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Postkoloniale Theologie

Die postkoloniale Theologie ist die Anwendung postkolonialer Kritik auf die christliche Theologie. Inhaltsverzeichnis. 1 Grundzüge; 2 Bibelkritik …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Bedeutung
  2. 2. Methoden und Fragestellungen
  3. 3. Bibelwissenschaftliche Anwendung
  4. 4. Hermeneutische Ansätze
  5. 5. Entwicklung und Strömungen

Kernidee und Bedeutung

Die postkoloniale Theologie ist die Anwendung postkolonialer Kritik auf die christliche Theologie. Sie untersucht, wie christliche Lehren, Auslegungen und kirchliche Geschichtsbilder durch europäischen Kolonialismus geprägt wurden. Dabei geht es vor allem um die Frage, ob westliche Formen des Christentums Vorstellungen wie Eurozentrismus, koloniale Ausbeutung und die Überlegenheit europäischer Werte und Kultur übernommen, gestützt oder verstärkt haben.

Ihr Ziel ist eine kritische Prüfung solcher Prägungen. Postkoloniale Theologen wollen kolonial gefärbte Narrative nicht einfach übernehmen, sondern alternative Interpretationen entwickeln. Dabei wird neu bewertet, welchen Beitrag indigene Kulturen zur Theologie und zur Bibelwissenschaft leisten können. Die postkoloniale Theologie knüpft an postkoloniale Theorien an und beginnt in den 1990er Jahren.

Methoden und Fragestellungen

Postkoloniale historische Methoden gehen in mehreren Schritten vor. Zuerst wird nachverfolgt, wie dominante Narrative entstanden sind. Danach werden die Quellen und die Historiografie dieser Narrative kritisch neu bewertet. Historiografie bedeutet hier die Art und Weise, wie Geschichte geschrieben und gedeutet wird. Am Ende steht die Konstruktion neuer, alternativer Darstellungen.

Besonders wichtig ist dieser Ansatz für die Missionsgeschichte. Diese hat oft Schwierigkeiten, westliches Engagement und lokale Kirchen aus einer egalitären Perspektive zu behandeln. Egalitär bedeutet gleichberechtigt: Weder die westlichen Missionare noch die lokalen christlichen Gemeinschaften sollen automatisch als überlegen oder nebensächlich dargestellt werden.

Zu den bekanntesten Vertretern der postkolonialen Theologie zählen R. S. Sugirtharajah, Fernando Segovia, Musa Wenkosi Dube, Wai-Ching Angela Wong, Kwok Pui-lan und Mayra Rivera.

Bibelwissenschaftliche Anwendung

Die Bibelwissenschaft war innerhalb der christlichen Studien das erste Feld, das postkoloniale Kritik anwandte. Das hängt mit den Ähnlichkeiten zu literarischen Analysen zusammen: Biblische Texte und ihre Auslegungen werden daraufhin untersucht, welche Machtverhältnisse, Deutungsmuster und kulturellen Voraussetzungen in ihnen sichtbar werden.

Mit postkolonialen Methoden richtet die Bibelwissenschaft den Blick auf Fragen von „Expansion, Dominanz und Imperialismus“. Sie prüft bestehende biblische Interpretationen und entwickelt neue Narrative. Dabei werden indigene nicht-westliche Ansätze zur theologischen Deutung der Bibel neu bewertet. Solche Ansätze waren in kolonialen Kontexten oft zugunsten europäischer Methoden vernachlässigt worden.

Ein Ziel ist, die Bibel für kolonisierte Kulturen auf deren eigene Weise verständlich zu machen. Deshalb müssen traditionelle Arbeitsfelder der Bibelwissenschaft wie Übersetzung, Exegese und Hermeneutik neu durchdacht werden. Exegese bedeutet die genaue Auslegung biblischer Texte; Hermeneutik bezeichnet die Lehre vom Verstehen und Interpretieren. Nicht-westliche Perspektiven sollen dabei stärker berücksichtigt werden.

Hermeneutische Ansätze

R. S. Sugirtharajah gilt als einer der führenden Vertreter der postkolonialen Bibelwissenschaft. In seinem Buch The Bible and the Third World skizzierte er drei hermeneutische Ansätze, die nach dem Kolonialismus entstanden.

Der einheimische oder volkssprachliche Ansatz betont lokale, kulturell eigene Formen des Bibelverstehens. Der Befreiungsansatz richtet den Blick auf Unterdrückung und Befreiung. Der postkoloniale Ansatz untersucht besonders die Folgen kolonialer Machtverhältnisse für biblische Auslegung, Theologie und kulturelle Selbstdeutung.

Entwicklung und Strömungen

Die postkoloniale Theologie hat eine kurze Geschichte und steht daher noch am Anfang ihrer Entwicklung. R. S. Sugirtharajah argumentiert, dass ihre Entfaltung durch eine westliche Zurückhaltung gebremst wird: Im Westen gebe es Hemmungen, die theologischen Folgen des kolonialen Imperialismus zu analysieren.

Trotzdem haben Theologen aus kolonisierten, nicht-westlichen Regionen schon länger theologisch über den kolonialisierenden Westen nachgedacht oder ihm widersprochen. Genannt werden C. S. Song und Chung Hyun Kyung. Rückblickend können solche Theologien unter postkoloniale Theologie eingeordnet werden.

Geografisch lassen sich postkoloniale Theologien nach den drei Hauptkontinenten Afrika, Asien und Lateinamerika kategorisieren. Regionale Theologien sind außerdem von anderen intellektuellen Strömungen beeinflusst, zum Beispiel von Befreiungstheologie oder feministischer Theologie.

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