Geschichte · Klasse 5–10 · aktualisiert
Quellenanalyse Geschichte: Aufbau und Methode
Du lernst, Schriftquellen zu untersuchen: Wer schrieb warum? Was verraten die Worte? Und welche Fragen bleiben offen?
0 von 8 Aufgaben gelöst
Kurz gesagt
Bei einer Quellenanalyse untersuchst du ein Zeugnis aus der Vergangenheit. Du klärst seine Herkunft, erklärst Inhalt und Sprache mit Textbelegen und prüfst, was es über deine Frage verrät. Dabei benennst du auch seine Grenzen.
Ein alter Text erzählt dir nicht von selbst, wie es früher war. Sein Verfasser konnte bestimmte Dinge wissen und wollte etwas erreichen. Du lernst, genau hinzusehen und deine Erklärung mit passenden Textstellen zu begründen.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
3 Abschnitte
Eine Schriftquelle ist ein schriftliches Zeugnis, mit dem du etwas über die Vergangenheit herausfinden kannst. Auch der überlieferte Wortlaut einer Rede lässt sich so untersuchen. Beginne mit einer Leitfrage: Was möchtest du herausfinden? Lies dafür die Aufgabe genau.
Kläre dann den Verfasser und seine Stellung, etwa sein Amt. Bestimme die Adressaten: Das sind die Menschen, an die sich der Text richtet. Suche Angaben zu Zeit, Ort und Textart. Unterscheide, wann der Text entstand und wann er veröffentlicht wurde. Fehlt eine Angabe, hältst du das fest, statt zu raten.
Unterscheide außerdem Anlass, Thema und Absicht. Der Anlass ist die konkrete Gelegenheit für den Text. Das Thema ist das, worum es geht. Die Absicht ist das, was der Verfasser erreichen möchte. Sie muss sich aus dem Text und den Umständen begründen lassen.
Ein Beispiel ist John F. Kennedy, der amerikanische Präsident. Er hielt am 26. Juni 1963 während seines Stadtbesuchs eine Rede vor dem Rathaus Schöneberg in West-Berlin. Sie richtete sich direkt an die versammelten Berliner und darüber hinaus an eine internationale Öffentlichkeit, also Menschen in verschiedenen Ländern. Berlin war geteilt; die Mauer trennte Menschen und Familien. Kennedy wollte den West-Berlinern die amerikanische Unterstützung zusichern. Sein Stadtbesuch war der Anlass, die Unterstützung sein Ziel.
Definition
Leitfrage
Die Leitfrage legt fest, was du mit deiner Untersuchung herausfinden möchtest. Sie hilft dir, passende Angaben und Textstellen auszuwählen.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: eine Bitte an die Schulleitung
- 1Ein Schüler schreibt der Schulleitung, weil die Schulbücherei neu eingerichtet werden soll. Er bittet um mehr Abenteuergeschichten.
- 2Verfasser und Adressat: Ein Schüler schreibt an die Schulleitung.
- 3Anlass: Die Bücherei soll neu eingerichtet werden. Thema: die Auswahl der Bücher.
- 4Absicht: Der Schüler möchte erreichen, dass mehr Abenteuergeschichten angeschafft werden. Ein Datum ist nicht angegeben.
Teste dich
Gib zuerst die wichtigsten Aussagen in eigenen Worten wieder. Achte darauf, wie die Gedanken aufeinander folgen. Untersuche dann auffällige Wörter: Informiert der Verfasser, bewertet er etwas oder fordert er zu etwas auf? Eine Bewertung darfst du nicht wie eine bewiesene Tatsache behandeln. Der Blickwinkel eines Verfassers heißt Perspektive. Seine Stellung, Interessen und Erfahrungen können prägen, was er schreibt.
Für Kennedys Rede betrachten wir zwei kurze Ausschnitte. Sie stehen in dieser Reihenfolge, aber nicht direkt hintereinander. Die Zeichen […] zeigen ausgelassene Wörter. Im ersten Ausschnitt sagt Kennedy: „[…] the great issue between the free world and the Communist world. Let them come to Berlin. […]“ Eigene deutsche Arbeitsübersetzung, kein weiterer Originaltext: „[…] die große Streitfrage zwischen der freien Welt und der kommunistischen Welt. Lasst sie nach Berlin kommen. […]“ Mit der kommunistischen Welt bezeichnet Kennedy hier das andere politische Lager. Im zweiten Ausschnitt sagt er auf Deutsch: „[…] Ich bin ein Berliner.“
Kennedy nennt sein eigenes politisches Lager frei. Das ist seine wertende Selbstbeschreibung. Die Wörter beweisen nicht, wie die Menschen in sämtlichen westlichen Staaten lebten. Seine Aufforderung, nach Berlin zu kommen, macht die geteilte Stadt zum Beispiel für den Vergleich der politischen Lager. Mit den zum Besuch Aufgeforderten meint er Menschen, die den Gegensatz nicht verstehen oder bestreiten. Gemeint sind nicht pauschal die Zuhörer vor dem Rathaus.
Verbinde deine Erklärung mit den damaligen Umständen: Kennedy sprach in einer geteilten Stadt und wollte Unterstützung zusichern. Seine deutsche Schlussformel lässt sich deshalb als Zeichen der Verbundenheit verstehen. Sie bedeutete keine Änderung seiner Staatsangehörigkeit, also seiner rechtlichen Zugehörigkeit zu einem Staat. Unterscheide dabei den Wortlaut, deine Deutung und das Wissen über die damalige Situation.
Merke: Erst feststellen, was im Text steht, dann erklären, was es bedeutet. Begründe deine Erklärung mit einer Textstelle und den damaligen Umständen.
Definition
Textbeleg
Ein Textbeleg ist eine passende Stelle, auf die du deine Aussage stützt. Du kannst sie kurz und genau zitieren oder ihren Inhalt in eigenen Worten nennen.
Teste dich
Die Aussagekraft einer Quelle hängt von deiner Leitfrage ab: Für welche Frage liefert sie brauchbare Hinweise? Prüfe, was der Verfasser wissen konnte und was er mitteilen wollte. Achte auf Widersprüche und fehlende Angaben. Ein Text kann die Meinung seines Verfassers zeigen, ohne damit zu beweisen, dass seine Behauptungen stimmen.
Prüfe auch, wie vollständig der Text erhalten oder abgedruckt ist. Ein Ausschnitt zeigt ausgewählte Stellen. Der vollständige Gedankengang lässt sich daraus nicht sicher erschließen. Bei Kennedys Rede belegen die beiden Ausschnitte bestimmte Formulierungen und seine politische Haltung. Ob er damit alle Zuhörer überzeugte, zeigen sie nicht. Dafür brauchst du weitere Zeugnisse über die Reaktionen der Zuhörer. Für den gesamten Gedankengang brauchst du die vollständige Rede.
Vergleiche passende weitere Zeugnisse: Stimmen Angaben überein? Gibt es Unterschiede oder Auslassungen? War ein Verfasser selbst dabei? Wenn nicht, auf wessen Informationen stützte er sich? Die Nähe zum Geschehen kann für gute Informationen sprechen. Sie garantiert aber nicht, dass ein Bericht zuverlässig ist. Auch ein späterer Bericht kann auf zuverlässigen zeitnahen Berichten beruhen. Zeitnah bedeutet: kurz nach dem Geschehen entstanden.
Formuliere am Ende eine begründete Antwort auf deine Leitfrage. Nenne, was sich belegen lässt und was offenbleibt. Nicht jede Frage lässt sich eindeutig beantworten. Wenn du etwas bewertest, unterscheide außerdem die damaligen Bedingungen von deinen heutigen Maßstäben.
Merke: Eine Quelle muss nicht jede Frage beantworten können. Ein gutes Ergebnis nennt passende Belege und erklärt die Grenzen.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Quellenanalyse
Herkunft
Kläre Verfasser, Adressaten, Zeit, Ort und Textart.
Schreibsituation
Unterscheide Anlass, Thema und Absicht.
Untersuchung
Verbinde Inhalt, Sprache und Blickwinkel mit Textbelegen und den damaligen Umständen.
Prüfung
Achte auf Widersprüche, Auslassungen und passende weitere Zeugnisse.
Ergebnis
Beantworte die Leitfrage und benenne offene Fragen.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Kennedys deutsche Schlussformel Schritt für Schritt untersuchen
- 1Leitfrage: Wie drückt Kennedy seine Verbundenheit mit den West-Berlinern aus?
- 2Textbeleg festhalten: Kennedy sagt „[…] Ich bin ein Berliner.“ Er spricht diese Wörter selbst auf Deutsch.
- 3Umstände hinzunehmen: Kennedy ist der amerikanische Präsident. Er spricht in West-Berlin und möchte amerikanische Unterstützung zusichern.
- 4Deuten: Mit der Selbstbezeichnung setzt er ein Zeichen der Verbundenheit mit den West-Berlinern. Die deutsche Sprache unterstützt die direkte Ansprache.
- 5Grenze nennen: Die Formel belegt seine Worte und lässt sich als Zeichen der Verbundenheit deuten. Ob alle Zuhörer überzeugt waren, zeigt sie nicht.
Fehler finden
Beispieltext, ausgedacht: Prüfe die Untersuchung eines gekürzten Briefs In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage überschätzt den Ausschnitt. Richtig: Der vollständige Gedankengang lässt sich daraus nicht sicher erschließen.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Wer untersucht, an wen ein Brief gerichtet ist, bestimmt seine . Ob ein Verfasser informiert oder zu etwas auffordert, gehört zur Untersuchung seiner . Wer nach der tatsächlichen Wirkung einer Rede fragt, benötigt Zeugnisse über die der Zuhörer.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback