Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Ray Kurzweil
Als bekannter Sachbuchautor schreibt er u. a. über Gesundheitstechnologie, künstliche Intelligenz (KI), Transhumanismus, die technologische Singularität und …
Inhalt6 Abschnitte
Wer Ray Kurzweil ist
Raymond „Ray“ Kurzweil (* 12. Februar 1948 in Queens, New York City) ist ein US-amerikanischer Autor, Erfinder, Futurist und Director of Engineering bei Google LLC. Er gilt als Pionier der optischen Texterkennung (OCR), also der automatischen Erkennung gedruckter Schrift durch Computer, außerdem der Sprachsynthese, Spracherkennung, Flachbettscannertechnologie und elektronischer Musikinstrumente, besonders Keyboards.
Als Sachbuchautor schreibt Kurzweil über Gesundheitstechnologie, künstliche Intelligenz (KI), Transhumanismus, technologische Singularität und Zukunftsforschung. Er gilt außerdem als einer der bekanntesten Vertreter des technologischen Posthumanismus. Damit ist die Vorstellung verbunden, dass technische Entwicklungen den Menschen grundlegend verändern oder über heutige biologische Grenzen hinausführen könnten.
Ausbildung und frühe Erfindungen
Kurzweil wurde im New Yorker Stadtteil Queens geboren. Seine jüdischen Eltern hatten 1939 kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges Österreich verlassen. Er studierte am Massachusetts Institute of Technology Informatik und Literatur und schloss das Studium 1970 mit dem Bachelor ab.
Nach dem Studium erfand er die „Kurzweil Reading Machine“. Dieses Gerät machte es Sehbehinderten erstmals möglich, normale Drucktexte zu nutzen, indem es gedruckte Texte in akustische Signale umwandelte und vorlas. Die Erfindung wird im Artikel als großer Meilenstein für die gesellschaftliche Integration Sehbehinderter beschrieben, nach der 1829 eingeführten Blindenschrift von Braille.
Elektronische Musikinstrumente und Google
1983 gründete Kurzweil in den USA das Unternehmen Kurzweil Music Systems. Ziel war die Herstellung von Synthesizern, also elektronischen Instrumenten, die natürliche Klänge möglichst gut nachbilden konnten. Das war damals technisch schwierig.
Die Idee dazu entstand aus Kurzweils Freundschaft mit dem blinden Musiker Stevie Wonder. Wonder hatte 1976 von Kurzweils Reading Machine gehört und Kontakt zu ihm aufgenommen. Er ermutigte Kurzweil, elektronische Musikinstrumente zu entwickeln. 1984 brachte Kurzweil den Kurzweil K250 auf den Markt, ein Instrument, das Klänge verschiedener akustischer Instrumente in damals herausragender Qualität erzeugte. Für Stevie Wonder entstand ein Sondermodell des K250, das sich durch Sprachkommandos steuern ließ.
Der Nachfolger K1000 erschien 1988 und war das letzte Keyboard der Firma unter Kurzweil. 1989 wurde Kurzweil Music Systems an die koreanische Young Chang Akki Co. Ltd. verkauft; der Markenname „Kurzweil“ blieb erhalten. Im Dezember 2012 wurde Kurzweil Director of Engineering bei Google.
Religion, Singularität und Zukunftsbilder
Kurzweils Eltern waren jüdisch, erzogen ihn aber unitarisch. Im Dokumentarfilm Transcendent Man beantwortet er die Frage „Does God exist?“ („Existiert Gott?“) mit „I would say, 'Not yet'“ („Ich würde sagen, 'Noch nicht'“). Das bezieht sich auf seine Vorstellung, dass künftige Technologien Menschen helfen könnten, biologische Grenzen zu überschreiten und aus heutiger Sicht gottähnliche Fähigkeiten zu erreichen.
Ein zentraler Begriff in Kurzweils Denken ist die technologische Singularität. Damit ist ein zukünftiger Punkt gemeint, an dem technische Entwicklung, besonders künstliche Intelligenz, so weit fortgeschritten ist, dass sich die menschliche Existenz grundlegend verändert. In seinem bekannten Buch The Singularity Is Near. When Humans Transcend Biology von 2005 vertritt Kurzweil die These, dass diese Singularität um das Jahr 2045 eintreten werde.
2002 schloss Kurzweil auf der Website Long Bet One eine Wette über 20.000 US-Dollar ab: Er sagte voraus, dass im Jahr 2029 ein Computer oder eine „maschinelle Intelligenz“ den Turing-Test bestehen werde. Der Turing-Test prüft, ob eine Maschine in einem Gespräch so menschenähnlich wirkt, dass sie nicht zuverlässig von einem Menschen unterschieden werden kann. 2008 gründete Kurzweil gemeinsam mit Peter Diamandis und Rob Nail die Singularity University, die Bildungsprogramme für Führungskräfte, ein Gründerzentrum und Innovationsberatung anbietet.
In The Singularity is Near beschreibt Kurzweil auch die Notwendigkeit einer neuen Ethik auf der Grundlage gegenseitigen Respekts. In Die nächste Stufe der Evolution geht es um die „letzten Kilometer auf dem Weg“ zur Singularität, also um die Verschmelzung oder Emulation des Menschen mit der von ihm geschaffenen künstlichen Intelligenz. Kurzweil hofft, dies selbst noch zu erleben.
Anerkennung und Auszeichnungen
Kurzweil erhielt zahlreiche Auszeichnungen. 1965 gewann er den ersten Platz in der International Science Fair für die Erfindung eines Computers, der klassische Musik erzeugt. 1978 bekam er den Grace Murray Hopper Award der Association for Computing Machinery für die Kurzweil Reading Machine; der Preis ist mit 35.000 US-Dollar dotiert.
Weitere Ehrungen sind unter anderem der Engineer of the Year Preis der Design News 1990, der Dickson Prize in Science der Carnegie Mellon University 1994 mit 50.000 US-Dollar, Inventor of the Year des Massachusetts Institute of Technology 1998, die National Medal of Technology 1999, der Telluride Tech Festival Award of Technology 2000, der Lemelson MIT Prize 2001 mit 500.000 US-Dollar und die Aufnahme in die National Inventors Hall of Fame 2002. 2009 wurde er Mitglied der American Academy of Arts and Sciences, 2026 Mitglied der American Philosophical Society. Außerdem erhielt er 20 Ehrendoktortitel von verschiedenen Institutionen.
Kritik, Einordnung und Werke
Kurzweils Vorstellungen sind umstritten. Befürworter sehen in ihm einen Visionär der künstlichen Intelligenz und ein Computer-Genie. Kritiker bewerten seine Methode als unwissenschaftlich und einige seiner Versprechen als „quasi-religiös“. Die Philosophin Janina Loh kritisiert, seine Prophezeiung der Singularität enthalte einen Induktionsfehlschluss, weil er versuche, besondere Ereignisse vorherzusagen. Der Futurologe Kevin Kelly meint, Kurzweil liege wahrscheinlich bei der Richtung zukünftiger Technologien richtig, sei aber bei der Zeitspanne bis zum Eintreffen seiner Vorhersagen zu optimistisch.
Mehrere Kritiken vergleichen Kurzweils Ideen mit religiösen Konzepten. Die Neue Zürcher Zeitung beschreibt Parallelen zwischen „Digitalismus“ und traditionellen Religionen, etwa bei der Hoffnung auf Erlösung von menschlichen Grenzen durch superintelligente Maschinen, Gehirnchips oder das Hochladen des Bewusstseins. Die Berliner Gazette vergleicht Kurzweils Vorstellung einer unbegreiflichen Singularität mit religiösen Bildern und verweist auf seine Datierung auf 2045 als „prophetisch“. Der Softwareentwickler Mitch Kapor bezeichnete Kurzweils Theorien über beschleunigte technische Entwicklung als „Intelligent Design für IQ-140-Menschen“.
Zu Kurzweils Werken gehören unter anderem KI. Das Zeitalter der künstlichen Intelligenz (englisch: The Age of Intelligent Machines, 1990), The age of spiritual machines (1999), The Singularity Is Near (2005), Menschheit 2.0 (2013), How to Create a Mind (2012), Das Geheimnis des menschlichen Denkens (2014), The Singularity is Nearer. When We Merge with AI (2024) und Die nächste Stufe der Evolution (2026). Die Dokumentation Transcendent Man. The Life and Ideas of Ray Kurzweil erschien 2011 unter der Regie von Barry Ptolemy.