Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Musikermedizin

Die Musikermedizin befasst sich mit physischen und mentalen Erkrankungen und Beschwerden von Musikern (Musikerkrankheiten).

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Bedeutung
  2. 2. Forschung und Einrichtungen
  3. 3. Typische Beschwerden und Erkrankungen
  4. 4. Vorbeugung und Behandlung

Gegenstand und Bedeutung

Musikermedizin befasst sich mit physischen und mentalen Erkrankungen und Beschwerden von Musikern. Dazu gehören typische Musikerkrankheiten ebenso wie psychische Probleme, etwa Lampenfieber. Ziel ist es, die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Musikern zu erhalten, Erkrankungen vorzubeugen und bestehende Beschwerden zu behandeln.

Der verwandte Forschungsbereich Musikphysiologie untersucht die physiologischen Grundlagen des Musizierens, also die körperlichen Vorgänge beim Spielen und Singen, sowie die Vorbeugung gegen typische Musikerkrankheiten. Der Begriff Musikergesundheit bezeichnet vor allem die Gesunderhaltung und das Wohlbefinden des Musikers. Wichtige vorbeugende Maßnahmen sind ausreichend Bewegung durch geeignete Sportarten, gesunde Ernährung und genügend Schlaf.

Der Begriff Musikmedizin wird gelegentlich gleichbedeutend mit Musikermedizin verwendet. Er kann jedoch auch verschiedene Formen der Musiktherapie bezeichnen und ist deshalb mehrdeutig.

Forschung und Einrichtungen

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Musikerkrankheiten reicht mindestens bis zum Ärztlichen Ratgeber für Musiktreibende von Karl Sundelin aus dem Jahr 1832 zurück. Um die Jahrhundertwende veröffentlichte Adolf Steinhausen (1859–1910) mehrere musikmedizinische Abhandlungen. In den 1920er-Jahren schrieb Julius Flesch über die Berufskrankheiten des Musikers. Der Nervenarzt Kurt Singer veröffentlichte 1926 das Buch Berufskrankheiten der Musiker und lehrte ab 1923 an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin.

Nach Kurt Singer wurde das Kurt-Singer-Institut für Musikermedizin in Berlin benannt. Es gehört zur Universität der Künste und zur Musikhochschule Hanns Eisler; seine Leitung hat heute Alexander Schmidt. Weitere wichtige Einrichtungen sind das 1974 von Christoph Wagner gegründete Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin (IMMM) der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, das seit 1994 von Eckart Altenmüller geleitet wird, sowie das 2005 gegründete Freiburger Institut für Musikermedizin unter der Leitung von Claudia Spahn und Bernhard Richter.

In der DDR wurde auf diesem Gebiet in der Arbeitsmedizinischen Beratungsstelle der Theater und Orchester in Berlin geforscht und therapiert. Weitere Institute oder Abteilungen für Musikphysiologie und Musikermedizin gibt es unter anderem an den Musikhochschulen in Weimar, Leipzig, Dresden und Frankfurt sowie am Universitätsklinikum Düsseldorf und am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.

1994 wurde die Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin gegründet. Sie veranstaltet jedes Jahr einen Kongress. Seit den 1990er-Jahren entstanden auch in der Schweiz, Österreich, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, den USA und Neuseeland entsprechende Verbände.

Typische Beschwerden und Erkrankungen

Besonders häufig sind Überlastungs- und vorzeitige Verschleißerscheinungen an Muskeln, Sehnen und Gelenken, vor allem an Armen und Händen. Von 264.000 angestellten Berufsmusikern, die 2006 in den USA tätig waren, litten je nach Instrument 50–76 % an berufsbezogenen muskuloskelettalen Beschwerden, also Beschwerden des Bewegungsapparates. Frauen waren dabei deutlich häufiger betroffen: 70 % gegenüber 52 % bei Männern. Am häufigsten traten die Beschwerden in der dritten und vierten Lebensdekade auf.

Als Risikofaktoren gelten eine allgemeine Überbeweglichkeit der Gelenke (Hyperlaxizität), plötzlich stärkeres oder längeres Üben, ein Wechsel des Übungsleiters oder Dirigenten, Stress, eine schlechte Körperhaltung und eine ungünstige Führung des Instruments. Zu den typischen Erkrankungen zählen:

  • Sehnenansatz-Überlastungen (Enthesiopathien), besonders an Unterarm und Hand
  • Sehnenscheidenentzündungen (Tendovaginitis) und Sehnenreizungen (Tendinitis)
  • Nervenkompressionssyndrome wie Karpaltunnel- oder Ulnarisrinnensyndrom
  • fokale Dystonie mit spastischen, unkontrollierten Muskelkontraktionen
  • Arthrose, vor allem am Daumensattelgelenk (Rhizarthrose), an der Handwurzel, an den Fingerendgelenken (Heberden-Arthrose) und an den Fingergrundgelenken
  • Engpasssyndrom der oberen Thoraxapertur (Thoracic-outlet-Syndrom)
  • Tinnitus, Lärmschwerhörigkeit und Lampenfieber

Einige Beschwerden hängen mit bestimmten Instrumenten zusammen. Längeres und regelmäßig wiederholtes Spielen von Geige, Bratsche oder Blasinstrumenten kann mit Veränderungen an Zähnen, Mundhöhle, Kiefern und Gesicht einhergehen.

Orchestermitglieder sitzen häufig dicht gedrängt in engen, teilweise abgeschlossenen Orchestergräben und sind hohen Schallpegeln ausgesetzt. Wegen der räumlichen Bedingungen erreicht teilweise nicht genügend Schall das Publikum, sodass lauter gespielt oder elektronisch verstärkt werden muss. Außerdem ist orchestrale Musik im Verlauf der letzten Jahrhunderte immer lauter geworden.

Instrumente können Schalldruckpegel erzeugen, die dauerhafte Gehörschäden wie Hörverlust und Tinnitus verursachen. Lärmbedingte Hörschäden entstehen beim Musizieren meist schleichend und über viele Jahre unbemerkt. Betroffene müssen sich im Orchester stärker konzentrieren. Die damit verbundene Unsicherheit bei der Intonation und die geringere Präzision beim Einsatz können zusätzlichen Stress auslösen. Selbst eine leichte Innenohrschwerhörigkeit, möglicherweise zusammen mit Tinnitus, kann die Berufsausübung im Einzelfall einschränken.

Vorbeugung und Behandlung

Die Prävention bildet den Schwerpunkt der Musikermedizin. Musiker sollen über gesundheitliche Risiken und Möglichkeiten der Vorbeugung aufgeklärt werden. Zur Vorbeugung von Erkrankungen des Bewegungsapparates gehören eine gute Ergonomie, also die optimale Anpassung des Instruments an den Körper mithilfe geeigneter Hilfsmittel, passende Stühle, geeignete Sportarten sowie Kenntnisse über die physiologischen und anatomischen Grundlagen des Musizierens. Gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf können leistungsfähigeres Musizieren ermöglichen.

Hilfreich können außerdem Entspannungstechniken wie Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, Autogenes Training, Meditation, Taichi chuan und Qigong sein. Bewegungslehrmethoden wie Eutonie, Alexander-Technik, Feldenkrais, Dispokinesis und Funktionelle Bewegungslehre helfen, Fehlhaltungen und Fehlbewegungen zu erkennen und zu verändern. Sie können nicht nur vorbeugend eingesetzt werden, sondern auch bereits vorhandene Störungen reduzieren oder vollständig beseitigen. Eine weitere Therapieform ist die Osteopathie.

Stand 2023 war die Medizin nicht in der Lage, Gehörschäden zu heilen. Viele Musiker waren über gesundheitliche Risiken des Musizierens, insbesondere über Gehörschäden, nicht ausreichend aufgeklärt. Nach der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung (LärmVibrationsArbSchV) müssen Beschäftigte vor gehörgefährdendem Schall geschützt werden. Im Musikerberuf werden jedoch oft mehrere Tätigkeiten ausgeübt, etwa Einzelüben und Unterrichten. Arbeitgeber kennen deren jeweilige Belastung häufig nicht genau.

Für solche Fälle gibt es ein Auswahlprogramm, das bei der Ermittlung der Belastung und bei der Auswahl des Gehörschutzes unterstützt. Weil die Lärmexposition, also die Schallbelastung, von einem Arbeitstag zum anderen stark schwanken kann, verwendet die Software aus praktischen Gründen den Wochen-Lärmexpositionspegel.

Weiterlesen