Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Multiperspektivität im Geschichtsunterricht
Du lernst, historische Sichtweisen zu vergleichen, ihre Aussagen zu prüfen und Verstehen von Zustimmung zu unterscheiden.
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Kurz gesagt
Multiperspektivität bedeutet, mehrere relevante Sichtweisen auf denselben historischen Gegenstand zu untersuchen. Du vergleichst, wer etwas unter welchen Bedingungen sagt, und prüfst die Aussagen. Verschiedene Sichtweisen sind nicht schon deshalb gleich zuverlässig.
Zwei Menschen können dieselbe Situation unterschiedlich erleben und beschreiben. Dabei spielen ihre Erfahrungen, Interessen und Möglichkeiten mit. Im Geschichtsunterricht untersuchst du solche Unterschiede und prüfst, was sich tatsächlich belegen lässt.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Eine Perspektive ist eine Sichtweise. Multiperspektivität bedeutet, mehrere wichtige Sichtweisen auf denselben historischen Gegenstand zu untersuchen. Es reicht nicht, zwei Texte nebeneinanderzulegen: Du musst ihre Aussagen miteinander vergleichen. Dabei sollen auch Unterschiede sichtbar bleiben.
Der Geschichtsdidaktiker Andreas Körber, ein Wissenschaftler für historisches Lernen, unterscheidet drei Ebenen. Multiperspektivität im engeren Sinn vergleicht zeitgenössische Quellen. Das sind Zeugnisse aus der untersuchten Zeit, etwa Texte damaliger Beteiligter. Kontroversität bezeichnet unterschiedliche spätere Deutungen der Vergangenheit. Pluralität meint verschiedene heutige Orientierungen und Urteile: Menschen ziehen unterschiedliche Schlüsse und bewerten Geschichte unterschiedlich.
Achte deshalb darauf, wer zu welchem Zeitpunkt spricht. Eine damalige Sichtweise, eine spätere Erklärung und dein heutiges Urteil gehören nicht zur selben Ebene.
Definition
Multiperspektivität
Mehrere relevante Sichtweisen auf denselben historischen Gegenstand untersuchen und ihr Verhältnis zueinander klären.
Merke: Unterscheide Sichtweisen aus der untersuchten Zeit, spätere Deutungen und heutige Urteile.
Teste dich
Der Standort bezeichnet hier die soziale Stellung einer Person, etwa als Besitzer oder abhängig Beschäftigter. Frage außerdem nach ihrem Interesse: Was möchte sie erreichen oder schützen? Ihre Erfahrung betrifft das, was sie selbst erleben oder erfahren konnte. Ihre Machtposition zeigt, worüber sie entscheiden konnte und wovon sie abhängig war.
Vergleiche bei beiden Personen dieselben Punkte. Prüfe auch, wann sie sprechen, an wen sie sich wenden und was sie mit ihren Aussagen erreichen möchten. Unterscheide dabei eine belegte Angabe von deiner Vermutung über eine Absicht. Aus der sozialen Stellung allein kannst du Erfahrungen und Entscheidungsmöglichkeiten nicht sicher ableiten.
Ein ausgedachtes Fabrikmodell macht den Vergleich anschaulich. Ein Fabrikbesitzer betont verlässliche Beschäftigung und regelmäßige Lohnzahlung. Ein Beschäftigter betont lange Arbeitstage und gesundheitliche Belastung. Der Besitzer entscheidet im Modell über die Arbeitsorganisation und verfügt über Betriebsmittel, also Mittel für den Betrieb. Der Beschäftigte erlebt die Belastung und ist vom Lohn abhängig.
Wirtschaftliche Stabilität könnte ein Interesse des Besitzers sein; Gesundheit und Einkommen könnten Interessen des Beschäftigten sein. Das sind mögliche Interessen im Modell, keine nachgewiesenen Motive wirklicher Menschen. Die Interessen müssen sich nicht vollständig ausschließen. Regelmäßiger Lohn und belastende Arbeit sind zugleich möglich.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: zwei Sichtweisen auf eine Fabrik
- 1Standort vergleichen: Der Besitzer besitzt den Betrieb; der Beschäftigte arbeitet abhängig gegen Lohn.
- 2Erfahrung untersuchen: Was konnten beide selbst erleben? Im Modell betont der Beschäftigte lange Arbeitstage und gesundheitliche Belastung.
- 3Macht vergleichen: Der Besitzer entscheidet über die Arbeitsorganisation; der Beschäftigte ist vom Lohn abhängig.
- 4Interessen vorsichtig benennen: Wirtschaftliche Stabilität, Gesundheit und Einkommen müssen sich nicht vollständig ausschließen.
Teste dich
Unterschiedliche Sichtweisen sind nicht allein deshalb gleich zuverlässig. Interessen können erklären, warum jemand bestimmte Dinge hervorhebt. Sie entscheiden aber nicht darüber, ob eine konkrete Aussage sachlich richtig ist. Prüfe diese Aussage mit weiteren Belegen.
Widersprüche können aus verschiedenen Erfahrungen entstehen. Sie können aber auch auf falschen Behauptungen beruhen. Weder die Stellung einer Person noch die Art eines Dokuments garantiert, dass eine Aussage stimmt. Für einen echten Fabrikfall wären etwa datierte Betriebsvorschriften, Lohnunterlagen und Arbeiterberichte zu prüfen. Das ausgedachte Modell belegt keine wirklichen Arbeitszeiten.
Lege für dein Urteil offen, welche Belege du nutzt und nach welchen Kriterien du urteilst. Kriterien sind die Gesichtspunkte deiner Prüfung. Wenn du nach der Zuverlässigkeit einer Angabe fragst, prüfst du zum Beispiel, ob weitere Belege sie stützen. Nenne auch die Grenzen: Was bleibt ungeklärt?
Fehlt die Stimme einer Person oder Gruppe, darfst du daraus keine Zustimmung ableiten. Auch Ablehnung ist damit nicht nachgewiesen. Erfinde keinen angeblichen Originaltext, um die Lücke zu schließen. Kennzeichne sie als offene Frage.
Merke: Ein begründetes Urteil nennt Belege, Kriterien und Grenzen. Wo Belege fehlen, bleibt eine Frage offen.
Teste dich
Verstehen heißt, Vorstellungen, Interessen und Bedingungen einer Handlung zu untersuchen. Du versuchst nachzuvollziehen, warum jemand so handelte. Dafür musst du weder seine Position übernehmen noch dich mit ihm gleichsetzen.
Zustimmung bedeutet, eine Position selbst zu teilen oder eine Handlung zu billigen. Wer eine Handlung moralisch rechtfertigt, behauptet, dass sie nach benannten Wertmaßstäben vertretbar war. Ein Wertmaßstab ist etwas, das für die Bewertung wichtig ist, etwa der Schutz der Gesundheit. Ein erklärtes Motiv beweist noch nicht, dass eine Handlung vertretbar war.
Im ausgedachten Fabrikmodell könnte Kostenersparnis belastende Arbeitsbedingungen erklären. Daraus folgt nicht, dass Gesundheitsschäden gut oder gerechtfertigt wären. Ein Werturteil muss zusätzlich Folgen, Verantwortung, verfügbare Handlungsmöglichkeiten und damalige Gegenpositionen prüfen. Als Maßstab dient hier der Schutz der Gesundheit.
Auch verbreitetes Verhalten wird durch seine Verbreitung nicht automatisch richtig. Umgekehrt ersetzt deine heutige Ablehnung nicht die Untersuchung damaliger Bedingungen. Du kannst eine Handlung verstehen und trotzdem begründet ablehnen.
Definition
Wertmaßstab
Ein ausdrücklich genannter Maßstab dafür, ob du eine Handlung für vertretbar hältst, zum Beispiel der Schutz der Gesundheit.
Merke: Ein Motiv erklärt möglicherweise eine Handlung. Ob du sie billigen kannst, braucht eine eigene begründete Prüfung.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Multiperspektivität
Ebenen
Unterscheide damalige Sichtweisen, spätere Deutungen und heutige Urteile.
Vergleich
Untersuche bei beiden Personen Standort, Interesse, Erfahrung und Machtposition.
Prüfung
Interessen können eine Auswahl erklären, beweisen aber keine sachliche Richtigkeit.
Urteil
Nenne Belege, Kriterien und offene Fragen.
Verstehen
Eine Handlung erklären bedeutet weder Zustimmung noch moralische Rechtfertigung.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Beispieltext, ausgedacht: eine fehlende Stimme berücksichtigen
- 1Aufgabe: In einer Materialsammlung fehlt die Aussage einer beteiligten Gruppe. Ein Schüler möchte deshalb schreiben, diese Gruppe habe zugestimmt.
- 2Beleg prüfen: Das Fehlen einer Aussage zeigt nicht, welche Haltung die Gruppe hatte.
- 3Schluss begrenzen: Weder Zustimmung noch Ablehnung sind damit nachgewiesen.
- 4Ergebnis formulieren: Die Haltung dieser Gruppe bleibt mit den vorhandenen Belegen offen. Weitere Zeugnisse müssten gesucht und geprüft werden.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zur Zuverlässigkeit von Sichtweisen In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage macht aus unterschiedlichen Sichtweisen gleich zuverlässige Aussagen. Richtig: Unterschiedliche Sichtweisen sind nicht allein deshalb gleich zuverlässig. Konkrete Angaben müssen an Belegen geprüft werden.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Im ausgedachten Fabrikmodell verfügt der über die Betriebsmittel. Ob eine konkrete Angabe sachlich richtig ist, prüfst du anhand von . Wer untersucht, welche Bedingungen eine Handlung nachvollziehbar machen, arbeitet am dieser Handlung.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback