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Naturwissenschaft und Religion
Hierbei wird unter Wissenschaft in erster Linie die Naturwissenschaft verstanden, insbesondere Physik, Kosmologie, Evolutionsbiologie, Genetik und Neurologie, …
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Forschungsgebiet und Grundfragen
Naturwissenschaft und Religion ist ein interdisziplinäres Forschungsgebiet, das die Beziehungen zwischen wissenschaftlichen und religiösen Wissenssystemen untersucht. Mit Wissenschaft sind vor allem Physik, Kosmologie, Evolutionsbiologie, Genetik und Neurologie gemeint, daneben Wissenschaftsphilosophie, Wissenschaftsgeschichte und seltener Psychologie. Religion umfasst traditionelle Religionen wie Judentum, Christentum und Islam, aber auch Gebet, Meditation, Spiritualität und die Gottesfrage.
Das akademische Gebiet entstand in den 1960er Jahren in den USA und Europa. Als Begründer gilt der Physiker und Theologe Ian Barbour (1923–2013), der 1966 das grundlegende Werk „Issues in Science and Religion“ veröffentlichte. Die Forschung beschreibt nicht nur Konflikte, sondern entwickelt auch Modelle für einen konstruktiven Dialog.
Untersucht werden außerdem religiöse Praktiken und Einstellungen mit empirischen Methoden. Experimente zufolge steigt bei Meditierenden die Alphawellenaktivität des Gehirns; diese Aktivität kann Entspannung und Kreativität fördern sowie depressive Gemütszustände lindern. Eine Zwillingsstudie kam zu dem Ergebnis, dass die Neigung zur Entwicklung von Religiosität im Laufe des Lebens zu 40–60 % genetisch bedingt sei. 2019 wurde an 145 Angehörigen der Bahai die gesundheitliche Wirkung religiösen Fastens untersucht. Die Studie berichtete eine Beschleunigung des Zucker- und Fettstoffwechsels durch Intervallfasten und einen möglichen Schutz vor Diabetes.
Modelle des Verhältnisses
Interaktionsmodelle ordnen die unterschiedlichen Beziehungen zwischen Naturwissenschaft und Religion. John Haught unterscheidet Konflikt, Kontrast, Kontakt und Konfirmation. Ted Peters beschreibt acht Modelle, darunter vier Konflikt- und vier Kooperationsmodelle; auch Ian Barbour verwendet vier Modelle.
Im Konflikt- oder Konfrontationsmodell versucht eine Seite, die andere auszuschließen oder zu vereinnahmen. Der naturwissenschaftliche Materialismus betrachtet die materielle Welt als einzige Wirklichkeit und spricht einer transzendenten Wirklichkeit häufig die Existenzberechtigung ab. Der naturwissenschaftliche Imperialismus versucht dagegen, religiöse Erscheinungen mit naturwissenschaftlichen Hypothesen zu erfassen; Gott kann dabei als „Lückenbüßergott“ für bislang Unerklärtes dienen. Umgekehrt beanspruchte kirchliche Autorität lange ein letztes Urteil auch über naturwissenschaftliche Aussagen. Religiöser Fundamentalismus zeigt sich unter anderem im Kreationismus, der die Evolutionstheorie ablehnt. Intelligent Design vertritt in milderer Form die Ansicht, erkennbare Ordnung in der Natur verweise auf einen intelligenten Urheber.
Das Kontrast- oder Koexistenzmodell versteht Naturwissenschaft und Religion als zwei eigenständige „Sprachen“. Naturwissenschaft erklärt die materielle Welt durch objektive Messungen, Religion deutet transzendente Wirklichkeit und persönliche Erfahrungen. Hans Küng nennt dies ein Komplementaritätsmodell: Unzulässige Übergänge und die Verabsolutierung einer Seite sollen vermieden werden. Arnold Benz betont, beide Zugänge könnten sich im Staunen, in der Ethik und in der Naturphilosophie begegnen.
Im Dialogmodell überschneiden sich bestimmte Fragen. Wissenschaftliche und religiöse Sichtweisen werden miteinander verglichen, besonders bei ethischen Problemen der Nuklear- und Gentechnologie. Das Integrationsmodell versucht, naturwissenschaftliche Erkenntnisse und religiöse oder spirituelle Vorstellungen zu einem Gesamtbild zu verbinden. Dazu zählen die Evolutionstheologie Teilhard de Chardins und die Prozessphilosophie Alfred North Whiteheads.
Grenzen und wechselseitige Ansprüche
Konflikte entstehen, weil sowohl Religion als auch Naturwissenschaft wahre Aussagen über die Welt oder die Gesamtwirklichkeit beanspruchen. Religion beruft sich auf eine naturwissenschaftlich nicht beweisbare transzendente Wirklichkeit, die durch Offenbarung oder mystische und meditative Erfahrung zugänglich sein soll. Naturwissenschaft verlangt dagegen grundsätzlich überprüfbare Aussagen und wiederholbare Experimente, wobei komplexe Theorien und historische Rückschlüsse nicht immer unmittelbar experimentell geprüft werden können.
Im Christentum wurde Galileo Galilei (1564–1642) zum bekannten Konfliktfall. Er unterstützte das heliozentrische Weltbild des Nikolaus Kopernikus (1473–1543) durch Fernrohrbeobachtungen und musste seine Auffassung auf kirchlichen Druck widerrufen. Ab 1633 stand er unter Hausarrest; erst am 2. November 1992 rehabilitierte ihn Papst Johannes Paul II. offiziell. Giordano Brunos Verurteilung war dagegen nicht unmittelbar ein Konflikt um empirische Naturwissenschaft, sondern betraf seine naturphilosophische Gotteslehre.
Einen weiteren Streitpunkt bildete die Evolutionstheorie, die Charles Darwin (1809–1882) und Alfred Russel Wallace (1823–1913) 1858 veröffentlichten. Jean-Baptiste de Lamarck hatte bereits 1809 eine ausformulierte, in wesentlichen Punkten irrige Evolutionstheorie vorgelegt. Darwin und Wallace erklärten die Entstehung der Arten durch über Jahrmillionen ablaufende Variation, natürliche Selektion und Anpassung. Darwin bezog 1871 auch den Menschen in die Evolution ein. Kreationisten lehnen dies ab und vertreten eine direkte göttliche Erschaffung der Grundtypen sowie des Menschen; ein zentraler Einwand ist die Sündenlehre, nach der Leid und Tod erst durch die Sünde des Menschen in die Welt kamen.
Im Islam bestand etwa vom 8. bis zum 14. Jahrhundert eine wissenschaftliche Blütezeit. Im Haus der Weisheit in Bagdad wurden klassische Werke ins Arabische und Persische übersetzt. Medizinische Werke wie Avicennas „Kanon der Medizin“ prägten lange die abendländische Wissenschaft; in der Mathematik wurden indische Zahlen, die Null und später Dezimalbrüche übernommen. Darwins Theorie wurde 1876 in der Beiruter Zeitschrift „al-Muqtataf“ veröffentlicht und kontrovers diskutiert. Die heutige Haltung von Muslimen zur Evolutionstheorie ist gespalten; zudem ist die Neutralität der Darstellung dieses Themenbereichs im Artikel ausdrücklich als umstritten markiert.
Auch Naturwissenschaft kann religiöse Bereiche beanspruchen. Positivismus und Szientismus betrachten naturwissenschaftliches Wissen als dem religiösen Glauben überlegen und Religion höchstens als Erklärung noch vorhandener Wissenslücken. Dagegen verlangt Karl Poppers Falsifikationismus, dass naturwissenschaftliche Aussagen prinzipiell widerlegbar sein müssen: Erkenntnisse bleiben daher vorläufig. Die Heisenbergsche Unschärferelation begrenzt die Berechenbarkeit subatomarer Teilchen, der Gödelsche Unvollständigkeitssatz die mathematische Beweisführung in endlichen Systemen.
Koexistenz, Dialog und Menschenbild
Koexistenzmodelle weisen Naturwissenschaft und Religion unterschiedliche, aber gleichberechtigte Aufgaben zu. Naturwissenschaft behandelt Fakten und Naturvorgänge; Religion und Philosophie befassen sich mit Sinn, Wert und existenziellen Fragen. Gerd Theißen fasst dies so zusammen: „Die Naturwissenschaft fragt nach dem Faktischen, die Theologie nach Sinn und Wert.“ Stephen Jay Gould vertrat mit den „Nonoverlapping Magisteria“ (NOMA) eine ähnliche Trennung. Richard Dawkins kritisiert, ein in die Welt eingreifender Gott betrete zwangsläufig naturwissenschaftliches Gebiet; außerdem seien naturwissenschaftlich grundsätzlich unbeantwortbare Fragen nicht automatisch der Theologie zugänglich.
Dialogmodelle untersuchen Überschneidungen. Neurowissenschaftliche Versuche, Gotteserfahrungen, mystische Erlebnisse, Gewissen oder freien Willen vollständig empirisch zu erklären, gelten teilweise als gescheitert oder umstritten. Experimente, nach denen vor einer bewussten Handbewegung bereits unbewusste Gehirnaktivität auftritt, werden von manchen Forschern als Hinweis gegen Willensfreiheit gedeutet. Dies berührt die religiöse und gesellschaftliche Annahme, Menschen könnten zwischen Gut und Böse wählen und seien für ihr Handeln verantwortlich.
Theologie kann im Dialog ethische Grenzen technischer Machbarkeit thematisieren. Der Artikel nennt als stark umstrittene Beispiele das Klonen von Menschen als „Ersatzteillager“ für Organe und aktive Sterbehilfe. Religiöse Vorstellungen von Menschenwürde, Nächstenliebe und Barmherzigkeit können dabei als kritisches Korrektiv wirken. Zugleich können naturwissenschaftliche Anfragen religiöse Lehren prüfen und helfen, Glauben von Ideologie abzugrenzen.
Das Stockwerke-Modell Martin Bleifs beschreibt die Wirklichkeit als aufeinander aufbauende Ebenen: Atome bilden Moleküle, Moleküle Zellen, Zellen Organe und mehrzellige Lebewesen. Gehirne ermöglichen Gefühle, Intelligenz und Bewusstseinsaspekte; beim Menschen entstehen darauf Kulturen, Wissenschaften und Religionen. Höhere Ebenen benötigen eigene Begriffe, obwohl sie physikalisch-chemische Vorgänge voraussetzen. Dieses Hervorgehen neuer Eigenschaften heißt Emergenz. Nach dem Modell setzt Geist den Körper voraus, da Bewusstseinsregungen mit messbaren Vorgängen im Gehirn verbunden sind.
Kosmologie, Evolution und Genetik
Die Kosmologie beschreibt mit dem Urknallmodell die Entstehung des Universums, bietet für die Ursache des Urknalls aber nur Hypothesen. Gläubige können Gott als geistigen Urgrund, Urhalt und Ursinn von Welt und Mensch verstehen. Diskutiert wird außerdem die mögliche Feinabstimmung der Naturkonstanten: Schon geringe Abweichungen hätten nach dieser Auffassung einen lebensfeindlichen Kosmos ergeben. Als Erklärungen werden die bislang unbewiesene und schwer überprüfbare Multiversum-Hypothese sowie das anthropische Prinzip genannt. Ob eine solche Feinabstimmung überhaupt besteht, ist umstritten. Theologisch kann sie als Hinweis auf göttliche Vorsehung verstanden werden, stellt aber keinen Beweis dar.
In der Evolutionsbiologie stehen sich eine wörtliche Deutung der biblischen Schöpfung und Darwins Evolutionstheorie gegenüber. Die Mehrheit der europäischen katholischen und protestantischen Theologen vertritt jedoch die theistische Evolution. Danach erhält Gott die Welt durch eine „Creatio Continua“, eine fortgesetzte Schöpfung, und greift möglicherweise auf verborgene Weise ein. Die naturwissenschaftlich erkennbare Evolution ist in dieser Vorstellung Teil der Schöpfung.
Die Genetik führte besonders zu ethischen Kontroversen: 1995 wurde über Patente auf Informationen des menschlichen Genoms gestritten, 1997 über das Klonen von Lebewesen und 2000 über embryonale Stammzellen. Der Vatikan verurteilt Forschung an embryonalen Stammzellen als moralisch illegitim, insbesondere wenn dabei befruchtete Eizellen getötet werden. Gemäßigte Protestanten argumentieren, christliche Nächstenliebe verlange auch mithilfe embryonaler Stammzellen eine Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden. Jüdische Ethiker vertreten ebenfalls die Auffassung, ihr therapeutischer Einsatz könne erlaubt sein.
Integrationsansätze
Teilhard de Chardin (1881–1955) deutet den Kosmos als zielgerichtete Entwicklung. In der Kosmogenese verbindet sich Materie zu immer komplexeren Formen und Molekülen, bis Leben entsteht. Die biologische Evolution führt in der Noogenese zur Entstehung des Menschen und seines Bewusstseins. Durch soziale Evolution soll sich der Mensch weiterentwickeln, bis eine vergeistigte Einheit alles Seienden erreicht ist, der „Punkt Omega“. Jesus Christus zeige dieses Ziel bereits an und nehme es in der Christogenese vorweg. Als Triebkraft des Gesamtprozesses gilt die Liebe, die schließlich Gottes- und Weltwirklichkeit vereinen soll.
Alfred North Whitehead (1861–1947) versucht in seiner Prozessphilosophie, Naturwissenschaft, Philosophie und Theologie in einem Begriffssystem zu verbinden. Materie, Gedanken und Wünsche sind für ihn gleichermaßen wirklich. Grundlage der Wirklichkeit sind nicht feste Atome, sondern Wandel, Ereignisse und Beziehungen. Die unteilbaren Grundeinheiten nennt er „wirkliche Einzelwesen“. Auch Materie ist eine wiederholte Abfolge von Ereignissen. Gott umfasst alle Möglichkeiten der Welt, geht über sie hinaus und ermöglicht zugleich ihre „Ordnung im Werden“. Charles Hartshorne (1897–2000) entwickelte diesen Ansatz zur Prozesstheologie weiter.
Eine weitere Integration ist die naturwissenschaftliche Koranauslegung. Sie knüpft Aussagen in Koranversen an Ergebnisse moderner Naturwissenschaften. Bereits al-Ghazali (1058–1111) lehrte, alles menschliche Wissen sei im Koran enthalten. Vertreter dieser seit dem 19. Jahrhundert besonders populären Schule betrachten angebliche Vorhersagen moderner Erkenntnisse durch Muhammad mehr als 1000 Jahre vor ihrer Entdeckung als Beweis für den göttlichen Ursprung des Koran.