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Orden wider den tierischen Ernst

Der Orden wider den tierischen Ernst ist ein jährlich gegen Ende der Karnevalszeit vom 1859 gegründeten Aachener Karnevalsverein (AKV) an Persönlichkeiten …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Kern und Zielsetzung
  2. 2. Entstehung und Entwicklung des Ordens
  3. 3. Beispiele aus der Liste der Ordensritter
  4. 4. Kritik und Folgen für die Ausstrahlung

Kern und Zielsetzung

Der Orden wider den tierischen Ernst ist ein jährlich gegen Ende der Karnevalszeit verliehener Orden und Kulturpreis des 1859 gegründeten Aachener Karnevalsvereins (AKV). Jacques Königstein initiierte ihn 1952 mit. Ausgezeichnet werden bekannte nationale und internationale Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die „Individualität, Beliebtheit und Mutterwitz in sich vereinen, vor allem aber Humor und Menschlichkeit im Amt bewiesen haben.“

Die Preisträger stammen überwiegend aus Politik, Diplomatie und Justiz, gelegentlich auch aus Wirtschaft, Kultur, Kirche, Medien oder Unterhaltung. Die Geehrten werden auf Lebenszeit zu Ordensrittern beziehungsweise Ordensritterinnen ernannt. Im Mittelpunkt steht die Anerkennung einer menschlichen, humorvollen und eigenständigen Amtsführung, besonders wenn sie sich gegen seelenlose Bürokratie und den „Amtsschimmel“ richtet.

Entstehung und Entwicklung des Ordens

Der Ursprung liegt Anfang Februar 1950 in Aachen. Der britische Militärstaatsanwalt James Arthur Dugdale ordnete die vorzeitige Entlassung eines Mannes an, der einen belgischen Besatzungssoldaten verprügelt hatte. Der aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft Heimgekehrte sollte die höchsten Feiertage im Rheinland nicht im Gefängnis verbringen. Deshalb wurde er am 18. statt am 20. Februar 1950 entlassen. Der AKV würdigte diese menschliche Entscheidung mit seinem Jahresorden. 1950 wurde im selben Jahr erstmals der Karlspreis verliehen.

1952 erhielt der Kieler Regierungsrat Jules von Jouanne den AKV-Orden. Bei einem Treffen der Finanzminister aller Bundesländer in Mölln ließ er das Festmahl abräumen und stattdessen Erbsensuppe servieren, weil Schleswig-Holstein ein armes Land sei. Danach suchte der AKV gezielt Persönlichkeiten, die mit Humor und Menschlichkeit im Amt gegen Bürokratie vorgingen. 1954 wurde der Orden erstmals als „Orden wider den tierischen Ernst“ verliehen; die Namensidee entstand durch die Zeitungsüberschrift „Gegen den tierischen Ernst“.

1955 erhielten Orden und Rittertum ihre bis heute typische Form. Der Graphiker Manö Paulsen entwarf den Orden, der Juwelier Heinrich Jaspers fertigte ihn an. Das blaue Emailschild zeigt einen Tschako in einem goldenen, mit Paragraphen versehenen Vogelkäfig. Auf dem Käfig sitzt ein freier Vogel. Der Tschako symbolisiert den „tierischen Ernst“, der anstelle des Vogels mit Narrenkappe im Paragraphenkäfig gefangen ist.

Die Verleihung entwickelte sich zu einem närrischen Ritterschlag. Zur Tradition gehören die humoristisch-kabarettistische Ritterrede, die Laudatio des letzten Ritters und seit 1964 ein Käfig für die Ritterrede. Der designierte Ritter erhält drei Ritterinsignien: den Orden, die Rittermütze und die Ordensregelrolle in bestem Küchenlatein. 1955 gab es vorübergehend eine Normalklasse für unspektakuläre, aber originelle Ereignisse und eine Sonderklasse; die Normalklasse wurde dreimal verliehen.

Der AKV zeichnete zunehmend bekannte internationale Persönlichkeiten aus. 1959 wurde zum 100-jährigen Bestehen des AKV Konrad Adenauer zum Ritter geschlagen. Dadurch stiegen Ansehen und Popularität des Vereins. 1957 wurden erstmals Bilder der Verleihung in der ARD-Tagesschau gezeigt, 1960 folgte eine 45-minütige Live-Übertragung. Der Ritterblock wurde dadurch zu einem „närrischen Staatsakt“. Die Fernsehausstrahlungen machten den Orden bundesweit und durch internationale Preisträger auch international bekannt. Sie brachten dem AKV außerdem Fernsehhonorare und den Druck, einen überzeugenden Ordensritter sowie einen unterhaltsamen Sitzungspräsidenten zu präsentieren.

Bis 1982 wurde die Sendung mit der Ausnahme 1971 live im Deutschen Fernsehen übertragen. Ab 1983 lag der Sendeplatz im dritten Programm. 1991 vereinbarte der AKV mit RTL einen Fünfjahresvertrag über eine dreistündige Liveübertragung, wechselte jedoch vorzeitig zum WDR. Seit 1995 wurde die aufgezeichnete Sendung in der ARD ausgestrahlt. Die Veranstaltung entwickelte sich zu einer Karnevalsshow, bei der der Elferrat nicht mehr dauerhaft auf der Bühne präsent war.

Nach der Schließung des Neuen Kurhauses 1975 und dessen Nutzung durch die Spielbank Aachen ab dem 2. Juli 1976 fand die Verleihung zunächst im Krönungssaal des Aachener Rathauses statt. Seit 1979 wird sie im Europa-Saal des Eurogress veranstaltet. 1988 wurde mit Gertrud Höhler erstmals eine Frau zur Ritterin geschlagen. 2020 erhielt mit Armin Laschet erstmals ein Aachener die Ritterwürde.

Wegen der COVID-19-Pandemie fiel die Verleihung 2021 aus. Der für 2021 vorgesehenen Iris Berben wurde der Orden für 2022 verliehen. Da die Pandemie 2022 andauerte, wurde die Auszeichnung nicht in einer Festsitzung, sondern in einer über drei Tage vor 80 Zuschauern aufgezeichneten TV-Sendung verliehen, die am 14. Februar 2022 ausgestrahlt wurde.

Beispiele aus der Liste der Ordensritter

Die Liste führt die Auszeichnungen seit 1950 mit Namen, Beruf und Begründung auf. 1951 gab es keine neue Verleihung; der Orden für J. A. Dugdale war ursprünglich als einmalige Aktion gedacht. Ab 1952 sollte der AKV regelmäßig humorvolle und menschliche Taten auszeichnen. 1991 fiel der „närrische Staatsakt“ wegen des Zweiten Golfkrieges aus. Die Liste reicht bis 2027.

Die frühen Auszeichnungen zeigen das Grundmuster besonders deutlich: Hans Sachs wurde 1953 für die Antwort auf eine Schmähschrift in Knittelversen geehrt, Leo M. Goodman 1954 für die kabarettistische Entschärfung eines Urteils, und August Dresbach 1955 dafür, in einer Bundestagsrede 46-mal „Heiterkeit“ oder „stürmische Heiterkeit“ ausgelöst zu haben. Carlo Schmid erhielt den Orden 1958 als besonders geistreich und schlagfertig; Konrad Adenauer wurde 1959 für sein Talent ausgezeichnet, komplizierte Sachverhalte einfach darzustellen.

In den folgenden Jahrzehnten dominierten Politiker, Diplomaten und Amtsträger, darunter Bruno Kreisky, Helmut Schmidt, Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher, Richard Stücklen, Johannes Rau, Heide Simonis, John Kornblum und Edmund Stoiber. Ausgezeichnet wurden jeweils unterschiedliche Formen von Humor, Schlagfertigkeit, Selbstironie, Menschlichkeit oder Kritik an Bürokratie. Auch Persönlichkeiten aus Kultur und Unterhaltung erhielten den Orden, etwa Ephraim Kishon, Mario Adorf, Ottfried Fischer und Iris Berben.

Ephraim Kishon gab den Orden 2002 zurück, weil er nicht mehr denselben Orden wie Norbert Blüm tragen wollte und Blüm antisemitische Äußerungen vorwarf. Franz Josef Strauß wurde 1989 zu Lebzeiten ausgezeichnet, die Verleihung erfolgte jedoch postum. 2011 ließ sich Karl-Theodor zu Guttenberg durch seinen Bruder Philipp Franz zu Guttenberg vertreten; dieser wurde 2015 selbst in die Ritterrunde aufgenommen.

Zu den jüngeren Preisträgern gehören unter anderem Cem Özdemir (2013), Christian Lindner (2014), Annegret Kramp-Karrenbauer (2015), Markus Söder (2016), Gregor Gysi (2017), Winfried Kretschmann (2018), Julia Klöckner (2019), Armin Laschet (2020), Annalena Baerbock (2023), Daniel Günther (2024), Lars Klingbeil (2025) und Dorothee Bär (2026). Für 2027 ist Hape Kerkeling, Komiker und Schauspieler, aufgeführt.

Kritik und Folgen für die Ausstrahlung

Die Verleihung an Joachim Hunold, den Chef der Fluggesellschaft Air Berlin, am 3. Februar 2007 führte zu einem Konflikt. Hunold wurde dafür geehrt, „dass es auch heute noch Männer gibt, die den Mut haben, ein Typ zu sein“. In seiner Rede und in weiteren Beiträgen wurde der Name des Unternehmens mehrfach genannt und dessen Leistungen wurden propagiert. Deshalb stand der Vorwurf der Schleichwerbung im Raum.

Zusätzlich wurden Reden anderer Politiker, besonders die von Rainer Brüderle, als langweilig empfunden. Der WDR erwog, die Sitzung künftig nur noch im WDR Fernsehen zu zeigen. Der Hauptsponsor Zentis zog seine Unterstützung für 2007 vorübergehend zurück. Schließlich einigten sich WDR und AKV darauf, im ersten Programm eine gekürzte Aufzeichnung zu senden. Bei der Wiederholung im Dritten Programm sollte eine längere, aber ebenfalls gekürzte Fassung gezeigt werden.

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