Geschichte · Klasse 7–11 · aktualisiert
Migration und Industrialisierung: Ursachen und Folgen
Du lernst, warum Menschen für Industriearbeit umzogen, wie Städte wuchsen und was die Geschichte der Ruhrpolen und historische Zahlen zeigen.
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Kurz gesagt
Die Industrialisierung schuf Arbeitsplätze, für die Menschen ihren Wohnort wechselten. Zuzug vom Land trug zum Wachstum der Städte bei. Am Beispiel der Ruhrpolen zeigt sich: Eine andere Sprache bedeutete nicht, dass jemand eine Staatsgrenze überschritten hatte.
Für eine neue Arbeit umziehen: Das konnte Einkommen bringen, aber auch ein fremdes Umfeld bedeuten. Im 19. Jahrhundert suchten viele Menschen Arbeit in Industrieregionen. Du untersuchst ihre Gründe, ihre Erfahrungen und die Grenzen von Bevölkerungszahlen.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Industrialisierung veränderte die Arbeit: In wichtigen Industriegebieten wurden stark zunehmend Arbeitskräfte gebraucht. Neue Arbeitsplätze zogen Menschen an. Auf dem Land konnten dagegen Armut und fehlende Arbeitsmöglichkeiten Menschen zum Wegziehen bewegen. Arbeitsmigration bedeutet, dass Menschen ihren Wohnort wechseln, um eine Arbeit aufzunehmen.
Die Wanderung vom Land in die Stadt wird auch Landflucht genannt. Sie trug dazu bei, dass Städte wuchsen. Urbanisierung bedeutet jedoch mehr als größere Städte: Auch städtische Lebensweisen breiteten sich aus, etwa in ländlichen Gebieten.
Der Zusammenhang war keine feste Regel für jeden Ort. Städte wuchsen auch dort, wo Industrie nicht die wichtigste treibende Kraft war. Umgekehrt brauchte erfolgreiche Industrialisierung nicht unbedingt schon einen hohen Anteil an Stadtbewohnern.
Wachsende Städte brachten neue Aufgaben mit sich. Im Europa des 19. Jahrhunderts vergrößerte sich mit den Städten auch die Abwassermenge. Damit stieg die Gefahr ansteckender Krankheiten. Leitungen zur Ableitung von Abwasser und eine zentrale Wasserversorgung wurden nötig.
Definition
Migration
Migration ist die Verlagerung des Lebensmittelpunktes für einen längeren Aufenthalt. Einzelne Menschen, Familien oder größere Gruppen können umziehen. Das kann freiwillig oder erzwungen geschehen.
Beispiel: Stadtwachstum und Abwasser
- 1In Europas wachsenden Städten des 19. Jahrhunderts nahm die Abwassermenge zu.
- 2Dadurch stieg die Gefahr ansteckender Krankheiten.
- 3Ein Netz von Abwasserleitungen und eine zentrale Wasserversorgung wurden nötig.
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Bei Binnenmigration wechseln Menschen ihren Wohnort innerhalb eines Staates. Bei grenzüberschreitender Arbeitsmigration ziehen sie über eine Staatsgrenze, um anderswo zu arbeiten. Entscheidend ist die Grenze zur Zeit der Wanderung, nicht die Sprache der Menschen.
Das zeigt das Beispiel der Ruhrpolen. Dieser Name bezeichnet Polen sowie Masuren und Kaschuben und ihre Nachfahren. Masuren und Kaschuben sind hier Bezeichnungen für Gruppen, zu denen eigene Regionalsprachen gehörten. Seit etwa 1870 zogen Menschen dieser Gruppen teils mit ihren Familien aus den Ostprovinzen Preußens ins ebenfalls preußische Ruhrgebiet. Preußen war der Staat, zu dem beide Gebiete gehörten. Diese Wanderung war Binnenmigration.
Nicht jede polnische Arbeitskraft kam aber aus einem Gebiet desselben Staates. In den Industrieregionen des Deutschen Reiches stammten Ende des 19. Jahrhunderts nur Teile der polnischen Zuwanderer aus dessen Ostgebieten. Andere Arbeitskräfte kamen aus dem östlichen Ausland. Eine polnische Sprache allein verrät deshalb nicht, welche Wanderungsform vorlag.
Ein anderes Beispiel für einen Weg über Staatsgrenzen ist die spätere Weiterwanderung: Ein Drittel der Ruhrpolen zog im Laufe der 1920er Jahre in die nordfranzösischen Kohlereviere von Lille und Lens. Kohlereviere sind Gebiete, in denen Kohle abgebaut wird.
Merke: Prüfe Herkunft, Ziel und damalige Staatsgrenze. Eine andere Sprache macht aus Binnenmigration keine grenzüberschreitende Wanderung.
| Wanderungsform | Entscheidendes Merkmal |
|---|---|
| Binnenmigration | Der Wohnortwechsel bleibt innerhalb eines Staates. |
| Grenzüberschreitende Arbeitsmigration | Für die Aufnahme einer Arbeit wird eine Staatsgrenze überschritten. |
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Im Ruhrgebiet stieg während der Industrialisierung der Bedarf an Arbeitskräften stark. Neue Industriearbeitsplätze zogen Menschen an. Armut und oft auch die Abhängigkeit von großen Landbesitzern drängten dagegen Menschen aus ihren Herkunftsgebieten fort. Die Ruhrpolen arbeiteten im Ruhrgebiet meist als Bergleute. Die Unternehmer konnten durch die Zuwanderung ihren stark gestiegenen Bedarf an Arbeitskräften im Kohlebergbau decken.
Die deutsche Arbeiterschaft nahm die Ruhrpolen wegen ihrer ungewohnten Sprache und ihres zum Teil streng katholischen Glaubens als fremd wahr. Katholisch und evangelisch bezeichnen unterschiedliche christliche Glaubensrichtungen. Die Polen entwickelten eigene Gemeinschaften von Arbeitern, besonders in Essen, Dortmund und Bochum. Gelsenkirchen wurde dagegen ein Zentrum der evangelischen Masuren. Diese grenzten sich bewusst von den Polen ab. Der Sammelname Ruhrpolen darf solche Unterschiede nicht verdecken.
Die Zuwanderer gestalteten ihr Leben mit. Ab 1890 bestand die Arbeiterzeitung „Wiarus Polski“. Ab 1902 gab es die polnische Gewerkschaft „Zjednoczenie Zawodowe Polskie“. Eine Gewerkschaft ist ein Zusammenschluss, mit dem Arbeiter gemeinsame Interessen vertreten. Auch eine Polnische Arbeiterbank entstand.
Diese Angaben zeigen Gründe der Wanderung, die Wahrnehmung als fremd und den Aufbau eigener Einrichtungen. Sie sagen aber nicht, wie jeder einzelne Zuwanderer dachte oder fühlte. Ein persönlich überlieferter Bericht eines Ruhrpolen liegt für diese Erklärung nicht vor.
| Bereich | Bedeutung für die Wanderung |
|---|---|
| Gründe zum Wegziehen | Armut und oft Abhängigkeit von großen Landbesitzern |
| Gründe für das Ziel | Neue Industriearbeitsplätze im Ruhrgebiet |
| Erfahrungen und Folgen | Wahrnehmung als fremd; Aufbau eigener Gemeinschaften und Einrichtungen |
Merke: Die Ruhrpolen waren keine einheitliche Gruppe. Sie erlebten Abgrenzung und bauten zugleich eigene Einrichtungen auf.
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Zahlen helfen dir, die Größe einer Veränderung zu beschreiben. Die Gesamtbevölkerung des Ruhrgebiets stieg von etwa 375.000 um 1852 auf etwa 536.000 um 1871. Bis 1910 wuchs sie auf etwa 3 Millionen und bis um 1925 auf 3,7 Millionen. Diese Angaben zeigen starkes Bevölkerungswachstum. Sie zeigen für sich genommen nicht, welcher Anteil des Wachstums auf Zuwanderung zurückging.
Prüfe bei jeder Zahl: Für welchen Ort und welchen Zeitpunkt gilt sie? Welche Menschen werden gezählt? Eine Zahl zur Gesamtbevölkerung ist etwas anderes als eine Zahl zur Belegschaft, also zu den Beschäftigten eines Betriebs. In Bottrop stellten Migranten 1911 beispielsweise 36 Prozent der Belegschaften der Zechen. Zechen sind Bergwerksbetriebe. Die Angabe bezieht sich damit auf Beschäftigte, nicht auf alle Einwohner Bottrops.
Trenne Beobachtung und Erklärung. Die genannten Bevölkerungszahlen des Ruhrgebiets zeigen einen Anstieg. Sie schlüsseln ihn aber nicht nach Zuwanderung, Geburten, Sterbefällen oder der Aufnahme benachbarter Orte ins Stadtgebiet auf. Wie viel diese Vorgänge jeweils beitrugen, bleibt offen.
Die hier verwendeten Zahlen werden in einem Wikipedia-Artikel genannt. Zugängliche ursprüngliche Statistiken, genaue Gebietsgrenzen und Angaben darüber, wie gezählt wurde, fehlen im Material dieser Erklärung. Deshalb kannst du die Angaben auswerten, ihre Zuverlässigkeit aber damit nicht unabhängig bestätigen. Zur Prüfung historischer Angaben gehört auch die Frage, wer sie wann und zu welchem Zweck festgehalten hat.
Merke: Eine Zahl belegt nur etwas über die gezählte Gruppe, den angegebenen Ort und den genannten Zeitpunkt. Ein Anstieg allein erklärt noch nicht seine Ursachen.
| Zeitpunkt | Gesamtbevölkerung des Ruhrgebiets |
|---|---|
| um 1852 | etwa 375.000 |
| um 1871 | etwa 536.000 |
| 1910 | etwa 3 Millionen |
| um 1925 | 3,7 Millionen |
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Alles auf einen Blick
Migration und Industrialisierung
Zusammenhang
Industriearbeitsplätze zogen Menschen an; Zuzug konnte Städte wachsen lassen.
Wanderungsformen
Die damalige Staatsgrenze entscheidet, ob ein Umzug Binnenmigration war.
Ruhrpolen
Arbeitsplätze wirkten anziehend, Armut und oft Abhängigkeit von großen Landbesitzern drängten zum Wegziehen.
Erfahrungen
Die Ruhrpolen wurden als fremd wahrgenommen und bauten eigene Einrichtungen auf.
Zahlen prüfen
Ort, Zeitpunkt und gezählte Gruppe begrenzen die Aussage einer Zahl.
Beleggrenzen
Bevölkerungszahlen allein zeigen nicht, welchen Anteil Zuwanderung am Wachstum hatte.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Was belegt die Zahl zu Bottrops Zechen?
- 1Aufgabe: Prüfe, ob die Angabe zu Bottrop den Anteil der Migranten an der gesamten Stadtbevölkerung belegt.
- 2Angabe festhalten: 1911 stellten Migranten 36 Prozent der Belegschaften der Zechen in Bottrop.
- 3Gruppe bestimmen: Gezählt werden die Beschäftigten der Zechen. Gemeint sind nicht alle Einwohner der Stadt.
- 4Ergebnis formulieren: Die Zahl belegt den Anteil an den Belegschaften. Den Anteil an der Stadtbevölkerung kannst du daraus nicht ablesen.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zu den Gemeinschaften der Ruhrpolen In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage verwechselt die Glaubensrichtung. Richtig: Gelsenkirchen wurde ein Zentrum der evangelischen Masuren.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Die Wanderung aus den Ostprovinzen Preußens ins ebenfalls preußische Ruhrgebiet begann seit etwa . Die Arbeiterzeitung „Wiarus Polski“ bestand ab . In Bottrop stellten Migranten 1911 Prozent der Belegschaften der Zechen.
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