Geschichte · Klasse 9–10 · aktualisiert
NS-Zwangsarbeit: System, Alltag und Folgen
Du lernst, wie NS-Zwangsarbeit funktionierte, wer Verantwortung trug und wie du Lebensbedingungen, Zahlen und spätere Aufarbeitung unterscheidest.
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Kurz gesagt
Nationalsozialistische Zwangsarbeit war Arbeit unter Zwang und Strafandrohung, der sich Betroffene nicht frei entziehen konnten. Sie diente der Ausbeutung und Verfolgung. Im Krieg wurde das System stark ausgeweitet; die Bedingungen unterschieden sich je nach Gruppe und Einsatzort.
Ob eine Arbeit bezahlt wird, sagt noch nicht, ob sie freiwillig ist. Bei der nationalsozialistischen Zwangsarbeit, kurz NS-Zwangsarbeit, konnten Menschen ihren Einsatz nicht frei ablehnen oder beenden. Du untersuchst, wie Behörden und Arbeitgeber dieses System trugen und welche Handlungsmöglichkeiten den Betroffenen blieben.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
6 Abschnitte
Bei Zwangsarbeit geht der Druck über wirtschaftliche Not hinaus: Menschen werden unter Strafandrohung zur Arbeit gezwungen. Sie können die Arbeit nicht frei ablehnen oder verlassen. Auch Menschen, die zunächst freiwillig zur Arbeit gekommen waren, durften später nicht mehr gehen.
Betroffen waren ausländische Zivilpersonen, Kriegsgefangene und Häftlinge sowie deutsche Juden und deutsche Gefangene. Zivile Zwangsarbeiter waren weder Kriegsgefangene noch Häftlinge eines Konzentrationslagers, kurz KZ. Die Zugehörigkeit zu diesen Gruppen bedeutete unterschiedliche rechtliche Bedingungen.
Zivile Zwangsarbeiter erhielten grundsätzlich Lohn. Steuern, Abzüge und zusätzliche rassistische Sonderabgaben beschränkten ihn jedoch. Eine Zahlung machte ihren Einsatz nicht freiwillig. Entscheidend bleibt, ob jemand die Arbeit ohne drohende Strafe ablehnen oder verlassen konnte.
Andere Arbeitspflichten für Deutsche, etwa der Reichsarbeitsdienst als verpflichtender Arbeitsdienst, bestanden unter anderen Bedingungen. Du darfst sie deshalb nicht mit der NS-Zwangsarbeit gleichsetzen. Für einen Vergleich musst du die rechtliche Stellung und den ausgeübten Zwang prüfen.
Definition
Zwangsarbeit
Arbeit, die unter Strafandrohung erzwungen wird und der sich die Betroffenen nicht frei entziehen können. Geldnot allein ist damit nicht gemeint.
Merke: Lohn und Freiwilligkeit sind verschiedene Fragen. Auch bezahlte Arbeit kann unter Zwang erfolgen.
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Zwangsarbeit gab es schon vor dem Zweiten Weltkrieg. Im Sommer 1933 ließ das preußische Innenministerium drei Konzentrationslager im Emsland errichten. Dort wurden vor allem politische Gegner festgehalten. Sie mussten Moore trockenlegen, also Wasser aus dem Boden ableiten. Die schwere Arbeit sollte ihren Widerstand brechen.
Im länger dauernden Krieg fehlten zunehmend Arbeitskräfte. Viele deutsche Männer waren zum Militär eingezogen worden. Anwerbung brachte nicht genügend Menschen. Besonders ab 1942 ließ das nationalsozialistische Regime deshalb massenhaft ausländische Arbeitskräfte ausbeuten, um Versorgung und Rüstungsproduktion aufrechtzuerhalten. Rüstungsproduktion bedeutet die Herstellung von Waffen und anderer militärischer Ausrüstung.
In besetzten Gebieten erfassten Arbeitsämter zusammen mit örtlichen Verwaltungen Menschen und erteilten Arbeitsbefehle. Die Wehrmacht, das deutsche Militär, und teilweise örtliche Polizei führten Zwangstransporte und Razzien durch. Bei solchen Razzien wurden Menschen auf der Straße aufgegriffen. Krieg und Arbeitskräftemangel erklären somit die starke Ausweitung, nicht den Beginn der Zwangsarbeit.
Die Einsatzorte umfassten Industrie, Bergbau, Landwirtschaft, Bauwesen, Verwaltung, Handwerk, Kirchen und Privathaushalte. Beim Bunkerbau Valentin und vergleichbaren Arbeiten dauerten Schichten zehn bis zwölf Stunden an sechs Tagen pro Woche. Diese Angabe ist keine allgemeine Höchstgrenze für sämtliche Zwangsarbeit.
Beispiel: Eine Arbeitszeitangabe zum Bunkerbau Valentin einordnen
- 1Für den Bunkerbau Valentin und vergleichbare Arbeiten sind Schichten von zehn bis zwölf Stunden an sechs Tagen pro Woche beschrieben.
- 2Die Angabe gehört zu bestimmten Arbeiten und Einsatzorten.
- 3Du kannst daraus keine allgemeine Höchstgrenze von zwölf Stunden für alle Zwangsarbeiter ableiten.
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Die Bedingungen waren nicht für alle Zwangsarbeiter gleich. Herkunft, zugewiesener Status und Arbeitsplatz beeinflussten Behandlung und Überlebenschancen. Status meint hier die rechtliche Stellung, etwa als ziviler Zwangsarbeiter, Kriegsgefangener oder KZ-Häftling. Die rassistischen Einteilungen der Nationalsozialisten waren diskriminierende Zuschreibungen, keine natürlichen Unterschiede zwischen Menschen.
KZ-Häftlinge waren der SS ausgeliefert, der nationalsozialistischen Organisation, die ihre Bewachung und ihren Arbeitseinsatz verwaltete. Die SS setzte sie Hunger, gefährlicher Arbeit und fehlender Versorgung aus. Viele Häftlinge starben unter diesen Bedingungen oder wurden von der SS ermordet.
Die Wehrmacht bewachte Kriegsgefangene. Sowjetische Kriegsgefangene, also Gefangene aus der Sowjetunion, erhielten besonders unzureichende Nahrung; sehr viele starben. Auch Krankheiten waren besonders für zur Arbeit gezwungene osteuropäische Kriegsgefangene eine tödliche Belastung. Westeuropäische Kriegsgefangene hatten günstigere Bedingungen, blieben aber unfrei.
Polnische und sowjetische zivile Zwangsarbeiter mussten diskriminierende Kennzeichen tragen. Sie lebten häufig unter strenger Bewachung und wurden schlechter versorgt als viele westeuropäische Arbeitskräfte. Auf einem Hof oder in einem Haushalt hing die Behandlung stark von den verantwortlichen Menschen ab. Es gab also keinen einheitlichen Lageralltag.
Trotz der Überwachung versuchten Betroffene, zusätzlich Nahrung zu beschaffen, zu fliehen oder Widerstand zu leisten. Diese Handlungen zeigen begrenzte Möglichkeiten, auf die eigene Lage einzuwirken. Sie heben den Zwang nicht auf.
Merke: Günstigere Bedingungen bedeuteten keine Freiheit. Vergleiche Herkunft, rechtliche Stellung und Einsatzort, ohne das Leid von Menschen in eine Rangfolge zu bringen.
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Das System beruhte auf unterschiedlichen Beiträgen. Arbeitsämter erfassten Menschen und verteilten sie im Deutschen Reich an Betriebe. Wehrmacht und teilweise örtliche Polizei führten Razzien und Zwangstransporte durch. Die Wehrmacht bewachte Kriegsgefangene. Die SS organisierte Unterbringung, Bewachung und Überlassung von KZ-Häftlingen an Firmen.
Betriebe beantragten Arbeitskräfte und wählten Menschen aus. Auch Landwirte suchten Deportierte, also gewaltsam verschleppte Menschen, für ihre Betriebe aus. Handwerk, Kommunen, Behörden und Haushalte forderten ebenfalls Menschen an. Kommunen sind Städte und Gemeinden. Diese Beteiligten trugen durch ihre Anforderungen Mitverantwortung.
Firmen zahlten für den Einsatz von KZ-Häftlingen an die SS. Die Häftlinge selbst erhielten keinen Lohn. Arbeitsämter konnten außerdem Lebensmittelmarken als Druckmittel einsetzen. Solche Marken berechtigten zum Erhalt von Lebensmitteln. Die Gestapo, die Geheime Staatspolizei, überwachte und verfolgte Zwangsarbeiter aus Osteuropa.
Für ein begründetes Urteil prüfst du konkrete Handlungen: Wer forderte Menschen an? Wer wählte sie aus, bewachte sie oder nutzte ihre Arbeit? So erkennst du, dass Arbeitgeber nicht bloß passive Empfänger waren. Die Rollen unterschieden sich jedoch. Aus der Beteiligung einer Institution folgt noch kein Beweis für die persönliche Schuld jedes einzelnen Mitarbeiters. Dafür brauchst du Belege zu seinem Handeln.
Merke: Beurteile Verantwortung anhand belegter Entscheidungen, Macht und Nutzen. Unterscheide die Beteiligung einer Institution von der persönlichen Schuld eines Einzelnen.
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Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, kurz EVZ, nennt für 1939–1945 schätzungsweise mehr als 13 Millionen Zwangsarbeiter im Deutschen Reich. Für besetzte beziehungsweise kontrollierte Gebiete nennt sie weitere etwa 13 Millionen. Ihre Angabe von insgesamt etwa 26 Millionen umfasst diesen größeren Raum einschließlich des Deutschen Reichs.
Die kleinere Zahl ist deshalb keine andere Schätzung für genau denselben Raum. Du musst vor einem Vergleich klären: Welches Gebiet, welcher Zeitraum und welche Gruppen sind gemeint? Wie wurde gezählt? Die bereits im größeren Gesamtwert enthaltene kleinere Zahl darfst du nicht noch einmal hinzurechnen.
Außerdem unterscheidest du einen ganzen Zeitraum von einem bestimmten Zeitpunkt. Die Betroffenen der Jahre 1939–1945 waren nicht alle gleichzeitig eingesetzt. Flucht, Tod, Verlegung und Wechsel der rechtlichen Stellung veränderten die jeweils erfassten Bestände, also die Zahl der zu einem Zeitpunkt eingesetzten Menschen.
Nach einer Veröffentlichung der Bundeszentrale für politische Bildung war im Spätsommer 1944 etwa ein Viertel der Arbeitskräfte in der gesamten deutschen Wirtschaft zur Zwangsarbeit eingesetzt. Gemeint sind die damaligen Arbeitskräfte in Deutschland beziehungsweise im Deutschen Reich. Die Angabe bezieht sich weder auf die gesamte Bevölkerung noch auf ganz Europa. Sie ist ein ungefährer Anteil zu diesem Zeitpunkt und keine Gesamtzahl für 1939–1945.
| Angabe der Stiftung EVZ | Raum | Zeitraum |
|---|---|---|
| Schätzungsweise mehr als 13 Millionen | Deutsches Reich | 1939–1945 |
| Weitere etwa 13 Millionen | Besetzte beziehungsweise kontrollierte Gebiete | 1939–1945 |
| Insgesamt etwa 26 Millionen | Deutsches Reich und besetzte beziehungsweise kontrollierte Gebiete | 1939–1945 |
Merke: Prüfe Raum, Zeitraum, Gruppen und Zählweise. Eine Angabe zu einem Zeitpunkt und eine Gesamtzahl über mehrere Jahre beantworten verschiedene Fragen.
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Das Kriegsende 1945 brachte die Befreiung von der NS-Zwangsarbeit. Manche Menschen kehrten sofort nach Hause zurück. Andere warteten fern ihrer Heimat auf Rückkehr oder Ausreise. Sie wurden als Displaced Persons bezeichnet. Sowjetische Rückkehrer konnten erneut verfolgt werden, weil man ihnen Zusammenarbeit mit Deutschland unterstellte. Befreiung bedeutete somit nicht für jeden sofortige Sicherheit.
Forderungen nach Entschädigung wurden lange zurückgewiesen. Nach wachsendem öffentlichem und rechtlichem Druck wurde 2000 die Stiftung EVZ gegründet. Ihr Auszahlungsprogramm wurde 2007 offiziell abgeschlossen. Das bedeutete weder vollständige Wiedergutmachung noch Zahlungen an sämtliche Betroffenen.
Ein anderer Schritt war das Bewahren von Lebensgeschichten: 2005–2006 wurden Interviews mit früheren Zwangsarbeitern aufgenommen. Seit Januar 2009 ist das digitale Interviewarchiv für Schulen, Gedenkstätten, Forschung und Interessierte nutzbar. Aufnahme und öffentliche Nutzung sind also zwei verschiedene Schritte.
In Interviews erzählen Menschen selbst von ihren Erfahrungen. Solche persönlichen Erinnerungen stehen nicht für die Erfahrungen aller Betroffenen. Zahlungen und das Bewahren von Erinnerungen gehören auf unterschiedliche Weise zur Aufarbeitung des Unrechts.
| Zeit | Ereignis |
|---|---|
| 1945 | Das Kriegsende bringt Befreiung von der NS-Zwangsarbeit. |
| 2000 | Die Stiftung EVZ wird gegründet. |
| 2005–2006 | Lebensgeschichtliche Interviews werden aufgenommen. |
| 2007 | Das Auszahlungsprogramm der Stiftung EVZ wird offiziell abgeschlossen. |
| Seit Januar 2009 | Das digitale Interviewarchiv ist öffentlich nutzbar. |
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Alles auf einen Blick
NS-Zwangsarbeit
Begriff
Zwang und Strafandrohung verhindern, dass Menschen ihre Arbeit frei ablehnen oder verlassen können.
Ausweitung
Der Krieg verschärfte den Arbeitskräftemangel; das Regime setzte massenhaft ausländische Arbeitskräfte unter Zwang ein.
Lebensbedingungen
Herkunft, rechtliche Stellung und Einsatzort beeinflussten Behandlung und Überlebenschancen.
Verantwortung
Behörden, Militär, Betriebe und private Arbeitgeber trugen durch unterschiedliche Handlungen zum System bei.
Zahlen
Vergleiche Gebiet, Zeitraum, Gruppen und Zählweise, bevor du Angaben gleichsetzt.
Aufarbeitung
Befreiung, Entschädigungszahlungen und das Bewahren persönlicher Erinnerungen sind unterschiedliche Schritte.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Anforderung und Zuteilung von Arbeitskräften beurteilen
- 1Aufgabe: Erkläre, warum die staatliche Zuteilung von Zwangsarbeitern Arbeitgeber nicht von Mitverantwortung entlastet.
- 2Belege sammeln: Arbeitsämter verteilten Menschen an Betriebe. Betriebe beantragten Arbeitskräfte und wählten Menschen aus; auch Landwirte suchten Deportierte für ihre Betriebe aus.
- 3Handlungen unterscheiden: Die Arbeitsämter übernahmen die Verteilung. Arbeitgeber beteiligten sich durch eigene Anforderungen und Auswahlentscheidungen.
- 4Urteil begründen: Arbeitgeber waren deshalb nicht bloß passive Empfänger. Ihre Entscheidungen trugen zum System bei.
- 5Grenze festhalten: Die persönliche Schuld eines bestimmten Menschen ist damit noch nicht bewiesen. Dafür brauchst du Belege zu seinem eigenen Handeln.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zum Einsatz von KZ-Häftlingen In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage verwechselt den Empfänger der Zahlung. Richtig: Firmen zahlten für den Einsatz von KZ-Häftlingen an die SS. Die Häftlinge selbst erhielten keinen Lohn.
Lückentext
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Während des Zweiten Weltkriegs weitete das Regime die Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte für Versorgung und Rüstungsproduktion besonders ab aus. Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft wurde gegründet. Seit Januar ist das digitale Interviewarchiv öffentlich nutzbar.
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