Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Naturräumliche Großregionen Deutschlands
Eine Gliederung Deutschlands in naturräumliche Großregionen, Haupteinheiten und Untereinheiten berücksichtigt in erster Linie geomorphologische, geologische …
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und Zweck
Die naturräumlichen Großregionen Deutschlands sind eine fachliche Gliederung der Landschaft in größere, möglichst einheitliche Räume. Entscheidend sind vor allem geomorphologische Kriterien (Formen der Erdoberfläche), geologische Kriterien (Gesteinsaufbau), hydrologische Kriterien (Gewässer), biogeographische Kriterien (Verbreitung von Lebewesen) und bodenkundliche Kriterien (Böden). Politische Grenzen spielen dabei, außer den nationalen Außengrenzen, keine Rolle.
Die Gliederung ist wichtig, weil sie Naturräume vergleichbar macht und eine gemeinsame Grundlage für Geographie, Naturschutz und Landesplanung bietet. Neben dieser naturräumlichen Einteilung gibt es auch eine offizielle Einteilung in Landschaftsräume. Diese orientiert sich stärker daran, wie Regionen vom Menschen als Kulturlandschaften genutzt werden, und kann deshalb andere Grenzen ziehen.
Grundsystem der BfL
Die heute häufig verwendete naturräumliche Gliederung beruht vor allem auf dem Handbuch der naturräumlichen Gliederung Deutschlands der Bundesanstalt für Landeskunde (BfL) aus den Jahren 1953 bis 1962. Herausgeber waren Emil Meynen und Josef Schmithüsen. Das damalige Gebiet von BRD und DDR wurde in 86 Haupteinheitengruppen mit zweistelligen Kennziffern zwischen 01 und 90 eingeteilt. Diese wurden weiter in Haupteinheiten mit dreistelligen Kennziffern untergliedert.
Ab 1959 wurden diese Haupteinheitengruppen in übergeordnete Großregionen eingeordnet. Daraus entstand ein hierarchisches System: fünf naturräumliche Großregionen 1. Ordnung, auch Großlandschaften genannt, die sich in 18, seit 1964 in 19 Großregionen 2. Ordnung gliedern. Die Haupteinheitengruppen entsprechen meist Großregionen 3. Ordnung; Haupteinheiten bilden Regionen 4. Ordnung.
Einige Großregionen 2. Ordnung enthalten nur eine Haupteinheitengruppe, zum Beispiel Mecklenburgisch-Vorpommersches Küstengebiet, Harz, Thüringer Becken, Obermainisch-Oberpfälzisches Hügelland und Südliches Alpenvorland. Andere fassen bekannte Großlandschaften zusammen, etwa das Rheinische Schiefergebirge oder das Südwestdeutsche Stufenland. Spätere Einzelblätter im Maßstab 1:200.000 zeigten, dass manche Grenzen korrigiert werden mussten. Die Nummerierung beginnt erst ab der 3. Ordnung und folgt einem dekadischen System.
Neuordnungen und andere Ansätze
Zwischen 1992 und 1994 überarbeiteten Axel Ssymank und Mitarbeitende im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) die Haupteinheitengruppen 01 bis 90. Die Grenzen blieben meist erhalten, in einzelnen Fällen wurden aber zwei bis vier Haupteinheitengruppen zusammengefasst. Bei Nord- und Ostsee wurde eine bisherige Gruppe in vier neue Einheiten aufgespalten. Die neuen Einheiten D01 bis D73 wurden von Norden nach Süden neu nummeriert. Diese Nummerierung passt nicht zu den älteren Haupteinheiten und Untereinheiten und setzte sich in den Landesämtern nicht durch.
Ssymank fasste die Naturräume zu acht sogenannten Großlandschaften zusammen. Eine wichtige Abweichung gegenüber der BfL ist die Zuordnung der westlichen Schichtstufenländer zu einer Einheit mit dem Rheinischen Schiefergebirge und dem Harz. Noch grundlegender ist die Aufteilung des Norddeutschen Tieflandes in einen westlichen und einen östlichen Teil, begründet mit der klimatischen Unterscheidung zwischen atlantisch und kontinental. Diese Grenze gilt im Artikel als willkürlich, weil sie unter anderem den Lößgürtel nördlich der Mittelgebirgsschwelle und die Nordostdeutsche Seenplatte zerschneidet.
Das BfN ließ außerdem Landschaftssteckbriefe erstellen. Sie gliedern Deutschland in 28 Landschaftstypen und insgesamt 856 Landschaften. Diese Landschaftssteckbriefe dienen vor allem der groben Kategorisierung, der Erfassung von Schutzgebieten und der Landnutzung. Sie sind keine naturräumliche Gliederung im engeren Sinn.
Ein weiterer Ansatz entstand seit 1994 im Rahmen der Neuordnung der Naturräume in Sachsen durch die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Günther Schönfelder entwickelte 2008 einen Vorschlag für deutsche Großlandschaften, der auf dem sächsischen System aufbaut und in benachbarte Bundesländer hineinreicht. Besonders bei den Lößbörden, dort Lößgürtel genannt, zeigt sich eine deutliche Analogie; im sächsischen System stehen sie gleichberechtigt neben Tiefland und Mittelgebirgen.
Großregionen im Überblick
Die Liste der Großregionen ordnet Haupteinheitengruppen, Großregionen 2. Ordnung und Großregionen 1. Ordnung ein. Sie beruht hauptsächlich auf Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde seit 1959. Heinrich Müller-Miny legte einen frühen Entwurf vor; ab 1964 und erneut ab 1979 wurden wichtige Änderungen vorgenommen. So wurde das Oberpfälzisch-Obermainische Hügelland zur Großregion 2. Ordnung, die Lößbörden wurden erweitert, und die Großregion 1. Ordnung Mittelgebirge wurde wieder in Mittelgebirgsschwelle und Schichtstufenland geteilt.
Zu den obersten Räumen gehören Nord- und Ostsee, das Norddeutsche Tiefland, die Mittelgebirgsschwelle, das Schichtstufenland beiderseits des Oberrheingrabens, das Alpenvorland und die Alpen. Nord- und Ostsee werden ausnahmsweise mit dreistelligen Haupteinheiten dargestellt: Deutsche Bucht, Doggerbank und angrenzende zentrale Nordsee, Westliche Ostsee und Östliche Ostsee.
Das Norddeutsche Tiefland umfasst unter anderem das Nordwestdeutsche Marschland, das Mecklenburgisch-Vorpommersche Küstengebiet, das Norddeutsche Jungmoränenland, das Norddeutsche Urstromtäler- und Plattenland sowie die Lößbörden. Jungmoränenland bezeichnet junge eiszeitliche Formen; Urstromtäler sind breite Schmelzwassertäler der Eiszeiten; Lößbörden sind fruchtbare, lößgeprägte Landschaften. Die Lößbörden reichen unter anderem über Teile der Oberlausitz, das Sächsische Hügelland, das Mitteldeutsche Schwarzerdegebiet, das Nördliche Harzvorland und die Niedersächsischen Börden.
Die Mittelgebirgsschwelle umfasst unter anderem Rheinisches Schiefergebirge, Niedersächsisch-Hessisches Bergland, Harz, Thüringer Becken und Östliche Mittelgebirgsschwelle. Bei einigen Zuordnungen nennt der Artikel strittige Fälle: Der Kellerwald wird im Handbuch dem Westhessischen Bergland zugerechnet, gilt aber natürlich als Teil des Rheinischen Schiefergebirges; beim Thüringer Becken sind unter anderem Ohmgebirge, Bleicheröder Berge, Eichsfelder Kessel und Querfurter Platte Grenz- oder Streitfälle.
Das Schichtstufenland beiderseits des Oberrheingrabens umfasst Saar-Nahe-Berg- und Tafelland, Oberrheinisches Tiefland, Südwestdeutsches Stufenland und Oberpfälzisch-Obermainisches Hügelland. Das Alpenvorland gliedert sich in Nördliches und Südliches Alpenvorland, darunter Donau-Iller-Lech-Platte, Unterbayerisches Hügelland, Isar-Inn-Schotterplatten, Subalpines Jungmoränenland sowie Nagelfluhhöhen und Senken zwischen Bodensee und Wertach.
Alpen und abweichende Alpengliederung
Die Alpen werden wegen ihres feinen Mosaiks genauer aufgeführt als viele andere Großregionen. Nach dem Handbuch werden die Nördlichen Kalkhochalpen und die Schwäbisch-Bayerischen Voralpen unterschieden. Zu den Nördlichen Kalkhochalpen zählen unter anderem Hinterer Bregenzer Wald, Allgäuer Hochalpen, Oberstdorfer Becken, Wettersteingebirge, Karwendelgebirge, Loferer und Leoganger Alpen sowie Berchtesgadener Alpen. Zu den Schwäbisch-Bayerischen Voralpen gehören unter anderem Vorderer Bregenzerwald, Vilser Gebirge, Ammergebirge, Kocheler Berge, Mangfallgebirge, Kufsteiner Becken und Chiemgauer Alpen.
Eine deutlich abweichende Gliederung stammt von Klaus Hormann und Hansjörg Dongus. Hormann schlug 1978 vor, die bisherige Aufspaltung in die Gruppen 01 und 02 aufzugeben und die auf dem Festland noch freien Ziffern ab 90 für eine neue Alpengliederung zu verwenden. Dongus folgte diesem Ansatz in den Jahren 1991 bis 1994. Diese Gliederung unterscheidet sich stark von den übrigen Systemen, weil die einzelnen Einheiten nicht mehr einfach zusammenhängend sind.
In diesem System bildet 9 die Alpen insgesamt. Dazu gehören unter anderem 90 Becken und Talböden zwischen den Hauptgruppen der Alpen, 91 Östliche Zentralalpen, 92 Schieferalpen der Nördlichen Grauwackenzone, 93 Nördliche Kalk-Ostalpen, 94 Flyschalpen, 95 Nördliche Kalk-Westalpen und 96 Schweizer und Allgäuer Nagelfluhschichtkämme. Die Großregion 02 des Handbuchs liegt zentral am Nordrand der Alpen; ihr Südteil wird von den Zwischenkalkalpen eingenommen.