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Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Gesangsregister

Gesangsregister bezeichnen körperliche Einstellungen beim menschlichen Gesang, die bestimmte Tonhöhen und Klangfarben hervorrufen.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Register nach dem Höreindruck
  3. 3. Register nach der Funktion des Kehlkopfs
  4. 4. Registerausgleich in der Gesangspädagogik
  5. 5. Grenzen der funktionalen Messung

Begriff und Bedeutung

Gesangsregister sind körperliche Einstellungen beim menschlichen Gesang, die bestimmte Tonhöhen und Klangfarben hervorbringen. In verschiedenen Tonhöhenbereichen kann eine unausgebildete Stimme deutlich unterschiedlich klingen; zwischen diesen Bereichen können hörbare Brüche auftreten. Im europäischen Kunstgesang gilt es als Ideal, die verschiedenen Stimmqualitäten auszugleichen und die Übergänge unmerklich zu machen. Dieser Vorgang heißt Registerausgleich.

Für die Definition und Einteilung der Register gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze:

  • Die phänomenologische oder akustische Definition beschreibt ein Register als „ein Phonationsfrequenzbereich [das heißt Stimmlagenbereich], in dem alle Töne so wahrgenommen werden, als seien sie auf ähnliche Weise entstanden und besäßen ein ähnliches Timbre“ (Sundberg, 1997). Timbre bedeutet Klangfarbe.
  • Die funktionale oder laryngeale Definition geht auf Manuel Patricio Rodríguez García zurück. Danach ist ein Register eine Serie homogener, also gleichklingender Töne, die durch einen bestimmten Mechanismus des Stimmapparates gebildet wird und sich von einer anderen gleichartigen Tonserie unterscheidet, die auf einem anderen Mechanismus beruht.

Die beiden Einteilungen müssen sich nicht decken. Außerdem enthält die phänomenologische Definition einen subjektiven Anteil, weil sie auf der Wahrnehmung beruht. Deshalb bestehen in der Registerlehre Verwirrung und unterschiedliche Auffassungen über Zahl, Art und Grenzen der Register.

Register nach dem Höreindruck

Die phänomenologische Einteilung ordnet Register vor allem nach ihrem wahrgenommenen Klang:

  • Das Strohbassregister, auch Schnarrregister oder Pulsregister, ist das tiefste Register. Es entspricht dem laryngealen Mechanismus M0 und erzeugt unterhalb von etwa 70 Hz knarrende, tiefe Geräusche. Die Schwingungen werden dort als einzelne „Pulse“ wahrgenommen. Das Register kann bei Männern und Frauen auftreten; sein Frequenzbereich wird für beide Geschlechter als ähnlich beschrieben. Im europäischen Kunstgesang ist es unüblich, kommt aber beispielsweise beim „Untertongesang“ bestimmter asiatischer Völker vor.
  • Das Bruststimmregister heißt auch Vollstimme oder Modalstimme. Beim Mann ist es das Hauptregister der mittleren Tonlage, bei der Frau das tiefste Register. Im modernen europäischen Kunstgesang wird die Bruststimme bei Frauen meist vermieden oder in der tiefsten Lage gezielt als Ausdrucksmittel verwendet. Im Pop-, Rock- und Musicalgesang wird sie häufig bewusst eingesetzt.
  • Die Mittelstimme oder voix mixte klingt wie eine Mischung aus Brust- und Falsett- beziehungsweise Kopfstimme. Sie soll beim Registerausgleich zwischen den Registern vermitteln und ist bei Frauen das Hauptregister der mittleren Tonlage.
  • Die Kopfstimme wird je nach Autor als Synonym für die Mittelstimme, für das Falsett oder als eigenes Register verstanden. Bei Männern spricht man auch von hohen, gestützten Tönen oberhalb des männlichen Passaggio. Das Passaggio ist der Übergang zwischen Brust- und Kopfstimme. Bei unausgebildeten Stimmen ist er oft deutlich hörbar; bei Sängerinnen ist er im Allgemeinen weniger ausgeprägt.
  • Das Falsett ist, abgesehen vom Pfeifregister, der höchste Stimmbereich. Bei ungeübten Männern klingt es meist hauchig und relativ schwach, ungefähr eine Oktave höher als die entsprechende Stimme. Die ausgebildete Falsettstimme des Countertenors oder Altus besitzt gute Tragfähigkeit und kann in der Tiefe durch Brust- und Kopfstimme klanglich ergänzt werden. „Fistelstimme“ wird gelegentlich als Synonym verwendet, bezeichnet in der Regel aber nur die hauchige, schwache Falsettstimme des unausgebildeten Sängers.
  • Das Pfeif- oder Flageolettregister ist das höchste Register. Es wird normalerweise für Töne ab etwa e’’’ (e3, internationale Bezeichnung E6) verwendet. In diesem Bereich sind Schwelltöne, Artikulation und Vokaldifferenzierung nicht mehr möglich. Sehr selten können auch Männer mit Pfeifstimme singen.

Register nach der Funktion des Kehlkopfs

Die funktionale Einteilung stützt sich auf physiologische Messungen, etwa Elektroglottogramme (EGG), die Öffnungs- und Schließphasen der Stimmritze messen, sowie auf die direkte stroboskopische Beobachtung der Stimmlippen. Zusätzlich werden Schallspektren und Formanten untersucht. Formanten sind besonders ausgeprägte Frequenzbereiche, die den Klang mitbestimmen.

  • In der Strohbassfunktion sind die Vocalis-Muskeln und damit die gesamten Stimmlippen kurz, dick, entspannt und geschmeidig. Die Stimmlippen öffnen sich nur sehr kurz und bleiben lange geschlossen. Dadurch entstehen tiefe, knarrende Geräusche.
  • In der Modalfunktion schwingen ebenfalls die gesamten Stimmlippen. Sie sind dick und besitzen eine vergleichsweise große vibrierende Masse und Vibrationsamplitude. Es tritt eine vertikale Phasendifferenz auf. Öffnungs- und Schließphasen sind gleichmäßiger als in der Strohbassfunktion; schließlich können die Öffnungsphasen überwiegen. Die erzeugten Töne entsprechen der Bruststimme.
  • In der Falsettfunktion sind die Stimmlippen dünn, und die Vibrationsamplitude ist deutlich geringer als in der Modalfunktion. Nur die Schleimhaut-Ränder, die Randkanten, schwingen; daher heißt diese Funktion auch Randstimme. Eine vertikale Phasendifferenz tritt nicht mehr auf. Die Öffnungsphase ist immer länger als die Schließphase, und der Stimmlippenschluss ist oft unvollständig, besonders bei behauchter Phonation. Teilweise wird zusätzlich angenommen, dass beim Übergang ins Falsett nur etwa zwei Drittel der Stimmlippen beziehungsweise ihrer Randkanten schwingen können.
  • Das Pfeifregister war bis ins 21. Jahrhundert physiologisch am wenigsten erforscht. Die frühere Annahme, die Stimmlippen seien maximal angespannt und bis auf eine kleine Restöffnung geschlossen, erwies sich als falsch. Matthias Echternach zeigte 2012 mit modernen endoskopischen Methoden, dass die Stimmlippen auch in diesen Tonhöhen schwingen, mindestens bis 1568 Hertz, dem 3-gestrichenen g. Für diese Arbeit erhielt er 2014 den European Phoniatrics Voice Award.

Ohne Strohbass- und Pfeiffunktion bleiben zwei Grundfunktionen: Modalfunktion und Falsettfunktion. Es gibt jedoch auch 3-Register-Hypothesen. Lloyd W. Hanson unterscheidet zwischen Modalfunktion und Kopfstimme eine middle voice oder mixed voice. Nach Hanson schwingt dort der Vocalismuskel nicht mehr mit, das Ligament (Stimmband) aber noch. In der Kopfstimme schwingen nur noch die Stimmbandränder. Er ordnet diesen Bereich dem Register des Countertenors zu und unterscheidet Kopfstimme und Falsett durch den unterschiedlich vollständigen Stimmbandschluss: Beim Falsett ist die Stimme dadurch hauchiger.

Wegen der uneinheitlichen Begriffe, besonders bei Falsett, Fistelstimme und Pfeifstimme, verwenden moderne Stimmforscher häufig nummerierte Bezeichnungen. Henrich et al. unterschieden bei professionellen Sängern mithilfe von EGG vier Funktionen eindeutig: m 0 entspricht der Strohbassfunktion, m I der Modalfunktion bei Frauen sowie Modalstimme und Kopfstimme bei Männern, m II der Falsettfunktion und m III der Pfeifstimme bei Frauen. Diese Einteilung entspricht einer 2-Register-Hypothese und ist derzeit in der Forschung über die Gesangsstimme gebräuchlich.

Nach Cornelius L. Reid entstehen Brust- und Falsettregister durch unterschiedliche Muskelarbeit. Das Brust- beziehungsweise Modalregister beruht auf der Dominanz der inneren Kehlkopfmuskeln bei geschlossener Stimmritze. Das Falsett beruht auf der Dominanz der außerhalb des Kehlkopfs gelegenen Stimmlippendehner, der musculi cricothyroidei, bei vollständig geöffneter Stimmritze. Diese Muskeln verlängern und verdünnen die Stimmlippen und regulieren dadurch die Tonhöhe. Weil beide Muskelgruppen unabhängig innerviert werden, kann ihr Zusammenspiel trainiert werden. Dadurch lassen sich Dicke, Länge und Spannung der Stimmlippen und damit Tonhöhe, Lautstärke und Klangfarbe beeinflussen.

Registerausgleich in der Gesangspädagogik

Beim Registerbruch kann ein Sänger nicht weich von einem Register in ein anderes wechseln. Der Übergang wird hörbar; er kann sich mit einer Überlappung im Stimmumfang oder mit einer Lücke zeigen. Der Registerausgleich soll die Übergänge verblenden. Im europäischen Kunstgesang sollen sie möglichst nicht wahrnehmbar sein; Brüche dürfen höchstens gezielt als Ausdrucksmittel eingesetzt werden. Beim Jodeln ist der rasche Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme gerade ein charakteristisches Klangmittel.

Als Ergebnis des Registerausgleichs soll ein Einheitsregister entstehen. Über die Zahl und Art der Register sowie über Lage und Ausprägung der Übergänge gibt es allerdings viele, teilweise widersprüchliche methodische Ansätze.

Der ganzheitliche Ansatz geht vom Einheitsregister aus. Dieses mischt die klanglichen Eigenschaften der verschiedenen Register von Anfang an. Ausgehend von einem mittleren, bequemen Stimmbereich wird die Mischung bis in den tiefsten und höchsten Bereich erweitert. Mit isolierten Registern soll grundsätzlich nicht gearbeitet werden, außer wenn ein bestimmter Registerklang als Ausdrucksmittel gewünscht ist.

Der funktionale Ansatz geht dagegen zunächst von mehreren Registern mit unterschiedlichen physiologischen Grundlagen aus. Diese werden getrennt entwickelt und gestärkt und anschließend zum Einheitsregister zusammengeführt. Ein bekanntes Beispiel ist Cornelius Reids Zweiregisterlehre. Reid lässt das im Gesang kaum genutzte Strohbassregister außer Betracht und ordnet das Pfeifregister als Sonderform dem Falsett zu. Nach seinem Konzept gibt es genau zwei Grundregister: Brustregister und Falsett. Sie sollen getrennt ausgebildet und danach koordinierend verbunden werden. Das Falsett soll in vielen Formen entwickelt werden, bis daraus ein sängerisch verwertbarer Klang entsteht.

Durch die Koordination verändern sich die klanglichen und dynamischen Eigenschaften beider Register. Aus dem Brustregister wird die Bruststimme, aus dem Falsett die Kopfstimme. Zusammen bilden sie die „Voce integra“ des lyrischen Gesangs. Der Registerwechsel, bei Reid „Ponticello“ genannt, soll idealerweise kein Bruch sein, sondern ein stufenweises Umschalten von der Dominanz des einen Mechanismus zur Dominanz des anderen. Reid definiert das isolierte Brustregister vom tiefsten produzierbaren Ton bis zu e´ und das isolierte Falsett von h bis h´; diese Angaben gelten nach ihm unabhängig von Geschlecht oder Stimmfach.

Grenzen der funktionalen Messung

Die EGG-Studie von Henrich konnte Modalstimme und Kopfstimme nicht unterscheiden. Die Methode misst nur Öffnungs- und Schließphasen der Stimmritze und erlaubt keine ausreichenden Aussagen darüber, welche Muskelsysteme beteiligt sind.

In einer Folgestudie von Castellengo et al. sangen mehrere professionelle Sänger unterschiedlicher Stimmlagen in dem Bereich, in dem sie nach eigener Aussage ihre Mittelstimme verwendeten. Die EGG-Messungen zeigten auch dort ausschließlich die Mechanismen m I und m II, also Modalfunktion beziehungsweise Falsettfunktion. Danach ist die Mittelstimme wahrscheinlich kein physiologisch eigenes Register.

Die Mischung entsteht vermutlich nicht durch eine eigene laryngeale Einstellung, sondern durch Atemführung, die Einstellung der Klangintensität und die Veränderung des Klangspektrums mithilfe unterschiedlicher Resonanzen, insbesondere durch die Ausbildung des Sängerformanten. Sänger lernen offenbar, mit dem jeweils einen Register Eigenschaften des jeweils anderen zu imitieren. Dadurch nähern sich beide Register im Höreindruck in der Mittelstimme an, obwohl auf der Ebene der Kehlkopffunktion weiterhin nur Modal- und Falsettfunktion nachweisbar sind.

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