Geschichte · Klasse 9–10 · aktualisiert
Deportation: Bedeutung und Rolle im Nationalsozialismus
Du lernst, was Deportation bedeutet, wie NS-Behörden sie in Wien organisierten und wie du Tarnbegriffe und Zahlen kritisch prüfst.
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Kurz gesagt
Deportation bedeutet hier die staatlich organisierte, erzwungene Verschleppung an einen von Verfolgern bestimmten Ort. Im Nationalsozialismus wurden Deportationen Teil des organisierten Massenmords an den europäischen Juden.
Wer bestimmt, ob ein Mensch seinen Wohnort verlassen muss und wohin er gebracht wird? Diese Frage hilft dir, Deportation von Flucht und Exil zu unterscheiden. Am Beispiel Wiens untersuchst du Verantwortung, erzwungene Mitwirkung und die Folgen der nationalsozialistischen Verfolgung.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
5 Abschnitte
Mit Deportation ist hier eine erzwungene Verschleppung gemeint, die staatliche Stellen organisieren. Verfolger reißen Menschen aus ihrem Lebensumfeld und bestimmen den Zielort. Die Betroffenen können über Transport und Ziel nicht frei entscheiden.
Bei den nationalsozialistischen Deportationen in Wien gehörten mehrere Schritte zusammen: Menschen wurden erfasst, also ihre Angaben aufgenommen, zusammengebracht und unter Bewachung abtransportiert. Die Abkürzung NS steht für nationalsozialistisch. Dieses Beispiel erklärt einen bestimmten historischen Zusammenhang. Zweck und Ablauf waren nicht bei jeder Deportation in der Geschichte gleich.
Definition
Deportation
Hier: eine staatlich organisierte Verschleppung unter Zwang. Die Verfolger bestimmen, wohin die Menschen gebracht werden.
Merke: Prüfe, wer den Transport organisiert und wer über das Ziel entscheidet. Bei einer Deportation fehlt den Betroffenen die freie Entscheidung darüber.
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Flucht bedeutet, einer bedrohlichen Zwangslage auszuweichen, etwa Krieg oder Verfolgung. Menschen versuchen, sich aus der Gefahr zu retten. Dass sie nicht unter Bewachung abtransportiert werden, macht ihre Entscheidung noch nicht frei: Die Bedrohung kann lebensgefährlich sein.
Exil bezeichnet eine längere Trennung von der Heimat infolge von Verfolgung, Verbannung oder Vertreibung. Der Begriff beschreibt damit eine Lebenssituation außerhalb der Heimat. Flucht bezeichnet vor allem den Weg aus der Gefahr. Deportation bezeichnet dagegen die Verschleppung durch Verfolger.
Diese Begriffe schließen sich in einer Lebensgeschichte nicht aus. Ein Mensch kann zunächst vor Verfolgung fliehen und länger im Exil leben. Auch Menschen, die in anderen Ländern Zuflucht gesucht hatten, wurden später von dort deportiert. Ihr Versuch, Schutz zu finden, gehört ebenfalls zu ihrer Geschichte.
| Begriff | Was steht im Mittelpunkt? |
|---|---|
| Flucht | Der Weg aus einer bedrohlichen Zwangslage. |
| Exil | Die längere Trennung von der Heimat infolge von Verfolgung, Verbannung oder Vertreibung. |
| Deportation | Die von Verfolgern organisierte Verschleppung unter Zwang. |
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Die nationalsozialistischen Behörden nutzten Deportationen, um Verfolgte auszugrenzen, zu berauben und in Ghettos und Lager zu verschleppen. Ghettos waren hier Orte, an denen Verfolgte zwangsweise zusammenleben mussten. Deportationen wurden Teil des organisierten Massenmords an den europäischen Juden. Dieser Massenmord wird auch Shoah genannt.
Viele aus Wien Deportierte wurden über weitere Ghettos oder Lager in Vernichtungslager gebracht, also Lager zur Ermordung von Menschen. Ihre Wege konnten mehrere Transporte umfassen. Trotzdem bedeutet Deportation nicht für jeden Ort und Zeitpunkt, dass die Verfolger die Menschen unmittelbar bei der Ankunft ermordeten. Die Wege und Abläufe unterschieden sich.
Der historische Rechtsausblick reicht bis 1949: Die Londoner Charta von 1945, ein Rechtstext für den Internationalen Militärgerichtshof, führte Deportation als Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf. Artikel 6 legte dabei Bedingungen fest: Er regelte, wofür das Gericht zuständig war und welche Zusammenhänge zwischen Verbrechen bestehen mussten.
Artikel 49 des Vierten Genfer Abkommens von 1949 verbot Deportationen geschützter Personen aus besetzten Gebieten. Er regelte auch eng begrenzte Evakuierungen, also das Wegbringen von Menschen zum Schutz der Bevölkerung oder aus zwingenden militärischen Gründen. Beide Rechtstexte hatten bestimmte Anwendungsbereiche. Daraus folgt kein pauschales Rechtsurteil über jeden heutigen Fall.
Beispiel: Unterschiedliche Wege nach der Ankunft in Maly Trostinec
- 1Zu den Deportationen nach Maly Trostinec 1942 gehörten Transporte aus Wien.
- 2Nur wenige Menschen wurden für Zwangsarbeit im dortigen Lager ausgewählt.
- 3Die NS-Verfolger brachten die anderen nach der Ankunft zu einer nahe gelegenen Mordstätte und ermordeten sie.
- 4Diese Menschen durchliefen am Deportationsziel nicht erst das Zwangsarbeitslager. Daraus folgt nicht, dass sie vorher keiner Gefangenschaft oder keinem Sammellager ausgesetzt gewesen waren.
Merke: Deportationen gehörten zum nationalsozialistischen Massenmord. Die einzelnen Verfolgungswege waren dennoch nicht gleich.
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In Wien verbanden die NS-Behörden Erfassung, Zusammenbringen und bewachten Abtransport. Die örtliche Organisation lief über die Zentralstelle für jüdische Auswanderung. Übergeordnet organisierte die Abteilung mit der Bezeichnung Referat IV B-4 unter Adolf Eichmann Erfassung und Abtransport. Eichmann war damit ein verantwortlicher Organisator der Deportationen. Die Deutsche Reichsbahn übernahm Transportleistungen.
Die Israelitische Kultusgemeinde, die jüdische Gemeinde, wurde zur organisatorischen Mitarbeit gezwungen. Ihre Mitarbeiter mussten unter anderem Namen und Adressen ordnen. Diese Arbeit unter Zwang darfst du nicht mit der Verantwortung der NS-Behörden und der Transportorganisationen gleichsetzen.
Vom Wiener Aspangbahnhof wurden zwischen Februar 1941 und Oktober 1942 insgesamt 45.451 jüdische Menschen in 45 Transporten deportiert. Darunter waren Menschen aus anderen österreichischen Regionen, die zuvor nach Wien gezwungen worden waren. Diese Angabe erfasst einen Bahnhof und einen bestimmten Zeitraum. Sie ist keine Gesamtzahl der österreichischen Opfer der Shoah.
Ein Schema kann Erfassung, Zusammenbringen, Transport, Lager und Weiterdeportation als mögliche Stationen eines NS-Verfolgungswegs verbinden. So ist auch die Bildkette zu verstehen: Sie zeigt keine für alle Menschen gleiche Abfolge. Nicht jeder durchlief jede Station oder wurde weiterdeportiert. Das zeigt etwa der zuvor erklärte Fall Maly Trostinec. Das Wiener Beispiel steht außerdem nicht für alle Deportationen der Geschichte.
| Beteiligte | Aufgabe oder Rolle |
|---|---|
| Referat IV B-4 unter Adolf Eichmann | Übergeordnete Organisation von Erfassung und Abtransport. |
| Zentralstelle für jüdische Auswanderung | Organisation in Wien. |
| Deutsche Reichsbahn | Transportleistungen. |
| Mitarbeiter der Israelitischen Kultusgemeinde | Unter Zwang organisatorische Arbeit, darunter das Ordnen von Namen und Adressen. |
Merke: Unterscheide die Verantwortung der NS-Organisatoren von der erzwungenen Mitarbeit der Verfolgten.
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Die NS-Verwaltung verwendete Wörter wie „Evakuierung“ und „Aussiedlung“, um Deportation und Ermordung zu verschleiern. Solche Tarnbegriffe sind keine sachlichen Beschreibungen der Verbrechen. Ein Wort in einem Dokument der Täter beweist deshalb keine Schutzmaßnahme. Prüfe mithilfe weiterer Belege, was geschah, welcher Zwang bestand und wohin die Menschen gebracht wurden.
Bei Zahlen fragst du: Wer wird gezählt, für welchen Ort und für welchen Zeitraum? Die 45.451 vom Aspangbahnhof Deportierten beziehen sich auf Februar 1941 bis Oktober 1942. Diese Zahl darfst du nicht als Gesamtzahl aller österreichischen Opfer der Shoah verwenden.
Das Wien Geschichte Wiki nennt nach den Erhebungen von Jonny Moser, auf dessen Zählung die Angabe beruht, 48.953 Deportierte und darunter 1.734 Überlebende für 1939–1945. Der Artikel „Deportation“ bezieht diese Zahlen auf das Gebiet, das die Nationalsozialisten „Ostmark“ nannten. Diese Bezeichnung ist ein NS-Begriff.
Für die österreichischen Opfer der Shoah insgesamt nennt das Wien Geschichte Wiki mehr als 66.000 Menschen. Dazu zählen auch Menschen, die zuvor in andere Länder geflohen waren und von dort deportiert wurden. Die Angaben betreffen also unterschiedliche Personengruppen, Orte und Zeiträume. Verschiedene Zahlen sind deshalb nicht schon ein Widerspruch. Du musst zunächst ihre Bezugsgruppen prüfen.
Definition
Bezugsgruppe
Die Gruppe von Menschen, auf die sich eine Zahl bezieht. Für einen Vergleich musst du außerdem Ort, Zeitraum und das gezählte Merkmal beachten.
Merke: Übernimm weder Tarnsprache noch Zahlen ohne Prüfung. Frage nach dem tatsächlichen Vorgang und danach, wen eine Zahl erfasst.
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Alles auf einen Blick
Deportation
Merkmale
Deportation bedeutet hier staatlich organisierte Verschleppung unter Zwang an einen von Verfolgern bestimmten Ort.
Abgrenzung
Flucht beschreibt vor allem den Weg aus der Gefahr, Exil die längere Trennung von der Heimat infolge von Verfolgung, Verbannung oder Vertreibung.
Nationalsozialismus
Deportationen wurden Teil des organisierten Massenmords an den europäischen Juden; die einzelnen Verfolgungswege unterschieden sich.
Verantwortung
Erzwungene organisatorische Mitarbeit der Verfolgten ist von der Verantwortung der NS-Behörden und Transportorganisationen zu unterscheiden.
Kritische Prüfung
Tarnbegriffe verschleiern Verbrechen. Zahlen sind nur mit ihrer Bezugsgruppe, ihrem Ort und ihrem Zeitraum sinnvoll einzuordnen.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Die erzwungene Mitarbeit der jüdischen Gemeinde einordnen
- 1Aufgabe: Erkläre, warum das Ordnen von Namen und Adressen durch Mitarbeiter der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien keine freie Mitentscheidung über Deportationen belegt.
- 2Tätigkeit feststellen: Die Mitarbeiter mussten Namen und Adressen ordnen und weitere organisatorische Arbeiten übernehmen.
- 3Bedingung beachten: Sie erledigten diese Arbeit unter Zwang. Die Tätigkeit allein sagt deshalb nichts über eine freie Zustimmung aus.
- 4Verantwortung zuordnen: Die Organisation lag bei den NS-Behörden; die Reichsbahn stellte Transportleistungen bereit.
- 5Ergebnis formulieren: Erzwungene Mitarbeit der Verfolgten darf nicht mit der Verantwortung der Organisatoren gleichgesetzt werden.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zum historischen Rechtsausblick In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die Jahreszahl des Vierten Genfer Abkommens wurde mit derjenigen der Londoner Charta verwechselt. Richtig: Das Vierte Genfer Abkommen stammt von 1949.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Bei der staatlich organisierten Verschleppung bestimmten die den Zielort. Eine längere Trennung von der Heimat infolge von Verfolgung bezeichnet . Die örtliche Organisation der Deportationen in Wien lief über die .
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