Geschichte · Klasse 9–11 · aktualisiert
Vertrag von Lissabon: Ziele und Folgen erklärt
Du lernst, warum die EU den Vertrag von Lissabon schloss, welche Regeln er änderte und wie du seine Ziele und Grenzen beurteilst.
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Kurz gesagt
Der Vertrag von Lissabon reformierte die Europäische Union (EU) und trat am 1. Dezember 2009 in Kraft. Er stärkte Parlamentsrechte, machte die Grundrechtecharta verbindlich und ordnete Zuständigkeiten klarer. Die EU wurde damit nicht neu gegründet.
Wer soll entscheiden, wenn mehrere europäische Staaten gemeinsam handeln wollen? Der Vertrag von Lissabon veränderte dafür wichtige Regeln. Du untersuchst, wie gemeinsame Entscheidungen, Bürgerbeteiligung und die Rechte der Mitgliedstaaten zusammenpassen.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
3 Abschnitte
Die Europäische Union, kurz EU, war durch den Beitritt weiterer Staaten größer geworden. Besonders nach der Osterweiterung 2004 sollten gemeinsame Entscheidungen leichter möglich bleiben. Zugleich sollten stärkere Rechte des Europäischen Parlaments die demokratische Beteiligung verbessern. Schnellere Entscheidungen waren also nicht das einzige Ziel.
Zunächst sollte ein Verfassungsvertrag die bestehenden EU-Verträge durch einen einheitlichen Text ersetzen. Dieser Plan scheiterte 2005 an Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden. Der Vertrag von Lissabon übernahm viele Inhalte, änderte aber die bestehenden Verträge. Er wurde am 13. Dezember 2007 unterzeichnet und trat am 1. Dezember 2009 in Kraft.
Die EU wurde nicht neu gegründet. Ihre Grundlagen blieben Verträge zwischen Mitgliedstaaten. Dazu gehören der Vertrag über die Europäische Union und der Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union. Letzterer hieß zuvor Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft. Die EU trat an die Stelle dieser Gemeinschaft und übernahm ihre Funktionen. Sie erhielt eine eigene Rechtspersönlichkeit: Sie konnte rechtlich als eigene Einheit handeln.
Der Vertrag ordnete außerdem klarer, wer welche Aufgaben übernehmen darf. Die EU besitzt grundsätzlich nur Befugnisse, die ihr die Mitgliedstaaten in den Verträgen übertragen haben. Die neue Ordnung gab ihr keine unbegrenzte Macht.
Definition
Zuständigkeit
Eine Zuständigkeit legt fest, wer in einem Bereich handeln und Entscheidungen treffen darf.
Merke: Lissabon änderte bestehende Verträge. Eine Reform der EU ist nicht dasselbe wie ihre Neugründung.
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Das Europäische Parlament gewann weitere Mitentscheidungsrechte. Im ordentlichen Gesetzgebungsverfahren entscheidet es gleichberechtigt mit dem Rat der Europäischen Union über Gesetze. Dieses Verfahren gilt in der Mehrzahl der Politikbereiche. Im Rat sitzen die Minister der Mitgliedstaaten, die für das jeweilige Thema zuständig sind.
Davon musst du den Europäischen Rat unterscheiden: Dort kommen die Staats- und Regierungschefs zusammen. Sein neuer hauptamtlicher Präsident wird für zweieinhalb Jahre gewählt; eine einmalige Wiederwahl ist möglich. Die längere Amtszeit sollte eine beständigere Abstimmung zwischen den Regierungschefs ermöglichen. Im Ministerrat blieb dagegen der halbjährlich wechselnde Vorsitz erhalten. Eine Ausnahme ist der Rat für Auswärtige Angelegenheiten: Ihn leitet der Hohe Vertreter für Außen- und Sicherheitspolitik. Dieses aufgewertete Amt verbindet den Vorsitz mit Aufgaben in der Europäischen Kommission, einer weiteren EU-Einrichtung. Der Hohe Vertreter soll die gemeinsame Außenpolitik besser abstimmen und kann Politikvorschläge machen.
Für Mehrheitsentscheidungen im Rat wurde grundsätzlich ab 1. November 2014 die doppelte Mehrheit angewandt. Bei Vorschlägen der Kommission oder des Hohen Vertreters verlangt die Grundregel mindestens 55 Prozent der Mitgliedstaaten, die mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung vertreten. Sie verbindet damit Staaten- und Bevölkerungsgewicht. Bis Ende März 2017 konnte ein Ratsmitglied noch die Anwendung der früheren Abstimmungsregeln verlangen. Die doppelte Mehrheit gilt nicht für jede EU-Entscheidung: Außenpolitische Grundsatzentscheidungen verlangen weiterhin Einstimmigkeit, also die Zustimmung aller.
Die Grundrechtecharta, ein Katalog von Grundrechten, wurde rechtsverbindlich. Sie bindet die EU-Organe, also ihre Einrichtungen. Die Mitgliedstaaten bindet sie bei der Durchführung von EU-Recht. Sie schafft selbst keine neuen EU-Zuständigkeiten und gilt nicht automatisch für jeden rein innerstaatlichen Fall.
Auch die Beteiligung wurde erweitert. Durch eine Europäische Bürgerinitiative können Bürger die Kommission zu einem Vorschlag auffordern. Eine erfolgreiche Initiative beschließt aber kein Gesetz. Nationale Parlamente erhielten stärkere Prüfungsrechte. Sie können prüfen, ob das Subsidiaritätsprinzip eingehalten wird: Bei nicht ausschließlichen EU-Zuständigkeiten soll die EU handeln, wenn die Staaten die Ziele nicht ausreichend erreichen können und dies auf EU-Ebene besser gelingt.
| Einrichtung | Wer gehört dazu? | Aufgabe im Zusammenhang mit Lissabon |
|---|---|---|
| Rat der Europäischen Union | Für das jeweilige Thema zuständige Minister | Gemeinsame Gesetzgebung mit dem Europäischen Parlament |
| Europäischer Rat | Staats- und Regierungschefs | Sein hauptamtlicher Präsident soll die Abstimmung beständiger machen. |
Merke: Mehr Beteiligung bedeutet nicht, dass jede Beteiligungsform selbst Gesetze beschließt. Die Bürgerinitiative fordert die Kommission zu einem Vorschlag auf.
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Für ein begründetes Urteil brauchst du mehrere Maßstäbe. Handlungsfähigkeit bedeutet hier, dass die EU gemeinsame Entscheidungen treffen kann. Mehrheitsentscheidungen können Beschlüsse erleichtern, auch wenn einzelne Regierungen widersprechen. Das bedeutet aber zugleich, dass eine Regierung überstimmt werden kann. Wo Einstimmigkeit verlangt wird, etwa bei außenpolitischen Grundsatzentscheidungen, bleibt die Zustimmung aller nötig.
Demokratische Beteiligung ist ein zweiter Maßstab. EU und Rat beschreiben stärkere Parlamentsrechte als Reformziel. Das Europäische Parlament entscheidet in der Mehrzahl der Politikbereiche gleichberechtigt mit dem Rat über Gesetze. Trotzdem sehen Kritiker weiterhin demokratische Schwächen. Sie beanstanden etwa die Sitzverteilung im Parlament: Große Staaten haben insgesamt mehr Sitze, pro Einwohner aber weniger als kleine Staaten. Kritiker sehen darin ungleiches Gewicht der Wählerstimmen. Auch das deutsche Bundesverfassungsgericht, das die Einhaltung der deutschen Verfassung prüft, sah durch Lissabon keine neue Entwicklungsstufe der Demokratie erreicht. Zusätzliche Rechte allein beweisen daher noch nicht, dass alle demokratischen Probleme gelöst sind.
