Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Quelleninterpretation in Geschichte: Schritt für Schritt
Du lernst, Schriftquellen vorzustellen, ihre Aussagen und Sprache zu untersuchen und mit Textbelegen zu einem begründeten Urteil zu kommen.
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Kurz gesagt
Bei einer Quelleninterpretation untersuchst du, wer einen Text wann, für wen und aus welchem Anlass verfasst hat. Du erklärst Inhalt, Sprache und Absicht. Mit Textbelegen und Wissen über die damalige Zeit begründest du deine Deutung und dein Urteil.
Ein Text aus der Vergangenheit erzählt nicht von selbst, wie alles gewesen ist. Sein Verfasser hatte bestimmte Kenntnisse, Interessen und Leser im Blick. Du lernst, solche Texte genau zu prüfen und zwischen einer Aussage des Verfassers und deinem eigenen Urteil zu unterscheiden.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Eine historische Schriftquelle ist ein schriftliches Zeugnis, mit dem du die Vergangenheit untersuchst. Eine heutige Erklärung vergangener Entwicklungen, etwa durch einen Historiker, ist dagegen eine Darstellung. Eine Leitfrage legt fest, was du herausfinden möchtest. Fehlt sie in der Aufgabe, entwickelst du selbst eine passende Frage.
Für die Vorstellung klärst du: Wer verfasste den Text? Welche Stellung hatte dieser Verfasser? Wer sollte ihn lesen? Diese vorgesehenen Leser heißen Adressaten. Wann und wo entstand der Text, wann und wo wurde er veröffentlicht? Entstehung und Veröffentlichung sind getrennt zu prüfen. Nenne außerdem das Thema, den Anlass und die Quellenart. Der Anlass ist der konkrete Vorgang, auf den der Text reagiert. Quellenarten sind etwa Brief, Bericht oder Gesetz. Fehlende Angaben kennzeichnest du als unbekannt.
Ein Beispiel ist die eigentliche Emser Depesche vom 13. Juli 1870. Eine Depesche ist hier ein Telegramm, eine telegrafisch übermittelte Nachricht. Heinrich Abeken, ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, berichtete seinem Vorgesetzten, dem Regierungschef Otto von Bismarck, aus Ems. Anlass war eine Begegnung zwischen dem französischen Botschafter, also einem Vertreter Frankreichs, und Wilhelm, dem König des damaligen Staates Preußen. Es ging um französische Forderungen zur Besetzung des spanischen Throns. Die eigentliche Depesche war ein internes Telegramm: Sie war für den Austausch innerhalb der Regierung bestimmt. Bismarcks spätere Pressemitteilung war ein anderer Text.
Definition
Quellenart
Die Quellenart bezeichnet die Form eines Zeugnisses, zum Beispiel Brief, Bericht oder Gesetz. Sie hilft dir, den Text passend zu untersuchen.
Merke: Die Vorstellung nennt überprüfbare Angaben zum Text. Eine unbekannte Angabe bleibt unbekannt; du ergänzt sie nicht durch eine Vermutung.
Teste dich
Gib zuerst die wesentlichen Aussagen in eigenen Worten wieder. Bleibe dabei auf Abstand: Du berichtest, was der Verfasser behauptet, ohne seine Behauptung schon als Tatsache zu übernehmen. Gliedere den Inhalt nach Gedankenschritten. Eine Argumentation ist die Verbindung von Behauptungen und ihren Begründungen. Frage deshalb: Was fordert oder behauptet der Verfasser? Welche Gründe nennt er dafür?
Untersuche anschließend wichtige Begriffe und die Sprache. Informiert der Text sachlich, spricht er Gefühle an oder fordert er zum Handeln auf? Erkläre auch, welche Wirkung die Wortwahl bei den vorgesehenen Lesern haben soll. Eine beabsichtigte Wirkung ist noch kein Beleg dafür, dass Leser tatsächlich so reagierten.
Verbinde jede Deutung mit einer passenden Textstelle. Du kannst eine kurze Formulierung wörtlich zitieren oder den Inhalt einer Stelle genau in eigenen Worten wiedergeben. Erkläre danach, wie der Beleg deine Deutung stützt. Eine Inhaltsangabe allein untersucht noch nicht die Sprache. Ein Zitat allein erklärt noch nicht seine Bedeutung.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: eine Bitte zum Markt
- 1Ein ausgedachter Text lautet: „Verlegt den Markt! Der jetzige Platz ist zu eng.“
- 2Inhalt: Der Verfasser fordert einen anderen Platz für den Markt.
- 3Argumentation: Er begründet seine Forderung mit dem Platzmangel.
- 4Sprache: Die Aufforderung soll die angesprochenen Leser zum Handeln bewegen. Ob sie ihr folgen, zeigt der Text nicht.
Teste dich
Die Perspektive ist der Blickwinkel des Verfassers. Seine Stellung, seine Kenntnisse und seine Interessen prägen, was er berichtet. Prüfe, ob er selbst dabei war oder sich auf andere Personen stützt. Frage auch, welche Einzelheiten er auswählt oder auslässt. Seine Absicht ist das Ziel, das er mit dem Text verfolgt. Blickwinkel und Ziel hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe.
Quellenkritik bedeutet, ein Zeugnis auf seine Verlässlichkeit und seine Grenzen zu prüfen. Dazu gehören Fragen nach Echtheit, Entstehungszeit, Absicht und Überlieferung. Überlieferung bezeichnet hier den Weg, auf dem ein Text erhalten blieb und zu uns gelangte. Dabei können Texte abgeschrieben, übersetzt oder verändert worden sein. Deshalb ist der Vergleich verschiedener Fassungen wichtig. Eine spätere Fassung muss nicht denselben Wortlaut haben wie eine frühere.
Bei der Emser Depesche gibt Abeken Wilhelms Bericht wieder. Wilhelm beschreibt darin das Auftreten des französischen Botschafters mit den Worten „auf zuletzt sehr zudringliche Art“. Diese Wortwahl zeigt Wilhelms Bewertung. Sie beweist für sich genommen nicht, wie alle Beteiligten die Begegnung erlebten.
Die Aussagegrenze benennt, was du mit einem Text nicht sicher klären kannst. Vergleiche deshalb, soweit möglich, weitere Zeugnisse: Welche Angaben stimmen überein? Wo unterscheiden sie sich? Sind die Berichte in sich schlüssig? Die hier behandelten Wortlaute der Emser Texte sind ausschließlich durch einen Wikipedia-Artikel vermittelt. Eine unmittelbar überprüfbare wissenschaftliche Quellenausgabe und vollständige Fundstellen fehlen. Ihre Echtheit und ihr Überlieferungsweg lassen sich hier daher nicht eigenständig prüfen.
Merke: Unterscheide: Was berichtet der Verfasser? Wie bewertet er es? Was kannst du daraus sicher schließen, und was bleibt offen?
Teste dich
Eine Interpretation beantwortet deine Leitfrage. Sie verbindet die Untersuchung des Textes mit dem historischen Kontext, also den damaligen Ereignissen und Verhältnissen. Du erklärst einen Zusammenhang und zeigst, auf welche Textstellen und gesicherten Informationen du dich stützt. Eine bloße Zusammenfassung reicht dafür nicht.
Bei Bismarcks Pressemitteilung ist der Konflikt um den spanischen Thron wichtig. Frankreich verlangte von Wilhelm auch eine Zusicherung für die Zukunft: Er sollte sich verpflichten, einer erneuten Kandidatur seines Herrscherhauses für den spanischen Thron nicht mehr zuzustimmen. Wilhelm lehnte diese weitergehende Bindung ab. Bismarck kürzte Abekens Telegramm für die Presse stark. Er ließ die Beschreibung des Gesprächs weg, in dem Wilhelm seine Ablehnung erläutert hatte. So wirkte der Austausch kürzer und schroffer. Diese Wirkung lässt sich durch einen Vergleich der beiden Texte erklären. Daraus folgt aber nicht, dass Bismarcks Mitteilung der einzige Auslöser des folgenden Krieges war.
Ein Sachurteil beurteilt den untersuchten Gegenstand aus seiner damaligen Zeit heraus. Du prüfst etwa den politischen Standpunkt, die Glaubwürdigkeit oder Widersprüche eines Textes. Ein Werturteil bewertet aus heutiger Sicht und nach heutigen Maßstäben. Nenne dabei deinen Maßstab, damit andere dein Urteil nachvollziehen können. Beide Urteile brauchen Gründe.
Schließe mit einer Antwort auf die Leitfrage. Trenne dabei Textaussage, eigene Deutung und Urteil. Nenne auch Grenzen: Eine fehlende Information darf nicht als gesicherter Beleg dienen. Später entstandene wissenschaftliche Untersuchungen können mehr Abstand und mehr Informationen haben; auch ihre Urteile müssen kritisch geprüft werden.
| Arbeitsschritt | Leitende Frage |
|---|---|
| Analyse | Was sagt der Text, und wie begründet und gestaltet er seine Aussagen? |
| Historischer Kontext | Auf welche damaligen Ereignisse und Verhältnisse bezieht sich der Text? |
| Sachurteil | Wie ist der Text aus seiner damaligen Zeit heraus zu beurteilen? |
| Werturteil | Wie bewerte ich seine Aussagen nach heutigen Maßstäben? |
Teste dich
Alles auf einen Blick
Quelleninterpretation
Leitfrage
Sie legt fest, was du mit der Untersuchung herausfinden möchtest.
Vorstellung
Verfasser, Adressaten, Zeitpunkt, Ort, Anlass und Quellenart helfen bei der Einordnung.
Textanalyse
Untersuche Aussagen, Begründungen und Sprache und erkläre deine Belege.
Quellenkritik
Prüfe Blickwinkel, Absicht, Überlieferung und Grenzen der möglichen Aussagen.
Interpretation und Urteil
Verbinde Textanalyse und damalige Verhältnisse; trenne damalige Sicht und heutige Maßstäbe.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Wie veränderte die Kürzung den Eindruck des Gesprächs in Ems?
- 1Leitfrage festlegen: Warum wirkte der Austausch in Bismarcks Pressemitteilung schroffer als in Abekens Telegramm?
- 2Texte vergleichen: Abekens Telegramm enthält die Beschreibung eines Gesprächs, in dem Wilhelm seine Ablehnung erläuterte. Bismarck ließ diese Beschreibung weg.
- 3Auswahl untersuchen: In der gekürzten Mitteilung stehen die französische Forderung und die Ablehnung eines weiteren Empfangs knapp nebeneinander.
- 4Deutung begründen: Weil die Erläuterung des Gesprächs fehlt, erscheint der Austausch kürzer und schroffer. Die Auslassung stützt diese Deutung.
- 5Grenze nennen: Der Vergleich erklärt einen veränderten Eindruck. Er belegt nicht, dass die Pressemitteilung der einzige Auslöser des folgenden Krieges war.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zum Umgang mit Textfassungen In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Der Fehler ist das Wort „unwichtig“. Richtig: Der Vergleich verschiedener Fassungen ist wichtig, weil sich der Wortlaut eines Textes verändert haben kann.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Die eigentliche interne Emser Depesche wurde am verfasst. Die vorgesehenen Leser eines Textes heißen . Eine Bewertung nach heutigen Maßstäben ist ein .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback