Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Historische Kontroversen analysieren und beurteilen
Du lernst, Fakten, Deutungen und Wertungen zu unterscheiden, historische Erklärungen zu vergleichen und dein Urteil zu begründen.
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Kurz gesagt
Eine historische Kontroverse ist ein Streit über die Deutung der Vergangenheit. Du untersuchst Fragen, Aussagen und Belege der Beteiligten. Ein begründetes Urteil erklärt, welche Deutung überzeugt und wo ihre Grenzen liegen.
Zwei Historiker können dieselben Funde untersuchen und zu unterschiedlichen Erklärungen kommen. Wie entscheidest du dann, welche Erklärung überzeugt? Dafür prüfst du ihre Belege, ihre Fragen und die Maßstäbe ihrer Urteile.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Historiker untersuchen Quellen: etwa Briefe, Bilder, Gegenstände oder mündliche Berichte. Daraus entwickeln sie Darstellungen, also nachträgliche Beschreibungen und Erklärungen der Vergangenheit. Diese sind keine unmittelbaren Abbilder dessen, was geschehen ist.
Ein Fakt ist ein belegbarer Sachverhalt. Eine Deutung erklärt, wie Sachverhalte zusammenhängen oder was sie bedeuten. Eine Wertung beurteilt etwas nach einem Maßstab, etwa nach Menschlichkeit oder Meinungsfreiheit. Achte deshalb darauf, ob ein Satz etwas feststellt, erklärt oder bewertet.
Ein Sachurteil prüft beispielsweise, ob eine Erklärung zu den Belegen und zum damaligen Zusammenhang passt. Ein Werturteil bewertet historische Sachverhalte aus heutiger Sicht anhand von Werten. Beide lassen sich nicht immer klar trennen. Ein nachvollziehbares Werturteil beruht gewöhnlich auf zuvor geprüften Sachurteilen.
Definition
Historische Kontroverse
Eine Auseinandersetzung über unterschiedliche Deutungen oder Urteile zur Vergangenheit.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: einen Bewertungsmaßstab erkennen
- 1Ein Schüler schreibt: „Ich bewerte die damalige Entscheidung danach, ob sie die Meinungsfreiheit schützte.“
- 2Der Schüler nennt Meinungsfreiheit als Maßstab seiner Bewertung.
- 3Damit bereitet er ein Werturteil vor. Ob die Entscheidung tatsächlich Meinungsfreiheit schützte, muss er zuvor sachlich prüfen.
Teste dich
Beginne mit einer Leitfrage: Was willst du herausfinden? Kläre dann, wer den Text verfasst hat und wann und wo er veröffentlicht wurde. Bestimme seine Textgattung, also die Textart, etwa einen Zeitungsartikel oder einen Schulbuchtext. Untersuche auch den Anlass, die Zielgruppe, also die angesprochenen Leser, und die Absicht des Autors. Die berufliche und gesellschaftlich-politische Stellung des Autors kann für seine Sichtweise wichtig sein.
Suche nun die These, also die zentrale Behauptung. Teile den Text nach seinen Gedankenschritten auf: Was behauptet der Autor, wie begründet er es und welchen Schluss zieht er daraus? Prüfe wichtige Begriffe: Was bedeuten sie im Text? Klingen die Formulierungen sachlich, wollen sie zu etwas auffordern oder einen Gegner scharf angreifen?
Belege sollen Aussagen stützen. Prüfe, welche Quellen der Autor verwendet und ob sie zur Leitfrage passen. Weder dieselbe Textart noch dieselbe Entstehungszeit wie die untersuchte Erklärung macht eine Quelle zu einem geeigneten Beleg. Wissenschaftliche Texte für Fachleute weisen ihre Ergebnisse durch Quellen oder andere Untersuchungen nach, etwa in Fußnoten. Das sind ergänzende Angaben am Seitenende. Texte für ein breites Publikum vereinfachen und verzichten häufig auf detaillierte Nachweise.
Zur Perspektive gehört der Blickwinkel des Autors. Seine Kenntnisse, seine gegenwärtigen Fragen und seine politischen oder moralischen Überzeugungen können die Deutung prägen. Unterscheide dabei die untersuchte Vergangenheit von der Zeit, in der der Autor darüber schreibt. Eine erkennbare Absicht ersetzt nicht die Prüfung seiner Argumente.
| Prüfschritt | Deine Frage |
|---|---|
| Leitfrage und These | Was wird untersucht, und welche Antwort behauptet der Autor? |
| Begriffe und Sprache | Wie werden wichtige Wörter verwendet, und wie sollen sie auf Leser wirken? |
| Belege und Perspektive | Was stützt die Aussage, und aus welchem Blickwinkel schreibt der Autor? |
Merke: Halte auseinander, was der Autor behauptet, womit er es begründet und welche Absicht du bei ihm erkennst.
Teste dich
Vergleiche zuerst die Fragen: Wollen beide Autoren dasselbe erklären? Lege fest, welche Aussagen vergleichbar sind und welche unterschiedliche Gegenstände behandeln. Stelle dann Thesen, Belege und Begründungen gegenüber. Suche Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Punkte, in denen sich die Erklärungen ergänzen.
Prüfe, wie stichhaltig eine Deutung ist: Stimmen die sachlichen Angaben? Tragen die Belege den Schluss? Ist die Begründung logisch? Frage auch nach ihrer Reichweite: Welche Teile der Leitfrage beantwortet sie, und welche wichtigen Aspekte lässt sie aus? Benenne offene Fragen, statt fehlende Belege durch Vermutungen zu ersetzen.
Ein Beispiel ist der Streit um Troia. Die beteiligten Forscher Korfmann und Kolb bewerteten Ergebnisse unterschiedlich. Kolb erkannte die Korrektheit und den Nutzen der Ausgrabungen und der zeitlichen Einordnung an. Trotzdem widersprach er Korfmanns Deutung. Zustimmung zu einem Fund bedeutet also noch keine Zustimmung zu seiner Erklärung.
Korfmann hielt einen historischen Kern des Werks Ilias für wahrscheinlich. Damit ist gemeint, dass dem Werk tatsächliche Ereignisse zugrunde liegen könnten. Ein Beweis für einen einzigen realen Troianischen Krieg lag damit nicht vor. Unterschiede zwischen den Beiträgen erklärten sich teilweise durch unterschiedliche Fragen und Methoden, etwa Ausgrabungen oder die Untersuchung von Sprache und Texten. Wissenschaftliche Grundlagen und schlüssige Argumente konnten bei unterschiedlichen Beiträgen zugleich vorliegen.
Merke: Ein Vergleich darf auch zu einem begrenzten Ergebnis kommen: Eine Erklärung beantwortet manche Fragen überzeugend, andere bleiben offen.
Teste dich
Beantworte deine Leitfrage und nenne deine Kriterien, also die Maßstäbe deiner Prüfung. Für ein Sachurteil kannst du sachliche Richtigkeit, passende Belege, logische Begründung und die Beachtung wichtiger Unterschiede prüfen. Erkläre, welche Argumente dein Urteil tragen. Nenne auch Einwände und Grenzen. Der Beruf oder das Ansehen eines Autors ersetzt diese Prüfung nicht.
Bei einem Werturteil legst du deine heutigen Werte offen, etwa Menschlichkeit oder Selbstbestimmung. Beachte zugleich den damaligen Zusammenhang. Heutige Werte dürfen nicht uneingeschränkt auf die Vergangenheit übertragen werden.
Der Historiker Horst Möller forderte 1982, die Auswahl von Ländern bei historischen Vergleichen zu begründen. Warum sollte man Deutschland gerade mit England und Frankreich vergleichen und nicht mit Spanien, Italien oder osteuropäischen Staaten? Möller hielt eine bloß politische Orientierung an heutiger westlicher Demokratie als Maßstab für geschichtswissenschaftlich fragwürdig. Für dein Urteil heißt das: Prüfe auch, wie ein Vergleichsmaßstab begründet wird.
Der Historiker Hildermeier berichtete 1998 über einen Streit um die Anwendung einer russischen Verfassung. Eine Verfassung legt grundlegende Regeln eines Staates fest. Verfassungstext und tatsächliche Praxis dürfen nicht gleichgesetzt werden. Die Untersuchung der Praxis konnte Anhaltspunkte für eine Klärung liefern, hatte aber noch keine Einigung geschaffen. Ein begründetes Urteil kann deshalb ausdrücklich offenlassen, was noch nicht ausreichend geklärt ist.
Merke: Begründe dein Urteil mit Kriterien und Belegen. Ein bekannter Name allein macht eine Aussage nicht richtig.
Definition
Urteilskriterium
Ein ausdrücklich genannter Maßstab, nach dem du eine Aussage prüfst oder einen Sachverhalt bewertest.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Historische Kontroverse
Unterscheiden
Fakten stellen Sachverhalte fest, Deutungen erklären und Wertungen bewerten.
Untersuchen
Kläre Leitfrage, These, Begriffe, Belege und Perspektive.
Vergleichen
Prüfe gemeinsame Fragen, sachliche Richtigkeit, Begründungen und ausgelassene Aspekte.
Begrenzen
Benenne, was eine Erklärung leisten kann und welche Fragen offenbleiben.
Urteilen
Lege deine Kriterien offen und prüfe Argumente statt bloß das Ansehen eines Autors.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Die Auswahl von Vergleichsländern prüfen
- 1Aufgabe: Erkläre, warum Horst Möller eine Begründung für die Auswahl von Vergleichsländern verlangt.
- 2Ausgangspunkt klären: Möller fragt, warum England und Frankreich gegenüber Spanien, Italien oder osteuropäischen Staaten bevorzugt werden sollen.
- 3Maßstab prüfen: Eine bloß politische Orientierung an heutiger westlicher Demokratie hält er für geschichtswissenschaftlich fragwürdig.
- 4Urteil formulieren: Ein Vergleich überzeugt nicht schon durch die Auswahl bestimmter Länder. Für die Leitfrage muss begründet werden, warum gerade diese Länder geeignet sind.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zum Streit über die russische Verfassung In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die Aussage verwechselt die geschriebene Regel mit ihrer Anwendung. Richtig: Verfassungstext und tatsächliche Praxis dürfen nicht gleichgesetzt werden.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Die zentrale Behauptung einer historischen Erklärung heißt . Die Frage, an welche Leser sich ein Text richtet, klärt seine . Wer ein historisches Geschehen anhand heutiger moralischer Werte bewertet, formuliert ein .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback