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Nilschwemme
Entstehung während der Regenzeit im äthiopischen Hochland · Klima von Addis Abeba · Dörfer in der Nilflut bei Kairo (1830) · Nilflut bei den Pyramiden von Gizeh ( …
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Begriff, Entstehung und Verlauf
Die Nilschwemme, auch Nilflut, Nilüberschwemmung oder Nilschwelle (altägyptisch Hapi, Bahu), bezeichnet die periodischen Hochwasser in den Flussrandregionen des Nils im Alten und im neuzeitlichen Ägypten vor dem Bau des Assuan-Staudamms.
Ausgelöst wird sie durch den Monsun im mehr als 4000 m hohen äthiopischen Hochland. Zwischen Mai und August fallen dort starke Niederschläge. Das Wasser gelangt vor allem über Blauen Nil und Atbara, teilweise über den Sobat und den Weißen Nil, in den Nil. Während dieser Zeit führt der Blaue Nil im Mittel gut fünfmal so viel Wasser wie der gleichmäßiger fließende Weiße Nil; in den übrigen acht Monaten führt der Weiße Nil dagegen fast das 1,8fache des Blauen Nil.
Bei Assuan steigt der Pegel ab Juni, erreicht im August den Höchststand und fällt im September wieder. Die langsam flussabwärts laufende Flutwelle trifft das Nildelta etwa zwei Wochen später. In Kairo beginnt sie Anfang Juli, erreicht zwischen Ende September und Anfang Oktober ihr Maximum und überschwemmt Felder im Niltal sowie große Teile des Deltas. Der niedrigste Wasserstand liegt im Mai.
Die Jahreszeit der Überschwemmung hieß im Alten Ägypten Achet. Sie dauerte vom ersten Anschwellen Anfang Juni bis zum Absinken auf das Normalniveau Anfang Oktober, also vier Monate. Die eigentliche Hochflutsaison begann durchschnittlich Ende Juni oder Anfang Juli mit schneller steigendem Wasser. Ihre Dauer schwankte je nach Regen in Äthiopien zwischen sechs und zehn Wochen.
Risiken, Schlamm und Hochwasserstände
Die Nilschwemme war grundsätzlich vorhersehbar, weil sie stets in derselben Jahreszeit eintrat. Ihr Beginn und Ende konnten sich aber um einige Tage verschieben; außerdem konnte die Flut kurz und hoch oder lang und flach verlaufen. Unvorhersehbar blieb vor allem die gesamte Wassermenge. Zu wenig Wasser führte zu Dürre, Ernteausfällen und Hungersnöten, zu viel Wasser beschädigte Dämme und Häuser. Mehrere besonders wasserarme oder besonders wasserreiche Jahre hintereinander waren und sind für Ägypten ein schweres Problem.
Der Blaue Nil transportiert aus dem äthiopischen Hochland große Mengen dunkler Sedimente und verdankt ihnen seinen Namen. Die verbreitete Annahme, jede Nilschwemme habe automatisch dauerhaft Nilschlamm auf den Talebenen abgelagert, trifft jedoch nicht zu. Ob Sedimentation, also eine dauerhafte Ablagerung von Teilchen, stattfand, hing unter anderem von Fließgeschwindigkeit, Flutvolumen, Zusammensetzung der Schwebstoffe und dem Niveau des Mittelmeers ab. Bei niedrigem Meeresspiegel floss der Nil schneller; dadurch wurde eine Aufschüttung verhindert, im Extremfall sogar Sediment abgetragen. Ein hoher Meeresspiegel begünstigte dagegen Ablagerungen. Für die Zeit vom dritten Jahrtausend v. Chr. bis zum ersten Jahrhundert n. Chr. wird ein niedriger Mittelmeerstand und daher kaum Sedimentation festgestellt; eine intensive Aufschüttung endete etwa 3000 v. Chr.
Die Höhe der Flut hing von Niederschlägen in Äthiopien und vom zeitlichen Zusammenfluss der Wassermengen von Atbara, Sobat und Blauem Nil ab. Erreichten alle drei Flüsse ungefähr gleichzeitig ihr Maximum, entstand meist eine hohe, aber kürzere Flut. Bei zeitlich versetzten Maxima fiel sie niedriger und dauerte länger; während der Hochflut konnte der Nil sogar kurz sinken und später erneut steigen. Niedrigere Pegel beweisen daher nicht zwingend eine insgesamt wasserärmere Schwemme.
Der historisch höchste Wert bei Assuan und Elephantine betrug etwa 16 Ellen beziehungsweise 8 Meter über dem niedrigsten Nilstand im Juni; bis zum Delta verlor die Flut etwa zwei Ellen. Die jährlichen Abweichungen lagen durchschnittlich bei drei bis vier Ellen beziehungsweise 2 Metern. Alte Messwerte, etwa auf dem Annalenstein der 5. Dynastie, sind nicht direkt mit Nilometern vergleichbar, weil Fixpunkt und Methode unbekannt sind. Für den Anfang der 1. Dynastie, etwa 3037 bis 3000 v. Chr., wurden nach Barbara Bell zwei bis drei Meter und einmal 4,5 Meter angegeben.
Landwirtschaft, Verwaltung und Aussaat
Für das trockene, von Wüsten umgebene Ägypten waren Nilwasser und Nilschlamm lebenswichtig. Die Flut durchfeuchtete die Felder; mit organischen Stoffen vermischte Sedimente wirkten als Dünger. Vor etwa 5000 Jahren nutzten die Ägypter die Fluten gezielt: Sie teilten Ackerflächen in von Dämmen umgebene Überschwemmungsbassins mit Zu- und Abflusskanälen ein.
Beim höchsten Wasserstand wurden die Bassins geflutet und etwa sechs Wochen geschlossen. So konnte sich Schlamm absetzen und der Boden Wasser aufnehmen. Danach ließ man das übrige Wasser in tiefer liegende Becken und in den bereits sinkenden Nil ab. Sofort anschließend wurde ausgesät. Die Ernte folgte schon nach drei bis vier Monaten; während der anschließenden Trockenzeit war Ackerbau kaum möglich. Deshalb eigneten sich nur Pflanzen, die zu diesem Bewässerungs- und Zeitplan passten. Kanäle mit geringerem Gefälle als der Nil ermöglichten auch die Bewässerung weiter entfernter, etwas höherer Flächen.
Das System war von der jeweiligen Fluthöhe abhängig: Bei niedriger Schwemme wurden hohe Bassins nicht gefüllt, bei hoher Schwemme brachen Dämme und Häuser wurden beschädigt. Nilometer maßen die Wasserhöhe. Sesostris I. entwarf das „geografische Modell des Nilometers“, um Angaben für Regionen und Steuererhebungen zu erhalten. Meist richteten sich Steuern nach der vom Wasser erreichten Anbaufläche. In Memphis lag der Stand der „Fülle“ bei etwa 16 Ellen, veränderte sich aber im Lauf der Zeit durch Sedimentation. Bei geringer Überschwemmung konnten Steuerschulden gestundet werden.
Die Flächenstaumethode erhielt die Fruchtbarkeit durch jährlichen Schlamm und machte Brache unnötig. Versalzung trat nicht auf; im Sommer lag das Grundwasser tief, und während der Flut wurden möglicherweise Salze ausgewaschen. Schätzungen zufolge konnten im Alten Ägypten 2 bis maximal 12 Mio. Menschen ernährt werden. In römischer Zeit wurden vermutlich 10.000 km² landwirtschaftlich genutzt. Nach der Spätantike verfielen Anlagen und Methoden; um 1800 hatte Ägypten etwa 2,5 Millionen Einwohner.
Neue Pachtverträge wurden meist im September geschlossen. Ein Vertrag aus dem Jahr 535 v. Chr., dem 36. Regierungsjahr des Amasis, verlangte die Bearbeitung mit drei von sechs Rindern gezogenen Gespannen. Der Verpächter erhielt ein Drittel der Ernte, der Pächter vom Rest fünf Sechstel; ein Sechstel stand dem Verpächter für seine Kuh zu. Etwa zwei Wochen nach den Verwaltungsakten begann das Pflügen, Mitte Oktober die Aussaat. Der Pächter war von direkten Abgaben befreit, trug aber Schäden durch äußere Einflüsse selbst.
Datierung und religiöse Deutung
Den Menschen im Alten Ägypten waren Herkunft der Flut aus Äthiopien und ihre klimatischen Ursachen nicht bekannt. Sie deuteten sie deshalb als göttlich verursachtes, auf dem Nil schwimmendes zusätzliches Wasser und nannten sie unter anderem Hapi. Von der frühdynastischen Zeit bis zum Mittleren Reich galt die Göttin Sopdet als „Verkünderin der Nilflut“, vom Mittleren bis zum Neuen Reich als deren „Mutter“. Seit Ende des Neuen Reichs wurde die sommerliche Flut als „Schweiß des Urozeans“ bezeichnet.
Herodot datierte den Beginn der Flut im Delta zur Sommersonnenwende, in seiner Zeit im 5. Jahrhundert v. Chr. um den 22./23. Juni. Er gab eine Dauer von knapp 100 Tagen und ein Ende um den 25. September an. Vermessungsurkunden stimmen damit überein; jährliche Neuvermessungen waren nötig, weil Grenzmarkierungen nach der Flut nicht mehr auffindbar waren. Um die Sommersonnenwende schimmerte das Wasser durch Algen aus dem Weißen Nil grün. Die eigentliche, meist Mitte Juli einsetzende Flut kündigte sich durch die rötliche „Hathorfarbe“ an, die der aus Äthiopien kommende Gebirgsschlamm hervorrief. Nach den Höchstständen zwischen Ende August und Anfang September sank schwarzer Nilschlamm auf die Felder.
Durch eine Kalenderreform der 19. Dynastie wurde Achet kalendarisch um einen Monat auf Mitte Juli bis Mitte November verlegt. Ursache war die Verschiebung des heliakischen Aufgangs von Sirius, des Sterns der Sopdet: In Elephantine lag er in frühdynastischer Zeit noch Mitte Juni, im Delta später Anfang Juli. Die tatsächliche Flut blieb jedoch gleich datiert; ab etwa 1200 v. Chr. fiel ihr erstes Anschwellen kalendarisch in den letzten Jahresmonat. Re übernahm dabei drei Wochen vor dem altägyptischen Neujahr die frühere Aufgabe Sopdets, in Elephantine das Hochwasser zu verursachen.
Die Inschriften des unter Nektanebos I. hergestellten Naos der Dekaden datieren die Flut in dessen Regierungszeit von 379 bis 360 v. Chr.: Sie begann mit der 28. Dekade am 21. Schemu IV, dem 29. Juni greg., dauerte sieben Dekaden und sank ab dem 1. Achet III, dem 12. September greg. Die „Sandbank des Apophis“ war als 35. Dekade mit dem Absinken verbunden.
Neuzeitliche Veränderung
Unter Muhammad Ali Pascha, Vizekönig von Ägypten von 1805 bis 1848, begann der Übergang zur ganzjährigen Bewässerung. Ab 1833 wurden, nach einer Unterbrechung ab 1847, die Delta Barrages und große Bewässerungskanäle gebaut. Ziel waren mehr Anbaufläche und zusätzliche Einnahmen durch Baumwolle. Die Briten unterstützten dies mit der 1902 fertiggestellten Assuan-Staumauer und dem Asyut-Stauwehr; weitere Stauwehre folgten. Im Sudan gingen 1925 der Sannar-Damm für das Gezira-Projekt und 1966 der Roseires-Damm in Betrieb.
Diese Anlagen sollten Flutwasser auffangen, gleichmäßig verteilen und zwei, manchmal drei Ernten jährlich ermöglichen. Der Nilschlamm verlor dabei an Bedeutung und wurde zum Teil hinderlich, weil er Kanäle verstopfte. Die Entwicklung stand im Zusammenhang mit einer Bevölkerung von inzwischen über 87 Millionen Einwohnern.
Der Assuan-Staudamm beziehungsweise Assuan-Hochdamm wurde schließlich gebaut, um genug Wasser für ein statistisch nur einmal in hundert Jahren vorkommendes Minimum der Wasserführung zu speichern. Damit endete die Nilschwemme im Nassersee; ein großer Teil des Schlamms hatte sich bereits zuvor im Sannar- und Roseires-Damm abgesetzt. Weitere Talsperren und Bewässerungsanlagen leiten Nilwasser ab, sodass nur noch ein kleiner Teil die Mündung ins Meer erreicht.