Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Fremdverstehen in Geschichte: Perspektiven prüfen
Du lernst, warum auch die eigene Vergangenheit fremd sein kann und wie du frühere Sichtweisen und Bilder von Gruppen kritisch prüfst.
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Kurz gesagt
Fremdverstehen bedeutet, sich mit zunächst fremden Sichtweisen und Lebensweisen auseinanderzusetzen. In Geschichte betrifft das auch die Vergangenheit der eigenen Gruppe. Du versuchst, damaliges Denken zu verstehen, ohne ihm deshalb zustimmen zu müssen.
Menschen aus der Vergangenheit konnten Dinge selbstverständlich finden, die dir heute fremd erscheinen. Das gilt auch für Menschen aus deinem eigenen Land. Wie kannst du ihre Sicht verstehen und trotzdem ein eigenes, begründetes Urteil bilden?
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Dass Menschen früher im selben Land lebten wie du, bedeutet nicht, dass sie genauso dachten. Die Werte und Traditionen einer Gruppe verändern sich. Auch ihre Vorstellung davon, wer sie ist und was sie verbindet, bleibt nicht gleich. Deshalb kann dir die Vergangenheit der eigenen Gruppe fremd sein.
Beim Verstehen bringst du Vorwissen und heutige Vorstellungen mit. Diese helfen dir, Fragen zu stellen. Sie können dich aber auch dazu verleiten, frühere Menschen vorschnell nach heutigen Erwartungen zu beurteilen. Prüfe deshalb, welche Lebensbedingungen und Vorstellungen damals wichtig waren.
Fremdheit hängt nicht einfach an einer Landesgrenze. Innerhalb einer Gruppe können verschiedene Sichtweisen bestehen. Auch Menschen verschiedener Gruppen können Gemeinsamkeiten haben. Vertrautheit und Fremdheit schließen sich deshalb nicht gegenseitig aus.
Definition
Fremdverstehen
Du bemühst dich, zunächst fremde Gedanken und Lebensweisen zu verstehen. Dabei prüfst du auch deine eigenen Erwartungen.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: eine alte Familienerzählung
- 1Ein Schüler liest eine alte Familienerzählung und wundert sich über die Vorstellungen der Menschen.
- 2Die Zugehörigkeit zur eigenen Familie macht ihm diese Vorstellungen nicht schon verständlich.
- 3Er fragt nach den damaligen Lebensbedingungen, statt seine heutigen Erwartungen vorauszusetzen.
Teste dich
Beim synchronen Fremdverstehen versuchst du, kulturell andere Sichtweisen aus deiner eigenen Gegenwart zu verstehen. Kulturell anders können etwa zunächst unbekannte religiöse Vorstellungen sein. Beim diachronen Fremdverstehen beschäftigst du dich mit Menschen und Sichtweisen aus einer vergangenen Zeit. Du überbrückst also einen zeitlichen Abstand.
Entscheidend ist, wer wen verstehen möchte. Dass zwei Schüler an verschiedenen Tagen miteinander schreiben, macht ihr Thema noch nicht diachron. Untersuchen sie heutige Sichtweisen, bleibt ihr Zugang synchron. Lesen heutige Schüler dagegen über frühere Menschen, ist ihr Zugang diachron. Das gilt auch dann, wenn die untersuchten Menschen zur gleichen Zeit miteinander lebten.
Zeitliche und kulturelle Fremdheit können zusammenkommen: Bei früheren Menschen können dir sowohl ihre Zeit als auch ihre Lebensweisen fremd sein.
Definition
Synchron und diachron
Synchron: Du versuchst, kulturell andere Sichtweisen deiner Gegenwart zu verstehen. Diachron: Du versuchst, Menschen oder Sichtweisen aus der Vergangenheit zu verstehen.
Merke: Frage zuerst: Wer möchte wen verstehen? Prüfe dann den zeitlichen Abstand zwischen diesen Menschen. Der Zeitpunkt einer Unterrichtsdiskussion entscheidet nicht über die Einordnung.
Teste dich
Eine Perspektive ist der Blick eines Menschen auf etwas. Empathie bedeutet Einfühlungsvermögen: Du versuchst, Gedanken und Gefühle eines anderen Menschen zu verstehen. Dabei bleiben seine Erfahrungen von deinen eigenen verschieden. Einfühlung ist auch eine Deutung durch dich. Sie beweist nicht, dass du die Gedanken eines früheren Menschen genau kennst. Verstehen verlangt deshalb weder vollständige Übernahme noch Zustimmung.
Vergleiche historische Aussagen Schritt für Schritt. Frage, wer etwas schrieb, für wen und mit welchem Ziel. Prüfe, welche Informationen der Verfasser hatte und welche Belege er nennt. Belege sind Informationen, mit denen sich eine Behauptung prüfen lässt. Achte auf Unterschiede, Widersprüche und fehlende Angaben. Ein Bericht aus der Vergangenheit kann dir als Quelle für die damalige Zeit dienen. Eine spätere Untersuchung darüber ist eine Darstellung. Sie kann wiederum als Quelle dienen, wenn du die Sichtweisen ihrer Entstehungszeit untersuchst. Beides musst du kritisch prüfen.
Eine historische Handlung zu erklären und sie heute zu bewerten sind unterschiedliche Aufgaben. Bei einem Sachurteil prüfst du etwa, ob eine Erklärung zu den bekannten Tatsachen passt. Bei einem Werturteil bewertest du nach ausdrücklich genannten Maßstäben, etwa Menschlichkeit oder Meinungsfreiheit. Übertrage heutige Erwartungen nicht uneingeschränkt auf frühere Menschen. Du kannst ihre Lage untersuchen und dennoch ein begründetes heutiges Urteil formulieren.
Merke: Verstehen ist keine Zustimmung. Trenne die Erklärung damaligen Handelns von deiner heutigen Bewertung und nenne deine Maßstäbe.
Teste dich
Ein Stereotyp ist eine vorgefasste Vorstellung über eine Gruppe. Solche Vorstellungen werden durch Gruppen und Medien vermittelt, statt auf eigenen Erfahrungen zu beruhen. Sie können andere abwerten, aber auch bewundern. Negative Fremdbilder übertragen eigene Ängste auf andere. Idealisierte Fremdbilder übertragen Wünsche und Sehnsüchte auf andere. Beide können Menschen auf feste Klischees reduzieren und das Verständnis erschweren.
Ursula Ballin, eine Verfasserin von Untersuchungen zu europäischen Chinabildern, erklärt: Positive und negative Stereotype haben wenig mit der Wirklichkeit der betrachteten Menschen zu tun. Sie werden meist von Interessen der Betrachter bestimmt. Nach Ballin übernahmen europäische Aufklärer ein chinesisches Idealbild. Jesuiten, eine religiöse Gruppe, hatten ihnen dieses Bild vermittelt. Es war tatsächlich das Selbstbild einer schmalen Elite, also einer kleinen führenden Gruppe. Für die europäischen Aufklärer eignete sich dieses Bild zur Kritik an Absolutismus und Kirche.
Auch historische Deutungen musst du prüfen. Wissen und Methoden spielen dabei eine Rolle, aber ebenso die Überzeugungen und Interessen ihrer Verfasser. Frage deshalb: Welche Belege werden ausgewählt? Welche Sichtweisen fehlen? Wofür könnte die Deutung genutzt werden? Ein gemeinsames Selbstbild aller Menschen einer Kultur darfst du nicht einfach voraussetzen. Gruppen und ihre Vorstellungen verändern sich und sind nicht einheitlich.
Definition
Idealisiertes Fremdbild
Andere Menschen oder Kulturen werden so bewundert, dass eigene Wünsche das Bild prägen. Auch ein freundliches Bild kann die Wirklichkeit verfehlen.
Merke: Lob ist noch kein Beleg für ein zutreffendes Gruppenbild. Prüfe positive und negative Vorstellungen auf Interessen, Belege und ausgelassene Sichtweisen.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Fremdverstehen
Eigene Vergangenheit
Gemeinsame Gruppenzugehörigkeit bedeutet nicht, dass frühere Menschen genauso dachten wie du.
Zeitlicher Abstand
Synchrones Fremdverstehen betrifft kulturell andere Gegenwart, diachrones Fremdverstehen die Vergangenheit.
Perspektiven
Prüfe Verfasser, Absichten und Belege, statt eine Sicht vollständig zu übernehmen.
Urteile
Unterscheide die Erklärung damaligen Handelns von deiner heutigen Bewertung und nenne Maßstäbe.
Gruppenbilder
Auch Bewunderung kann Klischees festigen. Prüfe Interessen und fehlende Sichtweisen.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Beispieltext, ausgedacht: einen Austausch im Unterrichtsforum einordnen
- 1Ein Schüler schreibt heute über gegenwärtige kulturelle Sichtweisen. Ein anderer antwortet an einem späteren Tag und versucht, diese Sichtweisen zu verstehen.
- 2Beteiligte bestimmen: Heutige Schüler möchten die gegenwärtigen Sichtweisen anderer Menschen verstehen.
- 3Zeitlichen Abstand prüfen: Die Beiträge entstehen an verschiedenen Tagen. Die untersuchten Sichtweisen gehören aber zur Gegenwart der Schüler.
- 4Ergebnis begründen: Das ist synchrones Fremdverstehen. Die zeitversetzte Antwort macht den Gegenstand nicht diachron.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zum chinesischen Idealbild In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage macht aus einer kleinen Gruppe die gesamte Bevölkerung. Richtig: Nach Ballin war das Idealbild das Selbstbild einer schmalen Elite.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Wer heute die Bedeutung eines unbekannten religiösen Festes für heutige Angehörige dieser Religion untersucht, betreibt Fremdverstehen. Wer eine frühere Handlung heute nach dem Maßstab Menschlichkeit bewertet, formuliert ein . Negative Fremdbilder übertragen eigene auf andere.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback