Geschichte · Klasse 9–10 · aktualisiert
Neue Ostpolitik: Ziele, Verträge und Folgen
Du lernst, warum die Neue Ostpolitik begann, was ihre Verträge regelten und wie du Erfolge, Grenzen und ihren Beitrag zur Einheit beurteilst.
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Kurz gesagt
Die Neue Ostpolitik setzte auf Verständigung mit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und Osteuropa. Unter Bundeskanzler Willy Brandt sollten Verträge Spannungen abbauen und das Leben der Menschen erleichtern. Die deutsche Einheit blieb ein Ziel; die Teilung bestand zunächst fort.
Verträge können Reisen erleichtern, obwohl eine Grenze bestehen bleibt. Genau diese Spannung prägte die Neue Ostpolitik. Du untersuchst, was die Bundesregierung erreichen wollte, was sich tatsächlich änderte und warum die langfristige Wirkung umstritten ist.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
3 Abschnitte
Deutschland war in zwei Staaten geteilt: die Bundesrepublik Deutschland im Westen und die Deutsche Demokratische Republik, kurz DDR, im Osten. Nach der Bundestagswahl 1969 wurde Willy Brandt Bundeskanzler. Seine Regierung setzte auf Gespräche mit der DDR und den osteuropäischen Staaten. Dabei blieb sie mit ihren westlichen Verbündeten eng abgestimmt.
Brandt und der Politiker Egon Bahr hatten bereits 1963 für „Wandel durch Annäherung“ geworben. Gemeinsame Interessen sollten Verständigung ermöglichen: das Risiko eines Atomkriegs verringern, das Leben der Menschen erleichtern und langfristig die Teilung überwinden. Die Anerkennung bestehender Grenzen sollte eine Grundlage für Gespräche schaffen. Sie bedeutete aus Sicht der Bundesregierung keine Aufgabe des Ziels einer friedlichen deutschen Einheit.
Der Historiker Heinrich August Winkler erklärt den Kurs so: Wer die Teilung langfristig überwinden wollte, musste zunächst die Wirklichkeit zweier deutscher Staaten berücksichtigen. Gespräche wurden Ende der 1960er Jahre auch durch Interessen der Sowjetunion begünstigt. Dieser Staat führte das östliche Militärbündnis, den Warschauer Pakt. Die Sowjetunion benötigte westliche Technik zur Erneuerung ihrer Wirtschaft; zugleich verschärfte sich ihr Konflikt mit China.
Der neue Kurs war umstritten. Die Regierungskoalition, also die gemeinsam regierenden Parteien, erwartete Entspannung und menschliche Erleichterungen. Die Opposition, also die Parteien außerhalb der Regierung, befürchtete dagegen, dass die Teilung dauerhaft festgeschrieben würde.
Definition
Entspannung
Entspannung bedeutet hier, politische Spannungen durch Gespräche, Zusammenarbeit und Vereinbarungen zu verringern.
Merke: Die Bundesregierung wollte die bestehende Teilung als Ausgangspunkt für Verhandlungen berücksichtigen und langfristig friedlich überwinden.
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Bei den folgenden Vereinbarungen musst du Unterzeichnung, Inkrafttreten und praktische Umsetzung unterscheiden. Sie fanden nicht unbedingt gleichzeitig statt. So konnten vereinbarte Einrichtungen erst später ihre Arbeit aufnehmen.
Den Moskauer Vertrag unterzeichneten die Bundesrepublik und die Sowjetunion am 12. August 1970. Beide verpflichteten sich zur friedlichen Lösung von Streit und zum Verzicht auf Gewalt und Gewaltandrohung. Sie bezeichneten bestehende Grenzen als unverletzlich, ausdrücklich auch die polnische Westgrenze an Oder und Neiße sowie die Grenze zwischen Bundesrepublik und DDR. Der Vertrag schuf eine verbindliche Grundlage für Verständigung mit Moskau und öffnete den Weg für weitere Abkommen. Er beseitigte weder die Teilung noch Grenzkontrollen.
Den Warschauer Vertrag unterzeichneten die Bundesrepublik und Polen am 7. Dezember 1970. Er bestätigte die Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze, schloss gegenseitige Gebietsansprüche aus und verpflichtete zum Gewaltverzicht. Damit entstand eine Grundlage für geregelte deutsch-polnische Beziehungen. Die westdeutsche Handelsvertretung wurde später in eine Botschaft umgewandelt, also eine diplomatische Vertretung bei einem anderen Staat. Sie nahm im September 1972 ihre Arbeit auf. Beide Verträge traten am 3. Juni 1972 in Kraft.
Das Viermächteabkommen über Berlin unterzeichneten Frankreich, die Sowjetunion, Großbritannien und die USA am 3. September 1971. Die USA sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Bundesrepublik und DDR waren keine Vertragspartner dieses Abkommens. Die Sowjetunion sagte erleichterte, unbehinderte zivile, also nichtmilitärische, Durchreisen zwischen der Bundesrepublik und West-Berlin durch die DDR zu. Die Bindungen West-Berlins an die Bundesrepublik blieben erhalten. West-Berlin wurde aber nicht von ihr regiert; die Rechte der vier Mächte bestanden fort.
Die Einzelheiten der Durchreise regelten Bundesrepublik und DDR im Transitabkommen vom 17. Dezember 1971. Transit bedeutet Durchreise durch ein Gebiet. Das Abkommen vereinfachte Verfahren auf festgelegten Straßen, Schienen- und Wasserwegen. Die Bundesrepublik übernahm eine jährliche Pauschalzahlung an die DDR, unter anderem für Straßenbenutzung und Visa, also Einreisegenehmigungen. Das erleichterte Durchreisen, schuf aber keine allgemeine Reisefreiheit in der DDR. Viermächteabkommen und Transitabkommen traten am 3. Juni 1972 in Kraft.
Den Grundlagenvertrag unterzeichneten Bundesrepublik und DDR am 21. Dezember 1972. Er trat am 21. Juni 1973 in Kraft und schuf geregelte Beziehungen zwischen den beiden Staaten. Beide verpflichteten sich zu gutnachbarlichen Beziehungen auf gleicher Grundlage und zum Gewaltverzicht. Keiner durfte den anderen international vertreten. Vereinbart wurden Ständige Vertretungen: Einrichtungen für den regelmäßigen Kontakt zwischen beiden Regierungen. Sie arbeiteten ab dem 2. Mai 1974 in Ost-Berlin und Bonn; es waren keine Botschaften. Die Bundesrepublik hielt in einem Begleitbrief am Ziel friedlicher Einheit fest. Dieser Brief war ihre eigene Position, keine gemeinsame Vertragsbestimmung.
| Vertragswerk | Regelung | Unmittelbare Bedeutung |
|---|---|---|
| Moskauer Vertrag | Gewaltverzicht und Achtung bestehender Grenzen | Grundlage für Verständigung mit Moskau und weitere Abkommen |
| Warschauer Vertrag | Bestätigung der polnischen Westgrenze; Gewaltverzicht | Grundlage für geregelte deutsch-polnische Beziehungen |
| Viermächteabkommen | Zusicherung erleichterter ziviler Durchreisen nach West-Berlin | Sichererer Rahmen für den Zugang; Rechte der vier Mächte blieben |
| Transitabkommen | Verfahren und Gebühren für zivile Durchreisen | Klarere und einfachere Abwicklung |
| Grundlagenvertrag | Gleichberechtigte Beziehungen und Ständige Vertretungen | Geregelte Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten |
Beispiel: Weitere Erleichterungen durch den Verkehrsvertrag
- 1Am 26. Mai 1972 schlossen die beiden deutschen Staaten den Verkehrsvertrag.
- 2Danach öffneten mehrere Übergänge für den kleinen Grenzverkehr, also für Besuche im grenznahen Gebiet.
- 3Auf den vorhandenen Eisenbahnübergängen kamen zusätzliche Züge hinzu.
Teste dich
Ein Urteil braucht einen Maßstab. Prüfst du die Erleichterung von Kontakten, kannst du auf vereinfachte Durchreisen, zusätzliche Verkehrsverbindungen und Ständige Vertretungen verweisen. Prüfst du dagegen, ob die Teilung beendet wurde, fällt das Urteil anders aus: Die Verträge hoben sie nicht auf.
Auch die Gewalt an den Grenzen blieb bestehen. Die DDR ließ die innerdeutschen Grenzanlagen und die Berliner Mauer weiter ausbauen. Sie sicherte die innerdeutsche Grenze mit bewaffneter Gewalt gegen Menschen, die die DDR in Richtung Westen verlassen wollten. Grenzsoldaten hatten den Befehl, auf diese Menschen zu schießen; außerdem setzte die DDR Selbstschussanlagen ein. Der Schießbefehl blieb bestehen. Die Stasi, die Staatssicherheit der DDR, vertuschte weiterhin Tote und Verletzte an der Mauer, um das Ansehen der DDR zu schützen. Die innerdeutsche Grenze zwischen den beiden Staaten und die Mauer um West-Berlin waren getrennte Grenzanlagen. Erleichterte Kontakte bedeuteten daher keine allgemeine Freiheit, die DDR zu verlassen.
Unterschiedliche Erwartungen bestanden auch bei der nationalen Frage. Am 17. Mai 1972 erklärte der Bundestag zu den Verträgen von Moskau und Warschau, dass sie eine friedliche deutsche Einheit nicht ausschlössen. Das war eine westdeutsche Auslegung, keine gemeinsam vereinbarte Vertragsänderung. Die Sowjetunion hielt an einer abweichenden Auslegung fest. Unter Bundeskanzler Helmut Kohl wurde die Ostpolitik ab 1982 im Wesentlichen fortgesetzt.
Über die langfristige Bedeutung gibt es unterschiedliche Urteile. Winkler hebt hervor, was die Entspannung für das geteilte Deutschland erreichte. Der Historiker Bogdan Musiał widerspricht dagegen der Behauptung, die Ostpolitik habe entscheidend zur deutschen Wiedervereinigung beigetragen. Nach seiner Deutung stützte sie die östlichen Herrschaftssysteme wirtschaftlich; deren Zusammenbruch sei trotz dieser Politik erfolgt. Das ist seine Erklärung, kein unstrittiger Befund.
Adam Krzemiński beschreibt aus polnischer Sicht einen Zielkonflikt: Die Schlussakte von Helsinki, eine internationale Vereinbarung von 1975, habe einerseits die sowjetische Herrschaft in Ostmitteleuropa bestätigt. Andererseits habe sie Gruppen ermutigt, die mehr politische Freiheit forderten. Stabilität der bestehenden Ordnung und Freiheit für die Menschen konnten also nach seiner Deutung miteinander in Konflikt geraten.
Für die deutsche Einheit waren auch spätere Entwicklungen wichtig. Dazu gehörten die Öffnung der Grenzen zwischen Ost und West und der Fall der Berliner Mauer 1989. Die Politik des sowjetischen Parteichefs Michail Gorbatschow war ebenfalls ein Faktor auf dem Weg zur Einheit. Ein begründetes Urteil kann deshalb lauten: Die Ostpolitik schuf geregelte Kontakte und konkrete Erleichterungen. Wie stark sie zur Einheit beitrug, bleibt umstritten; die Einheit lässt sich nicht allein mit den Ostverträgen erklären.
Merke: Trenne überprüfbare Veränderungen von umstrittenen Erklärungen. Einfachere Durchreisen belegen eine Erleichterung, aber noch keine entscheidende Ursache der späteren Einheit.
Definition
Zielkonflikt
Ein Zielkonflikt entsteht, wenn das Verfolgen eines Ziels ein anderes Ziel erschwert. Hier geht es um die Stabilität bestehender Ordnungen und mehr politische Freiheit.
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Alles auf einen Blick
Neue Ostpolitik
Ziel
Verständigung sollte Spannungen verringern und langfristig die Teilung überwinden.
Verträge
Gewaltverzicht und die Achtung bestehender Grenzen schufen Grundlagen für geregelte Beziehungen.
Durchreise
Das Viermächteabkommen gab den Rahmen vor, das Transitabkommen regelte die Einzelheiten.
Umsetzung
Unterschrift, Inkrafttreten und praktische Umsetzung waren getrennte Schritte.
Grenzen
Kontakte wurden erleichtert, aber die Teilung und der Schießbefehl bestanden fort.
Urteil
Konkrete Erleichterungen sind belegbar; der Beitrag zur deutschen Einheit bleibt umstritten.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Die Einrichtung der Botschaft in Warschau zeitlich einordnen
- 1Aufgabe: Erkläre, warum die Botschaftseröffnung nicht mit der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags gleichgesetzt werden darf.
- 2Vereinbarung bestimmen: Am 7. Dezember 1970 unterzeichneten die Bundesrepublik und Polen den Vertrag. Er schuf eine Grundlage für geregelte Beziehungen.
- 3Verbindlichkeit einordnen: Der Vertrag trat am 3. Juni 1972 in Kraft.
- 4Umsetzung bestimmen: Die aus der Handelsvertretung entstandene Botschaft nahm im September 1972 ihre Arbeit auf.
- 5Ergebnis: Die Botschaft war ein anschließender Umsetzungsschritt. Sie eröffnete nicht schon mit der Unterschrift.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zu den Ständigen Vertretungen In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage verwechselt Unterzeichnung und Umsetzung. Richtig: Die Ständigen Vertretungen arbeiteten ab dem 2. Mai 1974.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Nach der Bundestagswahl wurde Willy Brandt Bundeskanzler. Den Moskauer Vertrag schloss die Bundesrepublik mit der . Die im Grundlagenvertrag vorgesehenen Ständigen Vertretungen arbeiteten ab dem 2. Mai .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback