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Ortasee
Der Ortasee (italienisch Lago d'Orta, oder Cusio) ist ein oberitalienischer See in der norditalienischen Region Piemont. Er liegt etwa 23 km westlich des …
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Überblick und geografische Merkmale
Der Ortasee, italienisch Lago d’Orta oder Cusio, ist ein oberitalienischer Gletschersee in der Region Piemont. Er liegt etwa 23 km westlich des Lago Maggiore und gehört teils zur Provinz Verbano-Cusio-Ossola, teils zur Provinz Novara. Als westlichster der italienischen Gletscherseen befindet er sich rund 87 km nordwestlich von Mailand. Er entstand, als ein Gletscher ein bereits vorhandenes Flussbett ausschürfte, und wird deshalb als Fjordsee bezeichnet.
Der Wasserspiegel liegt 290 m über dem Meeresspiegel. Der See verläuft wie sein Einzugsgebiet von Norden nach Süden, ist 13,4 km lang, bis zu 2,5 km breit und bedeckt 18,136 km². Sein Volumen beträgt 1286 × 10^6 m³. Mit einer maximalen Tiefe von 143 m und diesem Volumen ist er jeweils der siebtgrößte See Italiens. Die mittlere Tiefe beträgt 70,3 m. Drei Becken werden von Süden nach Norden zunehmend tiefer. Grund und Ufer bestehen hauptsächlich aus Gneis, Glimmerschiefer und Granit.
Drei Seiten des Sees sind von Bergen umgeben; im Norden öffnet sich die Landschaft zum Val d’Ossola. Im Nordosten trennt der 1491 m hohe Mottarone den Ortasee vom Lago Maggiore, im Westen begrenzt ihn die Bergkette Valsesia. Die umliegenden Berge bilden die Alpi Cusiane. Höchster Punkt des Einzugsgebiets ist der Monte Croce mit 1644 m; den Hintergrund des Panoramas prägt der 4634 m hohe Monte Rosa. In tieferen Höhenlagen wachsen Edelkastanien- und Buchenwälder, weiter oben Tannen- und Fichtenwälder. Das Klima ist mild, besonders am windgeschützten Südostufer.
Insel und Wasserhaushalt
In der Mitte des Sees liegt die bewohnte Isola San Giulio. Sie ist 275 m lang, 143 m breit und hat einen Umfang von etwa 700 m. Die dicht mit historischen Gebäuden bebaute Insel war der Ausgangspunkt der Besiedlung, im Mittelalter vermutlich Sitz der Bischöfe von Novara und zeitweise eine Festung; später diente sie sicher als bischöfliche Sommerresidenz. Zu ihren wichtigsten Bauten gehören die mittelalterliche Basilica di San Giulio, ein Nonnenkloster, die Abtei Mater Ecclesiae und ein Glockenturm.
Die durchschnittliche Verweildauer des Wassers im See beträgt 10,7 Jahre. Die Hauptströmung verläuft meist gegen den Uhrzeigersinn: am Westufer von Norden nach Süden und am Ostufer in die Gegenrichtung. Sie kann sich zeitweise umkehren. Außerdem können Tiefen- und Oberflächenströmungen voneinander abweichen; im Allgemeinen fließt Oberflächenwasser eher nach Norden und tieferes Wasser eher nach Süden. Die mittlere Wassertemperatur liegt bei 15 °C, mit jährlichen Werten zwischen 6 °C und 25 °C.
Eine Endmoräne verhindert im Süden den Abfluss. Deshalb fließt der Ortasee als einziger See Norditaliens nach Norden ab, wobei auch der Ausfluss des Luganersees nicht im Süden liegt. Das Wasser gelangt über den Nigoglia in die Strona, anschließend in den Toce und schließlich in den Lago Maggiore; von dort führt der Wasserweg über Ticino und Po weiter. Größere Zuflüsse sind Bagnella, Acqualba, Pellino, Pellesina und Lagna am Westufer sowie der Pescone im Osten. Hinzu kommen kleinere Bergbäche und Quellen unterhalb des Wasserspiegels. Das Einzugsgebiet umfasst 116 km² und liegt durchschnittlich 650 m hoch.
Besiedlung und Geschichte
Besiedlungsspuren reichen bis in die Bronzezeit zurück; damals gab es auf tiefen Gründungen im Wasser errichtete Siedlungen. In vorgeschichtlicher Zeit lebten hier Gruppen aus Mitteleuropa, Gallier und Kelten. Die römische Kolonisierung verlief langsam und wurde erst während der Kaiserzeit abgeschlossen. Seit Septimius Severus führte die Straße Septima von Genua am Ostufer entlang in Richtung Simplon und Brig.
Nach einer Legende brachten die griechischen Brüder Julius und Julian aus Ägina Ende des 4. Jahrhunderts das Christentum in die Gegend. Julius soll auf seinem Mantel zur damals unbewohnten Insel gelangt sein, dort Schlangen und Drachen vertrieben und seine hundertste Kirche ungefähr am Standort der heutigen Basilica di San Giulio errichtet haben. Er soll dort 392 begraben worden sein.
Im 6. Jahrhundert entstanden an vielen Orten Verteidigungsanlagen, häufig auf spätrömischen Fundamenten. Besonders die Isola San Giulio war befestigt. Kaiser Otto I. belagerte sie 957 zwei Monate lang, bis sich Königin Willa ergab. Seit der Karolingerzeit gehörte Orta San Giulio nachweislich zum Bistum Novara. Durch kaiserliche Schenkungen erlangten die Bischöfe die Herrschaft über fast das gesamte Ufer und behielten sie mit kurzen Unterbrechungen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts; Omegna gehörte dagegen zur Stadt Novara. Die Riviera d’Orta besaß eigene Gesetze, eine vom bischöflichen Schlossherrn geführte Regierung und weitgehend selbstständige Gemeinden. Landwirtschaft und Fischerei bildeten die wichtigsten Lebensgrundlagen.
Während der französischen Cisalpinischen Republik gehörte die Riviera zum Departement Agogna, danach zum Ersten italienischen Königreich und ab 1861 zum Königreich Italien. Im Zweiten Weltkrieg war an den Berghängen eine Partisanengruppe unter Filipe Beltrami aktiv.
Umweltveränderung und Erholung
Bis 1927 war der Ortasee reich an Wasserorganismen. Rund 150 Algenarten, zahlreiche Rädertierchen und Wasserflöhe sowie Forellen, Karpfen, Schleien, Aale und Hechte kamen vor. Das 1910 eingesetzte Bodenseefelchen wurde rasch zum wirtschaftlich wichtigsten Fisch.
Von 1927 bis 1986 leitete die Kunstseidefabrik J. P. Bemberg in Gozzano Abwasser mit großen Mengen Kupfer und Ammoniumsulfat in den See. Das Kupfer vergiftete das Phytoplankton, also die im Wasser schwebenden, Fotosynthese betreibenden Kleinstorganismen. Dadurch starben anschließend das Zooplankton und die Fische; die Nahrungskette brach zusammen. Schon 1929 gab es keine Fische mehr, und der See galt als tot. Weitere metallverarbeitende Betriebe verschärften das Problem seit den 1950er Jahren. Übrig blieb nur eine einfache Lebensgemeinschaft, unter anderem aus Cyclops abyssorum, dem Rädertierchen Hexarthra fennica und der Grünalge Coccomyxa minor.
Seit 1956 wurde Kupfer teilweise zurückgehalten, doch dadurch sammelte sich Ammoniak an. Bis in die späten 1980er Jahre blieb der See stark sauer; zeitweise betrug der pH-Wert 4, ungefähr so viel wie bei Wein. Bemberg klärte seine Abwässer ab 1980. Seit 1986 reinigte ein Klärwerk zusätzlich die Abwässer der Orte und kleineren Industriebetriebe. Weil die Übersäuerung fortbestand, wurden von Mai 1989 bis Juni 1990 große Mengen fein gemahlener Dolomit ausgebracht, entsprechend 18.000 Tonnen reinem Calciumcarbonat. Diese Kalkung ermöglichte die Regeneration.
Heute ist das Wasser wieder sehr sauber, in den Sedimenten liegen aber weiterhin erhebliche Schwermetallablagerungen. Flora und Fauna sind erneut vielfältig, jedoch noch nicht stabil. Rädertierchen und später Wasserflöhe siedelten sich zuerst wieder an. Forellen, Saiblinge, Karpfen, Schleien und Aale wurden erfolgreich eingesetzt, sodass Sportfischerei wieder möglich ist. 2010 wurde allerdings der stark invasive Rote Amerikanische Sumpfkrebs entdeckt.
Orte, Verkehr und Wirtschaft
Die steilen Ufer verhinderten größere Siedlungen und erschwerten lange Zeit den Verkehr. Orta San Giulio mit der Insel bildet das historische und touristische Zentrum. Omegna am Nordufer wuchs seit dem 19. Jahrhundert zum größten Ort und wirtschaftlichen Mittelpunkt des Sees. Pella besitzt ebenfalls einen historischen Ortskern am Wasser. Weitere Uferorte sind Pettenasco sowie Ortsteile von Miasino; rund drei Kilometer südlich liegt Gozzano. An den Berghängen befinden sich unter anderem Armeno, Ameno, Nonio, Cesara, Arola, Bolzano Novarese, Madonna del Sasso und San Maurizio d’Opaglio.
Über Jahrhunderte waren private Boote das wichtigste Verkehrsmittel. Ein öffentlicher Dampfschiffdienst begann 1878, wurde später mehrfach unterbrochen und besteht seit 1984 wieder. Die Navigazione Lago d’Orta verbindet die größeren Orte zwischen Ostern und Oktober täglich, außerhalb dieser Zeit an einigen Wochenendtagen. Außerdem verkehren Wassertaxis. Heute führt eine 33 km lange Straße am Ufer entlang; eine direkte Autobahnanbindung fehlt. Regionalbahnhöfe liegen in Omegna, Pettenasco und Orta San Giulio/Miasino.
Die Industrialisierung begann Mitte des 19. Jahrhunderts. Aus Metallhandwerksbetrieben entwickelte sich besonders in Omegna ein bedeutendes Zentrum für Haushaltswaren, Armaturen und Ventile. Unternehmen wie Alessi, Bialetti und Lagostina stammen von dort. Die Branche erreichte in den 1970er Jahren ihren Höhepunkt. Danach führten vor allem Konkurrenz aus Asien und die Einbindung in internationale Konzerne zu Produktionsverlagerungen und neuen Geschäftsmodellen. Andere Betriebe spezialisierten sich auf hochwertige Produkte oder wurden Zulieferer. Im Jahr 2006 beschäftigten 180 Unternehmen der Haushaltswarenindustrie 2000 Menschen und erzielten 300 Millionen Euro Umsatz. Klein- und Kleinstunternehmen bieten heute etwa 1000 Arbeitsplätze, entsprechend 60 % der Industriearbeitsplätze der Region. Quarna Sotto und Quarna Sopra besitzen außerdem eine lange Tradition in der Herstellung von Musikinstrumenten, besonders Blasinstrumenten.
Tourismus, Sport und Kulturstätten
Der Ortasee war vom späten 17. bis ins 19. Jahrhundert ein beliebtes Reiseziel. Heute besuchen ihn vor allem Wochenendgäste aus Mailand; internationaler Tourismus ist weniger bedeutend. Orta San Giulio am Ostufer bildet den touristischen Mittelpunkt.
Der See ist besonders für Rudern und Kajakfahren bekannt. Hier fand 1893 die erste Ruder-Europameisterschaft überhaupt statt, 1910 folgte die italienische Meisterschaft. Seit 2006 veranstaltet der Ruderclub von Omegna im Frühjahr jährlich die Italian Sculling Challenge. Bei diesem internationalen Wettbewerb starten die Teilnehmer gemeinsam und rudern 6000 m über den See.
Eine zentrale Sehenswürdigkeit ist der Sacro Monte d’Orta auf einer Halbinsel, deren Anhöhe etwa 400 m über dem Meeresspiegel liegt. Der Heilige Berg gehört seit 2003 als Teil der Sacri Monti zum UNESCO-Weltkulturerbe. Am Hang liegt Orta San Giulio.
Viele Museen sind im Ecomuseo del Lago d’Orta e Mottarone mit Sitz in Pettenasco zusammengeschlossen. Sie behandeln wichtige Traditionen der Region: Holzkunst und Drechseln in Pettenasco, Industriegeschichte in Omegna, Armaturen in San Maurizio d’Opaglio, Regenschirmherstellung in Gignese und Musikinstrumente in Quarna Sotto. Hinzu kommen das Museo di Arte Sacra in Forno und die Fondazione Calderara per l’Arte Contemporanea in Vacciago di Ameno.