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Reichweite (Rohstoff)

Als Reichweite von Rohstoffen wird in der Wirtschaft das Verhältnis der Rohstoffvorkommen zum jährlichen Verbrauch bezeichnet.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Bedeutung
  2. 2. Statische Reichweite
  3. 3. Dynamische Reichweite
  4. 4. Beispiele zur Einordnung
  5. 5. Ausgewählte Reichweiten
  6. 6. Wirtschaftliche Folgen

Grundbegriff und Bedeutung

Die Reichweite von Rohstoffen bezeichnet in der Wirtschaft das Verhältnis der vorhandenen Rohstoffvorkommen zum jährlichen Verbrauch. Sie gibt an, für welchen Zeitraum eine Ressource künftig noch verfügbar wäre, wenn sie weiter verbraucht wird.

Der Begriff betrifft nur nicht-erneuerbare Rohstoffe. Bei ihnen wird angenommen, dass Lagerstätten durch Verbrauch in Zukunft erschöpft werden. Für nachwachsende Rohstoffe wird keine Reichweite ermittelt. Bei der Reichweite wird außerdem unterstellt, dass Ressourcen schrittweise verbraucht werden und keine neuen Lagerstätten mehr hinzukommen.

Statische Reichweite

Die statische Reichweite Rs ist das Verhältnis der vorhandenen Reserven Re eines Rohstoffes zur jährlichen Fördermenge F:

Rs = Re / F.

Wenn zum Beispiel 10 Tonnen eines Rohstoffes vorhanden sind und jährlich 1 Tonne gefördert und verbraucht wird, beträgt die statische Reichweite 10 Jahre. Diese einfache Kennzahl berücksichtigt aber weder die Exploration neuer Vorkommen noch Recycling.

Der jährliche Erschöpfungsbeitrag E ergibt sich aus:

E = F / (Rs · Re).

Der Erschöpfungsbeitrag ist der Verbrauch an Rohstoffen durch die Produktion eines Endproduktes.

Die Ressourcenökonomie unterscheidet dabei zwischen energetischen Rohstoffen wie Erdöl oder Erdgas und nicht-energetischen Rohstoffen wie Blei oder Kupfer. Energetische Rohstoffe werden durch Energieverbrauch unwiederbringlich ausgeschöpft. Bei absoluter Knappheit nimmt das Angebot durch Verbrauch tendenziell stetig ab. Nicht-energetische Rohstoffe gehen dagegen nicht verloren und können zumindest theoretisch zu 100 % durch Recycling zurückgewonnen werden.

Die statische Reichweite erlaubt allein kaum sichere Aussagen über die zukünftige Verfügbarkeit von Rohstoffen. Die bekannten Erdöl- und Erdgas-Reserven sind in der Vergangenheit gewachsen, weil neue Vorkommen entdeckt wurden. Deshalb können die aus der statischen Reichweite abgeleiteten Jahre mit hoher Wahrscheinlichkeit überschritten werden.

Dynamische Reichweite

Die dynamische Reichweite beruht auf einem Modell der zukünftigen Verbrauchsentwicklung. Im einfachsten Fall wird angenommen, dass der Verbrauch jedes Jahr konstant zunimmt.

Auch diese Berechnung ist nur eine Momentaufnahme zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie hängt von vielen Einflussgrößen ab: dem künftigen weltweiten Verbrauch, der Erschließung neuer Lagerstätten, technischem Fortschritt, politischen und wirtschaftlichen Einflüssen auf die Verfügbarkeit von Rohstoffen, Effizienzsteigerungen, der Substitution von Rohstoffen und unerwarteten Schwankungen der Produktionsquote.

Substitution bedeutet, dass ein Rohstoff durch einen anderen ersetzt wird. Im Artikel wird als Beispiel genannt, dass Kupfer in Telekommunikation und Datenübertragung durch Glasfaser abgelöst werden kann.

Beispiele zur Einordnung

Die historische Entwicklung von Erdöl zeigt, warum die statische Reichweite vorsichtig interpretiert werden muss. Seit 1945 schwankte sie bis heute in einem Korridor zwischen 20 und 50 Jahren, weil durch Exploration fortlaufend neue Lagerstätten entdeckt wurden. Eine Reichweite kann sogar zusammen mit der Jahresförderung steigen, wenn die Reserven prozentual stärker wachsen als die Förderung.

Ein Beispiel aus der Kernenergie: Im Jahr 2004 waren weltweit 440 Kernkraftwerke mit einer gesamten elektrischen Leistung von 359.900 Megawatt in Betrieb. Sie verbrauchten zusammen 68.357 Tonnen Uran. Den hinreichend gesicherten Vorkommen, englisch reasonably assured resources (RAR), von 1,73 Millionen Tonnen gegenübergestellt, ergab sich eine Reichweite von 25 Jahren.

Diese Zahl zeigt eine mögliche Knappheit, ist aber unsicher. Rohstoffvorkommen sind schwer zu schätzen; neben den RAR gibt es geschätzte zusätzliche Vorkommen, englisch known conventional resources (KCR). Außerdem verändert sich der Verbrauch jährlich, oft aus konjunkturellen Gründen. Nur wenn der Verbrauch konstant bliebe und keine neuen Uranvorkommen entdeckt würden, müssten nach 25 Jahren alle Kernkraftwerke mangels Kernbrennstoff schließen.

Ausgewählte Reichweiten

Die Tabelle im Artikel nennt gerundete exemplarische Daten aus den Jahren 2018 und 2019. Die statische Reichweite bezieht sich in der Regel auf Reserven. Wird sie auf Ressourcen bezogen, können sich deutlich höhere Werte ergeben. Bei Uran liegt die statische Reichweite der Ressourcen mit 224 Jahren fast neunmal so hoch wie die Reichweite der Reserven.

Für 2018 werden unter anderem folgende statische Reichweiten genannt: Uran 26 Jahre, Hartkohle 107 Jahre, Erdöl 54 Jahre und Erdgas 51 Jahre. Für 2019 werden unter anderem genannt: Antimon 11,7 Jahre, Bauxit 83,8 Jahre, Blei 18,64 Jahre, Gold 16,1 Jahre, Kupfer 42,7 Jahre, Lithium 244,19 Jahre, Nickel 36,02 Jahre, Phosphorit 312,78 Jahre, Silber 18,87 Jahre, Zink 19,69 Jahre und Zinn 14,53 Jahre.

Einige Werte sind als Untergrenzen angegeben, zum Beispiel Brom mit mehr als 26 Jahren, Gips mit mehr als 14,83 Jahren, Tantal mit mehr als 75,68 Jahren und Wollastonit mit mehr als 83,33 Jahren. Solche Angaben zeigen, dass Reichweiten je nach Datenlage und Vorratskategorie unterschiedlich sicher sind.

Wirtschaftliche Folgen

Die natürliche Knappheit nicht-erneuerbarer Rohstoffe und ihr Verbrauch gehören zu den wesentlichen Werttreibern der Rohstoffpreise. Abgesehen von konjunkturellen Schwankungen dürften die meisten Rohstoffpreise tendenziell steigen, besonders bei Rohstoffen mit geringer statischer Reichweite im Verhältnis zu anderen Rohstoffen oder zu ihrer Verbrauchsintensität.

Technischer Fortschritt und steigende Rohstoffpreise können Vorkommen wirtschaftlich nutzbar machen, die vorher nicht als bauwürdig galten. Das gilt besonders für die Goldförderung. Wenn der Goldpreis steigt, können zum Beispiel in Südafrika bisher unprofitable tiefer liegende Goldlagerstätten ausgeschöpft werden.

Die statische Reichweite blendet jedoch den ökonomischen Begriff der Reserven aus. Reserven sind gesicherte Vorkommen, die bei gegebener Marktentwicklung und aktuellem Stand der Technik wirtschaftlich gefördert werden können. Wird dieser ökonomische Aspekt nicht beachtet, kann die öffentliche Diskussion über Rohstoffknappheit mit irreführenden Daten arbeiten.

Viele Rohstoffvorkommen liegen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Durch Förderung, Weiterverarbeitung und Export erzielen diese Länder hohe Deviseneinnahmen, die Wohlstand, Wirtschaftsstruktur und Terms of Trade verbessern können. Diese Grundlage ist aber zeitlich begrenzt, weil die exportierten Rohstoffe nicht erneuerbar sind.

Für Deutschland gilt nach heutiger Schätzung die Selbstversorgung bei Kaolin, Graphit, Schwerspat, Feldspat, Kieselerde und Kieselgur als bedroht. Sind die Vorkommen erschöpft, wären Importe nötig, um das bisherige Produktionsvolumen zu halten. Für Boden, Luft und Wasser wird keine Reichweite ermittelt, weil sie nicht verbraucht, sondern in ihrer Qualität verändert werden.

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