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Sieben Legenden
Die Sieben Legenden sind ein Novellenzyklus von Gottfried Keller, erstveröffentlicht 1872, aber bereits in der Berliner Zeit des Autors entworfen.
Inhalt5 Abschnitte
Werk, Aufbau und Grundidee
Die Sieben Legenden sind ein Novellenzyklus von Gottfried Keller. Das Werk wurde 1872 erstmals veröffentlicht, war aber bereits während Kellers Berliner Zeit entworfen worden. Die sieben Erzählungen greifen die Form christlicher Heiligenlegenden auf und gestalten sie literarisch neu. Im Mittelpunkt steht jeweils die Jungfrau Maria. Ihre Darstellung entspricht jedoch weder der katholischen noch der evangelischen Auffassung.
Keller verbindet religiöse Motive wie Bekehrung, Entsagung, Martyrium, Wunder und himmlische Seligkeit mit weltlichen Themen. Besonders wichtig sind Liebe, Ehe, Kunst und sinnliches irdisches Glück. Dadurch werden die überlieferten Legenden nicht einfach nacherzählt, sondern aus einer religionskritischen und diesseitsbezogenen Perspektive umgeformt.
Eugenia
Eugenia, ein gebildetes römisches Mädchen in Alexandria, lehnt zunächst die Werbung des jungen Aquilinus ab. Sie verlangt von ihm, dass er ihr „Geistesleben und Streben versteht und ehrt und an demselben teilnimmt“. Nachdem Psalmworte aus einem Kloster sie zum Christentum bekehrt haben, verkleidet sie sich als Mann, tritt in das Kloster ein und wird bald dessen Abt.
Aquilinus lässt zu ihrem Gedächtnis ein Marmorbild von ihr errichten. Eugenia will es nachts mit einem Hammer zerstören, verliert aber den Mut, als sie sieht, wie Aquilinus das Bild küsst. Später verliebt sich eine Witwe in den vermeintlich männlichen Abt. Eugenia weist ihre Liebeserklärung zurück. Daraufhin beschuldigt die Witwe sie nach dem Vorbild der Frau des Potifar fälschlich eines Vergewaltigungsversuchs.
Eugenia wird verhaftet und ist vom Tod bedroht. Sie kann jedoch mit Aquilinus sprechen, der inzwischen Konsul geworden ist, und offenbart ihm ihre wahre Identität. Er bringt sie auf seinem Landhaus in Sicherheit. Die Menge beruhigt er mit der erfundenen Erklärung, der Abt sei ein Dämon gewesen und verschwunden. Schließlich heiraten Eugenia und Aquilinus. Nachdem ihr Haar wieder gewachsen ist, führt er sie nach Alexandria zurück, erklärt ihr Auftauchen gegenüber den erstaunten Eltern durch eine erfundene Geschichte und feiert eine glänzende Hochzeit. Am Ende bekehrt Eugenia auch Aquilinus zum Christentum. Die Handlung verbindet damit Bekehrung und Legendenmotive mit einer weltlichen Liebes- und Ehegeschichte.
Dorothea und Theophilus
Die Patriziertochter Dorothea wird von Fabricius, einem „pedantischen Christenverfolger“, umworben. Sie liebt jedoch seinen Geheimschreiber Theophilus. Dieser hält sich zurück, weil er seinem Herrn nicht in die Quere kommen will. Dorothea versucht, ihn eifersüchtig zu machen: Sie behauptet, eine schön geschnittene Schale, die sie ihm zeigt, von Fabricius erhalten zu haben. Theophilus glaubt ihr und zieht sich vollständig zurück.
Aus Kummer sucht Dorothea Trost im christlichen Glauben ihrer Eltern. Gegenüber Fabricius erklärt sie, einen „himmlischen Bräutigam“ gefunden zu haben. Als Rom eine neue Christenverfolgung anordnet, lässt Fabricius Dorothea und ihre Eltern verhaften und foltern. Theophilus erfährt, dass Dorothea auf einem glühenden Rost liegt, und will sie retten. Sie nennt das Folterwerkzeug jedoch „die Rosen ihres vielgeliebten Bräutigams“ und blickt Theophilus voller Seligkeit an. Als die Glut erneut angefacht wird, bittet sie darum, getötet zu werden. Theophilus sieht aus der Ferne das Beil aufblitzen, mit dem sie hingerichtet wird, und bricht zusammen.
Ein kindlicher Engel bringt dem Bewusstlosen ein Körbchen mit Rosen und drei angebissenen Äpfeln. Als Theophilus erwacht, hält er es tatsächlich in den Händen. Von Sehnsucht erfüllt, geht er zu Fabricius, bekennt sich zu Dorotheas Glauben und wird noch in derselben Stunde enthauptet. In der Seligkeit leben Dorothea und Theophilus anschließend „wie zwei Tauben“ miteinander. Sie betreten auch das „kristallene Haus der heiligen Dreifaltigkeit“ und entschlafen dort „gleich Zwillingen unter dem Herzen ihrer Mutter“. Liebe, Martyrium und Wunder führen somit zu einer Vereinigung im Jenseits.
Musa und die Kunst
Musa ist eine leidenschaftliche Tänzerin. Wenn sie nicht betet, tanzt sie; sogar ihre Gebete bringt sie als Tanz dar. Als sie der Heiligen Jungfrau ein Gebet vortanzt, erscheint König David, tanzt mit ihr und verspricht ihr ewigen Tanz im Himmel. Dafür muss sie auf der Erde vollständig auf das Tanzen verzichten. Eine himmlische Melodie überwindet ihre Zweifel.
Musa lebt daraufhin einsiedlerisch im Garten ihrer Eltern. Um den Verzicht abzusichern, lässt sie sogar ihre Füße mit einer Kette zusammenschmieden. Bei ihrem Tod verschönert sich die Natur, der Himmel öffnet sich, und Musa schwebt tanzend in die ewige Seligkeit.
Die Erzählung behandelt Kunst und Künstlertum im Sinne der späteren Theorie Sigmund Freuds von der Sublimierung. Sublimierung bedeutet hier die Umwandlung der Energie versagter Triebwünsche in geistige Leistungen. Keller gesteht damit der religiösen Vorstellung, dass irdische Entsagung durch himmlische Glückseligkeit belohnt werde, für den Bereich der Kunst ein gewisses Recht zu: Ohne Entsagung gibt es keine Kunst.
Ursprünglich sollte die Erzählung damit enden, dass Maria den neun Musen ein dauerhaftes Wohnrecht im Himmel verspricht. Der endgültige Schluss fiel Keller während eines Orgelkonzerts von Theodor Kirchner in St. Peter in Zürich ein. Er verdeutlicht Kellers Grundhaltung: Auch der Glanz des Himmels kann Menschen, die das irdische Leben gekannt haben, die Schönheit der Erde nicht ersetzen.
Entstehung, Bedeutung und Wirkung
Den Anstoß erhielt Keller durch Ludwig Gotthard Kosegartens zweibändige Sammlung von Legenden, allerdings in ablehnender Weise. Unter den aus seiner Sicht eher „läppisch frömmelnden“ Texten erkannte er eine „ehemals mehr profane Erzählungslust“, der er in seinem eigenen Werk freien Raum gab.
Kellers Haltung war durch die religionskritische Philosophie Ludwig Feuerbachs geprägt. Sie führte ihn dazu, den Glauben an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele aufzugeben. Diese konsequente Diesseitigkeit verstand Keller nicht als Verarmung. Für ihn wurde die Welt dadurch „klarer, strenger, aber auch glühender, sinnlicher“. In seinem Werk versuchte er, die Poesie von der Bevormundung durch die Religion zu lösen. Deshalb gelten die Sieben Legenden als ein Schlüsselwerk seiner Erzählkunst.
Psychoanalytisch orientierte Deutungen betrachten die Geschichten als Beispiele einer Poesie der Wunscherfüllung. Dabei wird darauf hingewiesen, dass Keller, der in Liebes- und Heiratsangelegenheiten selbst häufig unglücklich war, in den Legenden wiederholt Ehen zustande kommen lässt.
Mit dem schmalen Werk begründete Keller seinen Ruhm in Deutschland. Die Reaktionen waren jedoch gegensätzlich: Theodor Fontane fand es abscheulich, weil es seiner Ansicht nach die natürliche Schlichtheit der Legendenform verdarb; Eduard Mörike war dagegen begeistert. Später erschienen mehrere illustrierte Ausgaben, darunter Ausgaben mit Lithographien von Fritzi Löw aus dem Jahr 1919 und mit Radierungen von Gustav Traub aus dem Jahr 1920. Zwei Opern greifen die Eugenia-Handlung frei auf: Johannes Driesslers Claudia amata, eine lyrische Oper op. 17 mit einem Text von Bettina Brix, wurde 1952 in Münster uraufgeführt. Riccardo Zandonais Il bacio entstand 1942–44 als Opera lirica in drei Akten, op. 13, mit einem Libretto von Arturo Rossato und Emidio Mucci; die Uraufführung fand 1954 in Mailand statt.