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Stimmbildung
In der Musik ist die Stimmbildung sehr wichtig, da ohne jegliche Übung die Stimmbänder beschädigt werden könnten. Eine gesunde Sprech- bzw. Gesangstechnik kann …
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Bedeutung und Ziele der Stimmbildung
Stimmbildung ist die Ausbildung der Stimme zum Sprechen und Singen. Sie dient erstens einer gesunden, physiologisch effektiven, also funktionellen Stimmnutzung: Damit sollen Krankheiten und Stimmschäden verhindert werden. Zweitens bildet sie professionelle Sprech- und Gesangsstimmen aus. Besonders in der Musik ist Übung wichtig, weil Stimmbänder ohne passende Technik beschädigt werden können.
Eine gesunde Technik kann Stimmschäden vorbeugen. Nach Giulio Panconcelli-Calzia wird eine „gute“ Stimme nur mit der für die Leistung nötigen Muskulatur gebildet. Sie ist frei von Nebengeräuschen und Fehlspannungen, kann in jeder Höhe kräftig oder leise klingen und ist weittragend, resonanzreich, weich und anstrengungslos. Die Sprechstimme soll sich an physiologischer Nutzung orientieren. Was als ästhetisch empfunden wird, hängt jedoch vom Kulturkreis und zeitlichen Modeerscheinungen ab.
Stimmbildung betrachtet die Stimme als Ausdruck der Persönlichkeit. Einzelne Funktionen wie Atmung oder die passende Sprechstimmlage werden gezielt geübt, aber stets wieder in den gesamten Zusammenhang von Kommunikation gestellt.
Atmung und passende Sprechlage
Atmung, Stimmerzeugung (Phonation) und Artikulation hängen eng zusammen. Phonation bedeutet die Erzeugung von Stimme durch schwingende Stimmlippen. Ein wichtiges Ziel ist deshalb ein lebendiges Zusammenspiel zwischen Atmung und Tätigkeit des Kehlkopfs.
Jeder Mensch besitzt eine eigene Tonhöhe, in der er leicht und mühelos sprechen kann: die Sprechstimmlage oder Indifferenzlage. Normalerweise kehrt die Stimme immer wieder dorthin zurück. Wird diese Lage dauerhaft verlassen, kann sich die Stimme im Extremfall überschlagen. Anspannungen, Belastung und Heiserkeit können folgen; dies ermüdet sowohl Sprechende als auch Zuhörende. Beim Sprechen sollte die Stimme deshalb entsprechend der Sprechmelodie um die Indifferenzlage pendeln.
Resonanz, Stimmeinsatz und Stimmende
Die oberhalb der Stimmlippen liegenden Räume heißen Vokaltrakt, Ansatzrohr oder Artikulations- beziehungsweise Resonanzräume. Dazu gehören Kehlkopfventrikel, Taschenfalten, Kehlkopfeingang, Rachen, Mundhöhle und Nasenhaupthöhle. Als zusammenhängende Hohlräume können sie Anteile des Primärschalls von den Stimmlippen verstärken oder abschwächen. So entstehen verschiedene Vokal- und Klangfarben. Entscheidend sind die anatomischen Voraussetzungen, die individuelle Auskleidung mit Bindegewebe, Muskeln und Schleimhaut sowie die Flexibilität dieser Räume.
Der Stimmeinsatz ist der Moment, in dem die Stimmlippen in den Phonationszustand übergehen. Die Übergänge zwischen drei Kategorien sind fließend. Beim behauchten Einsatz beginnt die Luftströmung vor dem Glottisschluss; dies ist beim Wortbeginn mit h physiologisch. Beim weichen Einsatz liegen die Stimmlippen ohne Druck mit einem kleinen elliptischen Spalt aneinander. Durch ihren Schluss und steigenden Anblasedruck nehmen die Schwingungen gleichmäßig zu. Beim festen Einsatz liegen die Stimmlippen vor der Schwingung leicht angespannt aneinander und werden durch einen leichten subglottischen Druckanstieg geöffnet. Der Glottisschlag ist in der deutschen Hochsprache bei anlautenden Vokalen charakteristisch und dort physiologisch. Besonders im klassischen Gesang gilt der weiche Einsatz als erstrebenswert. Bei gesunder Stimme und guter Technik können aber alle drei Formen bewusst als Stilmittel verwendet werden.
Der Stimmabsatz beendet die Stimmlippenschwingung. Beim weichen Absatz enden Atemstrom und Schwingung gleichzeitig, allmählich und geräuschlos; die Stimme klingt sanft aus. Dies gilt als schonendste Art des Phonationsendes. Beim festen Absatz bleibt die Glottis nach dem Ende der Schwingung kurz geschlossen und öffnet sich dann zum Einatmen. Der Abschluss ist klar, ohne Nachklingen und ohne Geräusch. Bei einem sanften Verschluss gilt auch diese Form als physiologisch.
Artikulation und Entspannung
Deutliche Artikulation verlangt eine genaue Abstimmung von Spannkraft und Beweglichkeit von Zunge, Lippen, Kiefergelenk, Gaumen und Rachenmuskulatur. Gute Konsonantenartikulation gibt der Stimme Halt, unterstützt Atmung und Stützvorgang und kann zur Entspannung sowie zur Regelung des Muskeltonus bei der Phonation beitragen.
Zur Tonusregulierung werden häufig Entspannungsübungen eingesetzt, etwa Entspannungstraining nach Jacobson, Autogenes Training, Alexander-Technik oder Eutonie. Danach wird die Muskelspannung aufgebaut, die zum Sprechen oder Singen notwendig und ausreichend ist. Besonders bewährt haben sich die Funktionelle Entspannung (FE) nach Marianne Fuchs und die von Horst Coblenzer und Franz Muhar entwickelte atemrhythmisch angepasste Phonation (AAP). Beide bauen auf natürlichen Abläufen und der Wohlspannung des Körpers auf.
Gesang, Medizin und Lehrberuf
Bei der Sprechstimmbildung steht vor allem die Funktionalität im Vordergrund. Gesangliche Stimmbildung verlangt zusätzlich klangliche Ästhetik bis hin zu Fragen der Interpretation. Wichtige musikalische Aspekte sind Vokalausgleich, Koordination der Stimmregister, Erweiterung des Stimmumfangs, Dynamik, Stimmsitz und Artikulation. Sprech- und Singstimme nutzen dieselben Organe, werden aber von unterschiedlichen Hirnregionen nerval gesteuert. Deshalb beeinflussen sie sich nur begrenzt und benötigen jeweils ein eigenes Training.
Medizinisch relevante Stimmstörungen werden in der Regel von HNO-Ärzten diagnostiziert, möglichst mit Spezialisierung auf Stimm- und Sprachstörungen beziehungsweise Phoniatrie. Dabei können Logopäden oder Klinische Sprechwissenschaftler mitwirken. Nach einer krankenkassenwirksamen Verordnung behandeln zugelassene Logopäden, Klinische Sprechwissenschaftler sowie Atem-, Sprech- und Stimmlehrer solche Störungen. Therapeutische Maßnahmen nutzen stimmbildnerische Methoden, um die Stimme wieder leistungsfähig und störungsfrei arbeiten zu lassen und Rückfälle zu vermeiden. Bei Singstimmstörungen kann ein kundiger Gesangspädagoge oder Gesangsstimmbildner hinzugezogen werden; ausdrücklich ausgebildete Singstimmtherapeuten gibt es jedoch nicht.
Der Lehrerberuf beansprucht die Stimme stark. Unterricht soll daher Überbelastung vermeiden, zugleich brauchen Lehrkräfte Stimmkondition und gute sprechsprachliche Kommunikationsfähigkeit. Besonders hohe Anforderungen betreffen Grundschullehrer, Kindergartenerzieher, Sportlehrer und Musiklehrer, bei denen Sprech- und Singstimme zusammenkommen. Nötig ist eine intensive Aus- oder Weiterbildung in Stimmbildung und Sprecherziehung. Weil diese an wenigen pädagogischen Ausbildungseinrichtungen verpflichtend und ausreichend intensiv angeboten wird, sind berufseinschränkende Stimmstörungen, verringerte Wirksamkeit der sprechenden Lehrerpersönlichkeit, krankheitsbedingte Fehlzeiten und teilweise Berufsunfähigkeit nicht selten. Idealerweise schulen Diplom-Sprecherzieher, Diplom-Sprechwissenschaftler, Sprecherzieher (DGSS) sowie Atem-, Sprech- und Stimmlehrer die Sprechstimme; für die Singstimme ist eine getrennte Schulung in Stimmbildung und Gesangspädagogik erforderlich.