Mathematik · Klasse 12–13 · aktualisiert
Logistisches Wachstum verstehen und modellieren
Logistisches Wachstum startet fast exponentiell und bremst an einer Grenze ab. Du lernst Gleichung, S-Kurve, Wendepunkt und Modellkritik kennen.
0 von 10 Aufgaben gelöst
Kurz gesagt
Logistisches Wachstum liegt vor, wenn die Zunahme vom aktuellen Bestand und von der noch freien Kapazität abhängt: B'(t)=k\,B(t)\bigl(S-B(t)\bigr). Der Graph ist eine S-Kurve, die sich der Sättigungsgrenze S nähert. Am schnellsten wächst der Bestand bei B=\frac{S}{2}.
Logistisches Wachstum beschreibt einen Bestand, der anfangs fast exponentiell zunimmt, später aber durch eine begrenzte Kapazität gebremst wird. Sein Graph ist S-förmig und nähert sich einer oberen Schranke.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Stell dir eine Bakterienkultur auf einem begrenzten Nährboden vor. Zu Beginn sind nur wenige Bakterien vorhanden. Viele Nährstoffe sind frei, deshalb wächst der Bestand fast exponentiell. Mit zunehmendem Bestand werden die Ressourcen knapper. Der Zuwachs nimmt ab, bis sich der Bestand einer Sättigungsgrenze nähert. Die drei Größen spielen unterschiedliche Rollen: Der aktuelle Bestand liefert das Wachstumspotenzial: Ohne vorhandene Individuen gibt es in diesem Modell keinen Zuwachs. Die verbleibende Kapazität bremst: Je näher der Bestand an der Schranke liegt, desto weniger Raum bleibt für weiteres Wachstum. Die Wachstumskonstante fasst die Stärke des Wachstums zusammen.
Definition
Logistisches Wachstum
Ein Bestand wächst logistisch, wenn seine Wachstumsgeschwindigkeit sowohl vom aktuellen Bestand als auch von der noch freien Kapazität abhängt.
Merke: Logistisch bedeutet: Bestand mal freie Kapazität. Deshalb wächst der Bestand zuerst schneller und später langsamer.
Teste dich
Wir bezeichnen den Bestand zur Zeit t mit B(t). Die Sättigungsgrenze heißt S, und die positive Zahl k ist die Wachstumskonstante. Dann lautet die Differentialgleichung: B'(t)=k\,B(t)\bigl(S-B(t)\bigr) B'(t) ist die momentane Wachstumsgeschwindigkeit. Der Faktor B(t) beschreibt den aktuellen Bestand. Der Faktor S-B(t) ist die noch freie Kapazität. Für einen positiven Anfangsbestand B_0=B(0) unterhalb von S besitzt das Modell die explizite Form B(t)=\frac{S}{1+\left(\frac{S}{B_0}-1\right)e^{-Skt}}. Setzt du t=0 ein, wird der Exponentialfaktor zu 1. Der Nenner ist dann S/B_0, also ergibt sich tatsächlich B(0)=B_0. Für große t geht e^{-Skt} gegen 0; dadurch nähert sich B(t) der Schranke S. Die Einheit von k hängt von den Einheiten des Bestands und der Zeit ab. Wird B in Individuen und t in Tagen gemessen, hat k in dieser Schreibweise die Einheit 1/(\text{Individuum}\cdot\text{Tag}). So besitzt B'(t) die Einheit Individuen pro Tag.
| Zeichen | Bedeutung |
|---|---|
| B(t) | Bestand zur Zeit t: der Antrieb |
| S | Sättigungsgrenze, die obere Schranke |
| S-B(t) | noch freie Kapazität: die Bremse |
| k | positive Wachstumskonstante |
| B'(t) | momentane Wachstumsgeschwindigkeit |
Beispiel: Warum liefert die Formel für t=0 den Anfangsbestand?
- 1Für t=0 ist e^{-Sk\cdot0}=e^0=1.
- 2Der Nenner wird 1+\left(\frac{S}{B_0}-1\right)\cdot1=\frac{S}{B_0}.
- 3Also gilt B(0)=S:\frac{S}{B_0}=B_0.
Teste dich
Der Graph beginnt flach, wird immer steiler und flacht anschließend wieder ab. Diese Form heißt S-Kurve oder Sigmoidkurve. Solange B(t) klein gegenüber S ist, gilt näherungsweise S-B(t)\approx S. Dann verhält sich das Modell ähnlich wie exponentielles Wachstum. Bei B(t)=S/2 ist die Steigung am größten. Dort liegt der Wendepunkt. Oberhalb von S/2 wird die freie Kapazität immer kleiner. Der Bestand wächst weiter, aber langsamer. Warum liegt das stärkste Wachstum bei der halben Kapazität? Betrachte für einen festen Zeitpunkt das Produkt B(S-B). Ist B sehr klein, fehlt Bestand als Wachstumsmotor. Ist B fast so groß wie S, fehlt freie Kapazität. Das Produkt ist bei B=S/2 am größten. Daher gilt B(t_W)=\frac S2 und für die maximale Wachstumsgeschwindigkeit v_{\max}=k\frac S2\left(S-\frac S2\right)=\frac{kS^2}{4}.
Beispiel: Eine Hefekultur kann höchstens 600 mg enthalten.
- 1Sättigungsgrenze: S=600 mg
- 2Bestand am Wendepunkt: 600:2=300 mg
- 3Das ist der Bestand beim stärksten Wachstum, noch nicht der Zeitpunkt.
- 4Den Zeitpunkt t_W erhältst du erst aus der Funktionsgleichung oder dem Graphen.
Teste dich
Oft kennst du den Anfangsbestand B_0 und die Grenze S, aber nicht k. Dann setzt du einen weiteren Messwert ein und löst nach k auf. Ein Modell ist eine vereinfachte Beschreibung, keine Garantie für die Zukunft. Das logistische Modell setzt insbesondere eine feste Sättigungsgrenze und eine konstante Wachstumskonstante voraus. Frühe Messwerte allein können täuschen: Solange B(t) viel kleiner als S ist, sieht logistisches Wachstum fast exponentiell aus. Erst spätere Daten zeigen möglicherweise die Abflachung. Prüfe vor einer Entscheidung: Gibt es eine sachlich begründete Kapazitätsgrenze? Zeigen die Daten zuerst zunehmende und später abnehmende Zuwächse? Bleiben Umweltbedingungen und Modellparameter ungefähr konstant? Passt das Modell auch zu Messwerten, die nicht zur Bestimmung der Parameter verwendet wurden?
Beispiel: Anfangs leben 25 Insekten in einem Behälter, nach einem Tag 30. Die Kapazitätsgrenze liegt bei 400. Bestimme k.
- 1\frac{S}{B_0}-1=\frac{400}{25}-1=15, also B(t)=\frac{400}{1+15e^{-400kt}}
- 2Messwert einsetzen: 30=\frac{400}{1+15e^{-400k}}
- 3Umformen: 1+15e^{-400k}=\frac{40}{3}, also e^{-400k}=\frac{37}{45}
- 4k=-\frac{1}{400}\ln\left(\frac{37}{45}\right)\approx0{,}00049
- 5Modell: B(t)\approx\frac{400}{1+15e^{-0{,}196t}}. Es liefert B(0)=25, B(1)\approx30 und B(10)\approx128.
- 6Den Wendepunkt mit rund 200 Insekten erreicht das Modell nahe dem 14. Tag.
Merke: Runde k möglichst erst am Ende. Sonst können sich Rundungsfehler in späteren Bestandswerten verstärken.
| Beobachtung | Passende erste Modellidee |
|---|---|
| gleicher absoluter Zuwachs je Zeitschritt | lineares Wachstum |
| ungefähr gleicher prozentualer Zuwachs ohne erkennbare Grenze | exponentielles Wachstum |
| S-förmiger Verlauf mit oberer Schranke | logistisches Wachstum |
Teste dich
Alles auf einen Blick
Logistisches Wachstum
Antrieb
aktueller Bestand B(t)
Bremse
freie Kapazität S-B(t)
Verlauf
S-Kurve mit Wendepunkt bei S/2
Grenze
Annäherung an S
Anwendung
Parameter aus Messwerten bestimmen
Prüfung
Annahmen und spätere Daten kontrollieren
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Ein Bestand folgt B(t)=\frac{1000}{1+9e^{-0{,}5t}} (t in Wochen). Wann wächst er am schnellsten?
- 1Grenze: S=1000
- 2Anfangsbestand: B(0)=\frac{1000}{1+9}=100
- 3Stärkstes Wachstum bei \frac{S}{2}=500. Dafür muss der Nenner 2 sein, also 9e^{-0{,}5t}=1.
- 4e^{-0{,}5t}=\frac{1}{9}, also t=\frac{\ln(9)}{0{,}5}\approx4{,}39
- 5Nach etwa 4{,}4 Wochen wächst der Bestand am schnellsten.
Fehler finden
Wann wächst B(t)=\frac{900}{1+5e^{-0{,}4t}} am schnellsten? In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3450 ist der Bestand, nicht die Zeit. Aus B(t)=450 folgt 5e^{-0{,}4t}=1, also t=\frac{\ln(5)}{0{,}4}\approx4{,}02.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
In B'(t)=kB(t)(S-B(t)) steht B(t) für den . Der Ausdruck S-B(t) beschreibt die . Bei B(t)=S ist der Zuwachs .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback