Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Erinnerungspolitik verstehen und analysieren
Du lernst, wie öffentliches Erinnern gestaltet wird, wie du Interessen prüfst und wie du einen begründeten Vorschlag für einen Denkmalstreit entwickelst.
0 von 9 Aufgaben gelöst
Kurz gesagt
Erinnerungspolitik umfasst politische Interessen und Streit darüber, was öffentlich erinnert wird und wie. Staatliche Einrichtungen und gesellschaftliche Gruppen können daran mitwirken. Ihre Auswahl und ihre Ziele lassen sich kritisch prüfen.
Ein Denkmal zeigt nur einen Ausschnitt der Vergangenheit. Welche Leistungen sollen sichtbar bleiben, welche Schäden sollen ebenfalls zur Sprache kommen? An einem ausgedachten Denkmalstreit lernst du, solche Entscheidungen zu untersuchen und einen eigenen Vorschlag zu begründen.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Erinnerungspolitik umfasst politische Interessen und Auseinandersetzungen darüber, was öffentlich erinnert wird und wie. Dabei geht es zum Beispiel darum, welche Seiten der Vergangenheit an einem Denkmal sichtbar werden sollen.
Christoph Cornelißen beschäftigt sich mit Formen des Erinnerns. Er verwendet einen weiten Begriff von Erinnerungskultur. Er meint damit den übergeordneten Bereich bewusster Erinnerung. Dazu können gemeinsame Formen des Erinnerns und auch wissenschaftliche Arbeiten gehören. Das ist ein bestimmtes Begriffsverständnis, nicht die einzig mögliche Definition.
Geschichtswissenschaft bedeutet, die Vergangenheit wissenschaftlich zu erforschen. Forscher prüfen Erklärungen anhand von Quellen und Argumenten. Quellen sind hier Zeugnisse, mit denen sich Aussagen über die Vergangenheit prüfen lassen. Auch Forschung ist von ihrer eigenen Zeit geprägt und muss ihre Erklärungen kritisch überprüfen.
Die Bereiche überschneiden sich. Eine wissenschaftlich geprüfte Erklärung kann Teil öffentlichen Erinnerns sein. Trotzdem sind das Prüfen einer historischen Aussage und die politische Entscheidung über ein Denkmal unterschiedliche Aufgaben.
Definition
Erinnerungspolitik
Politische Interessen und Auseinandersetzungen darüber, was öffentlich erinnert wird und wie.
Merke: Gemeinsames Erinnern, politische Entscheidungen und wissenschaftliches Prüfen hängen zusammen. Sie erfüllen aber unterschiedliche Aufgaben.
Teste dich
Aleida Assmann beschäftigt sich damit, wie gemeinsames Erinnern entsteht. Sie erklärt: Staaten und andere Einrichtungen haben kein Gedächtnis wie ein einzelner Mensch. Sie gestalten gemeinsames Erinnern durch Zeichen, Texte, Bilder, Orte und Rituale. Rituale sind wiederkehrende Handlungen. Öffentliches Erinnern zeigt nicht die gesamte Vergangenheit. Es muss auswählen. Eine Auslassung allein beweist deshalb noch keine Täuschung.
Für deine Untersuchung kannst du mehrere Fragen nutzen. Wer gestaltet und bezahlt die Darstellung? Diese Beteiligten heißen Akteure. Welche Interessen sind belegt, welche vermutest du nur? Welches Medium wird verwendet, also welche Form der Vermittlung? Ein Plakat ist beispielsweise ein anderes Medium als eine Informationstafel. An wen richtet sich die Darstellung? Diese angesprochenen Menschen heißen Adressaten.
Prüfe anschließend die Auswahl: Was wird hervorgehoben, was bleibt unerwähnt? Welche Erklärung der Vergangenheit entsteht dadurch? Eine solche Erklärung heißt Deutung. Sie kann Zugehörigkeit stärken und politische Ziele unterstützen.
Unterscheide dabei Absicht und Wirkung. Die Absicht ist das angestrebte Ziel. Die Wirkung ist das, was tatsächlich erreicht wird. Ein angekündigtes Ziel belegt noch nicht, dass es erreicht wurde.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: ein Plakat untersuchen
- 1Ein Verein bezahlt ein Plakat über einen Ort des Erinnerns. Er möchte damit Jugendliche erreichen.
- 2Akteur und Finanzierung: Der Verein lässt das Plakat gestalten und bezahlt es.
- 3Medium und Adressaten: Das Plakat soll Jugendliche ansprechen.
- 4Grenze: Ob Jugendliche es beachten, wissen wir durch die Absicht des Vereins noch nicht.
Teste dich
Staatliche Einrichtungen und gesellschaftliche Initiativen können Erfahrungen öffentlich sichtbar machen. Eine Initiative ist eine Gruppe, die sich für ein Anliegen einsetzt. Beide können aber auch einseitige Bilder fördern oder andere Erfahrungen ausschließen. Wer die Erinnerung gestaltet, entscheidet deshalb noch nicht darüber, wie ausgewogen sie ist.
Aleida Assmann beschreibt unterschiedliche Möglichkeiten. Eine Auswahl kann ein positives Bild der eigenen Nation fördern, also betonen, worauf sich Menschen gemeinsam stolz beziehen. Es gibt aber auch Formen des Erinnerns, die eigenes Unrecht anerkennen. Diese Möglichkeiten sind keine festen Eigenschaften aller staatlichen Einrichtungen oder aller gesellschaftlichen Gruppen.
Für ein begründetes Urteil prüfst du daher: Welche Erfahrungen werden sichtbar? Welche fehlen? Werden Behauptungen belegt? Wird auch Unrecht angesprochen? Du wägest die Chancen und Gefahren der konkreten Gestaltung ab.
Historisches Wissen führt nicht automatisch zu demokratischem Handeln. Ein Erinnerungsangebot kann etwas ermöglichen, ohne einen Erfolg zu garantieren. Auch ein gut gemeintes Ziel ist noch kein Nachweis für eine gute Wirkung.
| Prüffrage | Chance | Gefahr |
|---|---|---|
| Welche Erfahrungen werden gezeigt? | Erfahrungen können öffentlich sichtbar werden. | Andere Erfahrungen können ausgeschlossen bleiben. |
| Wie wird die eigene Vergangenheit erklärt? | Eigenes Unrecht kann anerkannt werden. | Ein einseitig positives Bild kann gefördert werden. |
Merke: Beurteile die konkrete Gestaltung und ihre Belege. Staatliche Einrichtungen und gesellschaftliche Gruppen können jeweils Chancen eröffnen und Risiken schaffen.
Teste dich
Beispieltext, ausgedacht: Eine Stadt berät über ein Denkmal für einen früheren Herrscher. Ein Bürgerverein möchte dessen politische Leistungen sichtbar halten. Eine Initiative fordert, auch die durch seine Herrschaft geschädigten Menschen darzustellen. Die Stadt erwägt eine zusätzliche Informationstafel. Der Herrscher und dieser Streit sind kein belegter historischer Fall.
Beginne mit der Prüfung der Behauptungen. Was lässt sich über Leistungen und Schäden anhand von Quellen belegen? Was bleibt offen? Erst danach lässt sich begründet entscheiden, was eine Tafel erklären könnte. Dass eine Gruppe etwas fordert, beweist noch nicht, dass ihre historische Behauptung stimmt.
Ein möglicher Vorschlag lautet: Bürgerverein, Initiative und Fachleute arbeiten an einer ergänzenden Tafel mit. Die Tafel trennt belegte Leistungen, belegte Schäden und offene Fragen. Die verwendeten Quellen werden zugänglich gemacht. So können zusätzliche Sichtweisen sichtbar werden. Die Grenze dieses Vorschlags ist der knappe Platz auf einer Tafel.
Prüfe deinen Vorschlag an vier Maßstäben. Belegbarkeit bedeutet: Aussagen müssen sich überprüfen lassen. Transparenz bedeutet: Quellen, Entscheidungen und offene Fragen werden nachvollziehbar. Beteiligung bedeutet: Betroffene Gruppen und Fachleute können mitwirken. Die Achtung der Menschenwürde bedeutet: Menschen dürfen nicht herabgesetzt werden.
Eine zusätzliche Tafel ist eine mögliche Lösung. Andere Vorschläge können ebenfalls begründet sein. Nenne deshalb den Nutzen und die Grenzen deiner Lösung und erkläre, wie sie die Maßstäbe erfüllt.
Merke: Ein verantwortungsvoller Vorschlag verbindet überprüfbare Aussagen, nachvollziehbare Entscheidungen, Beteiligung und Achtung der Menschenwürde.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Erinnerungspolitik
Begriffe
Politisches Gestalten, gemeinsames Erinnern und wissenschaftliches Prüfen überschneiden sich, sind aber unterschiedliche Aufgaben.
Untersuchung
Prüfe Beteiligte, Interessen, Vermittlungsform, angesprochene Menschen sowie Auswahl und Auslassungen.
Wirkung
Ein angestrebtes Ziel beweist noch nicht, dass es erreicht wurde.
Urteil
Staatliche Einrichtungen und gesellschaftliche Gruppen können Erfahrungen sichtbar machen oder ausschließen.
Vorschlag
Begründe deine Lösung mit überprüfbaren Aussagen, nachvollziehbaren Entscheidungen, Beteiligung und Menschenwürde.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Beispieltext, ausgedacht: eine Ergänzung des Denkmals begründen
- 1Aufgabe: Entwickle für den beschriebenen Streit zwischen Bürgerverein und Initiative einen Vorschlag.
- 2Behauptungen prüfen: Vor einer Entscheidung müssen Aussagen über Leistungen und Schäden anhand von Quellen geprüft werden.
- 3Lösung vorschlagen: Eine ergänzende Tafel könnte belegte Leistungen, belegte Schäden und offene Fragen getrennt darstellen.
- 4Beteiligung erklären: Bürgerverein, Initiative und Fachleute sollen an der Tafel mitarbeiten. Die Quellen sollen zugänglich sein.
- 5Nutzen abwägen: Die Ergänzung könnte zusätzliche Sichtweisen sichtbar machen und den bisherigen Ort des Erinnerns erklären.
- 6Grenze nennen: Der Platz auf einer Tafel bleibt knapp. Deshalb ist dieser Vorschlag begründbar, aber nicht die einzig mögliche Lösung.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zu Zielen und Wirkungen In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die Aussage verwechselt Absicht und nachgewiesene Wirkung. Richtig: Ein angekündigtes Ziel belegt noch nicht, dass es erreicht wurde.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Im ausgedachten Denkmalstreit wird der Wunsch, die politischen Leistungen des Herrschers sichtbar zu halten, dem zugeordnet. Ob ein Erinnerungsangebot sein Ziel tatsächlich erreicht, ist eine Frage seiner . Werden historische Behauptungen anhand von Quellen geprüft, geht es um den Maßstab .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback