Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Alterität in der Geschichte verstehen und analysieren
Du lernst, wie historische Fremdheit durch Vergleiche entsteht, wie du Selbst- und Fremdbilder untersuchst und Deutungen begründest.
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Kurz gesagt
Alterität bezeichnet das Anderssein im Verhältnis zum Eigenen. In der Geschichte untersuchst du, wem eine Lebensweise fremd erscheint und welcher Vergleich dahintersteht. Quellen zeigen dabei einen bestimmten Blick auf andere Menschen.
Eine vergangene Lebensweise kann dir fremd erscheinen, während sie für damalige Menschen vertraut war. Deshalb reicht die Aussage „Das war anders“ nicht aus. Du musst auch fragen: Anders als was, aus wessen Sicht und woran lässt sich das erkennen?
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Wenn du etwas als fremd bezeichnest, vergleichst du es mit etwas Vertrautem. Das Vertraute bildet deinen Maßstab: Daran misst du das Andere. Alterität meint dieses Anderssein im Verhältnis zum Eigenen. Sie ist deshalb keine Eigenschaft, die eine Gruppe unabhängig vom Betrachter besitzt.
Der Historiker Jürgen Osterhammel erklärt: Was Menschen als fremd wahrnehmen, hängt von Kultur, Ort und Zeit ab. Im Vergleich mit dem Fremden wird ihnen zugleich bewusster, was sie als das Eigene ansehen. Erfahrungen, Werte und Traditionen prägen diesen Blick.
Das gilt auch für deinen Blick auf die Vergangenheit. Heutige Leser können mittelalterliche Denkweisen als fremd erleben. Wer sich genauer damit beschäftigt, kann sie besser verstehen und Unterschiede genauer beschreiben. Fremdheit bedeutet also nicht, dass Verständnis unmöglich ist. Ebenso wenig beweist ein Unterschied, dass eine Lebensweise besser oder schlechter ist.
Definition
Vergleichsmaßstab
Ein Vergleichsmaßstab ist das, woran du etwas anderes misst. Bei Alterität sind das etwa vertraute Werte oder Lebensweisen.
Merke: Frage bei Alterität nach beiden Seiten: Was erscheint fremd, und was gilt dem Betrachter als vertraut?
Teste dich
Eine historische Quelle ist ein überliefertes Zeugnis, mit dem du etwas über die Vergangenheit herausfinden kannst. Dazu gehören Berichte und Karten. Der Urheber ist derjenige, der das Zeugnis geschaffen hat. Untersuche, was er über sich und andere mitteilt.
Ein Selbstbild ist die Vorstellung, die eine Person oder Gruppe von sich hat. Ein Fremdbild ist ihre Vorstellung von anderen. Beide sind keine vollständigen Beschreibungen aller Menschen einer Gruppe. Auch ein bewunderndes Fremdbild kann Menschen auf wenige vermeintlich gemeinsame Eigenschaften festlegen.
Prüfe zuerst den Urheber: Welche Erfahrungen und Werte prägen seinen Blick? Für wen schreibt er? Was stellt er als vertraut dar, was als anders? Trenne dabei die Beschreibung einer Handlung von der Bewertung durch den Urheber. Wenn Angaben fehlen, benenne die Lücke. Erfinde keine Absicht.
Ein historisches Beispiel bietet Usama ibn Munqidh. Er schildert einzelne Franken, die mit Muslimen vertraut lebten und örtliche Speisegewohnheiten übernahmen. Diese Franken bezeichnet er ausdrücklich als Ausnahmen. In den von ihm beschriebenen Begegnungen konnten persönliches Vertrauen und Freundschaft zugleich mit sprachlichen Verständigungsproblemen und feindseligen Vorstellungen über Gruppen bestehen.
Damit kannst du sein Fremdbild untersuchen: Er unterscheidet zwischen einzelnen vertrauten Menschen und einer größeren Gruppe. Seine Darstellung erlaubt aber keine Aussage über das Verhalten sämtlicher Franken. Ein vollständiges Selbstbild Usamas lässt sich aus den hier wiedergegebenen Angaben ebenfalls nicht bestimmen.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: den Maßstab eines Reisenden erkennen
- 1Ein Reisender schreibt für Leser aus seinem Heimatort: „Unsere Kleidung ist angemessen; ihre Kleidung ist merkwürdig.“
- 2Das Selbstbild steckt im Lob der eigenen Kleidung. Das Fremdbild steckt in der Bewertung der anderen Kleidung.
- 3Der Reisende macht die vertraute Kleidung zum Maßstab. Sein Satz erklärt nicht, was die andere Kleidung für ihre Träger bedeutet.
Merke: Frage nach Selbstbild, Fremdbild und Urheber. Eine fehlende Information bleibt eine Lücke und wird nicht durch eine Vermutung ersetzt.
Teste dich
Vergangenes Geschehen ist das, was damals geschah. Es lässt sich nicht wiederholen. Eine Quelle ist ein überliefertes Zeugnis, mit dem du dieses Geschehen untersuchst. Eine heutige Deutung ist eine Erklärung, die durch die Auswertung solcher Zeugnisse entsteht. Diese drei Ebenen gehören zusammen, sind aber nicht dasselbe.
Fulcher von Chartres berichtet für die Kreuzfahrerstaaten von Heiraten, gemeinsamem Sprachgebrauch und der Übernahme örtlicher Lebensweisen. Kreuzfahrerstaaten bezeichnet hier Herrschaftsgebiete von Kreuzfahrern. Sein Bericht ist eine Quelle und zeigt seine Darstellung kultureller Annäherung. Er ist nicht das vergangene Zusammenleben selbst.
Wenn du daraus heute folgerst, dass kulturelle Grenzen durchlässig sein konnten, formulierst du eine Deutung. Du begründest sie mit den beschriebenen Heiraten, Sprachen und Lebensweisen. Du darfst daraus aber nicht folgern, der Bericht erfasse das gesamte Zusammenleben.
Auch heutige Darstellungen haben einen bestimmten Blickwinkel. Vorwissen, Erwartungen und vertraute Vorstellungen beeinflussen Autoren und Leser. Deshalb prüfst du sowohl historische Quellen als auch heutige Erklärungen. Eine Deutung braucht nachvollziehbare Belege; eine persönliche Vermutung genügt nicht.
| Ebene | Was gehört dazu? |
|---|---|
| Vergangenes Geschehen | Das damalige Zusammenleben, von dem ein Bericht handelt. |
| Historische Quelle | Der überlieferte Bericht mit dem Blick seines Urhebers. |
| Heutige Deutung | Eine heute formulierte Erklärung, die sich auf Zeugnisse stützt. |
Teste dich
Eine begründete Alteritätsdeutung verbindet eine Beobachtung mit einer vorsichtigen Erklärung. Nenne zuerst, welches Merkmal du untersuchst. Erkläre dann, welcher Blick auf das Eigene und das Andere darin erkennbar sein könnte. Zum Schluss sagst du, was der Beleg nicht zeigt.
Auch eine Weltkarte hat einen Blickwinkel. Die Weltkarte von Matteo Ricci und Li Zhizao verbindet chinesisches und europäisches geografisches Wissen. Ihr Mittelpunkt liegt im Bereich von Pazifik und China. Diese Anordnung wird als Entgegenkommen gegenüber der chinesischen Bildungselite gedeutet, also gegenüber einer kleinen Gruppe besonders gebildeter Menschen. Das ist eine Erklärung der Gestaltung, keine unmittelbar sichtbare Absicht.
Die Beobachtung lautet: Pazifik und China stehen im Mittelpunkt. Die mögliche Deutung lautet: Die Gestaltung kommt den Vorstellungen dieser chinesischen Betrachter entgegen. Die Grenze lautet: Daraus folgt kein einheitliches Selbstbild aller Chinesen. Für eine ganze Zeit gibt es weder ein einheitliches chinesisches noch ein einheitliches europäisches Selbstverständnis.
Prüfe deshalb, für welche Personen und welchen Fall dein Beleg gilt. Suche nach anderen Blickwinkeln und nach Angaben, die deiner Erklärung widersprechen könnten. Kulturelle Begegnungen können neue Abgrenzungen erzeugen, aber auch Grenzen abbauen. Ein einzelner Fall entscheidet nicht, wie jede Begegnung verlief.
Merke: Eine tragfähige Deutung nennt Beobachtung, Erklärung und Grenze. Sie macht aus einem einzelnen Blickwinkel kein Bild aller Menschen.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Alterität in der Geschichte
Vergleich
Alterität beschreibt Anderssein im Verhältnis zum Eigenen und braucht einen Vergleichsmaßstab.
Blickwinkel
Selbstbild, Fremdbild, Erfahrungen und Werte des Urhebers helfen beim Untersuchen einer Quelle.
Unterscheidung
Vergangenes Geschehen, überlieferte Quellen und heutige Deutungen sind verschiedene Ebenen.
Begründung
Verbinde eine konkrete Beobachtung mit einer nachvollziehbaren Erklärung.
Grenzen
Mache aus einzelnen Berichten und Blickwinkeln keine Aussagen über ganze Gruppen.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Die Anordnung einer Weltkarte vorsichtig deuten
- 1Aufgabe: Begründe an der beschriebenen Weltkarte von Matteo Ricci und Li Zhizao eine Deutung und nenne ihre Grenze.
- 2Beobachtung: Die Karte verbindet chinesisches und europäisches geografisches Wissen. Pazifik und China stehen im Mittelpunkt.
- 3Deutung: Diese Anordnung wird als Entgegenkommen gegenüber der chinesischen Bildungselite verstanden. Die Gestaltung könnte sich damit an deren vertrauten Vorstellungen orientieren.
- 4Grenze: Die Anordnung zeigt eine mögliche Rücksicht auf diese Betrachter. Sie beweist kein einheitliches Selbstbild aller Chinesen.
- 5Ergebnis: Die Deutung ist an eine Beobachtung gebunden. Die vermutete Absicht bleibt als Deutung gekennzeichnet.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen über Usamas Bericht In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage macht aus einzelnen Menschen eine ganze Gruppe. Richtig: Usama schildert einzelne Franken, die örtliche Speisegewohnheiten übernahmen, und bezeichnet diese ausdrücklich als Ausnahmen.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Die Vorstellung einer Gruppe von sich selbst heißt . Eine Erklärung, die du heute aus einem alten Zeugnis entwickelst, gehört als Deutung zur . Usamas überlieferter Bericht ist für deine heutige Untersuchung eine .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback