Geschichte · Klasse 11–13 · aktualisiert
NS-Erinnerungskultur verstehen und analysieren
Du unterscheidest persönliche und öffentliche Erinnerung, erklärst ihren Wandel und prüfst ein Denkmal sowie eine Umfrage.
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Kurz gesagt
NS-Erinnerungskultur umfasst den öffentlichen Umgang mit der Vergangenheit des Nationalsozialismus. Schulen, Medien, Initiativen und staatliche Einrichtungen wählen aus und deuten. Diese Erinnerung verändert sich und entspricht nicht jeder persönlichen Erinnerung.
Ein öffentliches Denkmal zeigt, woran erinnert werden soll. Es verrät aber nicht, was jede Familie über die Vergangenheit denkt. Du untersuchst Entwicklungen der Erinnerung zwischen 1945 und 2005 und prüfst anschließend, was eine Umfrage von 2021/22 belegen kann.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Individuelle Erinnerung betrifft eigene Erfahrungen. Sie entsteht nicht abgeschottet: Wenn Menschen miteinander sprechen, prägt dieser Austausch auch ihre Erinnerungen.
Gesellschaftliche Erinnerungskultur betrifft den öffentlichen Umgang mit Vergangenheit. Schulen, Medien, Initiativen und staatliche Einrichtungen wählen Themen aus, stellen sie dar und geben ihnen Bedeutung. Bei der NS-Erinnerungskultur geht es um die Vergangenheit des Nationalsozialismus; dafür steht die Abkürzung NS.
Persönliche und öffentliche Erinnerung hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe. Ein staatliches Leitbild beweist nicht, dass jede Familie diese Sicht teilt. Auch eine gemeinsam getragene Deutung bedeutet keine Einstimmigkeit. Erinnerungskultur kann sich verändern.
Definition
Gesellschaftliche Erinnerungskultur
Die öffentliche Auswahl, Darstellung und Deutung von Vergangenheit durch unterschiedliche Beteiligte.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: Erinnerung an einen Museumsbesuch
- 1Ein Schüler erinnert sich an seinen Museumsbesuch und spricht darüber mit einem Freund.
- 2Seine Erinnerung an den Besuch betrifft eine persönliche Erfahrung und wird im Gespräch geprägt.
- 3Die öffentliche Auswahl und Erklärung historischer Themen in der Ausstellung gehört zur Erinnerungskultur.
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In der frühen Bundesrepublik hatten Wiederaufbau und die Eingliederung ehemaliger NS-Anhänger häufig Vorrang vor einer konsequenten Aufarbeitung. Überlebende und andere Beteiligte verlangten dennoch Aufklärung. Seit den späten 1950er-Jahren verstärkten antisemitische Vorfälle, Strafverfolgung, Veränderungen im Unterricht und öffentliche Kritik die Auseinandersetzung. Antisemitische Vorfälle richteten sich gegen Juden. Die Fernsehserie „Holocaust“ erreichte 1979 ein breites Publikum. Der Wandel verlief konfliktreich; er ging nicht plötzlich von einer einzigen Generation aus.
In der DDR, dem ostdeutschen Staat, stand in den 1950er/1960er-Jahren der kommunistische Widerstand im Mittelpunkt des staatlichen Erinnerns. Andere Opfergruppen wurden nachgeordnet oder lange kaum berücksichtigt. Überlebende hatten schon vor der Einrichtung der staatlichen Gedenkstätten selbst an den Orten erinnert. Buchenwald 1958, Ravensbrück 1959 und Sachsenhausen 1961 dienten als Gedenkstätten auch der staatlichen Selbstdarstellung.
Die SED, die Partei, die das offizielle DDR-Gedenken lenkte, nutzte dieses Erinnern zur Rechtfertigung ihres Staates. In den 1980er-Jahren öffnete sich das offizielle Erinnern teilweise für weitere Opfergruppen. Das stand unter anderem mit außenpolitischen Interessen in Zusammenhang.
Der Vergleich muss deshalb Veränderungen berücksichtigen: In der Bundesrepublik gab es umstrittenen öffentlichen Wandel, in der DDR staatliche Lenkung und ebenfalls Veränderungen. Die Kurzform „Bundesrepublik zögerlich, DDR antifaschistisch“ reicht als Erklärung nicht aus. Antifaschistisch bedeutet hier gegen den Faschismus gerichtet. Die Untersuchung dieser staatlichen Selbstdarstellung bestreitet weder den tatsächlichen Widerstand noch mindert sie die NS-Verbrechen. Staatliches Gedenken bildet außerdem nicht sämtliche privaten Erinnerungen ab.
Merke: Unterscheide staatliches Gedenken, öffentliche Auseinandersetzungen und persönliche Erinnerungen. Beide deutschen Staaten hatten keine unveränderliche Erinnerungskultur.
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Am Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin kannst du vier Fragen untersuchen: Wer war beteiligt? An wen wird erinnert? Welche Bedeutung lässt sich begründet erkennen? Welchen Bezug hatte das Vorhaben zu seiner damaligen Gegenwart? Der hier betrachtete Fall umfasst 1988–2005.
Zu den Beteiligten gehörten eine Bürgerinitiative, die Politik, Wettbewerbsjurys und der Architekt Eisenman. Jurys sind Gremien, die Wettbewerbsbeiträge beurteilen. Der Bundestag, das deutsche Parlament, traf 1999 eine Entscheidung zum Denkmal. Bei der Auswahl steht eine bestimmte Opfergruppe im Mittelpunkt: die ermordeten Juden Europas.