Ein dritter Maßstab sind nationale Handlungsspielräume. Die EU darf grundsätzlich nur innerhalb der ihr übertragenen Befugnisse handeln. Der Vertrag unterscheidet ausschließliche, geteilte und unterstützende Zuständigkeiten. Bei ausschließlichen Zuständigkeiten darf nur die EU handeln. Bei geteilten Zuständigkeiten können Mitgliedstaaten Gesetze erlassen, soweit die EU dies nicht selbst tut. Dazu gehört die Umweltpolitik. Bei nicht ausschließlichen EU-Zuständigkeiten können nationale Parlamente prüfen, ob die Ziele auf EU-Ebene besser erreicht werden können und auf staatlicher Ebene nicht ausreichend zu erreichen sind.
Ein mögliches Sachurteil lautet deshalb: Lissabon verbindet Möglichkeiten für gemeinsame Beschlüsse mit stärkeren Beteiligungsrechten und Grenzen der EU-Zuständigkeit. Ob diese Verbindung überzeugt, hängt davon ab, wie du Handlungsfähigkeit, Beteiligung und nationale Rechte gewichtest. Begründe dein Urteil mit konkreten Regeln. Das Wort „effizient“ allein reicht nicht.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: eine Regel zum Umweltschutz prüfen
- 1Ein Mitgliedstaat möchte ein Umweltgesetz erlassen.
- 2Die Umweltpolitik gehört zu den geteilten Zuständigkeiten.
- 3Deshalb muss geprüft werden, ob die EU in diesem Bereich bereits selbst Gesetze erlassen hat. Soweit sie dies nicht getan hat, können Mitgliedstaaten Gesetze erlassen.
Merke: Prüfe bei deinem Urteil drei Dinge: gemeinsame Entscheidungen, demokratische Beteiligung und nationale Handlungsspielräume.
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Alles auf einen Blick
Vertrag von Lissabon
Reform
Lissabon änderte bestehende Verträge und gründete die EU nicht neu.
Gesetzgebung
Im ordentlichen Gesetzgebungsverfahren entscheiden Europäisches Parlament und Rat gemeinsam.
Grundrechte
Die Charta bindet die EU-Organe. Mitgliedstaaten bindet sie bei der Durchführung von EU-Recht.
Beteiligung
Bürgerinitiativen können die Kommission zu einem Vorschlag auffordern, beschließen aber kein Gesetz.
Urteil
Gemeinsame Handlungsfähigkeit muss zusammen mit Beteiligungsrechten und nationalen Zuständigkeiten betrachtet werden.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Die Sitzverteilung im Europäischen Parlament beurteilen
- 1Aufgabe klären: Erkläre, warum Kritiker trotz stärkerer Parlamentsrechte demokratische Probleme sehen.
- 2Regel festhalten: Ein großer Mitgliedstaat erhält insgesamt mehr Sitze als ein kleiner, pro Einwohner aber weniger.
- 3Maßstab nennen: Die Kritiker prüfen, ob Wählerstimmen gleiches Gewicht haben.
- 4Urteil begründen: Aus ihrer Sicht verletzt die Sitzverteilung diesen Maßstab. Mehr Mitentscheidung des Parlaments beseitigt diesen Einwand nicht.
- 5Grenze nennen: Damit ist ein bestimmter Kritikpunkt erklärt. Für ein Gesamturteil musst du zusätzlich Handlungsfähigkeit und nationale Rechte prüfen.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zum Vorsitz in den Räten In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage überträgt den halbjährlichen Wechsel auf das falsche Amt. Richtig: Der Präsident des Europäischen Rates wird für zweieinhalb Jahre gewählt.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Der Vertrag von Lissabon wurde am 13. Dezember unterzeichnet. Er trat am 1. Dezember in Kraft. Die doppelte Mehrheit im Rat wurde grundsätzlich ab 1. November angewandt.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
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