Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Nation und Nationalismus: Geschichte und Wirkung
Du lernst, wie Nationen entstehen und sich verändern, was Zugehörigkeit schafft und wann Nationalismus Freiheit fördert oder Menschen ausgrenzt.
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Kurz gesagt
Eine Nation ist eine große Gemeinschaft, deren Mitglieder sich durch Geschichte, Kultur oder politische Rechte verbunden fühlen. Nationalismus stellt diese Gemeinschaft in den Mittelpunkt. Er kann Selbstbestimmung fördern, aber auch Ausgrenzung und Gewalt.
Bei einem Fußballländerspiel erklingt eine Nationalhymne: Die Spieler vertreten auch ihre Nation. Doch was verbindet Menschen, die sich persönlich gar nicht kennen? Du untersuchst, wie nationale Zugehörigkeit entsteht und welche Folgen sie haben kann.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Eine Nation ist eine große Menschengruppe, die sich durch Gemeinsamkeiten verbunden fühlt. Dazu können Sprache, Geschichte oder eine Verfassung gehören, also die Grundregeln eines Staates. Auch wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen verbinden die Menschen. Sie bewerten ihre Zusammengehörigkeit positiv und besitzen oder erstreben eine gemeinsame staatliche Ordnung.
Eine Nation ist keine seit jeher unveränderte Gemeinschaft. Menschen entwickeln Vorstellungen darüber, wer dazugehört und was sie verbindet. Diese Vorstellungen verändern sich. Eine gemeinsame Sprache allein schafft noch keine Nation: Brasilien und Portugal bilden trotz ihrer Verbindung durch die portugiesische Sprache keine gemeinsame Nation. Sie haben unterschiedliche Entwicklungen ihrer Staaten durchlaufen.
Auch Staat und Nation sind zu unterscheiden. Ein Staat kann mehrere nationale Gruppen umfassen. Das Deutsche Reich von 1871 bestand etwa nicht aus einer national einheitlichen Bevölkerung: Zu ihr gehörten auch französischstämmige Elsässer und Lothringer, Dänen und eine polnische Minderheit. Eine Minderheit ist hier eine kleinere Bevölkerungsgruppe mit einer anderen nationalen Zugehörigkeit.
Russland entwickelte sich durch die Ausdehnung seines Herrschaftsgebiets zu einem Vielvölkerstaat, also einem Staat mit mehreren Völkern. Sein nationales Selbstbewusstsein bezog sich bis weit ins 19. Jahrhundert eher auf das Zarenreich als auf das russische Volk. Die Zaren waren die Herrscher des Reichs. Unterworfene Völker sollten zunächst Untertanen des Zaren statt Russen werden: Im Vordergrund stand ihre Bindung an den Herrscher.
Definition
Nation
Eine große Gemeinschaft von Menschen, die sich durch bewusste Gemeinsamkeiten und Beziehungen verbunden fühlen und eine gemeinsame staatliche Ordnung besitzen oder anstreben.
Merke: Nationale Zugehörigkeit entsteht in der Geschichte und verändert sich. Gemeinsame Sprache, nationale Zugehörigkeit und staatliche Grenzen müssen nicht zusammenfallen.
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Die staatsbürgerliche Nationsvorstellung stellt gemeinsame politische Rechte, Regeln und den Willen zum Zusammenleben in den Mittelpunkt. Staatsbürger sind Menschen, die rechtlich einem Staat angehören. Gemeinsame politische Werte sollen sie verbinden. Unterschiedliche Sprachen oder Herkunft müssen dem nicht entgegenstehen.
Die Schweiz gilt als Beispiel einer solchen Willensnation. Zu ihrer Bevölkerung gehören deutsch-, französisch-, italienisch- und rätoromanischsprachige Gruppen. Die Zugehörigkeit beruht hier also nicht auf einer einzigen gemeinsamen Sprache.
Die ethnisch-kulturelle Nationsvorstellung betont dagegen gemeinsame Sprache, Kultur und Traditionen. „Ethnisch“ bezieht sich hier auf eine als gemeinsam verstandene Herkunft. Besonders bei einer Abstammungsgemeinschaft wird Zugehörigkeit durch Geburt begründet. Eine kulturell verstandene Nation muss nicht innerhalb eines einzigen Staates leben.
Diese Vorstellungen beschreiben unterschiedliche Maßstäbe für Zugehörigkeit. Du darfst aus einem staatsbürgerlichen Ideal aber nicht auf gleiche politische Rechte für alle Menschen schließen. Die französische Verfassung von 1791 verband die Nation mit staatlicher Herrschaft, doch das Wahlrecht war eingeschränkt und hing von Besitz beziehungsweise Steuerleistung ab. Auch staatsbürgerliche Nationsvorstellungen konnten mit Druck verbunden sein, eigene kulturelle Besonderheiten aufzugeben.
| Nationsvorstellung | Was soll verbinden? |
|---|---|
| Staatsbürgerlich | Gemeinsame politische Rechte, Werte und der Wille zum Zusammenleben |
| Ethnisch-kulturell | Sprache, Kultur, Traditionen oder eine als gemeinsam verstandene Abstammung |
Beispiel: Die mehrsprachige Schweiz
- 1In der Schweiz leben deutsch-, französisch-, italienisch- und rätoromanischsprachige Bevölkerungsgruppen.
- 2Sie gilt als Willensnation: Politische Zusammengehörigkeit setzt hier keine einzige gemeinsame Sprache voraus.
- 3Das Beispiel zeigt, warum Sprache allein nationale Zugehörigkeit nicht erklären kann.
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Nationale Zugehörigkeit wird im Alltag vermittelt und gefestigt. Institutionen, also dauerhafte Einrichtungen wie Schulen und Behörden, tragen dazu bei. Schulen vermitteln Sprache und Geschichte. Behörden machen staatliche Zugehörigkeit etwa durch Reisepässe sichtbar. Ein Nationalstaat gewährt seinen Bürgern Rechte und verlangt von ihnen die Erfüllung bestimmter Pflichten.
Symbole sind Zeichen, die für etwas Größeres stehen. Eine Nationalhymne steht für eine Nation. Bei olympischen Siegerehrungen oder Fußballländerspielen macht sie nationale Zugehörigkeit hörbar; die Sportler vertreten auch ihre Nation. Die Hymne steht dabei für die Nation des geehrten Sportlers, nicht für seine persönliche Lebensgeschichte oder eine gemeinsame Staatszugehörigkeit aller Teilnehmer. Ein solches gemeinsames Zeichen kann Menschen verbinden, die sich persönlich nicht kennen.
Auch Feiertage lenken den Blick auf gemeinsame Geschichte. Nationalfeiertage erinnern fast ausschließlich an positiv bewertete Ereignisse, etwa Unabhängigkeit oder Staatsgründung. In Deutschland erinnert der 3. Oktober an die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990.
Geschichtserzählungen wählen Ereignisse aus und geben ihnen Bedeutung für die Gegenwart. Vor allem im 19. Jahrhundert entstanden nationale Mythen: Erzählungen, die Vergangenheit vereinfachen oder überhöhen und eine Nation als alte Gemeinschaft erscheinen lassen. Solche Erzählungen können tatsächliche Gemeinsamkeiten aufgreifen, aber auch vermeintliche. Dass viele Menschen sie weitererzählen oder Schulen sie vermitteln, beweist weder ihre Richtigkeit noch ihre Vollständigkeit. Deshalb solltest du prüfen, was eine Erzählung hervorhebt und ob sie Gemeinsamkeiten nur behauptet.
Definition
Nationaler Mythos
Eine vereinfachende oder überhöhende Erzählung über die Vergangenheit, die nationale Zusammengehörigkeit stärken soll.
Merke: Schulen und Behörden, gemeinsame Symbole und ausgewählte Erinnerungen können nationale Zugehörigkeit festigen. Eine verbindende Erzählung ist deshalb noch kein Beweis für ihre historische Richtigkeit.
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Nationalismus stellt die Nation in den Mittelpunkt politischen Denkens und Handelns. Er kann Menschen zusammenführen und ihre Forderung nach einem eigenen Staat stärken. Nationale Gefühle können gegenseitige Unterstützung fördern. Sie können aber auch die Vorstellung stärken, die eigene Nation sei anderen überlegen.
Für ein Urteil brauchst du mehrere Maßstäbe. Partizipation bedeutet politische Mitbestimmung: Wer darf mitentscheiden? Selbstbestimmung fragt, ob eine nationale Gemeinschaft ihre politischen Angelegenheiten selbst regeln kann. Bei Ausgrenzung prüfst du, wem Zugehörigkeit oder gleiche Rechte verweigert werden. Bei Gewalt fragst du, ob Menschen bedroht, vertrieben oder getötet werden und wer dafür verantwortlich ist.
