Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Schwäbische Grammatik
Das Schwäbische verfügt über eine deutlich erkennbare eigene Grammatik. Nach außen hin markiert diese einen klaren Unterschied zum Standarddeutschen.
Inhalt5 Abschnitte
Grundzüge und Fälle
Das Schwäbische besitzt eine deutlich erkennbare eigene Grammatik. Sie unterscheidet sich vom Standarddeutschen, bildet aber zugleich eine gemeinsame Grundlage für das gesamte schwäbische Sprachgebiet. Viele Merkmale kommen auch in anderen oberdeutschen Dialekten vor. Dazu gehören „tun“ als viertes Hilfsverb, das zusammengesetzte Perfekt als wichtigste Vergangenheitsform und teilweise ein vom Standarddeutschen abweichendes Geschlecht von Substantiven.
Das Schwäbische kennt nur drei lebendige Fälle: Nominativ, Dativ und Akkusativ. Der Genitiv erscheint lediglich in wenigen festen Wendungen. Zugehörigkeit wird stattdessen meist auf zwei Arten ausgedrückt:
- Bei Personen und Tieren steht eine Dativ-Umschreibung: „Maem Vaddr sae Hemed“ bedeutet „meinem Vater sein Hemd“ beziehungsweise „das Hemd meines Vaters“.
- Besonders bei Dingen wird der „vo-Genitiv“ verwendet: „D Rädor vo maem Audo“ bedeutet „die Räder von meinem Auto“.
Nominativ und Akkusativ sind bei Substantiven fast immer gleich. Deutlich unterscheiden sie sich jedoch bei Personalpronomen, etwa „i/mi“ für „ich/mich“, „du/di“ für „du/dich“ und „mir/ons“ für „wir/uns“, außerdem bei Adjektiven und bei männlichen Singularformen von Demonstrativpronomen wie „där/denn“ oder „sällor/sälla“. Regionale Formen wie „ons/aos/aes“ für „uns“ sind Unterschiede der Aussprache, nicht der Grammatik.
Plural, Verkleinerung und Geschlecht
Pluralformen werden nach vier Grundmustern gebildet:
- Ohne Endung stehen vor allem Wörter, deren standarddeutscher Plural auf „-e“ oder „-s“ endet. Häufig tritt dabei ein Umlaut auf: „Daag/Dääg“ (Tag/Tage), „Waaga/Wääga“ (Wagen). Weitere Beispiele sind „Disch/Disch“ (Tisch), „Fuaß/Fiaß“ (Fuß), „Audo/Audo“ und „Radio/Radio“. Ohne Umlaut können Singular und Plural gleich aussehen.
- Die Endung „-a“, ein unbetontes nasaliertes a, entspricht meist dem standarddeutschen „-en“ und ist besonders bei weiblichen Substantiven verbreitet: „Frao/Fraoa“, „Sach/Sacha“, „Dasch/Dascha“.
- Die Endung „-ena“ hat keine regelmäßige standarddeutsche Entsprechung. Sie steht fest bei einigen weiblichen Wörtern, etwa „Kuche/Kuchena“ und „Schual/Schualena“, sowie bei zweisilbigen weiblichen Wörtern mit „-e“ im Singular: „Schdregge/Schdreggena“, „Leenge/Leengena“. Bei manchen Wörtern schwankt der Gebrauch, beispielsweise „Schduuba“ oder „Schduubena“.
- Die Endung „-or“ entspricht dem standarddeutschen „-er“ und kommt besonders häufig bei sächlichen Substantiven vor: „Holz/Helzor“, „Bridd/Briddor“, „Dach/Dechor“. Im Schwäbischen erfasst sie zusätzliche Wörter wie „Hefd/Hefdor“ und „Hemed/Hemedor“.
Das Diminutiv, also die Verkleinerungsform, erhält im Singular „-le“ und im Plural „-la“. Anders als bei standarddeutschem „-lein“ oder „-chen“ bleiben Singular und Plural damit unterscheidbar. Die Endung tritt direkt an den Stamm; ein Pluralumlaut bleibt erhalten, etwa „Volg/Velgor/Velgle“. Bei Stämmen auf „-l“ oder „-a“ wird ein Schwa-Laut eingeschoben: „Bronna/Brennale“ und „Schlissl/Schlissele“.
Ungefähr 70 Substantive haben im klassischen Schwäbisch ein anderes Genus, also grammatisches Geschlecht, als im Standarddeutschen. Viele Übereinstimmungen mit dem Bairischen zeigen, dass dies oft ein allgemeineres oberdeutsches Merkmal ist. Am häufigsten steht ein männliches anstelle eines weiblichen Genus, vielfach als Fortsetzung des altdeutschen Genus: „d'r Budder“, „d'r Schogglad“, „d'r Färsa“, „d'r Zwibl“. Auch Ziffern und als Nummern verwendete Zahlen sind klassisch männlich: „dor Oeser, Zwåeor, Dreior“. Moderne Süßgetränke sind häufig sächlich: „das Spezi, das Cola, das Fanta“. Weitere Abweichungen sind „s Deller“ statt „der Teller“ und umgekehrt „dor Virus“. Buchstaben waren klassisch ebenfalls männlich („dor A“), doch diese Form wurde durch standarddeutschen und schulischen Sprachdruck weitgehend zurückgedrängt.
Artikel und Pronomen
Die Formen der Artikel und Pronomen weichen deutlich vom Standarddeutschen ab. Beim unbestimmten Artikel ist die Grammatik im ganzen Sprachgebiet einheitlich, die Aussprache aber regional verschieden, weil die Formen unbetont sind. Im Nominativ stehen „a Mã“, „a Frao“, „a Kend“, im männlichen Akkusativ „onn/ann Mã“. Der Dativ lautet „emma Mã“, „ära Frao“ und „emma Kend“. Einen unbestimmten Artikel im Plural gibt es nicht.
Beim bestimmten Artikel sind Nominativ und Akkusativ weitgehend zusammengefallen: „d(o)r Mã“, „d Frao“, „s Kend“, „d Leid“. Der Dativ lautet „em Mã“, „d(o)r Frao“, „em Kend“, „de Leid“. Im Südwestschwäbischen ist der Vokal vor dem r in der männlichen Nominativform vollständig verschwunden, daher „dr“. Dort besitzt der männliche Akkusativ mit „da“ noch eine eigene Form.
Drei Demonstrativpronomen dienen dem Hinweis auf Personen, Tiere oder Gegenstände:
- Das erste bezeichnet Nahes und wird fast immer mit nachgestelltem „då“ („hier“) verbunden: „där Mã då“, „dui Frao då“. Die Grundformen sind im Nominativ „där, dui, dees, dia“, im männlichen Akkusativ „denn“ und im Dativ unter anderem „demm/däam“.
- Das zweite bezeichnet vom Sprecher Entferntes. Seine Formen beginnen mit „säll-“, etwa „sällor Mã“, „sälla Frao“, „säll Kend“, „sälle Leid“. Verwandte Adverbien drücken ebenfalls Entfernung aus, beispielsweise „sällmål“ für „damals“ und „sält“ für „dort“.
- Das dritte kommt regional im Südwestschwäbischen vor und bedeutet wie das erste „dieser“. Beispiele sind „äner/eaner Mã“, „äne/eane Frao“ und „änes/eanes Kend“.
Bei Personalpronomen gibt es Vollformen und enklitische Formen. Enklitisch bedeutet, dass eine unbetonte Form an ein vorausgehendes Wort angehängt wird. Beispiele im Nominativ sind „i/-e“, „du/-d“, „ŏr/-ŏr“, „mir/-mŏr“ und „ir/-ŏr“. Im Akkusativ stehen unter anderem „mi/-me“, „di/-de“, „een/-ĕn“, „aos“ und „uich“; im Dativ „mir/-mŏr“, „dir/-dŏr“, „eem/-ăm“, „aos“ und „uich“. Stark betonte Formen wie „sui“ oder „är“ dienen der Hervorhebung: „Sui hådd dees gschriba, edd är!“
Zu den Possessivpronomen gehören „mae/maene“ (mein), „dae/daene“ (dein), „sae/saene“ (sein), „ir/ire“ (ihr), „aosŏr/aosŏre“ (unser) und „uiŏr/uire“ (euer). Südwestschwäbisch steht für „aos“ und verwandte Formen „aes, aesr, aesre“; dies gilt als lautliche, nicht als grammatische Variation.
Infinitiv, Personalformen und Partizip
Der Infinitiv Präsens endet gewöhnlich auf ein leichtes, nasaliertes „a“, zum Beispiel „schreiba“, „macha“, „fenda“ und „hälfa“. Der Artikel führt diese Endung auf althochdeutsches „-an“ zurück, weist aber ausdrücklich darauf hin, dass die Angaben zur Herkunft nicht hinreichend belegt sind. Das klassische Schwäbisch bewahrt außerdem einsilbige Infinitive, die neben zweisilbigen Formen gebraucht werden: „gao/ganga“ (gehen), „schdao/schdanda“ (stehen), „dra/draga“ (tragen), „gäa/gäbba“ (geben), „lao/lassa“ (lassen).
Im Indikativ Präsens ist die 1. Person Singular endungslos. Die 2. Person Singular endet klassisch auf „-schd“, neuschwäbisch auch auf „-sch“, die 3. Person auf „-d“. Im Plural haben alle drei Personen die Endung „-ed“: „i schreib“, „du schreibsch(d)“, „är schreibd“, „mir/ir/se schreibed“.
Bei manchen Verben wechselt im gesamten Singular des Indikativs der Stammvokal, während der Imperativ den ursprünglichen Vokal behält: „ässa“ wird zu „i iss, du ischd, är issd“, aber der Befehl lautet „äss!“; entsprechend „hälfa“ zu „i hilf, du hilfschd, är hilfd“, aber „hälf!“.
Einige häufige Verben bilden den Plural einheitlich auf „-nd“: „hao/hend“ (haben), „sae/send“ (sein), „doa/dend“ (tun) und „lao/lend“ (lassen). Regional gehören auch Formen wie „gäa/gend“, „wella/wend“ oder „gao/gend“ dazu. Die Vokale können regional wechseln, etwa „hend, hand, hond“ oder „gend, gand, gond“.
Das Partizip Perfekt endet bei schwachen Verben auf „-d“, regional auch „-ed“, beispielsweise „gmach(e)d“ und „grächned“. Starke Verben erhalten „-a“, etwa „gläasa“ und „gschriba“. Die Vorsilbe „ge-“, schwäbisch „g-“, wird nicht durchgehend verwendet. Sie fehlt bei Verben, die mit b/p, d/t, z, g/k oder qu beginnen, beispielsweise „dao“ (getan), „danzd“ (getanzt) und „bråchd“ (gebracht). Ähnliche Erscheinungen gibt es im Alemannischen und Bairischen.
Vergangenheit und Konjunktiv
Das zusammengesetzte Perfekt ist die reguläre Vergangenheitsform und ersetzt das Präteritum vollständig. Beispiele sind „I hao gläasa“ für „ich las/ich habe gelesen“, „i hao gmachd“ für „ich tat/ich habe getan“ und „i be z’ Reidleng gwäa“ für „ich war/bin in Reutlingen gewesen“. Ob das Präteritum „war“ beim Verb „sein“ unabhängig von neuerem standarddeutschem Einfluss vorkommt, ist umstritten.
Verben der Bewegung und der Ruhe bilden das Perfekt mit „sein“, auch wenn im Standarddeutschen „haben“ steht: „I be gschdanda“ bedeutet „ich habe gestanden“, „i be gsässa“ bedeutet „ich habe gesessen“.
Das Plusquamperfekt, also die Vorvergangenheit, folgt der Formel: Präsens von „haben“ oder „sein“ + Partizip Perfekt des Hauptverbs + Partizip Perfekt von „haben“ oder „sein“. Beispiele sind „I hao des Audo edd gsäa gheed“ („ich hatte dieses Auto nicht gesehen“) und „i be ao doa bliba gwäa“ („ich war auch dort geblieben“).
Die Hilfsverben „doa“ (tun), „hao“ (haben) und „sae“ (sein) besitzen einen vollständig ausgebildeten Konjunktiv I: „i däab, du däabsch(d)“, „i häb, du häbsch(d)“ sowie „i sei, du seiesch(d)“. Im Südwestschwäbischen wird nach „sei“ ein n zur Vermeidung aufeinanderstoßender Vokale eingeschoben: „du seineschd“, „mir/ir/se seine“. Dort kann der Konjunktiv I regelmäßig anstelle des Indikativs stehen: „Mir seine z’ Balenga gsae“ bedeutet „Wir waren in Balingen“.
Obwohl das Präteritum im Indikativ fehlt, ist der Konjunktiv II bei Hilfsverben und einigen weiteren Verben vorhanden. Beispiele sind „mir hedded“ (wir hätten), „i wär“ (ich wäre), „i sodd“ (ich sollte), „i keed des edd“ (ich könnte das nicht) und „i wiisd edd“ (ich wüsste nicht). Besonders wichtig ist, dass der Konjunktiv des standarddeutschen Hilfsverbs „werden“ vollständig durch Formen von „doa“ ersetzt wird. „Tun“ übernimmt damit eine Hilfsverbfunktion: „I däd dees edd“ bedeutet „ich würde das nicht tun“, und „Wa dädsch du dorzua moena?“ bedeutet „Was würdest du dazu meinen?“