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Roma in Ungarn

Politik. Bearbeiten. Die Integration und Verbesserung von Lebensbedingungen der Roma wird von der ungarischen Politik vielfach als wichtiges Ziel benannt.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Bevölkerungsentwicklung
  2. 2. Sprachen und Gruppen
  3. 3. Geschichtliche Entwicklung
  4. 4. Soziale Lage und Bildung
  5. 5. Diskriminierung und rechtsextreme Gewalt
  6. 6. Politische Vertretung und Integration

Überblick und Bevölkerungsentwicklung

Roma bilden die größte ethnische Minderheit Ungarns. Bei der Volkszählung 2022 bezeichneten sich 209.909 Menschen als Roma; das entsprach rund 2 % der Gesamtbevölkerung.

Die tatsächliche Zahl ist umstritten. In der Volkszählung 2001 bezeichneten sich ebenfalls etwa 2 % als Roma oder „Zigeuner“. Die ungarische Regierung nahm dagegen 2006 in einem Bericht an den UN-Ausschuss über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte 450.000 bis 600.000 Roma an; andere Schätzungen reichen bis zu einer Million. Das European Roma Rights Centre erklärt die Abweichungen unter anderem damit, dass sich viele Roma wegen Stigmatisierung und Scham nicht offiziell als solche bezeichnen.

Während Ungarns Gesamtbevölkerung sinkt, wächst die Zahl der Roma. Nach demografischen Schätzungen der Regierung soll sich ihr Bevölkerungsanteil bis 2050 verdoppeln. Besonders viele Roma leben in den nordöstlichen Komitaten Borsod-Abaúj-Zemplén mit 37.844 und Szabolcs-Szatmár-Bereg mit 27.568 Personen laut Volkszählung 2022. Historische und kulturelle Verbindungen bestehen über die Staatsgrenzen hinweg vor allem zur Südslowakei und zum Burgenland im Osten Österreichs.

Sprachen und Gruppen

Die meisten Roma in Ungarn sind sprachlich assimiliert, das heißt, sie haben Ungarisch als Muttersprache übernommen. Laut Volkszählung 2001 verwendeten nur rund 30 % beziehungsweise 62.780 der 209.909 Menschen, die sich als Roma bezeichneten, Romani als Umgangssprache.

Rund 70 % der Romanisprecher gehören zu den alteingesessenen Romungrók. Sie leben seit dem 15. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Ungarns und sprechen Romungro-Romani oder Vend-Romani. Diese beiden traditionellen Dialekte enthalten viele ungarische Elemente. Aufgrund der historischen und kulturellen Beziehungen ähneln sie den Romani-Dialekten in der Südslowakei und im Burgenland.

Die Oláh-Roma kamen im 19. und 20. Jahrhundert aus Gebieten an der Moldau im heutigen Tschechien nach Ungarn. Sie stellen ungefähr 20 bis 22 % der ungarischen Roma und sprechen den Lovari-Dialekt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wanderten außerdem Roma als Bergarbeiter aus Rumänien ein. Diese als Beás bezeichnete Gruppe spricht heute ein archaisches Rumänisch und bildet etwa 8 bis 10 % der ungarischen Roma.

Geschichtliche Entwicklung

Die ersten Roma wanderten im 15. Jahrhundert während der Herrschaft Sigismunds von Luxemburg, die von 1387 bis 1437 dauerte, aus Siebenbürgen in das heutige Ungarn ein. Sie waren für handwerkliche Fähigkeiten in der Metall- und Holzverarbeitung sowie für Waffenreparaturen während der Türkenkriege bekannt. Besonders geschätzt wurde ihre Musik: König Matthias Corvinus (1443–1490) beschäftigte bei seiner Hochzeit mit Beatrix von Aragón Roma-Musiker. Im Vergleich zu vielen anderen Teilen Europas genossen Roma in Ungarn über Jahrhunderte ein relativ hohes gesellschaftliches Ansehen.

Spätestens seit dem 19. Jahrhundert waren Roma jedoch Diskriminierung, Verfolgung und Zwangsumsiedlungen ausgesetzt. Während der deutschen Besetzung Ungarns im Zweiten Weltkrieg wurden zwischen Juli 1944 und März 1945 bis zu 30.000 Roma in nationalsozialistische Konzentrationslager deportiert. Nur 4.000 kehrten zurück.

Im sozialistischen Nachkriegsungarn wurden die meisten Roma in den Arbeitsmarkt eingebunden. Anfang der 1980er Jahre waren 85 % der Männer und ungefähr 45 % der Frauen beschäftigt. Der wirtschaftliche Niedergang seit den 1980er Jahren und die Demokratisierung ab 1989 trafen Roma wegen ihrer durchschnittlich geringeren Schulbildung und Qualifikation besonders stark. Am Tiefpunkt der Krise in den 1990er Jahren hatten nur 29 % der Roma-Männer und 15 % der Roma-Frauen Arbeit. In der Gesamtbevölkerung lagen die Anteile dagegen bei 64 % der Männer und 66 % der Frauen. 1993 wurden die Roma offiziell als ethnische Minderheit anerkannt.

Soziale Lage und Bildung

Die Arbeitslosigkeit unter Roma liegt weiterhin deutlich über dem ungarischen Durchschnitt. Als wesentliche Ursachen gelten ein niedrigerer Bildungsstand, das Leben in häufig wirtschaftlich schwachen Regionen und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt.

Auch im Bildungssystem bestehen große Unterschiede zur übrigen Bevölkerung. Kinder aus 25 % der Roma-Familien erreichen keinen Abschluss der Pflichtschulbildung. Viele besuchen sozial segregierte Schulen, in denen Kinder verschiedener gesellschaftlicher Gruppen faktisch voneinander getrennt unterrichtet werden. Wegen mangelnder schulischer Leistungen werden Roma-Kinder häufig an Sonderschulen verwiesen; viele von ihnen werden fälschlicherweise als geistig behindert eingestuft.

Ein besonderes Bildungsprojekt ist das 1992 in Pécs gegründete Gandhi-Gymnasium. Es wird als europaweit einziges Gymnasium bezeichnet, das speziell für Roma eingerichtet wurde.

Diskriminierung und rechtsextreme Gewalt

Antiziganismus, also die Diskriminierung und Feindseligkeit gegenüber Roma, ist in Ungarn weit verbreitet. Im politischen Diskurs der 2000er Jahre gewann das Schlagwort „Zigeunerkriminalität“ (ungarisch: cigánybűnözés) an Bedeutung. Die 2003 gegründete rechtspopulistische Partei Jobbik stellte Roma als Feindbild dar. Die aus ihr hervorgegangene paramilitärische Magyar Gárda („Ungarische Garde“) organisierte seit ihrer Gründung im Sommer 2007 gegen Roma gerichtete Märsche in Gemeinden mit hohem Roma-Anteil.

Bei einer rechtsextremen Gewaltserie in den Jahren 2008 und 2009 wurden sechs Roma ermordet und insgesamt 55 Menschen gefährdet. Nach zahlreichen Ermittlungspannen nahmen die Behörden die Täter fest. Im August 2013 verurteilte ein Gericht in Budapest nach einem mehr als zweieinhalbjährigen Prozess drei Haupttäter in erster Instanz zu lebenslangen Haftstrafen. Kritiker beanstandeten, dass die politische Motivation der Angeklagten und eine mögliche Mitverantwortung der Behörden aufgrund der Ermittlungspannen nicht ausreichend behandelt worden seien.

Der Spielfilm „Csak a szél“ des ungarischen Regisseurs Benedek Fliegauf verarbeitet diese Gewaltakte und zeigt den letzten Tag einer Roma-Familie vor ihrer Ermordung durch Rechtsextremisten. Der Film wurde unter anderem bei der Berlinale 2012 ausgezeichnet. Nach weiteren romafeindlichen Aktionen rechtsextremer Gruppen im Jahr 2011 befasste sich auch die Europäische Justizkommissarin Viviane Reding in einer Erklärung mit der Situation in Ungarn.

Politische Vertretung und Integration

Die ungarische Politik bezeichnet die Integration der Roma und die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen vielfach als wichtige Ziele. Während der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft 2011 gehörte die Roma-Politik der Europäischen Union zu den Hauptthemen. Der Staat arbeitet mit einer seit den 1990er Jahren bestehenden Selbstverwaltungsorganisation der Roma zusammen. Seit dem Schuljahr 2013/2014 sollen die Schulen allen Kindern die Kultur der Roma vermitteln.

Im 7. Europäischen Parlament waren unter den 22 ungarischen Abgeordneten zwei Roma. Zu den im Artikel genannten Roma-Politikerinnen gehören Lívia Járóka und Viktória Mohácsi, die beide Mitglieder des Europäischen Parlaments waren, sowie Ágnes Osztolykán. Darüber hinaus nennt der Artikel zahlreiche bekannte ungarische Roma aus Musik, Literatur, Film, Kunst und Sport, darunter den Pianisten György Cziffra, die Violinisten János Bihari und Roby Lakatos, den Jazz-Gitarristen Ferenc Snétberger, die Filmemacherin Katalin Bársony und den Schriftsteller Menyhért Lakatos.

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