Geschichte · Klasse 9–10 · aktualisiert
Flucht und Vertreibung 1944/45 und danach
Du unterscheidest Flucht und Vertreibung, erklärst Ursachen und schwierige Aufnahme und prüfst, was unterschiedliche Zahlen aussagen.
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Kurz gesagt
Flucht bedeutet hier, den Wohnort angesichts unmittelbarer Gefahr zu verlassen. Vertreibung erzwingt das Verlassen durch Gewalt oder Anordnung; beide Vorgänge konnten sich überlagern. Aufnahme und Integration waren langwierige Aufgaben.
Ein Dach über dem Kopf bedeutete für Flüchtlinge und Vertriebene noch nicht, sich zugehörig zu fühlen. Du untersuchst ihren Weg vom Verlust des Zuhauses bis zur schwierigen Aufnahme. Das Übersichtsbild ist eine heutige schematische Darstellung: Seine Überschrift „1944–1945“ bezeichnet die Anfangsphase, die grobe Angabe von zwölf bis vierzehn Millionen dagegen den Gesamtprozess einschließlich der Nachkriegsjahre bis 1950. Daraus lässt sich keine automatische Gleichsetzung mit heutigen Fluchtbewegungen ableiten.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Flucht bezeichnet hier das Verlassen des Wohnorts angesichts einer unmittelbaren Gefahr. Das bedeutet nicht, dass jemand freiwillig geht: Eine drohende Gefahr kann Menschen dazu zwingen, ihr Zuhause zurückzulassen.
Vertreibung bezeichnet die erzwungene Entfernung durch Gewalt oder eine Anordnung. Die Begriffe beschreiben unterschiedliche Vorgänge, aber nicht unbedingt getrennte Gruppen von Menschen. Wer vor der Front, also dem Gebiet der Kämpfe, geflohen war, konnte später an der Rückkehr gehindert werden. Auch nach einer Rückkehr konnten Menschen vertrieben werden.
Für eine Erklärung untersuchst du deshalb den Ablauf: Warum verließ jemand zunächst seinen Wohnort? Was geschah anschließend? So kannst du erkennen, wie Flucht und Vertreibung ineinandergriffen.
Definition
Flucht und Vertreibung
Flucht: den Wohnort angesichts unmittelbarer Gefahr verlassen. Vertreibung: durch Gewalt oder Anordnung zum Verlassen gezwungen werden. Flucht ist deshalb nicht mit Freiwilligkeit gleichzusetzen.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: zwei Schritte unterscheiden
- 1Menschen verlassen wegen naher Kämpfe ihren Wohnort.
- 2Nach ihrer Rückkehr werden sie durch eine Anordnung gezwungen, erneut zu gehen.
- 3Der erste Schritt ist Flucht vor unmittelbarer Gefahr. Der zweite ist Vertreibung. Beide betreffen hier dieselben Menschen.
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Zur Vorgeschichte gehört der Angriffskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands. Gegen die Sowjetunion, den Staat, dessen Armee die Rote Armee war, führte es einen Vernichtungskrieg. Im Winter 1944/45 flohen Menschen vor der vorrückenden Roten Armee. Die Frontgefahr war ein unmittelbarer Anlass zur Flucht. Gewaltsame Vertreibungen setzten bereits vor dem Kriegsende ein. Nach dem Krieg folgten organisierte Überführungen, also die organisierte Verbringung von Menschen in andere Gebiete, bis 1950.
Daneben lösten politische Entscheidungen Vertreibungen aus. Ein begrenztes Beispiel ist Polen 1945. Helga Hirsch beschreibt in einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung die Ziele polnischer und tschechoslowakischer Exilregierungen, also Regierungen im Ausland. Sie wollten nach dem Krieg Staaten mit möglichst einheitlicher ethnischer Bevölkerung schaffen. Dazu sollten Minderheiten aus dem Land entfernt werden. Die Regierung in Lublin verband 1945 die Eingliederung bisher deutscher Gebiete mit dem Ziel, die deutsche Bevölkerung zu entfernen.
Im Juni 1945 wies das polnische Ministerium für öffentliche Verwaltung an, Deutschen das Bleiben zu erschweren. Enteignungen, also der Entzug von Eigentum, und unzureichende Versorgung sollten sie zum Weggehen bewegen. Die Bezeichnung „freiwillige Ausreisen“ verdeckte diesen Zwang. Verantwortlich waren hier konkret eine Regierung und ein Ministerium; daraus folgt keine Schuld der gesamten polnischen Bevölkerung. Dieses Beispiel erklärt auch nicht jede Vertreibung in jedem Land.
Die Vereinigten Staaten von Amerika, kurz USA, die Sowjetunion und Großbritannien berieten vom 17. Juli bis 2. August 1945 in Potsdam. Abschnitt XIII, also Abschnitt 13, des Potsdamer Protokolls betraf die Überführung verbliebener deutscher Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn. Die Staaten verlangten eine geordnete und humane, also menschenwürdige, Durchführung. Diese Forderung ist kein Beweis für die tatsächliche Behandlung der Menschen. Potsdam war auch nicht der Beginn sämtlicher Vertreibungen.
Eine schlüssige Kette verbindet Gründe mit Maßnahmen und Folgen: Frontgefahr führte zur Flucht. Politische Bevölkerungsziele führten im beschriebenen polnischen Fall zu staatlichem Druck, der Menschen zum Verlassen bewegen sollte. Die Betroffenen verloren ihr bisheriges Zuhause; Hunger, Kälte, Krankheiten und getrennte Familien prägten ihre Wege. Diese Zusammenhänge erklären das Geschehen. Sie rechtfertigen keine Gewalt gegen Zivilisten, also Menschen, die nicht als Soldaten kämpfen.
Merke: Eine zeitliche Reihenfolge allein beweist keine Ursache. Benenne das konkrete Ziel, die verantwortliche Stelle und die Maßnahme. Eine Erklärung von Gewalt ist keine Rechtfertigung.
| Zeit | Vorgang |
|---|---|
| Winter 1944/45 | Menschen flohen vor der vorrückenden Roten Armee. |
| Juni 1945 | Das polnische Ministerium für öffentliche Verwaltung wies an, Deutschen das Bleiben zu erschweren. |
| 17. Juli–2. August 1945 | USA, Sowjetunion und Großbritannien berieten in Potsdam. |
| Nach Kriegsende bis 1950 | Organisierte Überführungen folgten. |
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Nach der Ankunft wiesen die Besatzungsbehörden Unterkünfte zu. Das waren die Behörden der Mächte, die Deutschland nach dem Krieg besetzt hielten. Menschen kamen in Lager, in Notquartiere oder bei Privatfamilien unter. Knappheit und Konflikte mit Einheimischen erschwerten die Aufnahme.
Integration bedeutet hier, in der aufnehmenden Gesellschaft einen Platz zu finden und als zugehörig anerkannt zu werden. Unterkunft und Arbeit waren dafür wichtig. Doch auch wenn sich die Lebensbedingungen verbesserten, konnten Zugehörigkeit und Anerkennung fehlen. Deshalb war Integration nicht mit der Zuweisung eines Zimmers abgeschlossen.
Andreas Kossert, der Autor des Beitrags „Wann ist man angekommen?“, betont, dass sich auch die aufnehmende Gesellschaft veränderte. Integration lässt sich daher nicht auf die Anpassung der Neuankömmlinge reduzieren. Von Assimilation spricht man bei einer Angleichung an die aufnehmende Gesellschaft. Für Integration musst du darüber hinaus die Beziehungen und Veränderungen auf beiden Seiten betrachten.
Der Lastenausgleich, eine staatliche Hilfe zum Ausgleich von Verlusten, unterstützte später die Integration in der Bundesrepublik, dem westdeutschen Staat. Er ersetzte nicht schlagartig sämtliche Verluste. Diese Hilfe gehört zur Bundesrepublik, nicht zur Deutschen Demokratischen Republik, kurz DDR, dem ostdeutschen Staat.
Definition
Integration
Integration umfasst hier Unterkunft und Arbeit, aber auch Zugehörigkeit und Anerkennung. Dabei verändert sich nach Kossert auch die aufnehmende Gesellschaft.
Merke: Materielle Hilfe kann die Aufnahme erleichtern. Sie beweist noch nicht, dass Menschen sich zugehörig fühlen oder als zugehörig anerkannt werden.
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Eine Zahl braucht einen Zusammenhang. Prüfe zuerst: Wer veröffentlicht sie? Für welchen Zeitpunkt oder Zeitraum gilt sie? Welches Gebiet und welche Gruppe werden erfasst? Erst danach kannst du beurteilen, ob zwei Angaben dasselbe messen.
Das Online-Geschichtsangebot LeMO des Hauses der Geschichte nennt etwa zwölf Millionen Deutsche auf der Suche nach einer neuen Heimat. Eine Ausstellungsbeschreibung des Hauses der Geschichte nennt bis zu 14 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene. Die grobe Orientierung von zwölf bis vierzehn Millionen betrifft den Gesamtprozess einschließlich der Nachkriegsjahre bis 1950. Sie gilt nicht allein für 1944/45. Die Spanne ist auch keine berechnete Fehlergrenze einer einheitlichen Messung.
Daneben nennt LeMO 9,6 Millionen bei der Volkszählung im Oktober 1946. Für 1950 nennt es acht Millionen in der Bundesrepublik und vier Millionen in der DDR. Eine Volkszählung erfasst die Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt. Diese zeitlich und räumlich bezogenen Angaben sind nicht einfach austauschbar mit einer Gesamtangabe zum Verlauf von Flucht und Vertreibung.
Wenn Angaben voneinander abweichen, ist damit noch nicht erklärt, warum. Du brauchst Informationen über die jeweilige Erfassung. Das gilt auch für die unsichere genaue Zahl der Todesopfer: Ohne geprüfte Erklärung der Zählweise darfst du Unterschiede nicht pauschal mit vermissten gegenüber registrierten Personen erklären. Auch eine besonders genaue Gesamtzahl wäre ohne benannte Erhebung nicht verlässlich belegt.
Merke: Prüfe Herausgeber, Zeit, Gebiet und gezählte Gruppe. Fehlende Angaben bleiben eine Grenze deines Urteils; zusätzliche Nachkommastellen beseitigen diese Grenze nicht.
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Alles auf einen Blick
Flucht und Vertreibung
Begriffe
Flucht vor unmittelbarer Gefahr und Vertreibung durch Gewalt oder Anordnung konnten dieselben Menschen betreffen.
Ursachen
Frontgefahr und politische Entscheidungen müssen unterschieden werden. Das polnische Beispiel erklärt nicht sämtliche Vertreibungen.
Potsdam
Die Forderung einer menschenwürdigen Überführung war eine Vorgabe, kein Beweis für die tatsächliche Behandlung.
Integration
Unterkunft und Arbeit genügten nicht; Anerkennung und Veränderungen der aufnehmenden Gesellschaft gehörten dazu.
Zahlen
Unterschiedliche Zeitpunkte, Gebiete und erfasste Gruppen begrenzen die Vergleichbarkeit.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Zwei Gesamtangaben vorsichtig vergleichen
- 1Aufgabe: Vergleiche die etwa zwölf Millionen Deutschen bei LeMO mit den bis zu 14 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen in der Ausstellungsbeschreibung des Hauses der Geschichte.
- 2Wortlaut prüfen: „Etwa“ kennzeichnet eine ungefähre Angabe. „Bis zu“ kennzeichnet eine Obergrenze. Beide Formulierungen müssen beim Vergleich erhalten bleiben.
- 3Bezug prüfen: Die grobe Orientierung betrifft den Gesamtprozess einschließlich der Nachkriegsjahre bis 1950, nicht allein 1944/45.
- 4Grenze benennen: Die Angaben haben unterschiedliche Zeit- und Erfassungsbezüge. Sie dürfen nicht als zwei exakte Ergebnisse derselben Zählung behandelt werden.
- 5Urteil formulieren: Beide Angaben helfen bei einer groben Orientierung. Ohne genauere Angaben zur Erfassung lässt sich aus ihrem Unterschied keine genaue Erklärung ableiten.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zum Lastenausgleich In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage überträgt eine Hilfe auf den falschen Staat. Richtig: Der Lastenausgleich unterstützte später die Integration in der Bundesrepublik.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Das polnische Ministerium für öffentliche Verwaltung wies im an, Deutschen das Bleiben zu erschweren. Nach Kriegsende folgten organisierte Überführungen bis . Der spätere Lastenausgleich unterstützte die Integration in der .
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