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Stieffamilie

Stieffamilie. Familie, bei der ein Elternteil ein Kind aus einer früheren Beziehung mitbringt. Artikel · Diskussion.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Bedeutung
  2. 2. Verbreitung in Deutschland
  3. 3. Beteiligte und rechtliche Beziehungen
  4. 4. Entstehung und Formen
  5. 5. Verwandte Begriffe
  6. 6. Psychosoziale Probleme

Grundbegriff und Bedeutung

Eine Stieffamilie oder Patchworkfamilie ist eine Familie, in der mindestens ein Elternteil ein Kind aus einer früheren Beziehung in eine neue Familie mitbringt. Der Ausdruck „Patchworkfamilie“ wird auch für nichteheliche Lebensgemeinschaften und Familien mit Pflegekindern verwendet. Wichtig ist dabei, dass Familie hier nicht nur über Ehe oder biologische Abstammung verstanden wird, sondern auch über das tatsächliche Zusammenleben und die soziale Rolle der Beteiligten.

Für eine Untersuchung des Familienministeriums wurde eine Stieffamilie so definiert: Eine Stieffamilie liegt vor, „wenn ein Kind (unter 18 Jahren) bei einem leiblichen Elternteil lebt und mindestens einer der leiblichen Elternteile eine neue Partnerschaft eingegangen ist“. Diese Definition vermeidet bewusst die Einschränkung auf verheiratete Paare, weil heutige Familienformen vielfältiger sind.

Verbreitung in Deutschland

In Deutschland waren 13,6 % der Haushalte mit Kindern unter 18 Jahren Stieffamilien; etwa 10,9 % der Kinder unter 18 Jahren lebten in Stieffamilien (Stand 2005). Damit ist die Stieffamilie nach der Kernfamilie und der Ein-Eltern-Familie, also der Familie Alleinerziehender, der dritthäufigste Familientyp. In Ein-Eltern-Familien lebten 16 % der Kinder unter 18 Jahren.

Beteiligte und rechtliche Beziehungen

Die neu hinzukommenden Familienangehörigen werden meist mit der Vorsilbe „Stief-“ bezeichnet: Stiefmutter, Stiefvater, in der Schweizer Rechtssprache auch „Stiefelter“, außerdem Stiefschwester, Stiefbruder oder Stiefgeschwister. Diese Bezeichnungen beziehen sich immer auf die Stiefkinder.

Im Rechtssinn sind diese Personen nicht automatisch mit dem Kind verwandt. Wenn das Stiefverhältnis durch Eheschließung entsteht, sind Stiefeltern mit ihrem Stiefkind lediglich verschwägert. Andere Stiefangehörige, auch Stiefgeschwister, sind mit dem Kind weder verwandt noch verschwägert. Bei eingetragenen Lebenspartnerschaften kann nach § 11 Lebenspartnerschaftsgesetz ebenfalls Schwägerschaft entstehen. In Deutschland können Stiefkinder außerdem die Beiträge zur Pflegeversicherung eines nicht-leiblichen Elternteils ohne eigene Kinder mindern (§ 25 und § 55 SGB XI).

Das Familiennetzwerk kann kompliziert werden: In einer neuen Familie können Kinder beider Partner aus früheren Beziehungen leben, und durch gemeinsame Kinder des neuen Paares können Halbgeschwister hinzukommen. Dadurch entstehen komplexe Beziehungen und mögliche Zuordnungskonflikte, etwa bei der Frage, ob die Eltern eines Stiefelternteils als Großeltern bezeichnet werden.

Entstehung und Formen

Stieffamilien gab es auch früher häufig, weil die Lebenserwartung niedriger war, Frauen bei der Geburt eines Kindes starben oder Männer im Krieg fielen. Witwen oder Witwer mit Kindern heirateten dann erneut. Im 20. Jahrhundert wurden Ehescheidungen häufiger und zum Hauptgrund für die Entstehung von Stieffamilien.

Nach Robinson lassen sich Stieffamilien nach dem Motiv der neuen Eheschließung einteilen. „Legitimierende Stieffamilien“ entstehen, um einem unehelichen Kind „einen Vater zu geben“. „Wiederbelebte Stieffamilien“ entstehen durch Wiederheirat nach dem Tod eines Elternteils. „Wiederversammelte Stieffamilien“ entstehen durch Wiederheirat nach Scheidung. Dabei werden als Untergruppen genannt: „Liebesheirat“ („Love Match“), wenn der Stiefelternteil der Scheidungsgrund war und es keine Zwischenphase des Alleinerziehens gab; „Freie Wahl“ („Free Choice“), wenn eine Phase des Alleinerziehens vorausging; und „Erleichterung“ („Convenience“), wenn die Heirat eher aus sachlichen Gründen erfolgte, etwa weil ein „Ernährer“ oder eine „Mutter“ gesucht wurde. „Zusammengesetzte Stieffamilien“ sind Familien, in denen beide Partner Kinder aus früheren Beziehungen mitbringen.

Verwandte Begriffe

Der Begriff „Patchworkfamilie“ wurde laut Gesellschaft für deutsche Sprache 1990 erstmals von der Übersetzerin Margaret Minker in der deutschen Übersetzung eines US-amerikanischen Beratungsführers von Anne Bernstein verwendet. Inhaltlich ist „Patchworkfamilie“ oft weiter gefasst als „Stieffamilie“ und wird auch als Ausdruck für gesellschaftlichen Wandel benutzt. Die Wörter „Mischfamilie“ und „Patchwork-Familie“ werden häufig als Synonyme zu Stieffamilie verwendet, obwohl nicht immer eine eigentliche Stief-Beziehung vorliegen muss.

Eine „rekonstruierte Familie“ bezeichnet eine Kernfamilie, die nach dem Verlust eines Elternteils durch Tod, Trennung oder Wegzug durch eine neue Paarbeziehung wiederhergestellt wurde. Sie gilt als Untergruppe der Stieffamilie und ist soziologisch auf eine mononukleare Familie beschränkt. Eine mononukleare Familie hat einen Haushalt, in dem alle Familienmitglieder ihren Lebensmittelpunkt haben.

Eine „zusammengesetzte Familie“ wird oft verwendet, um negative Assoziationen des Wortes „Stief-“ zu vermeiden. Der Begriff geht aber über die Stieffamilie hinaus, weil er auch Pflege-, Adoptiv- oder gleichgeschlechtliche Familienformen mit Kindern umfassen kann. Bei einer bi- oder multinuklearen Familie leben die wichtigen Mitglieder des Familiensystems in zwei oder mehr Haushalten. Ein Beispiel ist eine Stieffamilie nach Scheidung, bei der ein Kind zwischen mehreren familiären Zentren steht. In besonders komplexen Fällen können Mutter mit Stiefvater, Vater mit Stiefmutter und zusätzlich Pflegeeltern beteiligt sein.

Psychosoziale Probleme

In Stieffamilien können besondere soziale und rechtliche Schwierigkeiten entstehen. Häufig müssen sich die Partner auf gemeinsame Erziehungsregeln einigen, die von Kindern aus unterschiedlichen Herkunftsfamilien akzeptiert werden. Viele Gesetze und Gebräuche sind weiterhin eher auf Familien ausgerichtet, die durch Ehe und Abstammung geprägt sind. Probleme können daher zum Beispiel im Adoptionsrecht, Erbrecht, Sorgerecht, Umgangsrecht, bei Namensregelungen und beim gesellschaftlichen Ansehen auftreten.

Für die Mutter einer Stieffamilie können die Anforderungen besonders hoch sein. Laut Artikel verbringen Kinder zwar 90 % ihrer Zeit bei der Mutter, halten aber meist weiter Kontakt zum leiblichen Vater. Das kann die Beziehungen zwischen Mutter und Kind sowie zwischen Vater und Kind für alle Beteiligten schwieriger machen.

Anthony Giddens beschreibt, dass Adoption in Stieffamilien häufig vorkommt: Ein Drittel aller US-amerikanischen Adoptionen seien Adoptionen von Stiefkindern durch Stiefeltern. Dadurch könne ein Elternteil die fehlende biologische Bindung rechtlich ausgleichen; im Alltag erleichtere dies besonders Sorgerecht und Umgangsrecht. Gleichzeitig könne ein abwesender Elternteil durch Gespräche, Wochenendbesuche und gemeinsame Zeit weiterhin großen Einfluss auf das Kind behalten und das Zusammenwachsen der neuen Familie erschweren.

Eine Studie des U.S. Department of Health and Human Services zu Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern ergab für die USA, dass emotionale, körperliche und sexuelle Misshandlung bei Kindern in Stieffamilien deutlich häufiger vorkamen als bei Kindern, die mit ihren verheirateten leiblichen Eltern aufwachsen. Die häufigsten Misshandlungen gab es bei Kindern, die mit einem Elternteil und dessen nicht verwandtem Partner zusammenleben. Körperliche, emotionale und schulische Vernachlässigung waren bei Kindern in US-amerikanischen Stieffamilien ebenfalls häufiger als bei Kindern verheirateter leiblicher Eltern, aber weniger häufig als in einigen anderen Familienformen. Die Beteiligung mindestens eines Großelternteils an der Erziehung konnte in einigen Fällen mit seltenerem Vorkommen von Misshandlungen verbunden sein. Auch die Kinderzahl spielte eine Rolle: Kinder mit einem oder zwei Geschwistern waren seltener betroffen als Einzelkinder, Einzelkinder wiederum seltener als Kinder in Familien mit vier oder mehr Kindern.

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