Mathematik · Klasse 11 · aktualisiert
Vollständige Induktion einfach erklärt
Mit vollständiger Induktion beweist du Aussagen für alle natürlichen Zahlen. Du lernst Anfang, Schritt, das Beweisschema und typische Fehler.
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Kurz gesagt
Die vollständige Induktion ist ein Beweisverfahren für Aussagen A(n), die für alle natürlichen Zahlen ab einem Startwert n_0 gelten sollen. Im Induktionsanfang zeigst du A(n_0), im Induktionsschritt A(n)\Rightarrow A(n+1). Wie bei Dominosteinen gilt die Aussage dann für alle n\ge n_0.
Mit der vollständigen Induktion beweist du eine Aussage A(n) für alle natürlichen Zahlen ab einem Startwert n_0. Du zeigst zuerst, dass die Aussage am Start gilt. Danach beweist du: Gilt sie für ein beliebiges n, dann gilt sie auch für n+1.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Stell dir eine Reihe von Dominosteinen vor. Damit alle Steine ab dem ersten fallen, brauchst du zwei Sicherheiten: Der erste Stein fällt. Jeder fallende Stein stößt den nächsten um. Beim Induktionsbeweis übernimmt der Induktionsanfang die erste Aufgabe. Der Induktionsschritt sorgt für die Weitergabe von einem Fall zum nächsten. Der Schritt allein liefert noch keinen wahren Fall, von dem aus die Weitergabe starten kann. Der Anfang allein prüft nur einen einzigen Fall. Erst beide Teile zusammen bilden die lückenlose Kette A(n_0)\Rightarrow A(n_0+1)\Rightarrow A(n_0+2)\Rightarrow\dots Das Prüfen vieler Werte ist dagegen kein Beweis. Auch wenn eine Formel für die ersten 5000 Zahlen stimmt, könnte sie beim nächsten Wert scheitern.
Definition
Vollständige Induktion
Für eine Aussage A(n) und einen Startwert n_0 zeigst du: A(n_0) ist wahr. Für jedes n\ge n_0 gilt A(n)\Rightarrow A(n+1). Dann gilt A(n) für alle natürlichen Zahlen n\ge n_0.
Teste dich
Bevor du rechnest, notierst du die Aussage A(n) und ihren Geltungsbereich. Danach gehst du in einer festen Reihenfolge vor. 1. Induktionsanfang: Setze den kleinsten behaupteten Wert n_0 ein und prüfe beide Seiten der Aussage. Ein Satz wie „für n=1 stimmt es“ reicht nicht, wenn die Rechnung nicht sichtbar ist. 2. Induktionsvoraussetzung: Wähle ein beliebiges, aber festes n\ge n_0 und nimm A(n) an. Du behauptest damit nicht, A(n) schon für alle Zahlen bewiesen zu haben. Du untersuchst: Was folgt, wenn dieser eine beliebige Fall gilt? 3. Induktionsbehauptung: Schreibe A(n+1) vollständig hin. Ersetze dazu in der ursprünglichen Aussage jedes passende n durch n+1. So steht dein Rechenziel fest. 4. Induktionsschluss: Beginne mit der Seite von A(n+1), in der der bekannte Fall A(n) steckt. Bei einer Summe trennst du meist den neuen Summanden ab: S_{n+1}=S_n+a_{n+1} Ersetze dann S_n mit der Induktionsvoraussetzung und forme bis zur Zielseite von A(n+1) um. 5. Schlusssatz: Halte fest, dass Anfang und Schritt erbracht sind. Nenne dabei den Geltungsbereich, zum Beispiel: „Damit gilt die Aussage nach dem Prinzip der vollständigen Induktion für alle n\ge1."
Merke: Die Induktionsvoraussetzung ist ein Werkzeug im Schritt. Du musst sie sichtbar verwenden; bloßes Einsetzen von n+1 ist noch kein Induktionsschluss.
Teste dich
Wir beweisen für alle n\ge1 die Gaußsche Summenformel 1+2+\dots+n=\frac{n(n+1)}{2} Der entscheidende Gedanke steckt in der ersten Umformung: In der längeren Summe wird die bekannte Summe bis n sichtbar. Erst dann darfst du die Induktionsvoraussetzung einsetzen. Nach demselben Muster beweist du die Summe der ungeraden Zahlen. Der n-te ungerade Summand ist 2n-1, für den Nachfolger kommt also 2(n+1)-1=2n+1 hinzu. Geometrisch heißt das: Ein Quadrat aus n^2 Punkten wird durch einen L-förmigen Rand aus 2n+1 Punkten zum Quadrat mit (n+1)^2 Punkten.
Beispiel: Gaußsche Summenformel für alle n\ge1
- 1Anfang n=1: 1=\frac{1\cdot(1+1)}{2}=1
- 2Voraussetzung: 1+2+\dots+n=\frac{n(n+1)}{2} für ein festes n\ge1
- 3Behauptung: 1+2+\dots+n+(n+1)=\frac{(n+1)(n+2)}{2}
- 4Schluss: 1+2+\dots+n+(n+1)=\frac{n(n+1)}{2}+(n+1)
- 5=(n+1)\left(\frac n2+1\right)=\frac{(n+1)(n+2)}{2}
- 6Das ist die Zielseite. Also gilt die Formel für alle n\ge1.
Beispiel: Summe der ungeraden Zahlen: 1+3+\dots+(2n-1)=n^2
- 1Anfang n=1: 1=1^2
- 2Voraussetzung: 1+3+\dots+(2n-1)=n^2 für ein festes n\ge1
- 3Behauptung: 1+3+\dots+(2n-1)+(2n+1)=(n+1)^2
- 4Schluss: 1+3+\dots+(2n-1)+(2n+1)=n^2+2n+1
- 5n^2+2n+1=(n+1)^2. Also gilt die Aussage für alle n\ge1.
Teste dich
Ein formal aussehender Beweis kann trotzdem eine Lücke enthalten. Prüfe deshalb nicht nur die Rechnungen, sondern auch Startwert, Geltungsbereich und logischen Anschluss. Typische Fehler: Falscher Startwert: Soll eine Aussage erst ab n=4 gelten, musst du bei 4 beginnen. Ein Anfang bei 1 hilft nicht, wenn die Aussage dort falsch ist. Nicht verwendete Voraussetzung: Aus dem bloßen Hinschreiben von A(n+1) folgt nichts. Im Schluss muss A(n) tatsächlich eingesetzt oder genutzt werden. Ziel schon vorausgesetzt: Du darfst nicht mit „Nach Voraussetzung gilt A(n+1)“ beginnen. Genau das sollst du erst beweisen. Lücke direkt nach dem Anfang: Der allgemeine Schritt muss schon für den Übergang von n_0 zu n_0+1 funktionieren. Verlorene Bedingung: Bei Ungleichungen musst du etwa prüfen, ob ein Faktor nicht negativ ist, bevor du mit ihm multiplizierst. Vertiefung: Starke Induktion: Manchmal hängt ein neuer Fall von mehreren früheren Fällen ab. Dann darfst du bei der starken Induktion für den Schritt annehmen, dass alle Aussagen von A(n_0) bis A(n) gelten, und daraus A(n+1) beweisen. Ein Beispiel sind rekursive Folgen mit zwei Vorgängern. Wenn der neue Wert aus den beiden vorherigen Werten entsteht, brauchst du meist zwei Anfangsfälle. Die stärkere Voraussetzung ersetzt diese Anfangsfälle nicht; sie erweitert nur das Wissen, das du im Schritt benutzen darfst.
Beispiel: Das Pferde-Paradoxon
- 1Behauptung: Alle Pferde einer Herde haben dieselbe Farbe.
- 2Idee im Schritt: Zwei Teilherden mit je n Pferden überlappen sich.
- 3Von n=1 zu n=2: Die beiden Ein-Pferd-Herden haben kein gemeinsames Pferd.
- 4Die Farbe wird nicht weitergegeben, der Schritt scheitert genau hier.
- 5Lehre: Der Schritt muss schon direkt nach dem Anfang funktionieren.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Vollständige Induktion
Induktionsanfang
A(n_0) am kleinsten behaupteten Wert nachrechnen
Induktionsschritt
aus A(n) die Aussage A(n+1) herleiten
Summen
S_{n+1}=S_n+a_{n+1} abtrennen, dann die Voraussetzung einsetzen
Startwert
richtet sich nach dem Geltungsbereich, nicht immer 1
Starke Induktion
alle früheren Fälle nutzen, genug Anfangsfälle prüfen
Häufigster Fehler
das Ziel A(n+1) schon voraussetzen
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Beweise 1+2+4+\dots+2^{n-1}=2^n-1 für alle n\ge1
- 1Anfang n=1: 1=2^1-1
- 2Voraussetzung: 1+2+\dots+2^{n-1}=2^n-1 für ein festes n\ge1
- 3Behauptung: 1+2+\dots+2^{n-1}+2^n=2^{n+1}-1
- 4Schluss: 1+2+\dots+2^{n-1}+2^n=(2^n-1)+2^n
- 5=2\cdot2^n-1=2^{n+1}-1
- 6Das ist die Zielseite. Also gilt die Formel für alle n\ge1.
Fehler finden
Beweise 2+4+\dots+2n=n(n+1) für alle n\ge1 In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3Der neue Summand ist falsch: Für n+1 kommt 2(n+1)=2n+2 hinzu. Richtig: 2+4+\dots+2n+(2n+2)=n(n+1)+2n+2=(n+1)(n+2).
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Im Induktionsanfang prüfst du den Wert des Geltungsbereichs. Bei 1+3+\dots+(2n-1) kommt im Schritt der neue Summand hinzu. Vorausgesetzt wird im Schritt nur .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback