Geschichte · Klasse 11–13 · aktualisiert
Geschichtskultur im Abitur sicher analysieren
Du lernst, öffentliche Geschichtsbilder zu untersuchen, Vermittlungsformen zu vergleichen und Beobachtung, Deutung und Urteil zu trennen.
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Kurz gesagt
Geschichtskultur umfasst den gesellschaftlichen Umgang mit Geschichte, etwa in Museen, Filmen und Gedenkfeiern. Du analysierst Akteure, Medien, Auswahl, Perspektiven, Publikum und mögliche Funktionen. Dein Urteil begründest du mit Belegen und klaren Kriterien.
Geschichte begegnet dir auch außerhalb des Unterrichts: auf Straßenschildern, in Filmen oder bei Gedenkfeiern. Dabei wird Vergangenheit ausgewählt und aus bestimmten Blickwinkeln erzählt. Im Abitur untersuchst du, wie solche Geschichtsbilder entstehen und wozu sie dienen können.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Vergangenheit ist nicht unmittelbar zugänglich. Wir erschließen sie aus bruchstückhaft erhaltenen Zeugnissen. Geschichte meint deshalb sowohl vergangenes Geschehen als auch dessen Erforschung, Deutung und Darstellung.
Geschichtsbewusstsein bezeichnet individuelle Vorstellungen und Einstellungen zur Vergangenheit. Dazu gehört, menschliche Lebensbedingungen als geschichtlich entstanden und veränderbar wahrzunehmen. Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsvorstellungen hängen dabei zusammen.
Geschichtskultur umfasst gesellschaftliche Formen des Wissens über Geschichte und des Umgangs mit ihr. Dazu gehören Forschung, Museen, Denkmäler, Filme und öffentliche Debatten. Individuelle Vorstellungen und gesellschaftliche Angebote stehen miteinander in Beziehung. Menschen können ein Denkmal beachten, anders verstehen als vorgesehen oder daran vorbeigehen.
Erinnerungskultur lässt sich davon nicht scharf abgrenzen. Der Gedächtnisforscher Jan Assmann betont die Verpflichtung sozialer Gruppen, bestimmte Dinge nicht zu vergessen. Das kann Zugehörigkeit und Zusammenhalt stärken. Der Historiker Christoph Cornelißen verwendet einen weiten Begriff: Er umfasst bewusste Formen historischen Erinnerns einschließlich wissenschaftlicher Forschung. Erinnerungskultur hat damit auch einen Bezug zu Bedürfnissen der Gegenwart. Für deine Analyse musst du deutlich machen, welchen Begriff du verwendest.
Definition
Geschichtsbewusstsein
Individuelle Vorstellungen und Einstellungen zur Vergangenheit, die mit dem Verständnis der Gegenwart und Vorstellungen von Zukunft zusammenhängen.
Merke: Unterscheide individuelle Vorstellungen von gesellschaftlichen Erinnerungsformen. Geschichts- und Erinnerungskultur überschneiden sich; ihre Abgrenzung hängt vom verwendeten Begriff ab.
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Ein Geschichtsbild ist eine Vorstellung von Vergangenheit, die bestimmte Zusammenhänge hervorhebt. Öffentliche Geschichtsbilder begegnen dir etwa in Denkmälern oder Ausstellungen. Untersuche zunächst, wer sie gestaltet und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen sie entstehen. Akteure sind beteiligte Personen oder Einrichtungen, etwa Auftraggeber und Gestalter. Ihre Ausbildung, ihr Werdegang und ihre Überzeugungen können für die Analyse wichtig sein.
Arbeite anschließend mit sechs Fragen: Wer handelt? Welches Medium vermittelt Geschichte? Was wird ausgewählt oder ausgelassen? Aus welcher Perspektive wird erzählt? Welches Publikum wird angesprochen? Welche Funktion könnte das Angebot erfüllen? Medium meint die Vermittlungsform, etwa Film oder Denkmal. Auswahl betrifft die gezeigten Inhalte; Perspektive den Blickwinkel auf sie. Publikum sind die angesprochenen oder erreichten Menschen. Funktionen können Bildung, Unterhaltung, Kritik, Zusammenhalt oder die Rechtfertigung politischer Macht sein.
Der Geschichtskulturforscher Jörn Rüsen unterscheidet drei miteinander verflochtene Dimensionen. Die kognitive Dimension betrifft Wissen und Wahrheit, die ästhetische Gestaltung und Fühlen, die politische Macht und Wollen. Du kannst damit verschiedene Seiten desselben Angebots untersuchen. Eine eindrucksvolle Gestaltung beweist noch nicht die historische Richtigkeit. Eine vermutete Absicht ist ebenso wenig ein Nachweis dafür, wie Besucher tatsächlich reagieren.
Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Sie tragen Namen und Lebensdaten von Opfern des Nationalsozialismus und liegen vor deren früheren Wohnhäusern im Bürgersteig. Hier kannst du untersuchen, wie die Auswahl einzelner Menschen und die Verbindung zu ihrem früheren Wohnort Erinnerung gestalten.
| Frage | Prüfschritt |
|---|---|
| Akteure und Medium | Auftraggeber, Gestalter und Vermittlungsform bestimmen. |
| Auswahl und Perspektive | Gezeigte und ausgelassene Inhalte sowie den Blickwinkel untersuchen. |
| Publikum und Funktion | Angesprochene Menschen und mögliche Zwecke unterscheiden. |
Beispiel: Stolpersteine mit dem Analyseraster untersuchen
- 1Akteur und Medium: Gunter Demnigs Projekt nutzt beschriftete Steine im Bürgersteig.
- 2Auswahl und Perspektive: Namen und Lebensdaten erinnern an einzelne Opfer des Nationalsozialismus.
- 3Ort und mögliche Funktion: Die Lage vor früheren Wohnhäusern verbindet das Erinnern mit dem früheren Lebensort.
- 4Publikum prüfen: Aus der Lage im Bürgersteig lässt sich eine mögliche Ansprache von Passanten ableiten. Ihre tatsächlichen Reaktionen sind damit noch nicht belegt.
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Vergleichen heißt, Gemeinsamkeiten und Unterschiede nach denselben Kriterien herauszuarbeiten. Frage bei jeder Form nach ihren Mitteln, ihrem Umgang mit Belegen und ihren möglichen Funktionen. So vermeidest du eine bloße Aufzählung verschiedener Angebote.
Museen müssen zeitliche und sachliche Zusammenhänge sichtbar machen. Gedenkstätten verbinden Trauer und Gedenken mit der Erhaltung von Überresten, Forschung und Wissensvermittlung. Dokumentationen können Schrift, Bild, Ton, Zeitzeugenaussagen, Kommentare und nachgestellte Szenen verbinden. Solche Szenen können Interesse wecken; spielfilmähnliche Mittel können aber die Grenze zwischen Information und Fiktion, also Erfundenem, verwischen. Anschaulichkeit und die Verbindung von Bild und Ton ersetzen keine Prüfung der historischen Belege.
Historische Romane dürfen Personen und Situationen erfinden. Wissenschaftliche Geschichtsschreibung soll dagegen tatsächliche Vorgänge anhand von Quellen möglichst genau untersuchen. Unterscheide deshalb belegte historische Aussagen von erfundenen Bestandteilen. Unterhaltung und Wissensvermittlung können sich verbinden; du musst ihre jeweilige Gestaltung prüfen.
Auch Nachstellungen unterscheiden sich. In Deutschland bezeichnet Living History eher das Nachstellen historischen Alltagslebens. Reenactment meint in Deutschland das Nachspielen konkreter belegter Ereignisse. In den USA, den Vereinigten Staaten von Amerika, wird kaum zwischen beiden Begriffen unterschieden. Auch Zeitreisen und historische Nachstellungen benötigen sorgfältig aufbereitete, verständlich dargestellte Quellen.
| Form | Mittel oder Schwerpunkt | Prüffrage |
|---|---|---|
| Museum | Objekte und sichtbar gemachte Zusammenhänge | Wie werden Dinge zeitlich und sachlich eingeordnet? |
| Dokumentation | Bild, Ton, Kommentare und nachgestellte Szenen | Wie lassen sich Belege und erfundene Bestandteile unterscheiden? |
| Historischer Roman | Erzählung mit möglichen erfundenen Personen und Situationen | Welche Bestandteile sind belegt, welche erfunden? |
Merke: Vergleiche nach gemeinsamen Kriterien. Eine anschauliche Nachstellung ist noch kein Beleg dafür, dass alle gezeigten Einzelheiten historisch gesichert sind.
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Im Alltag vermischen sich Beschreibung, Erklärung und Bewertung häufig. Für eine nachvollziehbare Analyse trennst du sie gedanklich. Eine Beobachtung hält fest, was du am untersuchten Angebot belegen kannst: etwa eine Inschrift, ein genanntes Thema oder eine bestimmte Anordnung. Beschreibe strukturiert und unterscheide bereits hier das Angebot von deiner Reaktion darauf.
Eine Deutung erklärt mögliche Bedeutungen und Zusammenhänge. Du verbindest beispielsweise Gestaltungsmittel mit einer möglichen Funktion. Begründe diese Verbindung mit konkreten Beobachtungen und dem Entstehungszusammenhang. Kennzeichne Unsicherheit: Eine beabsichtigte Wirkung ist nicht schon eine nachgewiesene Wirkung. Bei einem Denkmal unterscheidest du außerdem seine Architektur von Gedenkveranstaltungen, die dort stattfinden.
Ein begründetes Urteil legt Kriterien offen und verbindet sie mit den Ergebnissen der Analyse. Ein Sachurteil prüft etwa die Logik, Belege und Überzeugungskraft einer historischen Aussage. Ein Werturteil bewertet aus heutiger Sicht und macht die verwendeten Werte deutlich. Der persönliche Eindruck allein ersetzt keine Argumentation. Ebenso wenig genügt die Absicht eines Auftraggebers als Beleg für eine erreichte Wirkung.
Bei einer Empfehlung für einen Museumsbesuch wägest du Vorzüge und Probleme des Konzepts ab. Deine Empfehlung muss aus der Analyse hervorgehen und die Art des Erinnerns berücksichtigen. Je nach begründeten Kriterien können verschiedene Empfehlungen vertretbar sein. Entscheidend ist, dass ein Leser deinen Weg von der Beobachtung über die Deutung zum Urteil nachvollziehen kann.
Definition
Begründetes Urteil
Eine Einschätzung, die ihre Kriterien offenlegt und mit Belegen aus der Analyse begründet. Ein Sachurteil prüft fachlich; ein Werturteil macht zusätzlich heutige Wertmaßstäbe deutlich.
Merke: Beobachtung: Was ist belegbar? Deutung: Was könnte es bedeuten? Urteil: Wie ist es anhand offengelegter Kriterien einzuschätzen?
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Alles auf einen Blick
Geschichtskultur (Abitur)
Begriffe
Geschichtsbewusstsein betrifft individuelle Vorstellungen; Geschichtskultur gesellschaftliche Formen des Umgangs mit Geschichte.
Überschneidung
Wie Erinnerungskultur abgegrenzt wird, hängt vom verwendeten Begriff ab.
Analyse
Untersuche Akteure, Medium, Auswahl, Perspektive, Publikum und mögliche Funktion.
Vergleich
Prüfe Vermittlungsformen nach gemeinsamen Kriterien und unterscheide historische Belege von Fiktion.
Urteil
Trenne belegbare Beobachtungen, begründete Deutungen und Bewertungen mit offengelegten Kriterien.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Beispieltext, ausgedacht: Eine nachgestellte Filmszene prüfen
- 1Aufgabe: Eine Dokumentation zeigt eine als nachgestellt gekennzeichnete Szene. Schauspieler sprechen miteinander, Musik begleitet das Gespräch. Ein Nachweis für den Wortlaut wird nicht genannt. Prüfe den historischen Aussagewert.
- 2Beobachtung: Die Szene ist als Nachstellung gekennzeichnet. Sie enthält gespielten Dialog und Musik; ein Beleg für den Wortlaut fehlt.
- 3Deutung: Die Verbindung von Spiel und Musik könnte Interesse wecken. Daraus folgt nicht, dass der Dialog historisch überliefert ist.
- 4Sachurteil: Nach dem Kriterium der Belegbarkeit lässt sich der genaue Wortlaut mit diesen Angaben nicht als historisch gesichert behandeln.
- 5Grenze des Urteils: Das beweist nicht, dass das dargestellte Ereignis insgesamt erfunden ist. Dafür wären weitere Belege zu prüfen.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zu historischen Nachstellungen In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage ersetzt belegte durch erfundene Ereignisse. Richtig: Reenactment meint in Deutschland das Nachspielen konkreter belegter Ereignisse.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Bei Rüsen gehört die Frage nach Macht zur Dimension. Das Erfinden von Personen und Situationen ist im erlaubt. In Deutschland heißt eher das Nachstellen historischen Alltagslebens .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback