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Blauer Nil
Er verläuft durch Äthiopien und den Sudan. Auch wenn seine Wasserführung im Mittel größer ist als die des Weißen Nil, wird er heute als größter Nebenfluss des …
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Überblick und Name
Der Blaue Nil, auf Amharisch Abbai und auf Arabisch an-nīl al-azraq, ist neben dem Weißen Nil einer der beiden Hauptstränge im Flusssystem des Nils. Er verläuft durch Äthiopien und den Sudan und vereinigt sich bei Khartum, al-Chartum Bahri und Omdurman mit dem Weißen Nil zum Nil, der schließlich ins Mittelmeer fließt. Obwohl der Blaue Nil im Mittel mehr Wasser führt als der Weiße Nil, gilt er heute meist als größter Nebenfluss des Nils, während der Weiße Nil als zentrale Entwässerungslinie des Einzugsgebietes betrachtet wird.
Der Name „Blauer Nil“ ist eine ungenaue Übersetzung des arabischen Wortes azraq. Dieses kann im Sudan außer „blau“ auch „dunkel“ bedeuten. Die dunkle Färbung entsteht durch große Mengen feinkörnigen Bodenmaterials aus dem Abessinischen Hochland Äthiopiens. Diese Schwebstoffe, also im Wasser mitgeführte feste Teilchen, machen den Blauen Nil zu einem Weißwasserfluss.
Verlauf
Der Blaue Nil entspringt als Gilgel Abay, „Kleiner Abbai“, bei Gish Abay auf etwa 2728 m Höhe; in den Daten wird eine Quellhöhe von 2730 m angegeben. Er fließt zunächst vorwiegend nach Nordwesten und mündet in den auf 1786 m Höhe gelegenen Tanasee. Aus diesem See tritt er am Chara-Chara-Wehr bei Bahir Dar als einziger natürlicher Abfluss wieder aus und fließt zunächst nach Südosten. Seit 2010 besitzt der Tanasee zusätzlich einen künstlichen Abfluss durch das Tana-Beles-Kraftwerk in den Beles, der kurz vor der sudanesischen Grenze in den Blauen Nil mündet.
Etwa 30 km nach dem Verlassen des Tanasees stürzt der Fluss über die Tisissat-Wasserfälle. Danach durchquert er bis zu 1.200 m tiefe Schluchten, die erst nach fast 800 km an der sudanesischen Grenze enden. Diese Schluchten sind schwer zugänglich und bilden bis heute ein großes Verkehrshindernis. In ihnen beschreibt der Fluss eine große Richtungsänderung: Er fließt zuerst nach Südosten, dann nach Süden und schließlich nach Nordwesten.
Im Sudan fließt der Blaue Nil zunächst durch niedrige Hügel und mäandert dann, also er bildet Flussschlingen, durch die Dschazira-Ebene. Bei Khartum vereinigt er sich mit dem Weißen Nil. Über seine Länge gibt es unterschiedliche Angaben: genannt werden 1.783 km, 1.600 km und 1.450 km. Das Einzugsgebiet umfasst etwa 325.000 km².
Wasserführung und Bedeutung für den Nil
Der Blaue Nil erhält sein Wasser vor allem aus den Bergen des Abessinischen Hochlandes, aus dem Einzugsgebiet des Tanasees und aus dem Bergland, das er anschließend durchquert. Seine Wasserführung hängt stark von der Regenzeit zwischen Juni und September ab. In dieser Zeit kann er bis zu sechzigmal so viel Wasser führen wie in der Trockenzeit und transportiert sehr viele Sedimente, also mitgeführtes Material wie Schlamm und feine Bodenteilchen.
Das Hochwasser erreicht mit zeitlicher Verzögerung den Sudan und Ägypten. Früher war es dort als Nilschwemme wichtig, weil der fruchtbare Nilschlamm die Landwirtschaft unterstützte. Seit dem Bau des Assuan-Hochdammes und weiteren Veränderungen hat die Nilschwemme nur noch geringe Bedeutung. Die Wassermenge des Blauen Nils schwankt auch von Jahr zu Jahr stark. Im Mittel trägt er etwa 69 % zur Wasserführung des gesamten Nils bei.
Am Pegel Roseires Dam wurde die Durchflussmenge 70 Jahre lang von 1912 bis 1982 gemessen. Für ein dort erfasstes Einzugsgebiet von 210.000 km² werden unter anderem 48 m³/s als niedrigster monatlicher Durchschnitt, 155 m³/s als mittleres Niedrigwasser, 1548 m³/s als mittlerer Abfluss, 5703 m³/s als mittleres Hochwasser und 9408 m³/s als höchster monatlicher Durchschnitt genannt. Weiter flussabwärts nimmt die Wasserführung durch Bewässerung und Verdunstung ab. Im trockenen Sudan erhält der Blaue Nil bis zum Zusammenfluss mit dem Weißen Nil kaum weiteres Wasser.
Nutzung und Staudämme
Die Nutzung des Blauen Nils in Äthiopien wird durch die schwer zugänglichen Schluchten des Abay und die geringe Verkehrserschließung des Hochlandes erschwert. Es gibt mehrere Anlagen zur Stromerzeugung und Wassernutzung. Die kleinen Tis-Abay-Kraftwerke dienen nur der Stromerzeugung. Das Angereb Reservoir oberhalb des Tanasees wurde zur Wasserversorgung der Stadt Gonder gebaut. Das Fincha-Kraftwerk in einem Seitental des Abay dient sowohl der Stromerzeugung als auch der Bewässerung. Auch das 2010 in Betrieb gegangene Tana-Beles-Kraftwerk an einem künstlichen Auslauf des Tanasees erfüllt beide Aufgaben.
2011 begann Äthiopien mit dem Bau der Grand-Ethiopian-Renaissance-Talsperre, die 2025 fertiggestellt wurde. Sie liegt in einer unzugänglichen Gegend kurz vor der sudanesischen Grenze und weit entfernt von größeren Stromabnehmern. Als eines der größten Wasserkraftwerksprojekte Afrikas kann sie die Menge des abfließenden Wassers des Blauen Nils kontrollieren. Weil der Blaue Nil der größte Zufluss des Nils ist, wirkt sich dies auch auf den Nassersee hinter dem Assuan-Staudamm und damit auf die in Ägypten verfügbare Wassermenge aus.
Im Sudan wird das Wasser des Blauen Nils vor allem zur Bewässerung genutzt, in geringerem Umfang auch zur Stromerzeugung. Besonders wichtig sind das Dschazira-Projekt, das ab 1925 durch den Sannar-Damm bewässert wurde, die angrenzende al-Managil-Erweiterung und das Rahad-Projekt auf der rechten Flussseite, das seit 1966 Wasser vom Roseires-Damm erhält. Die Stauseen leiden unter starker Sedimentation, weil der Blaue Nil viel Material mitführt. Deshalb werden sie jährlich über Grundablässe entleert, um möglichst viel Sediment auszuspülen.
Konflikte um das Wasser
Das Wasser des Nils ist für Ägypten lebensnotwendig, weil das Land praktisch über keine andere große Süßwasserquelle verfügt. Ägypten vertrat deshalb lange die Position, dass niemand den Zufluss, besonders aus dem Blauen Nil, beeinträchtigen dürfe. In mehreren Verträgen aus der Zeit britischer Herrschaft wurde dieser Anspruch festgehalten: 1902 erklärte Kaiser Menelik II. von Abessinien in einem Vertrag mit dem Vereinigten Königreich, ohne Zustimmung der Briten und des Sudans keine Bauten zuzulassen, die den Fluss beeinträchtigen würden. 1929 wurde das natürliche und historische Recht Ägyptens am Nilwasser bekräftigt. 1959 vereinbarten Ägypten und Sudan eine bestimmte, dem Sudan vorbehaltene Wassermenge; der Sudan stimmte daraufhin dem Assuan-Hochdamm und dem weit in den Sudan reichenden Nassersee zu.
Die Bedeutung dieser Verträge ist bei anderen Anrainerstaaten stark umstritten. Für Äthiopien ergibt sich eine schwierige Lage: Zusammen mit dem Atbara stammen mehr als 80 % des Nilwassers für Ägypten aus Äthiopien, doch der wasserreiche, aber arme Staat sollte lange kaum eigene Nutzungsmöglichkeiten haben. Äthiopien versucht, seinen Wasserbedarf diplomatisch geltend zu machen und seit 1998 im Rahmen der Nile Basin Initiative kooperative Lösungen mit Ägypten zu erreichen. Der Artikel nennt, dass Äthiopien derzeit nur etwa 1 % des Nilwassers nutzt. Gegen die seit 2011 gebaute Grand-Ethiopian-Renaissance-Talsperre opponiert Ägypten. Äthiopien kündigte an, den Stauraum ab Juli 2020 zu füllen; Satellitenaufnahmen aus dem Sommer 2020 bestätigten dies. Die ersten Turbinen sind seit Februar 2022 einsatzbereit, die Fertigstellung wurde zwischen 2023 und 2028 erwartet.
Erkundung und Sehenswürdigkeiten
Die Quellen und der Verlauf des Blauen Nils wurden von Europäern erst nach und nach beschrieben. Pedro Páez, ein Jesuitenmissionar in Äthiopien, reiste 1613 vom Tanasee zu den Quellen des Gilgel Abay und gilt als erster Europäer, der sie entdeckte. Seine História da Ethiópia blieb jedoch unveröffentlicht. Jerónimo Lobo besuchte und beschrieb die Quellen 1622, James Bruce sah sie 1770 erneut. Der schwierige Lauf unterhalb der Wasserfälle mit tiefen Schluchten und Stromschnellen blieb bis ins 20. Jahrhundert weitgehend unerforscht.
Mehrere Befahrungen scheiterten oder waren nur teilweise erfolgreich. Major Cheesman erkundete den Lauf zwischen 1925 und 1933 vom Hochland aus zu Fuß oder mit Maultieren und legte dabei etwa 8000 km zurück. Die erste vollständige Durchquerung gelang John Blashford-Snell mit der Great Abbai Expedition 1968 bis zur sudanesischen Grenze. 2003/2004 gelang Pasquale Scaturro und Gordon Brown die erste Befahrung des Blauen Nils auf seiner gesamten Länge; die Expedition endete an der Nilmündung ins Mittelmeer.
Eine wichtige Sehenswürdigkeit sind die Tisissat-Wasserfälle, etwa 30 km südlich von Bahir Dar beim Dorf Tis Issat. Dort stürzt der Blaue Nil 42 m in die Tiefe. Während der Regenzeit erreichen die Fälle eine Breite von über 400 m und gelten als zweitgrößte Wasserfälle Afrikas. Sie bestehen aus vier nebeneinanderliegenden Hauptfallbereichen und zählen zu den wichtigsten Touristenattraktionen Äthiopiens. Ihre Wirkung wurde jedoch beeinträchtigt, weil große Wassermengen durch die nahegelegenen Tis-Abay-Kraftwerke an den Fällen vorbeigeleitet werden und seit 2010 zusätzlich Wasser aus dem Tanasee zu den Tana-Beles-Kraftwerken abfließt. Der Blaue Nil ist außerdem namensgebend für den sudanesischen Bundesstaat an-Nil al-azraq, auf Deutsch Blauer Nil.