Der demokratische Nationalismus entstand in der Französischen Revolution. Er verband nationale Zugehörigkeit mit Menschen- und Bürgerrechten, Selbstbestimmung und Volkssouveränität: Die politische Macht sollte vom Volk ausgehen. Das versprach mehr Mitbestimmung. Ob Menschen dieses Versprechen tatsächlich einlösen konnten, musst du gesondert prüfen.
Der integrale Nationalismus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ordnete dagegen andere Werte der Nation unter. Er lehnte die Gleichberechtigung der Nationen ab und stellte die Interessen der eigenen Nation über die anderer. Seine aggressive Ausrichtung nach außen widersprach damit der Selbstbestimmung anderer Nationen. Kritik an der Nation wurde im Inneren als Verrat bekämpft.
Auch neue staatliche Grenzen schützten nicht von selbst die Rechte aller Bewohner. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden neue oder erweiterte Staaten mit weiterhin großen nationalen Minderheiten. Finnland gewährte seiner schwedischen Minderheit Autonomie, also das Recht, bestimmte eigene Angelegenheiten selbst zu regeln. In den übrigen Nationen griffen Minderheitenschutzbestimmungen in der Regel nicht, etwa bei Stellenbesetzungen oder Schulsprachen.
Die Nationalsozialisten bekämpften die Demokratie und stellten die eigene Nation über andere. Sie behaupteten, Menschen seien je nach Herkunft unterschiedlich viel wert. Solche falschen Vorstellungen sollten ihre Gewalt rechtfertigen. In ihrer Diktatur verfolgten die Nationalsozialisten politische Gegner und Minderheiten und ermordeten Juden. Für ein Urteil über Nationalismus musst du deshalb auch die Rechte einzelner Menschen und die Anwendung von Gewalt prüfen.
| Maßstab | Prüffrage |
|---|---|
| Mitbestimmung | Wer kann politisch mitentscheiden? |
| Selbstbestimmung | Kann eine nationale Gemeinschaft ihre politischen Angelegenheiten selbst regeln? |
| Ausgrenzung | Wem werden Zugehörigkeit oder gleiche Rechte verweigert? |
| Gewalt | Wer bedroht, vertreibt oder tötet wen? |
Merke: Beurteile nationale Ziele zusammen mit ihren Folgen: Mehr Selbstbestimmung einer Nation garantiert noch keine gleichen Rechte für alle Menschen.
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Alles auf einen Blick
Nation und Nationalismus
Wandel
Nationen entstehen in der Geschichte; ihre Vorstellungen von Zugehörigkeit verändern sich.
Nationsvorstellungen
Politische Rechte und gemeinsamer Wille oder Kultur und Abstammung können Zugehörigkeit begründen.
Vermittlung
Einrichtungen, Symbole und Geschichtserzählungen festigen nationale Zusammengehörigkeit.
Chancen
Nationale Bewegungen können Mitbestimmung, Selbstbestimmung und gegenseitige Unterstützung fördern.
Gefahren
Mit behaupteter nationaler Überlegenheit sollten Ausgrenzung und Gewalt gerechtfertigt werden. Prüfe deshalb auch die Rechte von Minderheiten.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Das französische Wahlrecht als Grenze politischer Mitbestimmung beurteilen
- 1Aufgabe: Beurteile, ob die französische Verfassung von 1791 umfassende politische Mitbestimmung verwirklichte.
- 2Maßstab bestimmen: Für Mitbestimmung ist entscheidend, wer politische Entscheidungen beeinflussen darf.
- 3Befund nennen: Die Verfassung verband die Nation mit staatlicher Herrschaft. Das Wahlrecht blieb aber eingeschränkt und hing von Besitz beziehungsweise Steuerleistung ab.
- 4Urteil formulieren: Die Verbindung von Nation und politischer Herrschaft bedeutete deshalb noch keine umfassende Mitbestimmung. Der Zugang zur Wahl blieb begrenzt.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zum Zarenreich In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage verwechselt die Bindung an den Herrscher mit russischer Volkszugehörigkeit. Richtig: Unterworfene Völker sollten zunächst Untertanen des Zaren statt Russen werden.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Das Deutsche Reich von umfasste auch Dänen und eine polnische Minderheit. Die französische Verfassung von verband nationale Herrschaft mit einem eingeschränkten Wahlrecht. Die deutsche Wiedervereinigung fand am statt.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback