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Stelenweg Bochum

Der Stelenweg „Jüdisches Leben in Bochum und Wattenscheid“ ist ein seit 2010 umgesetztes Projekt der Evangelischen Stadtakademie Bochum zur …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Zweck und Entstehung des Stelenwegs
  2. 2. Gestaltung und Ausbau
  3. 3. Jüdisches Leben bis 1933
  4. 4. Verfolgung, Flucht und Deportation
  5. 5. Persönliche Geschichte, Neubeginn und Gegenwart

Zweck und Entstehung des Stelenwegs

Der Stelenweg „Jüdisches Leben in Bochum und Wattenscheid“ ist ein Erinnerungsprojekt der Evangelischen Stadtakademie Bochum. Seit 2010 macht er die jüdische Geschichte der Stadt im öffentlichen Raum sichtbar: von den Anfängen im 17. Jahrhundert über Verfolgung und Holocaust bis zum Wiederaufbau der Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg und zum heutigen jüdischen Leben.

Dem Projekt gingen langjährige Forschungen voraus. Von 1985 bis 1987 wurde beispielsweise der jüdische Friedhof an der Wasserstraße erfasst; aus den Daten entstand eine jüdische Familien-, Gemeinde- und Stadtgeschichte. Das Konzept für einen Stelenweg entwickelte seit 2000 eine Gruppe um den damaligen Leiter der Stadtakademie, Pfarrer Manfred Keller. 2001 erschien das Impulspapier „Stationenweg zur jüdischen Geschichte in Bochum und Wattenscheid“, im März 2002 zusätzlich auf Russisch. Damit sollten auch jüdische Einwanderer aus Osteuropa angesprochen werden, die seit den 1990er Jahren nach Bochum gekommen waren.

Schülerinnen und Schüler verschiedener Bochumer Schulen beteiligen sich an der Recherche und Gestaltung einzelner Stelen. Sie arbeiten mit historischen Dokumenten und Quellen und erhalten zuvor Kenntnisse über die jüdische Geschichte. Seit 2022 ergänzen ein Actionbound und ein mit der App Biparcours gestalteter Rundweg das Angebot. Von Oktober 2022 bis Januar 2023 zeigte das Stadtarchiv – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte außerdem eine begleitende Ausstellung.

Gestaltung und Ausbau

Die fest installierten Stelen sind 220 × 90 Zentimeter groß. Sie bestehen aus Glas, stehen in einem Stahlrahmen und sind auf einem Betonsockel verschraubt. Ihre einheitliche Gestaltung erleichtert das Wiedererkennen: Links befindet sich eine Bildspalte, in der Mitte eine Zeitleiste und rechts eine Textspalte. In der rechten oberen Ecke ist ein Bild des „Löwen von Juda“ zu sehen. Es zeigt die Kopie eines Bronzereliefs, das aus der in der Reichspogromnacht zerstörten Alten Synagoge gerettet worden war. Eine Kopie des Bronzelöwen wurde 2007 im Eingangsbereich der Neuen Synagoge angebracht.

Die erste Stele entstand 2010. Bis 2023 waren elf Stelen aufgestellt. Sie behandeln ausgewählte Aspekte des Zusammenlebens jüdischer und nichtjüdischer Menschen, dessen Zerstörung durch den Nationalsozialismus, die Judenverfolgung und das heutige Gemeindeleben. Im August 2023 unterstützte die Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege drei weitere geplante Stelen mit 35.000 Euro. Die zwölfte Stele wurde im Mai 2024 in Wattenscheid eingeweiht, die dreizehnte im März 2025 in Linden. Als vierzehnte und letzte Stele ist eine Station am Bochumer Stadtpark über den Stadtverordneten und Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Philipp Würzburger vorgesehen.

Jüdisches Leben bis 1933

Eine Stele an der Ecke Massenbergstraße/Schützenbahn kennzeichnet zentrale Orte der seit dem 17. Jahrhundert nachgewiesenen jüdischen Gemeinde. Dazu gehören die im 18. Jahrhundert errichtete erste Synagoge an der Schützenbahn, eine eigene Schule aus dem 19. Jahrhundert und der älteste jüdische Friedhof von 1722. Zwei seiner Grabsteine sind auf dem jüdischen Friedhof in Wiemelhausen erhalten. Die Stele wurde am 25. Oktober 2010 eingeweiht.

Mehrere Stationen zeigen den Beitrag jüdischer Einwohner zum städtischen Leben. In der Goethestraße wohnten ab 1900 Angehörige der oberen Mittelschicht, darunter Erich Mendel sowie Siegmund und Ottilie Schoenewald. Siegmund Schoenewald war Jurist, Notar und Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. In Langendreer führten jüdische Familien ab 1815 vor allem an der damaligen Kaiserstraße Kaufhäuser und Fachgeschäfte für Textilien und Schuhe, darunter zwei Kaufhäuser der Gebr. Alsberg AG. Etwa ein Fünftel der 60 Einzelhändler dieser Straße war jüdischer Herkunft.

Auch Wattenscheid und Linden besaßen ein vielfältiges jüdisches Leben. Die 2024 aufgestellte Wattenscheider Stele stellt die frühere Synagoge, die jüdische Schule, den jüdischen Friedhof und drei Kaufmannsfamilien vor. Die Lindener Stele von 2025 verfolgt die Entwicklung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Die jüdischen Einwohner Lindens gehörten von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur NS-Zeit zur Jüdischen Gemeinde Hattingen.

Weitere Themen sind jüdische Bewohner des Bochumer Arbeiterviertels am ehemaligen Moltkemarkt sowie sogenannte Ostjuden und Westjuden. Die zugehörige Stele erinnert auch an die Ausweisung der Ostjuden während der Polenaktion 1938. Eine andere Station behandelt jüdische Sportvereine wie den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Makkabi, Vintus und Hakoah Bochum. Sie steht am früheren jüdischen Sport- und Jugendheim auf dem nach dem jüdischen Fußball-Kapitän Erich Gottschalk benannten Platz.

Verfolgung, Flucht und Deportation

Mehrere Stelen verdeutlichen, wie die nationalsozialistische Herrschaft das jüdische Leben zerstörte. Das Haus Goethestraße 9 wurde ab 1939 zu einem von zehn sogenannten „Judenhäusern“ in Bochum. In solchen Gebäuden wurden jüdische Menschen zwangsweise zusammengelegt.

Am heutigen Dr.-Ruer-Platz erinnert eine Stele an die Alte Synagoge, die in der Reichspogromnacht zerstört wurde, und an die benachbarte Jüdische Schule, die von 1863 bis 1938 bestand. Dort wirkten die Rabbiner Moritz David und Josef Kliersfeld. Das Schulgebäude wurde später zum „Judenhaus“ und 1943 bei einem Bombenangriff zerstört. Die Rückseite behandelt die Kindertransporte nach England. Organisiert wurden sie von der Gemeindesekretärin Erna Philipp und der Lehrerin Else Hirsch, die 1942 nach Riga deportiert wurde.

Die Stele am Bochumer Nordbahnhof ist jüdischen Menschen, Sinti, Roma und weiteren Opfern des Nationalsozialismus gewidmet, die ab 1942 von dort in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden. Sie erläutert außerdem die Geschichte des Bahnhofs bis 1945, seine spätere Nutzung und die Bemühungen um eine Gedenkstätte im Gebäude.

Die Station über jüdische Kaufleute zeigt Verfolgung, Deportation und Flucht an einzelnen Lebensgeschichten. Ein Beispiel ist der Uhrmachermeister Max Pander. Er und seine Familie versuchten 1939 vergeblich, mit dem Schiff „St. Louis“ nach Kuba zu entkommen.

Persönliche Geschichte, Neubeginn und Gegenwart

Die erste, am 27. Juni 2010 eingeweihte Stele ist Erich Mendel gewidmet, der später Eric Mandell hieß. Sie steht vor der Neuen Synagoge auf dem Erich-Mendel-Platz. Mendel lebte von 1902 bis 1988. Von 1922 bis 1933 war er Kantor und Leiter der jüdischen Volksschule in Bochum sowie Sammler und Erforscher jüdischer Musik. Ab 1941 wirkte er in den USA unter anderem als Chordirektor und Dozent für Synagogale Musik am Gratz College.

Nach dem Holocaust begann der schrittweise Wiederaufbau der Gemeinde. Im Dezember 1945 wurde die „Jüdische Religionsgemeinde Bochum“ gegründet. 1946 erhielt sie im „Alten Amtshaus“ einen Raum als Betsaal; im September 1947 fand dort erstmals wieder ein jüdischer Gottesdienst statt. Daran erinnert seit dem 14. März 2019 eine Stele an der Brückstraße.

Einen neuen Aufschwung brachte die Einwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion nach deren Zerfall in den 1990er Jahren. Von 1995 bis zur Einweihung der Neuen Bochumer Synagoge im Jahr 2007 bestand an der Alten Wittener Straße 13 in Laer ein Gemeindezentrum mit Betsaal. Die dortige Stele, deren Texte Jugendliche der „Offenen Tür Laer“ mit der Arbeitsgruppe Stelenweg recherchierten, wurde am 18. Oktober 2022 eingeweiht. Auch die Stele zum jüdischen Sport schließt mit den heutigen sportlichen Aktivitäten der Jüdischen Gemeinde Bochum – Herne – Hattingen. So verbindet der Stelenweg historische Erinnerung mit der Darstellung lebendiger jüdischer Gegenwart.

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