Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Historisch urteilen: Sach- und Werturteil bilden
Du lernst, Sach- und Werturteile zu begründen, Belege abzuwägen und die damalige Zeit sowie unterschiedliche Sichtweisen zu berücksichtigen.
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Kurz gesagt
Ein Sachurteil prüft historische Aussagen und Zusammenhänge. Ein Werturteil bewertet Geschichte aus heutiger Sicht anhand offengelegter Werte. Beide brauchen Belege und klare Maßstäbe; ihre Trennung ist nicht immer eindeutig.
War eine Maßnahme erfolgreich? War sie gerecht? Das sind unterschiedliche Fragen. Du lernst, wie du deine Antwort begründest und prüfst, ob die Belege dafür ausreichen.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
3 Abschnitte
Ein Sachurteil prüft historische Aussagen oder bestimmt die Bedeutung eines Ereignisses in seiner damaligen Zeit. Du untersuchst zum Beispiel, ob eine Erklärung zu den bekannten Tatsachen passt. Dazu brauchst du Belege und ein Kriterium, also einen Maßstab für deine Prüfung.
Ein Werturteil bewertet einen historischen Sachverhalt persönlich aus heutiger Sicht. Dabei legst du deine Werte offen: etwa Menschlichkeit, Frieden oder Meinungsfreiheit. Ein nachvollziehbares Werturteil beruht in der Regel auf zuvor erarbeiteten Sachurteilen. Du musst also erst untersuchen, was geschah, bevor du es bewertest. Zugleich kannst du heutige Werte nicht uneingeschränkt auf die Vergangenheit übertragen.
Die Trennung ist nicht immer eindeutig. Auch die genaue Aufgabe zählt: „Beurteilen“ verlangt ein begründetes Sachurteil. „Stellung nehmen“ verlangt ein eigenes begründetes Werturteil und die Prüfung der eigenen Wertmaßstäbe. „Erörtern“ bedeutet, Gründe dafür und dagegen abzuwägen; dabei kann ein Sachurteil, ein Werturteil oder beides verlangt sein.
Definition
Kriterium
Ein Kriterium ist ein Maßstab, nach dem du etwas prüfst oder bewertest. Du sagst ausdrücklich, welchen Maßstab du verwendest.
Merke: Ein Sachurteil braucht begründete Aussagen über Geschichte. Ein Werturteil braucht zusätzlich offengelegte Werte. Eine bloße Meinung reicht für keines von beiden.
Teste dich
Beginne mit einer Leitfrage: Was genau willst du beurteilen? Wähle dann ein passendes Kriterium. „Erfolgreich“ ist ohne Maßstab zu ungenau. Eine Hilfe kann zum Beispiel beim Neuanfang unterstützen, ohne verlorenen Besitz vollständig zu ersetzen.
Prüfe jeden Befund, also jedes Ergebnis deiner Untersuchung, doppelt. Erstens: Hilft er bei deiner Leitfrage? Zweitens: Wie gut ist er belegt? Ein gut gestützter, passender Befund wiegt schwerer als mehrere schwache Behauptungen. Die Anzahl der Argumente entscheidet deshalb nicht über das Urteil. Eine erklärte Absicht beweist noch keine tatsächliche Wirkung.
Das zeigt der westdeutsche Lastenausgleich von 1952, eine Maßnahme zum Ausgleich ungleich verteilter Vermögen und Belastungen nach Kriegszerstörungen, Flucht und Vertreibung. Er umfasste Hilfen für Hausrat, Wohnen und den beruflichen Neuanfang sowie Entschädigungen für verlorenes Vermögen. Die Entschädigungen ersetzten allerdings nur einen geringen Teil früherer Vermögen. Der Wirtschaftshistoriker Nikolaus Wolf bewertet den Ansatz rückblickend als Beitrag zur Eingliederung. Damit ist nicht die Wirkung auf jeden einzelnen Haushalt gemessen.
Formuliere anschließend einen starken, passenden Einwand gegen dein Urteil. Prüfe ihn mit denselben Maßstäben wie deine eigenen Argumente. Widerlegt er dein Urteil? Gilt dein Urteil dadurch nur eingeschränkt? Oder betrifft der Einwand ein anderes Kriterium? Passe dein Ergebnis an und benenne fehlende Informationen.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: die Wirkung eines Plakats prüfen
- 1Eine Aufgabe beschreibt ein politisches Plakat und nennt die beabsichtigte Wirkung auf seine damaligen Betrachter.
- 2Ein Schüler folgert: Damit ist belegt, dass die Betrachter tatsächlich so reagierten.
- 3Die Prüfung: Die genannte Absicht belegt noch keine tatsächliche Wirkung. Dafür wären weitere Belege nötig.
Merke: Prüfe den stärksten passenden Einwand fair. Ein gutes Urteil kann auch lauten: Dafür sprechen Belege, aber für eine weitergehende Aussage reichen sie nicht.
Teste dich
Ein historisches Urteil muss am Material überprüfbar sein. Material sind etwa Texte oder Bilder, die du untersuchst. Eine Quelle ist ein Zeugnis aus der Vergangenheit. Eine historische Darstellung erklärt Geschichte rückblickend. Prüfe, was dein Material tatsächlich belegt und welche Fragen offenbleiben.
Beachte den historischen Kontext, also den Zusammenhang mit der damaligen Zeit. Dazu gehören beim Untersuchen eines Textes seine Entstehungszeit, sein Ort und sein Anlass. Eine rückblickende Erklärung darfst du nicht wie einen Bericht aus der beschriebenen Zeit behandeln. So wird das Interview von 2022 zum Lastenausgleich als rückblickende Darstellung genutzt, nicht als Zeugnis von 1952.
Achte außerdem auf die Perspektive, also die Sichtweise eines Menschen. Frage bei einem Text: Welche Stellung hatte der Verfasser? An wen richtete er sich? Was wollte er erreichen? Prüfe seine Aussagen auf Glaubwürdigkeit und Widersprüche. Die Absicht des Verfassers hilft dir, den Text zu verstehen; sie ersetzt aber nicht die Prüfung seiner Aussagen.
Bei einer historischen Darstellung prüfst du die fachliche Richtigkeit, den damaligen Zusammenhang und den Aufbau der Begründung. Du untersuchst auch, welche wichtigen Gesichtspunkte fehlen. Fachlich richtige Einzelangaben reichen deshalb nicht aus, um eine Darstellung insgesamt zu beurteilen. Benenne offene Fragen, statt die Lücken mit Vermutungen zu füllen.
Definition
Perspektive
Perspektive bedeutet Sichtweise. Beim Urteil über einen Text untersuchst du etwa die Stellung und Absicht des Verfassers sowie die Menschen, an die er sich richtet.
Merke: Belege deine Aussage, beachte die damalige Zeit und prüfe die Sichtweise. Sage auch, was du mit dem vorhandenen Material noch nicht beantworten kannst.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Historisch urteilen
Sachurteil
Prüfe historische Aussagen und ihre Bedeutung im damaligen Zusammenhang.
Werturteil
Begründe deine Bewertung aus heutiger Sicht und lege deine Werte offen.
Gewichtung
Entscheidend sind passende und starke Belege, nicht die Anzahl der Argumente.
Gegenargument
Prüfe einen passenden Einwand fair und passe dein Urteil bei Bedarf an.
Grenzen
Berücksichtige die damalige Zeit, unterschiedliche Sichtweisen und fehlende Informationen.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Den Erfolg des Lastenausgleichs eingeschränkt beurteilen
- 1Leitfrage klären: Inwiefern lässt sich der westdeutsche Lastenausgleich von 1952 als erfolgreich beurteilen?
- 2Kriterium wählen: Ich untersuche die Unterstützung beim Neuanfang. Vollständiger Ersatz verlorenen Vermögens wäre ein anderes Kriterium.
- 3Belege zuordnen: Es gab Hilfen für Hausrat, Wohnen und den beruflichen Neuanfang. Der Wirtschaftshistoriker Nikolaus Wolf bewertet den Ansatz rückblickend als Beitrag zur Eingliederung.
- 4Beispieltext, ausgedacht – Einwand: Ohne vollständigen Ersatz des Vermögens war jede Hilfe wirkungslos.
- 5Einwand prüfen: Die Entschädigungen ersetzten nur einen geringen Teil früherer Vermögen. Das spricht gegen vollständigen Vermögensersatz, widerlegt aber nicht jede Unterstützung beim Neuanfang.
- 6Urteil begrenzen: Die Hilfen und Wolfs Einschätzung sprechen für einen Beitrag zum Neuanfang. Sie belegen keinen Erfolg für alle Betroffenen. Ohne weitere Angaben zur Wirkung bleibt ein umfassendes Erfolgsurteil zu weit.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zur Bewertung einer historischen Erklärung In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3Der Fehler liegt in „reichen aus“. Richtig: Fachlich richtige Einzelangaben reichen nicht aus. Du musst auch die Begründung, den damaligen Zusammenhang und fehlende Gesichtspunkte prüfen.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Wer historisches Handeln persönlich anhand heutiger Werte bewertet, formuliert ein . Beim westdeutschen Lastenausgleich von 1952 spricht der geringe Ersatzanteil gegen Erfolg nach dem Kriterium . Das Interview von 2022 über diese Maßnahme ist eine .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback