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Tokenismus
Tokenismus (englisch tokenism, von token „Zeichen, Symbol, Spielstein“) bezeichnet kritisch eine Praxis, bei der nur symbolische Anstrengungen unternommen …
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Bedeutung und Zweck
Tokenismus bezeichnet kritisch eine Praxis, bei der lediglich symbolische Anstrengungen zur Gleichstellung gesellschaftlich marginalisierter Gruppen unternommen werden, etwa von Frauen, Migranten, Homosexuellen oder wohnungslosen Menschen. Dies kann Beruf, Politik, Kultur oder Vereinsleben betreffen.
Einzelne formal gleichberechtigte Personen aus einer Minderheit dienen dabei als Tokens: als sichtbare „Aushängeschilder“, Spielsteine oder moralische Feigenblätter. Nach außen soll ihre Stellung Fairness und Chancengleichheit belegen; dem Großteil der jeweiligen Minderheit bleibt Gleichbehandlung jedoch weiterhin vorenthalten. Beispiele für solche Bezeichnungen sind „Quotenschwarze“ beziehungsweise token black person oder ein token character im „weiß“ dominierten Hollywood-Mainstreamkino.
Merkmale in Organisationen
Tokenismus beziehungsweise Feigenblattpolitik zielt nicht auf eine grundsätzliche soziopolitische Gleichstellung benachteiligter Gruppen. Nach diesem Ansatz können gezielte Einzelmaßnahmen vielmehr fortbestehende Diskriminierungsmechanismen verdecken und damit aufrechterhalten. Teilweise werden nur Mindestvorgaben von Antidiskriminierungsgesetzen erfüllt.
Der Theorieansatz setzt die bewusste oder unbewusste Mitwirkung von Minderheitenvertretern voraus. Ein Token wird in eine exponierte Position gehoben und verdankt diese demnach einseitiger Bevorzugung, etwa durch Quotenregelung oder positive Diskriminierung, nicht primär eigener Qualifikation im Sinn der Bestenauslese. Als Quotenfrau oder Alibimigrant kann die Person dadurch die Diskriminierung in Arbeitsstätte, Verein oder Partei verschleiern. Besetzt sie möglicherweise besonders angepasst eine strategisch wichtige Position, etwa in der Organisationsleitung, kann dort mutmaßlich kein anderer, eventuell kritischerer Minderheitenvertreter mehr tätig werden. Verwiesen wird dabei auf das Onkel-Tom-Syndrom.
Im Deutschen ist „Tokenismus“ bislang kaum etabliert. Fragen zu Minderheiten in Organisationen werden auch unter Diversity Management, dem Management der Vielfalt, behandelt.
Kanter: Sichtbarkeit und Organisationsstrukturen
Die Soziologin Rosabeth Moss Kanter untersuchte in den 1970er Jahren in Men and Women of the Corporation die Geschlechterverhältnisse eines US-amerikanischen Industrieunternehmens. Sie verwendete Token für Angehörige von Minderheiten.
Weibliche tokens in männlich dominierten Bereichen werden einerseits besonders genau beobachtet; diese Sichtbarkeit führt dazu, dass sie als exemplarisch für Frauen allgemein gelten. Andererseits arbeiten sie häufiger auf Stellen mit geringeren Aufstiegschancen (advancement prospects). Kanter erklärt dies nicht durch individuelle Eigenschaften, sondern durch Organisationsstrukturen: Machtstrukturen, Möglichkeitsstrukturen (opportunity structure) und die Anzahl der Minderheitsangehörigen (numbers) sind ausschlaggebend. Außerdem benennt sie Probleme der Assimilation durch antagonistische Anforderungen und der Polarisierung durch geschlechtshomogene Allianzen.
Typische Fallkonstellationen
Fallbeispiele gab es bereits vor dem Begriff. Im Deutschen Reich konnte in sonst adeligen studentischen Corps ein pro forma zugelassener einziger Bürgerlicher als „Konzessionsschulze“ dienen. Vergleichbare Rollen werden für insgeheim konservativ ausgerichtete Presseorgane genannt, die einen sozialdemokratischen Redakteur beschäftigten, sowie für alte Regimenter mit Adelstradition, die einen bürgerlichen Offizier hatten. Solche Maßnahmen sollten nach außen soziale Offenheit zeigen, während sie soziale Exklusivität innerhalb der Organisation bewahrten.
Heute können Frauen in „Männerberufen“ oder -domänen als Quotenfrau zum Token werden; ebenso werden Körperbehinderte sowie Beschäftigte ausländischer und/oder nicht-weißer Herkunft in gehobenen Positionen genannt. Umgekehrt können Männer in „Frauenberufen“ wie Hebammen, Erzieher oder Pädagogen Tokens sein. Nach Doris Krumpholz (2004) kann diese Token-Situation für Männer auch eine Ressource sein: Ihnen werden weiterhin „männliche“ Eigenschaften wie Führungsfähigkeit und Sachlichkeit zugeschrieben. Dennoch können auch sie Vorurteilen begegnen, wenn etwa von der Berufswahl auf ihre Sexualität geschlossen wird.