Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Quellenvergleich Geschichte: sicher analysieren
Du lernst, Quellen mit passenden Fragen zu vergleichen, Beobachtung und Erklärung zu trennen und die Grenzen deiner Ergebnisse zu erkennen.
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Kurz gesagt
Beim Quellenvergleich untersuchst du historische Quellen nach gemeinsamen Fragen. Du belegst Gemeinsamkeiten und Unterschiede und erklärst sie mithilfe der Entstehungsumstände. Zum Schluss beurteilst du, was die Quellen für deine Leitfrage zeigen.
Zwei Politiker sprechen über denselben Vertrag und empfehlen unterschiedliche Entscheidungen. Wie kannst du diesen Unterschied erklären? Ein Quellenvergleich hilft dir, Aussagen sorgfältig zu prüfen und voreilige Schlüsse zu vermeiden.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Eine Leitfrage bestimmt, was du herausfinden möchtest. Daraus leitest du Vergleichskriterien ab: gemeinsame Gesichtspunkte, unter denen du beide Quellen untersuchst. Zwei getrennte Zusammenfassungen ergeben noch keinen Vergleich.
Hier untersuchst du zwei politische Reden. Philipp Scheidemann und Gustav Bauer waren zum Zeitpunkt ihrer jeweiligen Rede Reichsministerpräsident, also Regierungschef. Beide sprachen vor der Nationalversammlung, einer Versammlung von Abgeordneten. Es ging um die Annahme des vorgelegten Friedensvertrags.
Die Leitfrage lautet: Wie begründen die beiden Regierungschefs ihre Haltung zur Annahme des Friedensvertrags? Dazu passen die empfohlene Entscheidung, das genannte Ziel und der angeführte Grund. Weil beide Redner überzeugen wollten, prüfst du auch ihre sprachlichen Mittel. Textlänge und Schriftart erklären ihre politische Begründung dagegen nicht.
Lege für jedes Kriterium fest, was du bei beiden Reden suchst. Trage dann die Beobachtungen nebeneinander ein. So wird sichtbar, wo sie übereinstimmen und wo sie sich unterscheiden.
Definition
Vergleichskriterium
Ein Vergleichskriterium ist ein gemeinsamer Gesichtspunkt, den du bei beiden Quellen prüfst. Er muss helfen, deine Leitfrage zu beantworten.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: ein Vergleichsraster verbessern
- 1Ein Schüler plant zwei Spalten: „Schriftart“ und „empfohlene Entscheidung“.
- 2Er möchte herausfinden, wie Politiker ihre Haltung zu einer Entscheidung begründen.
- 3Er ersetzt „Schriftart“ durch „angeführter Grund“. Dieses Kriterium hilft bei seiner Leitfrage.
Teste dich
Ein Befund hält fest, was du am Text beobachten kannst. Kontextwissen ergänzt die historischen Umstände. Eine Deutung erklärt einen Befund mithilfe des Textes und dieser Umstände. Halte diese Schritte auseinander: Erst beobachtest du, dann erklärst du.
Scheidemann sagte am 12. Mai 1919: „Dieser Vertrag ist nach Auffassung der Reichsregierung unannehmbar!“ Er bezeichnete die Erhaltung des Volkes als höchste Pflicht. Im weiteren Redetext verlangte er Verhandlungen. Der Befund ist: Er lehnte den vorgelegten Vertrag ab und nannte eine Pflicht gegenüber dem Volk.
Bauer forderte am 23. Juni 1919: „Unterschreiben wir!“ Er erklärte außerdem: „Einen neuen Krieg könnten wir nicht verantworten, selbst wenn wir Waffen hätten.“ Er bezeichnete Deutschland als wehrlos: Es fehlten die militärischen Möglichkeiten, sich zu verteidigen. Der Befund ist: Bauer forderte die Unterschrift und begründete dies mit der Verantwortung, einen neuen Krieg zu vermeiden, sowie fehlenden militärischen Möglichkeiten.
Zum Kontext von Bauers Rede gehört: Deutsche Vorbehalte, also Einwände gegen den Vertrag, waren zurückgewiesen worden; erneute Kriegshandlungen drohten. Diese Entscheidungslage darfst du nicht unverändert auf Scheidemanns frühere Rede übertragen.
Eine begrenzte Deutung lautet: Beide begründeten ihre Haltung als Schutz der Bevölkerung. Ihre unterschiedlichen Empfehlungen lassen sich auch durch unterschiedliche Entscheidungssituationen erklären. Damit hast du keine privaten Motive oder Charaktereigenschaften bewiesen.
| Schritt | Was hältst du fest? |
|---|---|
| Befund | Was im Text steht oder sprachlich auffällt. |
| Kontextwissen | Was du zusätzlich über die historischen Umstände weißt. |
| Deutung | Wie du den Befund mit Text und Umständen erklärst. |
Merke: Eine öffentliche Begründung beweist keine privaten Motive. Kennzeichne, was du beobachtest, ergänzt und deutest.
Teste dich
Frage bei beiden Quellen: Wer spricht? In welchem Amt? Zu wem? Wann und in welcher Lage? Wie ist der Text bis zu uns gelangt? Diese Prüfung der Entstehung und Zuverlässigkeit heißt Quellenkritik. Die gemeinsamen Fragen machen den Vergleich nachvollziehbar.
Beide Regierungschefs sprachen zu Abgeordneten und wollten eine politische Entscheidung beeinflussen. Bei ihren Reden prüfst du deshalb Aufforderungen, Begründungen und die Auswahl der Argumente. Untersuche auch, wie die Redner sich selbst zeigen und durch Wörter wie „wir“ eine Verbindung zum Publikum herstellen. Ihre Aussagen sind keine neutralen Beschreibungen sämtlicher Vertragsfolgen.
Passe deine weiteren Fragen an die Quellenart an. Bei einem Tagebuch fragst du zusätzlich nach dem privaten Schreibanlass. Bei einer Statistik, also einer geordneten Zusammenstellung von Zahlen, prüfst du, wie die Zahlen gesammelt wurden und auf welche Gruppe oder Gesamtmenge sie sich beziehen. Solche Merkmale schreibst du einer Rede nicht künstlich zu.
Die beiden Redenauszüge sind über das Deutsche Historische Institut Washington zugänglich. Scheidemanns Rede wird dabei nach einer 1994 veröffentlichten Ausgabe politischer Reden wiedergegeben. Bauers Rede wird nach einem veröffentlichten Sitzungsbericht wiedergegeben: Die Sitzung war am 23. Juni 1919, der Berichtsband erschien 1920. Das Veröffentlichungsjahr ist also nicht das Rededatum.
Du arbeitest hier mit schriftlich weitergegebenen Ausschnitten authentischer, also tatsächlich gehaltener Reden. Du hörst nicht die damaligen Redner. Die hier gezeigten Sätze bilden auch nicht die vollständigen Reden ab. Einen vermeintlichen Tonfall oder die Wirkung auf alle Zuhörer kannst du daraus nicht sicher ableiten.
Definition
Überlieferung
Überlieferung bezeichnet hier den Weg, auf dem ein historischer Text bis zu uns gelangt ist, etwa über einen Sitzungsbericht und eine spätere Veröffentlichung.
Merke: Nutze gemeinsame Grundfragen. Ergänze dann Fragen, die zur jeweiligen Quellenart passen.
Teste dich
Der Aussagewert beschreibt, was eine Quelle zur Beantwortung deiner Frage beitragen kann. Er hängt von der Leitfrage ab. Eine Quelle kann für eine Frage hilfreich sein und für eine andere zu wenig zeigen.
Gehe für dein Gesamturteil Kriterium für Kriterium vor: Nenne den Befund aus beiden Quellen, belege ihn und formuliere eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied. Erkläre anschließend, wie die Entstehungsumstände dabei helfen. Benenne zuletzt die Grenzen deines Ergebnisses.
Für die Leitfrage zu den Regierungschefs ergibt sich: Die kurzen Ausschnitte ermöglichen einen begrenzten Vergleich ihrer öffentlichen Begründungen. Beide stellten ihre Haltung als Schutz der Bevölkerung dar, empfahlen aber unterschiedliche Entscheidungen. Die verschiedenen Entscheidungslagen helfen, diesen Unterschied zu verstehen. Beide Redner wollten die politische Entscheidung der Abgeordneten beeinflussen.
Die Ausschnitte belegen weder die Meinung der gesamten Bevölkerung noch die tatsächliche Wirkung auf alle Zuhörer. Sie entscheiden auch nicht, ob die Vertragsbedingungen gerecht waren. Dafür wären weitere Quellen nötig. Du kannst die öffentliche Begründung untersuchen, ohne sie als vollständige Beschreibung aller Folgen zu übernehmen.
Auch eine zeitlich nahe Aussage ist nicht schon deshalb zuverlässig. Eine später entstandene Schilderung kann auf zuverlässigen Berichten beruhen, die kurz nach dem Geschehen entstanden und inzwischen verloren sind. Prüfe deshalb die Grundlage der Aussagen. Das Datum allein entscheidet nicht über ihren Aussagewert.
Merke: Ein Gesamturteil beantwortet die Leitfrage mit Belegen und nennt seine Grenzen. Es erklärt auch, wofür weitere Quellen nötig wären.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Quellenvergleich
Leitfrage
Wähle gemeinsame Kriterien, die bei ihrer Beantwortung helfen.
Arbeitsschritte
Trenne beobachteten Befund, ergänzendes Kontextwissen und erklärende Deutung.
Quellenart
Prüfe gemeinsame Grundfragen und ergänze passende Fragen zur jeweiligen Art.
Überlieferung
Unterscheide das Entstehen einer Rede von der Veröffentlichung ihrer schriftlichen Fassung.
Gesamturteil
Belege dein Ergebnis und benenne, was die untersuchten Quellen nicht zeigen.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Die unterschiedlichen Empfehlungen der Regierungschefs erklären
- 1Aufgabe: Vergleiche, welche Entscheidung Scheidemann und Bauer empfehlen und wie sie diese begründen.
- 2Kriterium festlegen: Untersuche zuerst die empfohlene Entscheidung. Scheidemann erklärt den vorgelegten Vertrag für unannehmbar; Bauer fordert die Unterschrift.
- 3Begründungen gegenüberstellen: Scheidemann nennt die Erhaltung des Volkes als Pflicht. Bauer verweist auf die Verantwortung, einen neuen Krieg zu vermeiden, und auf fehlende militärische Möglichkeiten.
- 4Umstände einbeziehen: Bei Bauers späterer Rede waren deutsche Vorbehalte zurückgewiesen worden und erneute Kriegshandlungen drohten. Übertrage diese Lage nicht unverändert auf Scheidemanns Rede.
- 5Begrenzt deuten: Beide stellen ihre Haltung als Schutz der Bevölkerung dar. Unterschiedliche Entscheidungslagen helfen, ihre unterschiedlichen Empfehlungen zu verstehen; private Motive sind damit nicht bewiesen.
Fehler finden
Prüfe einen Arbeitsplan zum Quellenvergleich In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die Reihenfolge von Beobachten und Erklären ist vertauscht. Richtig: Die Deutung steht nach dem Befund. Erst hältst du deine Beobachtungen fest, dann erklärst du sie.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Scheidemanns Rede gegen die Annahme des vorgelegten Vertrags stammt vom . Bauers Sitzungsbericht erschien als Band im Jahr . Den privaten Schreibanlass untersuchst du zusätzlich bei einem .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback