dieses Bild!
- Mich interessiert, wie das eigentlich für Sie ist. Denn Sie haben ja ganz klar gesagt,
- Sie sind nicht gläubig, aber Sie sind ein Kirchgänger. Sind Sie auch ein Eisbär? - So fühle ich mich nicht.
- Denn es ist auch Teil meines Berufs, in die Kirche zu gehen. Ach so, Sie gehen immer und zählen. - Regelmässig zähle ich dort.
- Aber natürlich nicht nur. Ich habe auch das Gefühl,
- dass die Pastor/-innen etwas zu sagen haben. Ich höre die Choräle sehr gern.
- Und oft gibt es sehr gute Kirchenmusik. Die Kirchenmusik ist ja in der Schweiz und in Deutschland
- auf einem sehr hohen Niveau. Da kann man wunderbare Orgelmusik hören.
- Das spielt eine grosse Rolle. Aber ich würde sagen,
- ich gehöre nicht zu denjenigen, die sagen: "Ich bin ein Kirchenchrist, eine verschwindende Minderheit."
- "Und ich muss versuchen, das zu rechtfertigen." Dazu habe ich ein entspannteres Verhältnis.
- Aber ich würde schon sagen, vielen Menschen geht es genauso. Denen ist die Kirche etwas wert.
- Die bedeutet für sie etwas. Es gibt eine Studie, wo Menschen gefragt werden,
- warum Sie sich in der Kirche engagieren. Und die sagen: "Ich möchte, dass das weitergeht."
- "In unserer Gemeinde, in unserer Stadt soll es nach wie vor Gottesdienste geben."
- "Und ich bin dann bereit, auch mitzuwirken, als Lektor z.B." Das höre ich auch sehr oft.
- Das geht vielleicht in die Richtung des Zitats am Anfang: "Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn."
- Es geht um die Vorstellung, dass alle Kirchen auf einmal Cafés sind oder dass die Kirchenglocken gar nicht mehr läuten
- oder dass man zu Weihnachten nur noch das Schenken zelebriert und sonst nicht mehr weiss, worum es da auch mal noch ging.
- Das finden wahrscheinlich viele Menschen schade. Meine Frage an Sie ist: Sie sind nicht gläubig,
- aber Sie möchten, dass dieses Kulturgut weitergeht. Ist das nicht so ähnlich, wie wenn ich sagen würde:
- "Alle sollen Vegetarier sein, aber ich esse gerne Fleisch"? Ja, so ist es. - So ist das?
- Ja. Ich finde, das hat einen enormen Wert. Ich habe mich auch mit Kirchengeschichte beschäftigt.
- Das ist eine so eindrucksvolle Institution. Die hat unser sehr stark geprägt,
- wenn es um Werte geht wie Demut, Nachgiebigkeit oder Gerechtigkeit. Das sind ja alles Werte, die von der Kirche geprägt sind.
- Aber zur Kirche gehören auch die Kreuzzüge, auch Unterdrückung, Versklavung und was weiss ich noch alles.
- Ja, natürlich. Klar. Das gehört auch zur Kirche. Trotzdem ist die Kirche eine eindrucksvolle Institution,
- und auch die Kreuzzüge. Wenn man davon überzeugt ist, dass Gott notwendig ist
- und man nur Heil erlangen kann, wenn man an Gott glaubt, dann sind die Kreuzzüge eine logische Konsequenz.
- Ich will das nicht rechtfertigen, aber es ist logisch, dass alle in den Genuss des göttlichen Heiles kommen sollen.
- Das muss man natürlich verurteilen, aber man sieht das auch woanders. Auch der Nationalismus hat vieles gebracht
- wie einen Sozialstaat, aber auch Ausgrenzungen anderer, Rassismus und Kriege.
- Die Kirche ist eine Institution unter vielen, die in dieser Ambivalenz steht.
- Und es gibt Menschen, die sagen: "Mir bedeutet das etwas." "Und das will ich nicht den Bach runtergehen sehen."
- Und Ihnen bedeutet das eben auch ganz viel. Deswegen gehen Sie in die Kirche.
- Ist das wie ein Museumsbesuch? - Nein, das geht zu weit. So ist es doch nicht. - Nichts gegen Museumsbesuche.
- Die sind ja auch oft sehr erhebend. Man lernt etwas, fühlt sich angeregt und kommt mit neuen Ideen heraus.
- Aber es ist nicht steril, sondern es passiert mit mir etwas. Es führt mich nicht zum Glauben, es bleibt immer eine Distanz.
- Ich bin dabei, geniesse die Musik und finde manchmal grossartig, was ich da zu hören bekomme.
- Auch die Menschen dort interessieren mich. Was sind das für Menschen?
- Aber ich kann trotzdem daran nicht so teilhaben, dass ich sage: "Ja, das ist meins."
- Aber es ist mehr als ein Museumsbesuch. Wenn Sie das Oratorium Elias hören von Mendelssohn Bartholdy,
- und zwar die Chorstelle "Der Herr ging vorüber", dann ergreift es Sie ganz tief.
- Ja, es ist unheimlich. Das Volk Israels betet um Regen, und der ist überlebenswichtig.
- Lassen Sie uns kurz reinhören. - Okay. * Dramatische Musik * (Chor) # Der Herr ging vorüber.
- # Und die Erde erbebte, und das Meer erbrauste. # Und die Erde erbebte, und das Meer ...
- * Die Musik klingt aus. * Ich kriege auch Hühnerhaut. Ich lasse mich auch sehr ansprechen von solchen Oratorien,
- von Kirchenmusik, von Chorwerken, von klassischer Musik. Wie deuten Sie dieses Ergriffensein?
- Denn Sie sagen: "Ich bin ergriffen, aber es ist auch kein Glaube." Ja. Man kann sich da hineinfühlen.
- Die Musik macht natürlich ihren Teil, wenn man sie hört. Und dann ist da diese Erwartung, dass der Herr hilft.
- Und er kann es, und es gibt ihn. Er geht aber vorüber.
- Und das ist doch eine ungeheure Enttäuschung. Man ist sozusagen erregt.
- Man möchte, das Gott hilft, man glaubt daran, aber er sagt Nein. Und das ist doch eine Erfahrung, die man im Leben vielfach macht,
- dass man Erwartungen hat und sich die nicht erfüllen. Und das ist eine wichtige Stelle in diesem Gespräch.
- Sie haben am Anfang in Reaktion auf die Influencer gesagt, da geht es eigentlich darum: "Ich glaube, und alles wird gut."
- "Ich glaube, und dann bin ich erfolgreich, ich bekomme einen Jesus-Glow, ich bekomme Muskeln: alles perfekt."
- Und Sie sagen aber auch: "Nein, wenn schon Glaube, dann geht es darum auszuhalten, dass Dinge schiefgehen."
- "Wir sind angenommen trotz unserer Fehlbarkeit." "Wir müssen aushalten, dass das Leben voller Leiden ist."
- Ja, das würde ich auch so sehen. Der Glaube ist tatsächlich beides:
- Auf der einen Seite ist er ein Bewusstsein, dass wir scheitern können, dass wir der Vergebung bedürfen,
- dass es Sünden gibt, Grenzen gibt und dass wir verletzbar sind. Aber er ist auch eine Hoffnung, dass es anders werden möge.
- Und diese Jesus-Influencer legen die Betonung nur auf die zweite Seite.
- Sie sagen: "Der Glaube hat mir geholfen." "Und wenn du nur ordentlich betest,
- dann bekommst du auch diesen Jesus-Glow, dann wirst auch das alles erreichen, dann hast du Muskeln."
- Und das ist natürlich hochgefährlich. Der Glaube ist dann doch auch immer beides:
- die Hoffnung auf Änderung und das Bewusstsein, dass wir dabei auf einen anderen angewiesen sind.
- Lass Sie mich mit Ihnen noch darüber sprechen, dass viele uns jetzt zuhören und sagen:
- "Die reden die ganze Zeit von diesem Gottesglauben." Aber viele Menschen glauben doch an etwas anderes,
- an ein höheres Wesen. Also die sind durchaus spirituell, aber in keiner Weise religiös.
- Und man sagt dann z.B.: "Ich mache Räucherkerzchen an, ich gehe zur Meditation,
- ich gehe zum Yoga, ich mache ein schamanisches Retreat, ich begehe die Raunächte usw."
- Und auch da sagen Sie: "Weit gefehlt. Man täuscht sich." "Es ist nicht so, dass jetzt alle plötzlich spirituell werden,
- die vorher religiös waren." Es werden viele spirituell.
- Und man muss etwas verstehen: Diese Art von Spiritualität ist relativ nah an der Säkularität.
- Aber was ist der Sinn davon? Der Sinn ist einerseits zu sagen:
- "Nicht die Kirche, nicht die Autoritäten sind die Repräsentanten des Religiösen."
- "Da ist etwas anderes." Und dieses andere kann man ganz schwer benennen.
- Wenn man versucht, das einzufangen, dann ist das so ein fluides Feld. "Ja, es gibt mehr, als die Wissenschaft sagen kann."
- "Das Leben ist mit unserem Tod nicht zu Ende." "Aber was dann ist, das weiss ich nicht."
- Und ich finde, Menschen, die sich so als spirituell definieren, wollen den Lebenshorizont offenhalten.
- Und das ist sehr, sehr gut nachvollziehbar. Aber sie wollen sich, wenn sie das tun, nicht festlegen
- und auch nicht darauf festlegen lassen: "Das ist die Wahrheit, und dort finde ich mein Heil."
- Sondern das ist mehr so eine Suchbewegung. Und dazu gehört dann auch, dass man das nicht so genau benennen kann.
- Und ich würde sagen, vielfach ist so eine Art von einem neuen Spiritualismus
- so eine Suchbewegung, etwas Fluides. Und da grenzt man sich sehr stark ab von Autoritäten,
- auch von der Wissenschaft, von Positivismus, von festgelegten Wahrheiten, aber auch von der Kirche.
- Und da muss man verstehen, dass dabei Menschen eigentlich auf der Suche sind
- und diese Suche auch nicht beenden wollen. Aber ich verstehe Sie trotzdem so:
- Ich habe hier eine Grafik zu den Zahlen in der Schweiz. Sie sagen, dass diejenigen, die aus der Kirche austreten,
- nicht alle spirituell werden. Sie sagen, auch die Spiritualität sinkt, die hinkt nur nach.
- Wir sehen hier die Zahlen von 2014 bis 2024. Und da sehen wir:
- Die, die sich "religiös" nennen oder "religiös und spirituell", die sinken leicht.
- Die, die sich "spirituell" nennen, nehmen nicht wirklich zu. Aber "weder noch" nimmt zu, wenn auch nicht gravierend.
- Das sind jetzt Zahlen in einem Zeitraum von zehn Jahren. Da kann man einiges sehen, aber die Differenzen sind klein.
- Bei einem grösseren Zeitraum sieht man mehr. Und die Entwicklung würde ich folgendermassen beschreiben:
- Vor 50 Jahren haben sich viele Menschen als religiös und spirituell im konventionellen Sinne verstanden.
- Das war wahrscheinlich die Mehrheit. Und dann gibt es innerhalb der religiösen Bindung
- so eine Absetzbewegung. Man bleibt in der Kirche, geht aber nicht mehr zur Messe.
- Man sagt: "Ich glaube nicht an Gott, wie ihn die Kirche verkündigt." "Aber ich glaube an etwas Höheres."
- Und dann wird es immer weniger und verflüssigt sich immer mehr. Und dann wird aus dem Glauben, der kirchendistanzierten ist,
- eine Art Spiritualität. Und schliesslich geht es irgendwann sehr stark darin über:
- "Was ich wirklich glaube, weiss ich gar nicht so genau." Das ist der Entwicklungstrend in vielen westeuropäischen Ländern.
- Wir können beobachten, dass die Abstandnahme von dem traditionellen Glauben
- irgendwann einsetzt. Und dann ist Spiritualität
- so eine Art Übergangsphänomen hin zur Säkularität. Und das zeigt sich in diesen Daten insofern:
- Man kann nicht davon ausgehen, dass diese Spiritualität oder ausserkirchliche Religiosität
- die Verluste der Kirchen kompensiert. Das ist nicht der Fall. - Darf ich Sie persönlich fragen?
- Sie glauben nicht an Gott, aber sind Sie spirituell? - Nein. Auch das nicht. - Nein.
- Aber als Kirchenmensch. - Ja. Für mich ist die Kirche eine grosse Institution.
- Und irgendwie hat sie bis heute etwas zu sagen. Wenn es um die Abgrenzung von Rechtsextremismus geht,
- sagt die Kirche: "Dieser völkische Nationalismus ist nicht vereinbar
- mit dem Menschenbild des christlichen Glaubens." Das ist eine starke Aussage.
- Und das beeindruckt mich. Aber die Spiritualität
- ist so eine dünnsuppige Suche nach etwas anderem. Und das überzeugt mich nicht. - "Eine dünnsuppige Suche".
- Ich finde das so interessant. Ich hatte hier schon oft Gäste, aus der Philosophie z.B.,
- die nichts am Hut haben mit Religion oder mit Kirchen. Aber sie sind z.B. sehr empfänglich für pantheistische Vorstellungen.
- Sie betreiben Bewusstseinsforschung und denken, es gibt vielleicht keine unsterbliche Seele,
- aber ein Bewusstsein, das alles durchzieht ... Sie gucken ganz kritisch. - Ja, das bin ich auch.
- Nichts davon wollen Sie. - Ich finde das peinlich. Durch diese Form von Pantheismus
- ist doch der westliche Geist durchgegangen. Das sind kabbalistische, pantheistische Vorstellungen
- im 17. Jh., auch zum Teil im 18. Jh. Und der Grundgedanke ist der:
- Da gibt es etwas, was die Welt im Ganzen zusammenhält, irgendein Quell einer höheren Weisheit.
- Und einige wenige haben Zugang dazu, indem man Kristalle legt oder bestimmte Bücher liest.
- Nein. Jetzt sind Sie unfair. - Ich muss unfair sein. Nein! Denn dann sind wir ja beim Leib-Seele-Problem,
- bei der Frage: "Woher kommt überhaupt das Bewusstsein?" Das, Herr Pollack, ist eine andere Diskussion.
- Da brauchen wir ein Streitgespräch. Ja, aber man muss etwas polemisch sein,
- damit man zeigt, auf welcher Ebene diese Vorstellungen angelegt sind. Das ist doch eine Art Esoterik, die man da vertritt.
- Das glaube ich wirklich nicht. - Das glaube ich. Aber kommen wir zur Frage, wie wir Spiritualität definieren.
- Denn davon haben wir wohl unterschiedliche Vorstellungen. Man könnte doch einfach sagen,
- Spiritualität oder spirituelle Gefühle sind das Gefühl des Erhabenen, das Gefühl, ergriffen zu sein.
- Und da gibt es ein Buch von Dacher Keltner, ein amerikanischer Psychologe,
- der die acht Wunder des Lebens um den ganzen Globus erforscht hat. Und alle Menschen, überall auf der Welt,
- berichten von denselben Dingen, die sie tief ergriffen sein lassen. Dazu gehören unglaubliche Naturerscheinungen:
- Polarlichter, Sternschnuppen, der weite Ozean, die Alpen. Aber auch so etwas wie eine Geburt oder der Tod einer Person.
- Oder ein Konzert, das einen ergreift. Oder auch ein christliches oder muslimisches Ritual,
- in der Meditation zu versinken und zu fühlen, da ist mehr. Und alle diese Momente sind Gefühle des Awe,
- also Gefühle des tiefen Wunders, des Ergriffenseins. Wenn wir Spiritualität so verstehen,
- dann sind doch alle Menschen irgendwie spirituell. Als Soziologe würde ich sagen, da gibt es unterschiedliche Begabungen.
- Manche Menschen sind da ganz stark ansprechbar. Sie sagen, Sie gehören dazu, und ich gehöre wohl auch dazu.
- Aber viele sehen das gar nicht so und sagen: "Ich muss durchkommen im Leben."
- "Ich muss pragmatisch sein und meine Kinder ernähren." "Und ich mache mir Sorgen."
- Also es gibt unterschiedliche Einstellungen. Aber ich würde auch sagen, das ist eben eine Fähigkeit des Menschen,
- sich ergreifen zu lassen, sich von anderen berühren zu lassen, etwas anderes zuzulassen, das auf sich einwirken zu lassen.
- Das ist eine Art Selbsttranszendenz, könnte man sagen, wo man nicht auf sich selbst zurückgeworfen ist.
- Die Frage ist, ob man das als spirituell ansehen muss. Vielen würden das so machen.
- Das kann man so machen. - Dann sind Sie auch spirituell. Ich würde es aber nicht so machen. - Ja.
- Aber wenn man davon ausgeht, dass der Mensch ein handelndes Wesen ist, ist er auch ein leidendes Wesen.
- Und bei diesen Erfahrungen kommt etwas auf einen zu, und man erleidet etwas,
- etwas überwältigt einen im Gespräch, in der Musik, in der Natur. Eine Resonanzerfahrung nach Hartmut Rosa. - Genau.
- Etwas finde ich interessant, und da würde ich Ihnen zustimmen: Es gibt doch einen Unterschied zwischen dem Ergriffensein,
- oder auch modernen Formen der Spiritualität, und dem, was Sie am Anfang beschrieben haben.
- Und der ist doch vielleicht: Geht es um mich, oder geht es um die Beziehung zur Transzendenz?
- Es gibt diesen schönen Begriff bei Luckmann, dass es bei moderner Spiritualität um die Sakralisierung des Ichs geht.
- I c h bin eigentlich der Tempel. Ich gehe pilgern, und es geht um mein Ego, das sich da erhebt,
- und nicht um dieses Bezogensein und Mich-kleiner-Machen. Ich mache mich nicht grösser, weil ich etwas Grossartiges erfahre,
- sondern mache mich kleiner angesichts des Grossen. Könnte das eine Differenz sein? - Das ist ein schwieriges Feld.
- Ich würde nicht dazu neigen, zu sagen, überall dort, wo der Mensch sich selbst ins Spiel bringt,
- ist er auf einem Egotrip. Man kann ja auch von sich selbst nicht ohne Weiteres absehen.
- Aber die Wahrheit dieser Ehrfurcht besteht natürlich darin, dass ich auf einmal von etwas anderem ergriffen werde,
- dass ich nicht im Zentrum stehe, sondern mich etwas besetzt. Ich würde dann aber nicht sagen: "Das ist das Eigentliche."
- "Und bei dem anderen sind wir nicht bei uns selbst." "Und wir müssten eigentlich mehr in Richtung Resonanz kommen."
- Das Leben spielt sich nur selten in diesem Resonanzraum ab. Man kann nicht alle alltäglichen oder politischen Vollzüge
- daraufhin befragen, ob dort Resonanz transportiert wird. Das ist eine totale Überforderung.
- Hartmut Rosa sagt, die demokratischen Verhältnisse sind erstarrt
- und wir bewegen uns stumm gegen die Verhältnisse. Quatsch, sage ich.
- Das kannst du nur sagen mit Resonanz auf der einen Seite und die entfremdeten Verhältnisse auf der anderen.
- Dieser Dualismus überzeugt mich nicht. Natürlich muss man davon ausgehen,
- dass wir an bestimmten Stellen von dem anderen ergriffen werden. Aber man kann das nicht zum Eigentlichen machen.
- Und man kann das nicht zum Massstab machen, der die ganze Welt bestimmen müsste.
- Viele Sachen müssen einfach erledigt werden. Und da gibt es eben keine Resonanz. - (Lachend) Ja, so ist das.
- Lassen Sie uns zum Schluss noch darüber sprechen, wie wir in die Zukunft blicken
- und uns auch einordnen in das gegenwärtige Geschehen. Ich glaube, viele Menschen haben den Eindruck,
- wir steuern auf sehr unruhige Zeiten zu. Demokratien zerfallen.
- Die Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg ist unter Druck. Und da kann man ja schon fragen:
- Könnte es nicht sein, dass das wieder dazu führt, dass Menschen Zuflucht suchen in Religionen, in Gotteshäusern?
- Karl Marx sprach ja von der Religion als Seufzer der bedrängten Kreatur. Ich finde das eine wunderschöne Formulierung.
- Was denken Sie? - Karl Marx ist ein grosser Denker. Das ist keine Frage.
- Das zeigt sich in diesem Zitat, in: "Opium des Volkes", oder in: "Religion ist die Blume an der Kette,
- die den Menschen behindert." Das sind grossartige Formulierung, die auch eine Kraft haben.
- Aber das ist die Kraft des 19. Jh. Denken wir an eine Krise, die wir gerade durchlebt haben:
- die Corona-Krise. Viele Menschen sind inzwischen vom Glauben so weit entfernt,
- dass in dieser Zeit der Krise der Glaube für Sie keine Hilfe war. Eine Hilfe war er für diejenigen, die schon im Glauben leben,
- die den Glauben für sich verinnerlicht haben. Die haben gesagt:
- "In der Zeit der Coronakrise habe ich mehr gebetet." "Da war der Glaube für mich von grösserer Bedeutung."
- Aber dass die Krisen die Menschen wieder zur Religion bringen, das glaube ich nicht.
- Denn der Glaube ist nicht etwas, das abgerufen werden kann, wenn man es braucht,
- sondern das über eine lange Zeit erlernt werden muss. Dafür muss man eine Sprache und ein Gefühl haben.
- Das muss einem etwas bedeuten und verinnerlicht werden. Und wohin gehen denn die Menschen,
- wenn sie in der transzendentalen Obdachlosigkeit sind? Das ist ein Begriff von Lukacs, der schon in die Jahre gekommen ist.
- Trotzdem: Wird sich dieses Gefühl - wir sind schutzlos, wir sind heimatlos - verflüchtigen?
- Die Menschen fühlen sich nicht mehr obdachlos, oder suchen wir das dann woanders?
- Ich würde dieses Gefühl nicht dramatisieren. Das gibt es natürlich immer mal im Leben
- oder in bestimmten gesellschaftlichen Situationen, dass man das Gefühl hat, dass ein Obdach fehlt.
- Aber ich würde sagen, viele Menschen können ihr Leben sehr gut selber steuern,
- kommen damit zurecht, ohne die letzten Fragen zu stellen. Und man muss insgesamt feststellen, dass diese letzten Fragen für viele
- nicht mehr die Bedeutung haben wie früher. Aber Sie müssten doch froh sein,
- wenn die Leute die letzten Fragen haben. Sonst haben Sie Ihre Kirche nicht mehr, die Sie ja so lieben.
- Da sind Sie doch in einem Dilemma. Das war doch mein Vegetarier-Beispiel.
- Man will, dass alle Vegetarier werden, und selber will man Fleisch essen.
- Das ist doch ein Dilemma. - Das ist es. Trotzdem soll es den Menschen nicht schlecht gehen,
- damit sie in die Kirche kommen. Das wollte ich jetzt nicht sagen. - Ja.
- Die Kirche wird eben zunehmend eine Institution unter anderen. Und selbst die letzten Fragen sind dann eben Fragen unter anderen.
- Also sie sind dann sozusagen vorletzte Fragen. Und damit muss man auch als Kirche und als Gläubiger umgehen.
- Ganz zum Schluss möchte ich von Ihnen wissen: Wie blicken Sie in die Zukunft mit Blick auf Ostern?
- Wird das zu einem Fest werden wie der Valentinstag? Der Valentinstag ist der Branchentag der Blumenhändler.
- Ostern ist der Branchentag der Schokoladenhersteller. Ist das ungefähr die Bewegung? - Leider ja.
- In diese Richtung geht es sehr stark. In dem Masse, wie sich das religiöse Feld pluralisiert,
- haben wir viele religiöse Feste nebeneinander. Jetzt feiern alle das Ende des Ramadan.
- Es sind alle dabei und finden das toll. Und auch Ostern wird sich sozusagen nivellieren,
- und der Auferstehungsglaube spielt nur noch am Rande eine Rolle. Ich denke, dass es zu dieser Nivellierung kommen wird,
- zu dieser Relativierung des Profils der religiösen Feste. Und das hängt eben zusammen mit der religiösen Pluralisierung.
- Sie glauben nicht an Gott, aber Sie vermissen diese Phänomene heute schon. Ich sehe es Ihnen an.
- Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Zeit, Detlef Pollack. Vielen Dank, Frau Bleisch, für die Fragen.
- Danke auch euch für das Interesse. Das Gespräch mit Tobias Haberl zum Thema,
- wie sich ein Christ unter Heiden fühlt, gibt es hier. Viel Vergnügen damit.
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