Geschichte · Klasse 9–13 · aktualisiert
Erinnerungskultur: Geschichte kritisch deuten
Du lernst, wie gemeinsames Erinnern entsteht, wie du ein Denkmal untersuchst und warum Menschen über Formen des Erinnerns streiten.
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Kurz gesagt
Erinnerungskultur bezeichnet den gemeinsamen Umgang mit Vergangenheit, etwa durch Erzählungen, Filme, Denkmäler und Gedenktage. Menschen wählen dabei aus, was sie hervorheben und wie sie daran erinnern. Historische Tatsachen dürfen sie deshalb nicht erfinden.
Ein Gespräch über früher und ein öffentliches Denkmal können beide Erinnerungen weitergeben. Doch wer entscheidet, woran erinnert wird und in welcher Form? Du untersuchst diese Fragen am Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Menschen erzählen von früher, gestalten Filme, errichten Denkmäler und legen Gedenktage fest. Solche Formen des gemeinsamen Umgangs mit Vergangenheit gehören zur Erinnerungskultur. Sie entstehen durch Entscheidungen und Handlungen von Menschen und Einrichtungen. Eine Gesellschaft hat dabei kein einziges Gedächtnis wie ein einzelner Mensch.
Auswahl bedeutet: Bestimmte Ereignisse oder Gruppen werden hervorgehoben. Das erlaubt nicht, historische Tatsachen zu erfinden. Die Eingangsgrafik erklärt diesen Zusammenhang als heutiges Lernmodell. Sie ist keine historische Quelle aus der Zeit des Nationalsozialismus.
Ein Beispiel ist der Gedenktag am 27. Januar. Er erinnert an die Befreiung von Auschwitz. Auschwitz war ein nationalsozialistischer Lagerkomplex, also eine Gruppe von Lagern, im deutsch besetzten Polen. Die SS, eine nationalsozialistische Organisation, errichtete und verwaltete diese Lager. Sie sperrte dort Menschen ein, zwang Menschen zur Arbeit und ermordete Menschen. In Auschwitz-Birkenau wurden jüdische Menschen aus ganz Europa systematisch ermordet. Zu den weiteren Verfolgten gehörten unter anderem polnische Gefangene, Sinti und Roma sowie sowjetische Kriegsgefangene. „Sowjetisch“ bezieht sich auf den damaligen Staat Sowjetunion.
Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee Auschwitz. Die Rote Armee war die Armee der damaligen Sowjetunion. Erst 1996 erklärte der deutsche Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Das historische Ereignis und die spätere Entscheidung über das öffentliche Erinnern sind zwei verschiedene Schritte. Auch die Jahreszahl 1945 in der Eingangsgrafik bezeichnet die Befreiung, nicht die Einrichtung des Gedenktags.
Definition
Erinnerungskultur
Die Formen, in denen Menschen gemeinsam Vergangenheit auswählen, deuten und weitergeben.
Merke: Ein Ereignis und die spätere Einrichtung eines Gedenktags haben unterschiedliche Daten. Auswahl beim Erinnern erlaubt keine erfundenen historischen Tatsachen.
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Menschen teilen Erfahrungen im alltäglichen Gespräch, etwa zwischen älteren und jüngeren Menschen. Diesen Austausch nennt man kommunikatives Gedächtnis. Gemeint sind Erinnerungen, die lebende Menschen miteinander besprechen.
Erinnerungen können auch längerfristig durch Texte, Bilder, Denkmäler und Einrichtungen wie Museen bewahrt werden. Dazu gehören auch Rituale, also wiederkehrende Handlungen des Erinnerns. Dafür wird der Begriff kulturelles Gedächtnis verwendet.
Beide Formen können zusammenwirken. Ein erzähltes Erlebnis kann aufgezeichnet und später in einem Museum vermittelt werden. Das ist eine mögliche Verbindung, kein hier berichteter historischer Einzelfall. Entscheidend ist, wie die Erinnerung weitergegeben wird: im persönlichen Austausch oder mithilfe längerfristig bewahrter Formen. Die spätere Wiedergabe einer Aufnahme ist nicht das ursprüngliche persönliche Gespräch.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: vom Gespräch ins Museum
- 1Ein Mensch erzählt einem anderen von einem früheren Erlebnis.
- 2Das Gespräch gehört zum alltäglichen Austausch von Erinnerungen.
- 3Eine Aufzeichnung des Gesprächs wird später in einem Museum vermittelt. So kann die Erinnerung längerfristig weitergegeben werden.
Teste dich
Das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas wurde am 10. Mai 2005 eröffnet. Es erinnert an die europäischen Juden, die im Holocaust ermordet wurden. Holocaust bezeichnet die systematische, staatlich organisierte Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische deutsche Regime sowie seine Verbündeten und Helfer. Das Denkmal erinnert an die ermordeten Menschen; es würdigt nicht die Täter.
Du kannst vier Fragen stellen. Auswahl: An wen wird erinnert? Der Name hebt die ermordeten Juden Europas hervor. Perspektive: Welcher Blick auf die Vergangenheit wird deutlich? Im Mittelpunkt steht das Erinnern an die ermordeten jüdischen Menschen. Gestaltung: Wie wird dieses Erinnern umgesetzt? Der Architekt Peter Eisenman entwarf das Stelenfeld, ein Feld aus aufrecht stehenden Bauelementen. Dazu kommt der unterirdische Ort der Information mit einer Ausstellung. Räumliche Gestaltung und historische Informationen werden so verbunden. Daraus folgt nicht, dass Eisenman auch die gesamte Ausstellung allein gestaltete.
Gegenwartsbezug bedeutet hier: Welche Bedeutung lässt sich dem Denkmal für die Zeit seiner Entscheidung zuschreiben? Für die Entscheidung von 1999 ist folgende Deutung möglich: Der Denkmalbau machte Verantwortung für das Erinnern öffentlich sichtbar. Das ist eine Interpretation, kein Beweis für die persönlichen Absichten sämtlicher Beteiligter.
Trenne dabei Befund, Deutung und Werturteil. Ein Befund ist etwas, das du beobachten oder anhand von Belegen feststellen kannst. Name, Stelenfeld und Ausstellung sind dokumentierte Befunde. Dass die abstrakten Formen zum Nachdenken anregen können, ist eine mögliche Deutung. Damit sind weder tatsächliche Reaktionen aller Besucher noch heutige Besuchermeinungen nachgewiesen. Einzelnen Stelen wird hier keine feste Symbolbedeutung zugeordnet. Ein Werturteil beurteilt die Gestaltung nach einem ausdrücklich genannten Maßstab. Auch eine solche Bewertung ersetzt keine historischen Belege.
| Frage | Worauf achtest du? |
|---|---|
| Auswahl | Welche Ereignisse oder Gruppen werden hervorgehoben? |
| Perspektive | Welcher Blick auf die Vergangenheit steht im Mittelpunkt? |
| Gestaltung | Welche räumlichen Formen und Informationen werden verbunden? |
| Gegenwartsbezug | Welche Bedeutung deutest du für die Zeit der Denkmalentscheidung? |
Merke: Eine mögliche Wirkung ist noch keine nachgewiesene Besucherreaktion. Nenne beim Bewerten deinen Maßstab und prüfe weiterhin die Belege.
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Menschen bringen unterschiedliche Erfahrungen und Interessen mit. Deshalb können sie darüber streiten, an wen erinnert werden soll und welche Gestaltung geeignet ist. Vielstimmig bedeutet: Verschiedene Beteiligte tragen ihre Sichtweisen bei. Das macht überprüfbare historische Tatsachen nicht beliebig.
Ab 1988/89 beteiligte sich eine Bürgerinitiative am Weg zum Berliner Denkmal. Eine Bürgerinitiative ist ein Zusammenschluss engagierter Bürger. Weitere Beteiligte waren Wettbewerbsjurys, die Bundesregierung und der Bundestag, das deutsche Parlament. Die Jurys waren Gruppen, die Entwürfe beurteilten. 1995 wandte sich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl gegen den von einer Jury empfohlenen Entwurf. Die Empfehlung der Jury und Kohls Ablehnung zeigen unterschiedliche Positionen. Welche persönlichen Gründe jeder Beteiligte hatte, lässt sich daraus noch nicht ableiten.
1997 wurde über das Projekt und seinen Standort kontrovers, also mit unterschiedlichen Positionen, beraten. 1999 entschied der Bundestag über das Denkmal. Die Eröffnung folgte am 10. Mai 2005. Ein Beschluss und die spätere Eröffnung sind unterschiedliche Schritte.
Du kannst damit begründen, warum Erinnerungskultur umstritten sein kann: Mehrere Beteiligte entscheiden mit und müssen sich über Auswahl und Form verständigen. Kohl wirkte als politischer Entscheidungsträger mit, Eisenman als Architekt. Solche unterschiedlichen Rollen musst du auseinanderhalten.
| Jahr | Schritt beim Berliner Denkmal |
|---|---|
| 1988/89 | Eine Bürgerinitiative beteiligt sich am Weg zum Denkmal. |
| 1995 | Bundeskanzler Kohl lehnt den empfohlenen Entwurf ab. |
| 1997 | Über Projekt und Standort wird kontrovers beraten. |
| 1999 | Der Bundestag entscheidet über das Denkmal. |
| 2005 | Am 10. Mai wird das Denkmal eröffnet. |
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Alles auf einen Blick
Erinnerungskultur
Entstehung
Menschen gestalten gemeinsames Erinnern durch Entscheidungen und Handlungen.
Formen
Alltägliche Gespräche und längerfristig bewahrte Erinnerungen können zusammenwirken.
Untersuchung
Frage nach Auswahl, Perspektive, Gestaltung und Gegenwartsbezug.
Belege
Unterscheide dokumentierte Befunde, mögliche Deutungen und Bewertungen nach einem genannten Maßstab.
Vielstimmigkeit
Unterschiedliche Erfahrungen und Interessen können Streit erklären; historische Tatsachen werden dadurch nicht beliebig.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Beschluss und Eröffnung des Berliner Denkmals unterscheiden
- 1Aufgabe: Erkläre den Unterschied zwischen den Schritten von 1999 und 2005.
- 2Befunde ordnen: 1999 entschied der Bundestag über das Denkmal. Am 10. Mai 2005 wurde es eröffnet.
- 3Handlungen vergleichen: Der politische Beschluss und die Eröffnung bezeichnen unterschiedliche Schritte auf dem Weg zum Denkmal.
- 4Ergebnis formulieren: Die Entscheidung von 1999 ist kein Beleg dafür, dass das Denkmal damals bereits eröffnet war.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zum 27. Januar In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage verwechselt das Jahr der Befreiung mit dem Jahr der Einrichtung des Gedenktags. Richtig: Im Jahr 1996 erklärte Roman Herzog den 27. Januar zum nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Roman Herzog erklärte den 27. Januar im Jahr zum nationalen Gedenktag. Das Stelenfeld des Berliner Denkmals entwarf . Der Bundestag entschied im Jahr über das Berliner Denkmal.
Karteikasten
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Übung mit Feedback