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Paneuropäisches Picknick

Das Paneuropäische Picknick war eine Friedensdemonstration ungarischer Oppositioneller an der ungarisch-österreichischen Grenze zwischen Sopron (Ödenburg)

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Ereignis und Bedeutung
  2. 2. Vorgeschichte und Planung
  3. 3. Grenzdurchbruch und Folgen
  4. 4. Deutungen und Erinnerung
  5. 5. Gedenkstätte und Denkmäler

Ereignis und Bedeutung

Das Paneuropäische Picknick war eine Friedensdemonstration ungarischer Oppositioneller an der ungarisch-österreichischen Grenze zwischen Sopron (Ödenburg) und Sankt Margarethen im Burgenland am 19. August 1989. Mit Zustimmung ungarischer und österreichischer Behörden sollte ein Grenztor für drei Stunden symbolisch geöffnet werden. Zwischen 600 und 700 DDR-Bürger nutzten die Öffnung zur Flucht nach Österreich und damit in den Westen. Dies war die größte Fluchtbewegung aus der DDR seit dem Bau der Berliner Mauer.

Das Ereignis gilt als wesentlicher Meilenstein auf dem Weg zum Ende der DDR und zur deutschen Wiedervereinigung. Es zeigte, dass die Sowjetunion nicht militärisch eingriff, und trug dazu bei, dass sich danach Zehntausende Ostdeutsche nach Ungarn aufmachten. An der Nordostecke des Reichstagsgebäudes in Berlin erinnert eine Gedenktafel an das Paneuropäische Picknick.

Vorgeschichte und Planung

Am 27. Juni 1989 hatten der österreichische Außenminister Alois Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn wenige Kilometer entfernt symbolisch den der Grenze vorgelagerten Signalzaun durchschnitten. Damit unterstrichen sie den seit 2. Mai 1989 laufenden Abbau ungarischer Überwachungsanlagen. Ungarn baute Signalsystem, Zäune und Überwachungsanlagen mit Wissen der sowjetischen Führung um Michail Gorbatschow ab: Der Betrieb war zu teuer geworden, es gab modernere Methoden der Grenzsicherung, und wegen der österreichisch-ungarischen Bewerbung für die Expo 95 wurde ein Imageschaden befürchtet. Zugleich verstärkte Ungarn die Bewachung seiner Westgrenze, um unkontrollierte Übertritte zu verhindern.

Das Picknick wurde am Grenztor an der alten Pressburger Landstraße zwischen Sankt Margarethen und Sopronkőhida (Steinambrückl) geplant. Die Idee ging von Otto von Habsburg und der MDF-Organisation der ostungarischen Stadt Debrecen aus. Veranstalter waren Mitglieder des oppositionellen Ungarischen Demokratischen Forums und die Paneuropa-Union; Schirmherren waren Otto von Habsburg und der ungarische Staatsminister und Reformer Imre Pozsgay. Für den 19. August lagen amtliche Genehmigungen für einen improvisierten Übergang von 15 bis 18 Uhr vor.

Habsburg und Pozsgay wollten mit der Aktion besonders prüfen, ob Moskau bei einer Öffnung des Eisernen Vorhangs den in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen den Befehl zum Eingreifen geben würde. Denn es war unklar, ob die Sowjetunion oder einzelne Ostblockstaaten bei antikommunistischen und antisowjetischen Entwicklungen militärisch intervenieren würden. Die Paneuropa-Union verteilte tausende Flugzettel unter DDR-Bürgern, die zu einem Picknick nahe Sopron einluden. Viele verstanden die Botschaft und reisten an.

Grenzdurchbruch und Folgen

Mária Filep, die als eine Hauptorganisatorin gilt, nahm die symbolische Durchtrennung des Stacheldrahts vor. Kurz vor 15 Uhr erschienen unerwartet zunächst 20 bis 30 DDR-Bürger am noch durch bewaffnete Kräfte gesicherten Grenztor. Das Tor wurde aufgerissen; meist junge Menschen rannten auf die österreichische Seite, wo Journalisten und ein österreichisches Kamerateam warteten. Gegen 15 Uhr kamen weitere etwa 150 DDR-Bürger zum Tor, das von fünf Soldaten bewacht wurde, drückten es erneut auf und flohen ebenfalls. Insgesamt nutzten in drei Wellen zwischen 600 und 700 Menschen die symbolische Öffnung.

Die ungarischen Grenzsoldaten griffen nicht ein. Der leitende Grenzoffizier Árpád Bella wies das Personal wegen fehlender eindeutiger Anweisungen an, die vor ihren Augen fliehenden illegalen Grenzgänger zu ignorieren. Damit verletzte er seine Dienstpflicht und riskierte eine Haftstrafe, verhinderte aber eine mögliche Eskalation. Ein später eintreffender Vorgesetzter konnte einzelne Flüchtende wegen ihrer Zahl nicht aufhalten. Auch der Chef der örtlichen österreichischen Grenzwachen wollte zunächst eingreifen, ließ sich aber laut späterer Aussage von Bella überzeugen, dass ein Einschreiten nur Unglück bringe.

Der ungarische Staatssicherheitsdienst wusste laut seinen Akten seit dem 10. Juli 1989 von einer auf einen Vorschlag Otto Habsburgs zurückgehenden Grenzveranstaltung und informierte am 31. Juli den ungarischen Inlandsgeheimdienst über die Vorbereitungen. Auch die Operativgruppe des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR in Ungarn hatte Informationen, reagierte aber nicht und organisierte schließlich nur den Rücktransport verlassener Fahrzeuge. Tausende DDR-Bürger warteten weiter entfernt, weil sie der Öffnung nicht trauten. In den Folgetagen wurde die Westgrenze wieder stärker bewacht. Dennoch berichtete der Österreichische Rundfunk etwa am 26. August von jeweils über hundert geglückten Fluchtversuchen täglich, bevor Ungarn seine Grenze am 11. September 1989 endgültig für DDR-Bürger öffnete.

Deutungen und Erinnerung

Jährlich finden am 19. August an der Stelle des Grenzdurchbruchs Gedenkfeiern statt. Helmut Kohl betonte am 4. Oktober 1990 in Berlin, am Tag nach der Wiedervereinigung, Ungarn sei der Ort gewesen, an dem „der erste Stein aus der Mauer geschlagen“ worden sei. José Manuel Barroso erklärte 2009, das friedliche Picknick habe den Verlauf der europäischen Geschichte verändert: Der Eiserne Vorhang habe sich kurz geöffnet, was zu seinem endgültigen Fall und zur Wiedervereinigung Deutschlands beigetragen habe. Angela Merkel sagte bei einer Kranzniederlegung am 19. August 2009, das Tor zur Freiheit sei ein unumkehrbares Stück weit geöffnet worden; Ungarn habe dem Freiheitswillen der Deutschen aus der DDR „so etwas wie Flügel“ verliehen.

Die Historikerin Hildegard Schmoller bewertet diese Symbolik kritischer. Nach ihrer Ansicht wurde das Picknick erst durch Erinnerungskultur zum Symbol für die gesamte Fluchtbewegung des Sommers 1989. Die Rolle der ungarischen Oppositionsbewegung sei zunehmend verschwiegen, diejenige Habsburgs hervorgehoben worden. Politik und Medien hätten den Gedächtnisort für eigene Zwecke konstruiert sowie seine Bedeutung für den Zusammenbruch des Ostblocks und die aktive Rolle Österreichs übertrieben.

Gedenkstätte und Denkmäler

Am Ort des damaligen Grenztors erinnert das Kunstwerk „Áttörés – Umbruch“ des ungarischen Künstlers Miklós Melocco an die Flucht. In die Kalksteinskulptur ist ein Stück der Berliner Mauer eingefügt. Auf dem Gelände stehen weitere kleinere Denkmäler, darunter ein sich öffnendes Steintor. Zum dreißigjährigen Jubiläum wurde 2019 auf ungarischer Seite ein Besucherzentrum fertiggestellt, das die Ereignisse interaktiv erfahrbar machen soll.

In Fertőrákos nahe Sopron wurde 1996 eine zehn Meter hohe Edelstahlplastik von Gabriela von Habsburg errichtet. Sie stellt aufgestellten Stacheldraht dar und hat aus der Ferne die Form eines Kreuzes. Im Garten des Ungarischen Malteser Hilfsdienstes in Zugliget, einem Teil des Budapester Bezirks Hegyvidék, entstand 2004 das Denkmal der Aufnahme. Dort lebten DDR-Flüchtlinge vom 14. August bis zum 14. November 1989 in einem errichteten Lager.

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