Geschichte · Klasse 9–11 · aktualisiert
Europäische Integration: Entwicklung und Konflikte
Du lernst, wie Europas Staaten enger zusammenarbeiteten, was Vertiefung und Erweiterung unterscheidet und wie du Konflikte beurteilst.
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Kurz gesagt
Europäische Integration bedeutet, dass europäische Staaten enger zusammenarbeiten und Befugnisse gemeinsam ausüben. Sie begann mit wirtschaftlicher Zusammenarbeit und reicht heute auch in politische Bereiche. Dabei bleibt umstritten, wie viel Staaten gemeinsam entscheiden sollen.
Eine gemeinsame Währung macht europäische Zusammenarbeit im Alltag sichtbar. Dahinter steht eine schwierige Frage: Was sollen Staaten selbst entscheiden, was gemeinsam? Du untersuchst den Weg zur Europäischen Union, kurz EU, und Konflikte über ihre Zusammenarbeit.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Kohle und Stahl wichtig für den Wiederaufbau. Zugleich waren sie für die Herstellung von Kriegswaffen entscheidend. Der französische Außenminister Robert Schuman stellte am 9. Mai 1950 einen Plan vor: Die französische und westdeutsche Kohle- und Stahlproduktion sollte unter eine gemeinsame Kontrolle kommen. Weitere europäische Länder sollten beitreten können.
Daraus entstand die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, kurz EGKS. Sie ermöglichte ihren Mitgliedstaaten den Zugang zu Kohle und Stahl ohne Zölle, also ohne entsprechende Abgaben beim Handel über Grenzen. Eine gemeinsame Hohe Behörde konnte Regeln für die Kohle- und Stahlproduktion aller Mitgliedstaaten festlegen. Ihre Mitglieder waren dem gemeinsamen Wohl verpflichtet, nicht den Weisungen ihrer Herkunftsländer.
Nach Schumans Argumentation sollte die gegenseitige Kontrolle kriegswichtiger Güter den Frieden innerhalb Europas sichern. Gleichzeitig sollten Kohle und Stahl für den Wiederaufbau verfügbar sein. Der Historiker Christoph Driessen deutet die überstaatliche Zusammenarbeit als Versuch, den gewaltsamen Wettbewerb zwischen europäischen Nationalstaaten zu beenden. Das beschreibt ein Ziel und eine Deutung, keine Garantie für Frieden.
Die Zusammenarbeit war umstritten. Großbritannien lehnte den Plan ab, weil es eine Einschränkung seiner Souveränität befürchtete. Souveränität bedeutet hier, dass ein Staat eigenständig entscheiden kann.
Definition
Supranationalität
Staaten übertragen einzelne Entscheidungsrechte auf gemeinsame europäische Einrichtungen. Diese können in den vereinbarten Bereichen Regeln für die Mitgliedstaaten treffen.
Beispiel: Kohle und Stahl für den Wiederaufbau
- 1Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Kohle und Stahl für den Wiederaufbau benötigt.
- 2Die EGKS verband den Zugang ohne Zölle mit gemeinsamen Regeln für diese Güter.
- 3Schuman verknüpfte damit wirtschaftliche Versorgung und gegenseitige Kontrolle.
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Die EGKS begann mit einem begrenzten Wirtschaftsbereich: Kohle und Stahl. Ihre sechs Gründerstaaten waren Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande. Der Vertrag wurde am 18. April 1951 geschlossen und trat am 23. Juli 1952 in Kraft. Unterscheide deshalb den Vertragsabschluss vom Beginn seiner Geltung.
Dieselben sechs Staaten unterzeichneten am 25. März 1957 die Römischen Verträge. Damit gründeten sie unter anderem die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, kurz EWG. Ihr Vertrag trat am 1. Januar 1958 in Kraft. Anders als die auf Kohle und Stahl konzentrierte EGKS sollte die EWG einen Gemeinsamen Markt verwirklichen. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit sollte also über diese beiden Güter hinausgehen.
Der Vertrag von Maastricht über die Gründung der EU wurde 1992 unterzeichnet und trat 1993 in Kraft. Er baute die Wirtschaftsgemeinschaft zu einer politischen Union aus. Zur Integration gehörte damit auch die Zusammenarbeit bei Außenpolitik, innerer Sicherheit und Justiz, also im Bereich des Rechts und der Gerichte.
Diese Entwicklung verlief nicht gleichmäßig. Auf Phasen engerer Zusammenarbeit folgten auch Stillstand und schwierige Verhandlungen zwischen den Staaten.
| Jahr | Ereignis | Bedeutung |
|---|---|---|
| 1951 | Abschluss des EGKS-Vertrags | Gemeinsame Regeln für Kohle und Stahl werden vereinbart. |
| 1952 | EGKS-Vertrag tritt in Kraft | Der Vertrag beginnt zu gelten. |
| 1957 | Unterzeichnung der Römischen Verträge | Die sechs Staaten gründen unter anderem die EWG. |
| 1958 | EWG-Vertrag tritt in Kraft | Er sieht die Verwirklichung eines Gemeinsamen Marktes vor. |
| 1992 | Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht | Die Gründung der EU wird vereinbart. |
| 1993 | Vertrag von Maastricht tritt in Kraft | Die Wirtschaftsgemeinschaft wird zur politischen Union ausgebaut. |
Merke: EGKS: gemeinsame Regeln für Kohle und Stahl. EWG: ein Gemeinsamer Markt. EU: wirtschaftliche und weitergehende politische Zusammenarbeit.
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Vertiefung bedeutet, dass Staaten enger zusammenarbeiten, gemeinsame Regeln ausbauen oder weitere Befugnisse auf europäische Einrichtungen übertragen. Erweiterung bedeutet dagegen, dass neue Mitgliedstaaten hinzukommen. Die beiden Entwicklungen können zusammenhängen, sind aber nicht dasselbe.
Das zeigt Slowenien: Es kam mit der EU-Erweiterung 2004 zur Union. Am 1. Januar 2007 führte es den Euro ein, der die bisherige Landeswährung Tolar ersetzte. Der EU-Beitritt war eine Erweiterung der Union. Die spätere Teilnahme an der gemeinsamen Währung war für Slowenien ein Schritt zu engerer Zusammenarbeit.
Die Eurozone ist die Gruppe der Staaten mit dem Euro als gemeinsamer Währung. Ihre Teilnehmer verzichten auf eine eigenständige Geld- und Wechselkurspolitik. Geldpolitik beeinflusst etwa die Zinsen und die verfügbare Geldmenge. Wechselkurspolitik betrifft den Wert einer Währung gegenüber anderen Währungen. Die Teilnehmer können ihre frühere Landeswährung nicht mehr abwerten, also ihren Wert gegenüber anderen Währungen senken, um im wirtschaftlichen Wettbewerb besser bestehen zu können. Vertiefung verändert somit auch nationale Entscheidungsmöglichkeiten.
Ein weiteres Beispiel ist der Europäische Fiskalpakt, eine Vereinbarung über Grenzen für Staatsschulden. Am 30. Januar 2012 beschlossen ihn 25 der damals 27 EU-Staaten. Großbritannien und Tschechien beteiligten sich nicht. Die teilnehmenden Staaten versprachen, strenge Schuldengrenzen im nationalen Recht, möglichst in der Verfassung, zu verankern. Das war eine engere Bindung durch gemeinsame Regeln, keine Aufnahme neuer Mitglieder. Nicht alle EU-Staaten gehen jeden Integrationsschritt gemeinsam.
Definition
Vertiefung und Erweiterung
Vertiefung verändert die Zusammenarbeit zwischen Staaten. Erweiterung vergrößert den Kreis der Mitgliedstaaten.
Merke: Frage zuerst: Kommen Mitglieder hinzu, oder wird die Zusammenarbeit enger? EU-Mitgliedschaft und Teilnahme am Euro sind unterschiedliche Schritte.
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Ab 2010 erlebten die Staaten der Europäischen Währungsunion, die den Euro gemeinsam nutzen, die Eurokrise. Sie verband Probleme mit Staatsschulden, Banken und der Wirtschaft. Der Außenwert des Euro, also sein Wert gegenüber anderen Währungen, blieb dagegen relativ stabil. Über die Ursachen und ihr jeweiliges Gewicht wird gestritten. Eine Erklärung, die jedem betroffenen Staat dasselbe Problem zuschreibt, greift zu kurz.
Mit sogenannten Rettungsschirmen stellten Staaten und internationale Einrichtungen Notkredite und Bürgschaften bereit. Eine Bürgschaft ist die Zusage, unter vereinbarten Bedingungen für fremde Schulden einzustehen. Die Hilfen sollten verhindern, dass Eurostaaten wegen fehlenden verfügbaren Geldes zahlungsunfähig wurden. Sie sollten zumindest vorläufig die finanzielle Stabilität im Euroraum sichern. Umstritten blieb, ob sie dauerhaft halfen. Für die Hilfen sprach das Ziel der Stabilisierung. Dem stand der Einwand gegenüber, dass zusätzliche Kredite ohne Bekämpfung der Ursachen die Verschuldung verschlimmern könnten.
Prüfe den Konflikt nach vier Maßstäben. Frieden: Schumans Friedensziel erklärt einen Grundgedanken der Integration; daraus folgt aber noch kein Nachweis, dass ein bestimmtes Hilfspaket Frieden sichert. Demokratie: Können gewählte Parlamente die Hilfen ausreichend beraten und kontrollieren? Kritiker beanstandeten, dass große Hilfspakete unter Zeitdruck und ohne ausreichende Prüfung beschlossen wurden. Solidarität bedeutet hier gegenseitige Unterstützung: Wie weit sollen Staaten einander in finanzieller Not helfen? Die Rettungsschirme sind ein Beispiel für solche Unterstützung. Souveränität: Welche Entscheidungen bleiben beim einzelnen Staat? Schon die gemeinsame Währung begrenzt seine eigenständige Geld- und Wechselkurspolitik.
Parlamente konnten auch widersprechen. Im März 2013 sollte Zypern, ein Eurostaat, ein Rettungspaket erhalten. Die erste Vereinbarung sah vor, Bankkunden durch eine einmalige Abgabe an den Kosten zu beteiligen. Das zyprische Parlament lehnte die leicht veränderte Vorlage ab. Eine vereinbarte Hilfe war somit noch kein parlamentarisch gebilligtes Maßnahmenpaket.
Ein begründetes Urteil nennt Vorteile, Einwände und Grenzen des Wissens. Du kannst finanzielle Unterstützung für sinnvoll halten und zugleich mehr Zeit für parlamentarische Kontrolle verlangen. Weder das Ziel der Stabilität noch der Einwand gegen Zeitdruck entscheidet den gesamten Konflikt allein.
| Maßstab | Prüffrage |
|---|---|
| Frieden | Ist ein Beitrag zum Frieden belegt oder wird nur auf das allgemeine Friedensziel verwiesen? |
| Demokratie | Können gewählte Parlamente ausreichend beraten und kontrollieren? |
| Souveränität | Welche Entscheidungen trifft ein Staat selbst, welche gemeinsam mit anderen? |
| Solidarität | Wie unterstützen Staaten einander in finanzieller Not? |
Merke: Ein Ziel ist noch kein nachgewiesenes Ergebnis. Wäge Unterstützung, Entscheidungsspielräume und demokratische Kontrolle gegeneinander ab.
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Alles auf einen Blick
Europäische Integration
Friedensziel
Schuman wollte kriegswichtige Güter gemeinsam kontrollieren und damit Frieden innerhalb Europas sichern.
Entwicklung
Von gemeinsamen Regeln für Kohle und Stahl führte der Weg zum Gemeinsamen Markt und zu weitergehender politischer Zusammenarbeit.
Vertiefung
Engere Zusammenarbeit kann nationale Entscheidungsmöglichkeiten verändern.
Erweiterung
Neue Mitgliedstaaten kommen hinzu; nicht alle Mitglieder beteiligen sich an jedem weiteren Integrationsschritt.
Urteil
Frieden, Demokratie, Souveränität und Solidarität können unterschiedliche Anforderungen an eine Entscheidung stellen.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Großbritanniens Ablehnung des Schuman-Plans erklären
- 1Aufgabe: Erkläre, weshalb Großbritannien den Schuman-Plan ablehnte, und stelle diesem Einwand das Friedensziel gegenüber.
- 2Entscheidung benennen: Großbritannien lehnte den Plan ab, weil es eine Beeinträchtigung seiner Souveränität befürchtete.
- 3Einwand erklären: Gemeinsame Einrichtungen sollten Entscheidungsrechte erhalten. Großbritannien sah darin eine Gefahr für seine eigenständigen Entscheidungen.
- 4Anderen Maßstab hinzunehmen: Nach Schuman sollte die gegenseitige Kontrolle von Kohle und Stahl den Frieden innerhalb Europas sichern.
- 5Ergebnis formulieren: Der Konflikt betraf die Abwägung zwischen nationalen Entscheidungsspielräumen und dem erhofften Friedensbeitrag gemeinsamer Kontrolle. Das Friedensziel beweist noch nicht, dass jede Maßnahme erfolgreich sein würde.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zum Rettungspaket für Zypern In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3Die letzte Aussage verwechselt die Vereinbarung mit parlamentarischer Zustimmung. Richtig: Das zyprische Parlament lehnte die leicht veränderte Vorlage ab.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Der EGKS-Vertrag trat am 23. Juli in Kraft. Die Römischen Verträge zur Gründung unter anderem der EWG wurden am 25. März unterzeichnet. In Slowenien ersetzte der Euro den Tolar am 1. Januar .
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