Zur Gestaltung gehören Eisenmans Stelenfeld, also eine Anordnung aufrecht stehender Elemente, und der ergänzende „Ort der Information“. Das sind feststellbare Bestandteile. Ihre Verbindung kannst du als Zusammenführung von Gedenken und Wissensvermittlung deuten. Kennzeichne dabei den Unterschied zwischen einem belegten Bestandteil und deiner begründeten Interpretation.
Den Bezug zur damaligen Gegenwart kannst du so deuten: Der spätere demokratische Staat setzte ein öffentliches Zeichen der Verantwortung. Damit ist noch nicht nachgewiesen, wie einzelne Besucher das Denkmal wahrnahmen oder was sie dort lernten. Dafür wären eigene Untersuchungen nötig.
| Frage | Ansatz für die Analyse |
|---|---|
| Akteure: Wer wirkte mit? | Bürgerinitiative, Politik, Wettbewerbsjurys und Architekt |
| Auswahl: An wen wird erinnert? | An die ermordeten Juden Europas |
| Deutung: Welche Bedeutung ist begründbar? | Verbindung von Gedenken und Wissensvermittlung |
| Gegenwartsbezug: Welches Zeichen wurde gesetzt? | Als Deutung: öffentliche Verantwortung des späteren demokratischen Staates |
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Die Studie MEMO V untersuchte unter anderem, wie Menschen ihr eigenes Wissen über den Nationalsozialismus einschätzten. Ipsos führte die telefonische Befragung für das beteiligte Forschungsinstitut der Universität Bielefeld im Dezember 2021/Januar 2022 durch. Befragt wurden 1.000 zufällig ausgewählte Menschen aus allen Bundesländern. Die tatsächlich Befragten waren 16–93 Jahre alt. Die Teilnahme war freiwillig und anonym.
Die Frage lautete: „Wie schätzen Sie Ihr eigenes Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus ein?“ 43,4 % antworteten „eher gut“, 15,4 % „sehr gut“. Zusammen waren das 58,8 % der Gesamtstichprobe, also aller Befragten. Das Ergebnis betrifft eine Selbsteinschätzung; die Frage prüfte kein Wissen.
Die weiteren Antworten lauteten: 4,3 % „überhaupt nicht gut“, 10,4 % „eher nicht gut“ und 26,1 % „teils/teils“. Fehlende Antworten erklären die Differenz zu 100 %. Für eine vorsichtige Beurteilung brauchst du Zeitpunkt, Auswahlverfahren, Bezugsgruppe, genauen Fragewortlaut und Antwortmöglichkeiten.
Bei Telefonbefragungen können Menschen Antworten geben, die sie für gesellschaftlich erwünscht halten. Diese mögliche Verzerrung macht aus einer Selbstauskunft keinen Wissenstest. Auch ein statistischer Zusammenhang beweist keine Ursache. Wiederholte Querschnitte sind Erhebungen mit jeweils verschiedenen Menschen; sie zeigen deshalb nicht die persönliche Entwicklung derselben Befragten. Aus dieser Erhebung von 2021/22 lässt sich zudem kein heutiger Wissensstand ableiten.
Merke: Prüfe zuerst, was eine Frage tatsächlich misst. Eine positive Einschätzung des eigenen Wissens ist kein Nachweis richtigen Wissens.
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Alles auf einen Blick
NS-Erinnerungskultur
Unterscheidung
Persönliche Erfahrungen und öffentliche Deutungen hängen zusammen, sind aber nicht gleichzusetzen.
Wandel
Die NS-Erinnerung in Bundesrepublik und DDR blieb nicht unverändert.
Analyse
Untersuche Akteure, Auswahl, Deutung und den Bezug zur damaligen Gegenwart.
Aussagegrenze
Eine Denkmalgestaltung beweist keine bestimmte Wirkung auf Besucher.
Umfragen
Selbsteinschätzung ist kein Wissenstest; beachte Erhebungszeitpunkt und methodische Grenzen.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Gedenken und Wissensvermittlung am Berliner Denkmal unterscheiden
- 1Aufgabe: Erkläre, wie sich Stelenfeld und Ort der Information gemeinsam deuten lassen.
- 2Befund festhalten: Zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas gehören Eisenmans Stelenfeld und ein ergänzender Ort der Information.
- 3Deutung formulieren: Die Verbindung lässt sich als Zusammenführung von Gedenken und Wissensvermittlung verstehen.
- 4Gegenwartsbezug herstellen: Das Vorhaben lässt sich als öffentliches Zeichen der Verantwortung des späteren demokratischen Staates deuten.
- 5Grenze benennen: Damit ist noch nicht nachgewiesen, wie einzelne Besucher reagierten oder was sie lernten.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zum offiziellen Erinnern in der DDR In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3Die dritte Aussage verschiebt die teilweise Öffnung in das falsche Jahrzehnt. Richtig: In den 1980er-Jahren öffnete sich das offizielle Erinnern teilweise für weitere Opfergruppen.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Die Fernsehserie „Holocaust“ erreichte ein breites Publikum. In der telefonischen Studie MEMO V von 2021/22 schätzten der Gesamtstichprobe ihr Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus als „eher gut“ ein. Der Bundestag entschied über das Denkmal für die ermordeten Juden Europas.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback