Geschichte · Klasse 9–10 · aktualisiert
Shoah: Begriff, Verlauf und Verantwortung
Du lernst, was Shoah bedeutet, wie die Verfolgung zum Massenmord ausgeweitet wurde und wie sich Verantwortung, Mitwirkung und Hilfe unterscheiden.
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Kurz gesagt
Shoah bezeichnet den Völkermord an etwa sechs Millionen europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland, seine Verbündeten und Mitwirkenden. Das hebräische Wort bedeutet Katastrophe oder Untergang. Holocaust bezeichnet denselben Völkermord.
Wie lässt sich ein Verbrechen beschreiben, ohne die einzelnen Menschen dahinter aus dem Blick zu verlieren? Du lernst Begriffe und Entscheidungen kennen, die für das Verständnis der Shoah wichtig sind. Am Leben der jüdischen Tagebuchautorin Anne Frank untersuchst du außerdem persönliche Wünsche, Verfolgung und Hilfe.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Shoah bezeichnet den Völkermord an etwa sechs Millionen europäischen Juden. Verantwortlich waren das nationalsozialistische Deutschland, seine Verbündeten und Mitwirkenden. Die Abkürzung NS steht für nationalsozialistisch.
Das Wort Shoah kommt aus dem Hebräischen und bedeutet Katastrophe oder Untergang. Es eröffnet damit einen jüdischen sprachlichen Zugang zur Benennung des Verbrechens. Holocaust bezeichnet denselben Völkermord. Dieses Wort stammt aus dem Griechischen und hatte ursprünglich eine Bedeutung im Bereich religiöser Brandopfer. Manche lehnen diese Verbindung ab: Der Mord an den europäischen Juden war kein religiöses Opfer.
Die Begriffe unterscheiden sich also in ihrer Herkunft, nicht darin, welchen Völkermord sie bezeichnen. Andere Verfolgungen durch die Nationalsozialisten müssen gesondert benannt werden. Sie werden dadurch nicht geringer geachtet.
Definition
Shoah
Hebräisch für Katastrophe oder Untergang. Der Begriff bezeichnet den Völkermord an etwa sechs Millionen europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland, seine Verbündeten und Mitwirkenden.
Merke: Shoah und Holocaust benennen denselben Völkermord. Die unterschiedliche Wortherkunft macht daraus keine unterschiedlichen Ereignisse.
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Ab 1933 grenzte die nationalsozialistische Herrschaft jüdische Menschen durch Gesetze, Boykotte und Gewalt aus. Boykotte bedeuteten hier, Geschäfte mit jüdischen Menschen zu verweigern. Die Nürnberger Gesetze von 1935 und ihre Folgeverordnungen verschärften den Entzug von Rechten. Die Entrechtung begann also nicht erst 1935.
Bei den Novemberpogromen 1938 griffen Täter im ganzen Deutschen Reich jüdische Menschen, Synagogen, Geschäfte und Wohnungen an. Synagogen sind jüdische Gotteshäuser. Die oberste NS-Führung billigte diese Gewalt. Auch Gewalt gegen jüdische Menschen hatte schon vor 1938 begonnen.
Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg in Europa. Durch die Besatzung gerieten weitere jüdische Menschen unter deutsche Herrschaft. Ab 1939/40 entstanden dort Ghettos: erzwungene, meist abgetrennte Wohnbezirke. Im Juni 1941 überfiel Deutschland einen weiteren Staat: die Sowjetunion. Nach diesem Überfall weiteten deutsche Einheiten Massenerschießungen bis zur Ermordung ganzer jüdischer Gemeinden aus.
Ab Ende 1941 betrieben die Täter eigens eingerichtete Tötungszentren. 1942 weitete sich der systematische Mord aus. Die Verbrechen dauerten bis 1945 an. Der Zeitraum 1939–1942 beschreibt also eine Eskalation während Krieg und Besatzung. Eskalation bedeutet hier eine Verschärfung und Ausweitung der Gewalt. Der Zeitraum bedeutet weder einen überall gleichen Mordbeginn 1939 noch ein Ende der Verbrechen 1942.
Diese Entwicklung beruhte auf Entscheidungen und Handlungen. Sie war nicht zwangsläufig und verlief nicht an jedem Ort in denselben Stufen.
Beispiel: Redaktionelle Auswertung: Was zeigt die Billigung der Novemberpogrome?
- 1Bei den Novemberpogromen 1938 richtete sich reichsweite Gewalt gegen jüdische Menschen und ihre Einrichtungen.
- 2Die oberste NS-Führung billigte die Gewalt.
- 3Daran lässt sich die Haltung der Führung zu diesen Angriffen erkennen. Billigung allein belegt jedoch noch nicht, wer einen einzelnen Angriff anordnete.
Merke: 1935 und 1938 markieren Verschärfungen. Entrechtung und Gewalt hatten bereits früher begonnen. Die weitere Eskalation beruhte auf Entscheidungen.
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Ghettos waren erzwungene, meist abgetrennte Wohnbezirke. Dort sperrten die Täter jüdische Menschen unter lebensgefährlichen Bedingungen ein. Ein Ghetto war damit etwas anderes als ein Konzentrationslager.
Konzentrationslager, abgekürzt KZ, dienten der Haft, dem Terror und vielfach der Zwangsarbeit. Auch dort ermordeten die Täter Menschen. Vernichtungslager, auch Tötungszentren genannt, waren auf massenhaften Mord ausgerichtet. Diese Funktionen konnten an einem Ort verbunden sein: Auschwitz verband Konzentrationslager und Tötungszentrum. Daraus folgt aber nicht, dass jedes KZ ein Vernichtungslager war.
Einsatzgruppen waren mobile Einheiten der SS, einer nationalsozialistischen Organisation, und der Polizei. Sie waren keine Lager. Diese Einheiten verübten Massenerschießungen. Daran beteiligten sich auch andere Polizeieinheiten, Teile der Wehrmacht, also der deutschen Streitkräfte, und lokale Helfer.
| Begriff | Kennzeichen |
|---|---|
| Ghetto | Erzwungener, meist abgetrennter Wohnbezirk; lebensgefährliche Bedingungen |
| Konzentrationslager | Haft, Terror und vielfach Zwangsarbeit; auch dort ermordeten Täter Menschen |
| Vernichtungslager | Tötungszentrum, das auf massenhaften Mord ausgerichtet war |
| Einsatzgruppe | Mobile Einheit von SS und Polizei, die Massenerschießungen verübte |
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Hitler und die NS-Führung trugen die zentrale politische Verantwortung. SS und Polizei organisierten und verübten Verbrechen. Ministerien, Behörden und Bahnmitarbeiter ermöglichten Deportationen, also die erzwungene Verschleppung von Menschen. Einzelne Menschen verrieten Verfolgte an Behörden oder profitierten von geraubtem Eigentum. Andere halfen Verfolgten.
Am 20. Januar 1942 stimmten Vertreter von SS, Partei und Ministerien auf der Wannsee-Konferenz die weitere Durchführung und Ausweitung des bereits begonnenen Völkermords ab. Die Konferenz war nicht dessen Beginn. Eichmann fasste die Besprechung im Protokoll zusammen. Sein Protokoll ist eine Täterquelle: Es dokumentiert die Besprechung aus der Sicht der Täter, nicht neutral das Erleben der Verfolgten.
Anne Frank war eine jüdische Verfolgte, die Tagebuch und Geschichten schrieb. Nach der Flucht ihrer Familie lebte sie in Amsterdam, lernte Niederländisch, ging zur Schule und fand Freunde. Im Versteck schrieb sie weiter. Sie wollte Schriftstellerin oder Journalistin werden. Helfer versorgten die Untergetauchten. Am 4. August 1944 wurde das Versteck entdeckt. Warum die Polizei kam, ist nicht gesichert. Anne wurde deportiert und starb 1945 in Bergen-Belsen. Ihr Vater Otto veröffentlichte das Tagebuch 1947.
Annes Texte erschließen ihre persönliche Sicht. Sie sprechen nicht für alle jüdischen Menschen und berichten nicht aus eigener Anschauung über sämtliche Tatorte. Ihr Leben lässt dich außerdem zwischen eigenen Wünschen, familiären Beziehungen, Verfolgung und Hilfe unterscheiden.
Für ein Urteil über Verantwortung reicht das Wort Zuschauer nicht aus. Prüfe die konkrete Handlung, die Aufgabe eines Menschen, sein nachweisbares Wissen sowie seine Möglichkeiten und Risiken. Nicht alle wussten dasselbe. Das bedeutet weder pauschale Unschuld noch gleiche Schuld aller.
Merke: Verantwortung beurteilst du anhand konkreter Handlungen und belegten Wissens. Hilfe, Mitwirkung und politische Verantwortung sind zu unterscheiden.
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Alles auf einen Blick
Shoah
Begriffe
Shoah und Holocaust bezeichnen denselben Völkermord an etwa sechs Millionen europäischen Juden.
Eskalation
Ausgrenzung und Gewalt setzten ab 1933 ein. Entscheidungen verschärften die Verfolgung; die Verbrechen dauerten bis 1945.
Unterschiede
Ghettos, Konzentrationslager und Tötungszentren hatten unterschiedliche Funktionen. Einsatzgruppen waren mobile Einheiten.
Verantwortung
Politische Führung, Organisation, Mitwirkung und Hilfe müssen anhand konkreter Handlungen unterschieden werden.
Persönliche Perspektive
Anne Franks Leben und Schreiben zeigen einen einzelnen Menschen. Ihre Texte stehen nicht für die Erfahrungen aller Verfolgten.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Redaktionelle Musteraufgabe: Was erschließt Anne Franks Schreiben?
- 1Ausgangspunkt: Anne Frank schrieb im Versteck Tagebuch und Geschichten. Sie wollte Schriftstellerin oder Journalistin werden.
- 2Beobachtung: Ihr Schreiben und ihr Berufswunsch zeigen eigene Interessen und Ziele. Ihr Leben lässt sich nicht auf ihre Verfolgung reduzieren.
- 3Aussagebereich bestimmen: Ihre überlieferten Texte erschließen eine persönliche Perspektive.
- 4Grenze benennen: Daraus lässt sich nicht ableiten, dass alle jüdischen Verfolgten dasselbe erlebten oder dachten.
- 5Ergebnis: Du kannst Annes Leben als individuelles Leben würdigen und zugleich die begrenzte Reichweite ihrer Texte beachten.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zum Protokoll der Wannsee-Konferenz In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3Die letzte Aussage verwechselt die Perspektiven. Richtig: Das Protokoll dokumentiert die Besprechung aus der Sicht der Täter. Es ist eine Täterquelle und kein neutraler Bericht über das Erleben der Verfolgten.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September begann der Zweite Weltkrieg in Europa. Auf die Sowjetunion erfolgte der deutsche Überfall im Juni . Otto Frank veröffentlichte das Tagebuch seiner Tochter im Jahr .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback